Von Ausbeutung und musikalischem Erbe
Was bedeutet kulturelle Verantwortung im Musikgeschäft? Das Berliner Label Habibi Funk gibt vergessener Musik eine Bühne und zeigt, warum zu gutem Sound auch Haltung gehört. Von Bahriye Tatli
«Wir lizenzieren alles sauber, teilen die Einnahmen fifty fifty.» So beschreibt Jannis Stürtz das Prinzip seines Labels Habibi Funk. Von Berlin aus sammelt und veröffentlicht er Musik aus Südwestasien und Nordafrika, die fast verloren gegangen wäre – Soul, Funk und Jazz.
Die Songs, die bei Habibi Funk erscheinen, stammen aus kleinen Szenen, aus vergessenen Archiven, von alten Kassetten. Es sind Sounds, die lange Zeit im Schatten der westlichen Popkultur standen. Habibi Funk will das ändern. Das Label bringt Musiker*innen an’s Licht, deren Aufnahmen bisher kaum gehört wurden. Es geht um Sichtbarkeit, Fairness und um den richtigen Umgang mit kulturellem Erbe.
Denn gerade in der Musik fließen Stile ineinander. Zwischen cultural appreciation und appropriation liegt ein schmaler Grat. Doch wo endet die kulturelle Wertschätzung? Und wo beginnt die Aneignung? Fotografin Bahriye Tatli hat Jannis Stürtz in Berlin besucht und mit ihm über Verantwortung, Respekt und den Klang einer anderen Geschichte gesprochen.
Was bedeutet «kulturelle Aneignung»?
Kulturelle Aneignung («cultural appropriation») ist die Übernahme kultureller Elemente einer (meist dominanten) Kultur durch eine andere, oft unter ungleichen Machtverhältnissen und mit Bezügen zu Kolonialismus und Ausbeutung. Dies kann Rassismus reproduzieren, entkontextualisieren, kommerzialisieren und seine Ursprünge verschleiern. «Cultural appreciation» hingegen beschreibt den wertschätzenden Umgang mit anderen Kulturen.
Record Label Habibi Funk Mitgründer Jannis Stürtz in seinem Büro in Berlin
Record Label Habibi Funk Mitgründer Jannis Stürtz in seinem Büro in Berlin
Beziehungspflege ist für uns kein Extra, sondern essentiell, und dafür braucht es Leute vor Ort.
Was motiviert dich, Musik aus der SWANA-Region (South-West Asia and North Africa) wieder zu veröffentlichen?
Eigentlich war es ziemlich simpel: Wir hatten damals auf Jakarta Records eine Platte mit einem ghanaischen Rapper gemacht, der vor etwa acht, neun Jahren in Marokko spielte. Ich war als Tourmanager dabei. Nach dem Konzert bin ich noch zwei, drei Tage in Casablanca geblieben. Dort habe ich zufällig eine Platte von Fadoul entdeckt und war total begeistert. Online war damals so gut wie nichts über ihn zu finden. Wenn man sich einfach nur für Musik interessiert und so eine Platte findet, zu der man keine Infos bekommt, denkt man nicht ans Veröffentlichen. Aber dadurch, dass ich schon Teil eines Labels war und wusste, wie Vertrieb und Produktion funktionieren, war es für mich denkbar. So fing alles an.
Wie sieht das Team hinter Habibi Funk aus?
Neben dem Berliner Team haben wir seit anderthalb Jahren einen Kollegen in Libyen. Lokale Ansprechpartner*innen sind uns wichtig. Unsere Projekte funktionieren nicht über reine Online-Kommunikation. Gerade mit älteren Musiker*innen, die kein WhatsApp und keine E-Mail nutzen, geht das nicht. Persönliche Begegnungen sind für uns zentral, weil bei diesen Vertrauen entsteht. Beziehungspflege ist für uns kein Extra, sondern essentiell, und dafür braucht es Leute vor Ort.
