So schaffst du es, gute Porträts zu machen. Renommierte Fotograf*innen erzählen, wie sie in der Praxis mit Schwierigkeiten bei Porträtshootings umgehen und wieso Posen manchmal ehrlicher sind, als man denkt.
Foto: Robin Simeon Tielker
Schon eine Stunde vor ihrem Treffen mit dem Journalisten Roberto Saviano betritt Franziska Gilli den Park. Der Ort wurde vom Team Savianos ausgesucht, um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erzeugen. Seit der Veröffentlichung seines Buches «Gomorrha» über die mafiösen Strukturen in seiner Heimatstadt Neapel, erhält er Morddrohungen. Deshalb bewegt sich Saviano nur noch mit Personenschutz in der Öffentlichkeit. Für einen Zeitungsbeitrag über das Leben des Journalisten, soll Fotografin Franziska Gilli geeignete Porträts anfertigen.
Während sie auf die Eskorte wartet, scannt sie bereits die Umgebung. Sie sucht nach grafischen Elementen, nach Architektur oder Natur, die dem Bild eine Struktur geben könnten. Ihr Blick bleibt an einer Palme hängen.
Ich wusste vorher gar nicht: Wird er das überhaupt mitmachen?
Franziska Gilli
Eine intuitive Idee formt sich: Sie will Ihn mitten in die stacheligen Blätter der Palme platzieren. Gilli ist sich allerdings unsicher: «Wird er das überhaupt mitmachen?». Stellt sich ein Mann, dessen Leben von einer sehr realen Bedrohung überschattet wird, für ein Foto in ein Gebüsch?
Als Saviano im Park eintrifft, macht Gilli ihren Vorschlag für das Foto. Saviano, der durch jahrelange mediale Präsenz Routine im Umgang mit Kameras hat, lässt sich darauf ein. Das resultierende Bild wirkt zunächst konstruiert, fast surreal.
Doch im Prozess dieser bewussten Inszenierung entsteht eine visuelle Metapher: Die stachelige Enge der Pflanze verbindet sich mit seiner Lebensrealität. «Ich probiere das einfach aus und gucke, ob es eine zweite Ebene bekommt», erklärt Gilli ihren Ansatz. Erst wenn diese zweite Ebene auftaucht, bricht sie die Überinszenierung auf und macht etwas sichtbar, das über das bloße Abbild hinausgeht.
Roberto Saviano, italienischer Journalist und Mafia-Buchautor, Einzelportrait, Literatur, Journalismus, Europa, Italien, Rom, Park der Villa Torlonia, 29.02.2024.
Engl.: Roberto Saviano, Italian journalist and writer, individual portrait, literature, journalism, Europe, Italy, Rome, park of Villa Torlonia, February 29, 2024.
Die Geschichte von Saviano in der Palme verdeutlicht ein großes Paradox in der Porträtfotografie: Oft ist es der bewusste Eingriff, welcher den Weg zu einer tieferen Wahrheit ebnet. Authentizität ist in diesem Kontext kein glücklicher Zufall, sondern das Ergebnis einer gezielten Strategie und einer Kollaboration zwischen den Beteiligten.
Wie man diesen schmalen Grat zwischen Inszenierung und Ehrlichkeit in der täglichen Arbeit meistert, zeigen Franziska Gilli und Florian Müller in den folgenden sechs praktischen Schritten. Sie geben einen Einblick in ihren Werkzeugkasten und verraten, wie sie Protagonist*innen dazu bringen, ihre innere Distanz zur Kamera zu überwinden.
Franziska Gilli wurde 1987 in Bozen, Italien geboren und ist freiberufliche Fotografin mit Sitz in Hannover. Ihr breit gefächertes Portfolio befasst sich mit Themen aus dem sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereich, die sie sowohl im Rahmen unabhängiger Fotojournalismusprojekte als auch in Auftragsarbeiten untersucht.
Fundierte Recherchen sind der Schlüssel zu ihrer Herangehensweise an solche Themen, ebenso wie ihr leidenschaftliches Interesse daran, wie Menschen soziale Systeme prägen und gleichzeitig von ihnen geprägt werden. Dabei betrachtet sie ihre Kamera als politisches und kulturelles Werkzeug, das es ihr ermöglicht, ein neues Verständnis und eine neue Erfahrung des Themas zu vermitteln.
©Daniel Pilar
So gelingt auch dir in 6 Schritten ein starkes Porträt!
Die Fotojournalist*innen Franziska Gilli und Florian Müller teilen ihre Erfahrungen in der Porträtfotografie. In sechs konkreten Schritten helfen sie dir, dein nächstes Shooting zu meistern.
