«Du wirst nie ein Mann sein» – oder doch?

In Afghanistan aufgewachsen, entsprach Sajad nie dem gängigen Bild von Männlichkeit. Heute sucht er nach seiner eigenen Definition davon – und nach dem Mut, sich selbst neu zu erfinden.
Von Reihaneh Kheirabadi und Mohamad Bakeer 

Verletzungen aus der Kindheit lösen sich nicht einfach auf, wenn wir erwachsen werden. Selbst dann nicht, wenn wir glauben, sie längst hinter uns gelassen zu haben. Frühe Erfahrungen wirken oft leise nach – kaum sichtbar –, aber mit nachhaltiger Kraft. Eine patriarchale und machtorientierte Gesellschaft fordert zahlreiche Opfer – viele von ihnen bleiben über Jahre hinweg psychisch in patriarchalen Mustern und Systemen gefangen.

Diese Geschichte verhandelt persönliche Erfahrungen aus Sajads Leben. In Afghanistan aufgewachsen, berichtet er uns von seiner Kindheit, und erzählt von der Migration nach Deutschland, bis hin zu seiner gewonnenen Unabhängigkeit. Die Begegnung mit Sajad gibt uns die Möglichkeit, die Strukturen dieses Systems zu hinterfragen und einen Blick darüber hinaus zu wagen – darum möchten wir Sajads Geschichte teilen und überlassen ihm das Wort. 


Ich spüre, dass etwa Einsamkeit, Gewalt oder Selbstzerstörung nicht an mir liegen, sondern an einem System, das uns Männern von klein auf beibringt, keine Verletzlichkeit zu zeigen.

Sajad

Kapitel I:

Jugend in Afghanistan

Schon als Kind war meine Zukunft weniger eine eigene Entscheidung als vielmehr ein Drehbuch, das andere für mich geschrieben hatten. Noch bevor ich selbst eine Vorstellung davon entwickeln konnte, wer ich sein wollte, existierten bereits klare Bilder von dem Mann, der ich werden sollte. Mein Vater stellte sich vor, ich würde ein Geistlicher werden. Später wünschte er sich eine Taekwondo-Medaille für mich, wie Nikpai, jener Sportler der bei den Olympischen Spielen in Peking Afghanistans erste Medaille im Taekwondo gewann.

Der Wunsch meines Vaters nach einem solchen Sieg, war mehr als ein sportlicher Traum. Er stand für Anerkennung, für Stolz, für etwas, das man vorzeigen konnte. Etwas, das anderen zeigte: «Seht her, mein Sohn ist stark!» Während andere Menschen in diesen Erwartungen vielleicht Antrieb fanden, fühlten sie sich für mich wie ein ständiger Vergleich an, den ich nur verlieren konnte.

Ich war nie genug

Ich passte nicht in dieses Ideal. Schmal gebaut, nicht besonders kräftig, fühlte ich mich mit Büchern wohler als auf der Matte. Besonders deutlich wurde das, als wir gemeinsam ein Haus bauen wollten. Mein Cousin kam zu Hilfe: stark, handwerklich sicher und voller Erfahrung. Ich dagegen, ungeübt und ohne echten Elan.

Es war nicht nur mein nicht vorhandenes Können, das schmerzte, sondern das Gefühl, dabei beobachtet zu werden. Als würde jeder Hammer­schlag meines Cousins laut sagen, was mir fehlte. In den Augen meines Vaters bestätigte sich hier, was er längst glaubte: Männlichkeit bedeutete, sein Tun und seine Kraft unter Beweis zu stellen. Davon blieb ich außen vor. «Du wirst nie ein Mann», sagte er oft, «dein Kopf ist zu klein, du brauchst immer Hilfe». Diese Worte sickerten ein und hinterließen ein bleibendes Gefühl: Ich war nie genug.