Record Label Habibi Funk Mitgründer Jannis Stürtz in seinem Büro in Berlin
Record Label Habibi Funk Mitgründer Jannis Stürtz in seinem Büro in Berlin
Keine Pyramiden, keine Bauchtänzerinnen, kein exotisierender Kitsch.
Trägst du Verantwortung, Kontext zu liefern, vor allem weil du als weiße Person diese Musik kommerzialisiert?
Ich denke schon, dass es da eine Verantwortung gibt. Wenn wir etwas Politisches posten, dann, weil uns das Thema wirklich wichtig ist. Gerade bei Themen wie Palästina. Natürlich bedeutet es auch, dass man sich in Deutschland von bestimmten Fördertöpfen verabschiedet, wenn man sich so positioniert wie wir. Aber das gehört eben dazu. Für uns ist es logisch, dass wir uns zu Themen äußern, die die Regionen betreffen, aus denen wir kulturelle Inhalte veröffentlichen. Ich finde, man kann nicht einerseits von dieser Kultur profitieren und andererseits zu bestimmten politischen Fragen schweigen. Das passt für mich einfach nicht zusammen.
Oft sind Menschen davon überrascht, dass das Label Habibi Funk von einer weißen Person ins Leben gerufen wurde. Ist es wichtig, das herauszustellen oder spielt das keine Rolle?
Es gibt da zwei Seiten. Klar, Infos zu mir als Person sind online easy zu finden, aber im Kontext von Habibi Funk ist das nicht die zentrale Info. Wir sind ein Label, und da geht’s in erster Linie um die Musik, nicht um mich. Natürlich bringt der Name Habibi Funk Sichtbarkeit, das hilft den Künstler*innen, weil eine Platte, die früher nur 60 Kassetten hatte, jetzt plötzlich 1000 LPs verkauft. Aber wichtig ist, dass das Label nicht größer wird als die Musik selbst. Deshalb halte ich mich auf Instagram eher zurück. Es soll nicht um mich gehen. Persönliche Geschichten können helfen, Interesse zu wecken, klar. Aber sehe ich uns in der Rolle der Verstärker.
Nach welchen Kriterien suchst du Musik für Habibi Funk aus?
Musikalisch geht es bei uns um Künstler*innen, die Einflüsse von außen, oft afroamerikanische Sounds wie Soul, Funk, Jazz und Disco, mit ihren eigenen kulturellen Wurzeln verbinden. Aber das ist nicht alles. In Sudan hört man auch äthiopische oder kongolesische Motive. Diese besondere Mischung zu verbreiten, ist im Kern das, was Habibi Funk ausmacht. Uns geht es um Musik, die aus einer echten Auseinandersetzung mit anderen Kulturen entstand. Klar, man kann immer über Machtverhältnisse reden, und Appropriation gibt es auch. Aber die Musik, die wir spannend finden, basiert auf Appreciation, auf dem Versuch, aus Einflüssen etwas Eigenes zu schaffen.
Wie versuchst du, orientalistischen Strukturen entgegenzuwirken?
Als wir mit dem Label angefangen haben, war klar: Wir wollen’s anders machen. Damals wurden viele Wiederveröffentlichungen einfach herausgebracht, ohne sich groß um Rechte oder faire Deals zu kümmern. Das war für uns keine Option. Wir lizenzieren alles sauber, teilen die Einnahmen fifty fifty, klassischer Indie-Deal. Die Masterrechte bleiben immer bei den Künstler*innen oder ursprünglichen Labels, wir sind nur Lizenznehmer. Das Gleiche gilt für die visuelle Ebene: Uns war wichtig, nicht dieselben Ausbeutungsmechanismen zu reproduzieren, die es historisch schon gab, gerade weil wir als europäisches Label mit Musik aus Regionen arbeiten, die koloniale Erfahrungen gemacht haben. Deshalb vermeiden wir ganz bewusst orientalistische Klischees: keine Pyramiden, keine Bauchtänzerinnen, kein exotisierender Kitsch.