1. Recherche und Vorbereitung
Ein starkes Bild beginnt im Kopf. Für Florian Müller hat die Recherche zunächst pragmatische Gründe, etwa um zu wissen, ob er eine Leiter braucht, um mit einer sehr großen Person auf Augenhöhe zu bleiben. Vor allem aber dient das Vorwissen dazu, Wiederholungen zu vermeiden. Wer nicht weiß, wie eine Person medial bereits dargestellt wurde, läuft Gefahr, lediglich bekannte Klischees zu reproduzieren.
Auch Franziska Gilli nutzt die Vorbereitung, um Basisinformationen zu sammeln. Sie warnt jedoch davor, mit einem zu festen Bild im Kopf in das Shooting zu gehen. Das Ziel ist eine Balance: Informiert sein, um die Person ernst zu nehmen, aber offen genug bleiben, um den Menschen im Moment der Begegnung unvoreingenommen wahrzunehmen.
Foto: Rafael Gruber
Florian Müller ist Dokumentarfotograf und arbeitet hauptsächlich an umfangreichen Langzeitprojekten. Als Fotograf fühlt er sich der Tradition der sozialen Dokumentarfotografie verpflichtet, versuche aber gleichzeitig, deren Grenzen zu erweitern, indem er zusätzliche Medien wie Objets trouvés oder Screenshots in seine Arbeit einbezieht, um neue visuelle Ansätze für relevante Themen zu finden.
Neben meiner persönlichen fotografischen Praxis arbeitet er für Zeitschriften, Stiftungen und NGOs sowie für Firmenkunden und unterrichtet in Workshops und als Gastdozent an der Hochschule für angewandte Wissenschaften und Künste Hannover im Bereich fotografisches Storytelling.
2. Location und Zeitmanagement
Die Umgebung bestimmt den Rahmen. Ein Prinzip gilt dabei für beide Fotograf*innen: Die Auseinandersetzung mit dem Ort muss stattfinden, bevor die zu porträtierende Person eintrifft. Franziska Gilli ist in der Regel eine halbe Stunde vor Terminbeginn vor Ort, um das Licht zu prüfen und mögliche Szenarien vorzubereiten. Ist die Zeit knapp, etwa bei Terminen mit Politiker*innen, greift Florian Müller auf vorbereitete Konzepte zurück. Sie garantieren, dass auch in kürzester Zeit technische und ästhetische Sicherheit besteht. Wenn die Protagonistin den Raum betritt, sollten die Parameter für das Bild bereits gesetzt sein.
3. Die Begegnung
Steht eine Person das erste Mal vor der Kamera, kann das schnell zu Unsicherheiten führen. Florian Müller sieht es daher als seine Aufgabe an, selbst Ruhe auszustrahlen, um der porträtierten Person Halt zu geben. Franziska Gilli wählt hierfür oft den Weg über das Gespräch, um die Person dort abzuholen, wo sie gerade emotional steht, bevor die Kamera zwischen die Akteure tritt. Wichtig ist dabei eine ehrliche Kommunikation.
Müller rät davon ab, Protagonisten zu versichern, dass sie «gut aussehen werden». Dies aktiviert oft nur den Wunsch nach Kontrolle über die eigene Außenwirkung und genau dieser Kontrollwunsch führt zu jener Verkrampfung, die vermieden werden soll.
Ein Porträt ist immer inszeniert.
Franziska Gilli
4. Posing und Regie
Die Debatte, ob eine Pose authentisch sein kann, findet sich auch in der Praxis wieder. Franziska Gilli betrachtet das Porträt ohnehin als einen Akt, der per se nicht natürlich ist: «Ein Porträt ist immer inszeniert».
Für beide Fotograf*innen steht die Inszenierung nicht im Widerspruch zur Echtheit. Gilli nutzt das Posing oft, um eine zweite Ebene zu finden. Die Anweisung dient dazu, eine Reaktion zu provozieren. Florian Müller setzt Posing häufig ein, um den Kontext oder die Rolle der Person im Raum sichtbar zu machen. Die Regieanweisung ist also kein Makel, sondern ein Werkzeug, um die eigene Bildidee präzise zu formulieren.
Foto: Florian Müller
5. Geduld und Hartnäckigkeit
Wann entsteht der Moment, der mehr zeigt als nur die Oberfläche? Oft erst dann, wenn die bewusste Kontrolle der porträtierten Person nachlässt. Florian Müller nutzt hierfür gezielt den Faktor Zeit. «Ich finde es charmant, deren Konzentrationsfähigkeit etwas auszureizen und so lange zu fotografieren, bis sie abschweifen», erklärt Müller.