Dieses Bild von Männlichkeit prägte nicht nur zu Hause, sondern auch draußen. Es galt als selbstverständlich, dass die Jungs die Mädchen auf der Straße ansprachen, pfiffen oder berührten, so als Mutprobe und als Spiel unter Männern, als Beweis von Stärke. Ich konnte das nie nachvollziehen. Es fühlte sich respektlos und verletzend an. «Kein richtiger Mann» zu sein, war die Antwort, wenn ich mich weigerte. Mir wurde klar: Wer nicht mitmachte, gehörte nicht dazu. Trotzdem war ich stolz darauf, in diesen Jahren niemanden verletzt zu haben.

Kapitel II:

Der Bruch

Für mich veränderte sich alles, als ich im Jahr 2015 nach Deutschland kam und mit einer fremden kulturellen Wirklichkeit konfrontiert wurde. 

Auf der einen Seite standen die alten Muster, wie vertraute Umgebung, sichere Zonen, Denkweisen, mit denen ich aufgewachsen war. Auf der anderen Seite stand Angst: Was mache ich jetzt? Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Meine erste Reaktion war stark defensiv. Ich bewertete alles negativ. Alles, was anders war, erschien mir falsch oder bedrohlich. 

Erst mit der Zeit gewöhnte sich mein Blick. Wenn man lange genug in einem Umfeld lebt, lernt man sich anzupassen. Gewohnheiten wandeln sich. Ich merkte, dass ich mit Unsicherheit leben kann, ohne daran zu zerbrechen.

Eine Gruppe von Akrobaten und Zirkuskünstlern, ermöglichte mir einen neuen Zugang zu mir selbst. Dort erlebte ich zum ersten Mal eine Umgebung, in der Nähe ohne Zwang, ohne Machtspiele möglich war. Ich stieg zwar an einem Punkt in das Projekt ein, an dem viele kulturelle Zweifel an mir in Bezug auf meine neue Umgebung nagten, das ermöglichte mir aber auch, alte Muster zu zerbrechen. Männer trugen Nagellack! Was ist das für ein Mann, fragte ich mich. Die Frauen bewegten sich frei und flirteten offen, zeigten ihren Körper. 

Foto aus Sajad Archive (2017-2018)

Frauen kann man nicht besitzen

Mein Kopf wollte sofort urteilen. Sich zu verändern und Neues zu lernen war schwer, aber ich gab mein Bestes. Im Camp versuchte ich meinem engen Freund Najib, der wie ich aus Afghanistan stammt, verständlich zu machen, dass kein Mensch das Recht hat, eine Frau zu besitzen oder über ihr Leben zu bestimmen, auch wenn genau diese Vorstellung dort tief verankert ist. 

Ich erinnere mich, wie mein Onkel während der Abwesenheit seines Bruders seine Frau in Kabul ständig überwachte. Ein Verhalten, das dort als normal galt. Auch mein Vater urteilte manchmal über Verwandte, und meine Mutter über ihre eigenen Töchter, mit der Begründung, dass Männer hinschauen könnten.

Diese Einschränkungen in Afghanistan und in meinem Inneren, und auch in Deutschland, prägten meine Sicht auf Sexualität und Körper. Lange Zeit sah ich zuerst ihre Körper, nicht die Menschen dahinter. Ich lebte in einem toxischen Raum, der fast zwei Jahre lang mein Denken bestimmte. 

Wer sich selbst nicht kennt

Heute sehe ich, wie sehr sich mein Blick verändert hat. Viele Spannungen und Fixierungen lösen sich, wenn die sexuellen Bedürfnisse eines Menschen erfüllt sind, egal ob im Iran, in Afghanistan oder in Gesellschaften mit starkem sozialen Druck.

Dieses Muster habe ich auch bei Menschen um mich herum beobachtet, zum Beispiel bei meinem jüngeren Bruder, der jetzt in Australien lebt. In Kabul war dieses Thema ständig präsent; heute konzentriert er sich auf sein Leben, seine Arbeit und seine Zukunft – und erst danach auf Beziehungen. Dennoch spüre ich, dass sich mit unserer Generation langsam etwas verändert, besonders wenn familiäre Kontrolle abnimmt und persönliche sowie finanzielle Unabhängigkeit wächst.

Ich selbst wuchs mit viel Scham und Schuldgefühlen auf, in dem Glauben, dass man nicht über Sexualität sprechen oder den eigenen Körper kennenlernen darf. Heute weiß ich: Wer sich selbst nicht kennt, kann selbst in gesunden Beziehungen auf Schwierigkeiten stoßen. Man kann jemanden sehr lieben und menschlich sich perfekt finden, aber körperlich nicht zusammenpassen. Ein Thema, über das früher kaum gesprochen wurde.


Freiheit heißt, sich zu verlieren, um sich neu zu finden

Sajad

Kapitel III:

Ankommen bei mir selbst

Sowohl durch die Migration als auch durch die persönliche Unabhängigkeitkonnte ich zum ersten Mal wirklich an mir selbst zweifeln, und genau dieses Zweifeln fühlte sich befreiend an. Vor allem gab es niemanden, der ständig über mir stand und mir sagte, wer ich sein soll.

Ich durfte etwas ausprobieren, merken, dass es mir nicht gefällt, es wieder verwerfen, neu anfangen und mich neu zusammensetzen. Ohne sofort verurteilt zu werden. Diese Freiheit, Fehler machen zu dürfen, ohne dass sie meine ganze Identität infrage stellen, habe ich lieben gelernt.

In meiner Familie war emotionale Nähe kompliziert. Worte wie «Ich liebe dich» hörte ich weder von meiner Mutter noch von meinem Vater. Vielleicht in den ersten drei Lebensjahren. Danach verschwanden sie aus unserem Alltag. Gefühle wurden nicht ausgesprochen, nicht benannt. Die Ausnahme war meine Großmutter väterlicherseits. Zu ihr fühlte ich mich tief verbunden. Sie war der einzige Mensch, bei dem ich mich emotional sicher fühlen konnte. Sie starb 2011 im Iran an Krebs.

In Beziehungen öffnete ich mich früh und verliebte mich schnell. Ich suchte die Nähe, die mir in meiner Familie fehlte, und stürzte mich in Gefühle, nicht aus Leichtfertigkeit, sondern aus dem Wunsch nach Akzeptanz und emotionaler Verbundenheit.

Da war wieder dieses Gefühl: Ich bin ein Mann. Und manchmal merke ich, wie ich versuche, eine Art Alpha-Rolle einzunehmen, nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern aus Gewohnheit und Prägung. Früher, da hatte ich das Bild im Kopf, ich müsse der Mann sein müsse, der mehr Geld verdient, ein Auto hat, die wirtschaftliche Verantwortung trägt – besonders in Beziehungen.

Patriarchale Muster lassen sich umschreiben

Heute ist dieses Bild fast vollständig verschwunden. Materielle Dinge definieren mich nicht mehr. Wichtig ist mir vielmehr, präsent zu sein, unterstützend, menschlich. Es ist nicht leicht, einfach «nur Mensch» zu sein, ohne Rolle, ohne Titel, ohne Leistungsbeweis. Aber mit all meinen Widersprüchen fühle ich mich mir selbst heute näher als je zuvor.

Manchmal frage ich mich, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich in Deutschland geboren worden wäre. Vielleicht hätte ich mich als trans identifiziert, vielleicht als bisexuell. Doch die gesellschaftlichen Strukturen, in denen ich in Iran und Afghanistan aufgewachsen bin, haben eine bestimmte Form von Männlichkeit in mir verankert, die sich doch nicht ganz abschütteln lässt.

Momentan bin ich mit Toni, meiner Freundin, in einer offenen Beziehung. Zum ersten Mal erlebte ich, dass Nähe angenommen werden konnte, ohne bewertet zu werden. Intimität war keine Bedrohung mehr, sondern warm und tröstlich. Beziehungen wurden zu einem Raum, in dem ich lernen konnte, nicht nur meine Grenzen zu schützen – sondern sie zu verstehen. Gefühle mussten nicht länger verborgen bleiben, und ich begann, Vertrauen in die Nähe und in mich selbst zu entwickeln. 

All die Menschen um mich herum, haben meine Gefühle, und meine Erfahrungen geformt und mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin – urteilsfreier als früher. Die inneren Kämpfe sind leiser geworden, die Schatten blasser – patriarchale Muster verschwinden nicht einfach, aber sie lassen sich umschreiben.