Wenn die Konzentration auf die Kamera schwindet, entsteht oft jener flüchtige Blick, der sich der bewussten Inszenierung entzieht. Auch Franziska Gilli nutzt die verfügbare Zeit konsequent aus und gibt sich nicht mit dem ersten funktionierenden Bild zufrieden. Hartnäckigkeit ist oft der Schlüssel, um hinter die Fassade der ersten Minuten zu blicken.
Ich bin Fotograf, kein Zauberer.
Florian Müller
6. Die eigene Haltung
Abschließend ist es wichtig, den Anspruch auf absolute Objektivität abzulegen. Ein Porträt zeigt nie die ganze Wahrheit einer Person, sondern immer nur die Sichtweise der fotografierenden Person. Franziska Gilli formuliert ihren Anspruch daher so, die Person zu zeigen, wie sie sie selbst wahrnimmt. Dazu gehört auch die Akzeptanz, dass man nicht für das Selbstbild des Gegenübers verantwortlich ist. Florian Müller bringt die Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung auf den Punkt:
Du kannst für gutes Licht sorgen, Sicherheit geben und einen ehrlichen Moment suchen. Wie sich die Person selbst im Bild sieht, liegt jedoch außerhalb deiner Kontrolle. Über sich selbst sagt er:
«Ich bin Fotograf, kein Zauberer».
Exkurs: Die Theorie hinterm Porträt
Hinter der praktischen Arbeit im Studio oder on Location verbirgt sich eine grundlegende Frage: Wann ist ein Bild «wahr»? Um das Zusammenspiel von Inszenierung und Ehrlichkeit theoretisch zu fassen, greifen zwei philosophische Konzepte ineinander. Sie bilden das Rückgrat für das, was man als authentische Porträtfotografie verstehen kann.
Bernard Williams
Der Philosoph Bernard Williams lieferte mit seinem Konzept der «Truthfulness» (Wahrhaftigkeit) zwei Begriffe, um zu verstehen, wie wir die Komplexität im Porträt einfangen können:
Accuracy (Genauigkeit): Hier geht es um den ernsthaften Versuch der fotografierenden Person, die porträtierte Person in ihrer Komplexität wirklich zu verstehen. Das erfordert sorgfältige Recherche und eine kritische Haltung gegenüber dem eigenen Wunschdenken, Selbsttäuschung oder vorschnellen Fantasien.
Sincerity (Aufrichtigkeit): Das beschreibt die ehrliche Abbildung der gewonnenen Überzeugungen über die Person. Es geht um mehr als nur das Vermeiden von Lügen, sondern um das Verhältnis der Fotografierenden zum Vertrauen, das ihm von der porträtierten und schlussendlich auch von der betrachtenden Person entgegengebracht wird.
Cynthia Freeland
Die Philosophin Cynthia Freeland knüpft wiederum daran an und zeigt, dass ein Porträt immer mehr als nur eine Abbildung der Oberfläche ist. Sie unterteilt das Selbst in vier Dimensionen:
1. Die körperliche Dimension: Die reine physische Erscheinung und Ähnlichkeit.
2. Die reflektierende Dimension: Das Innenleben, der Charakter, Emotionen und Gedanken.
3. Die relationale Dimension: Die sozialen Rollen, die eine Person repräsentiert (z.B. Politikerin, Student, Musikerin).
4. Die moralische Dimension: Die Haltung, Werte und ethische Verfassung.
Authentizität als Ergebnis, nicht als Zufall
Am Ende zeigt sich: Ein starkes Porträt ist weit mehr als das bloße Drücken des Auslösers im richtigen Moment. Es ist das Ergebnis einer sorgfältigen Vorbereitung, einer ehrlichen Auseinandersetzung mit dem Gegenüber und der Bereitschaft, die Kontrolle im entscheidenden Augenblick an die Intuition abzugeben.
Die Erfahrungen von Franziska Gilli und Florian Müller verdeutlichen, dass Posing kein Hindernis für die Wahrheit sein muss, sondern ein Werkzeug sein kann, um die Komplexität einer Person überhaupt erst sichtbar zu machen. Wer die journalistische Sorgfaltspflicht ernst nimmt, nutzt die Inszenierung nicht zur Täuschung, sondern zur Verdichtung der Realität. So wird das Foto am Ende zu dem, was es im besten Fall sein sollte: Eine aufrichtige Begegnung auf Augenhöhe, die auch beim Betrachten noch eine zweite Ebene spürbar macht.