Männlichkeit kann tödlich sein
Frauen unternehmen mehr Suizidversuche – und doch sind 71,5 Prozent der Suizidtoten in Deutschland männlich. Eine Spurensuche von Lina Kühne.
Ein heller Raum mit Holzparkett im Kulturquartier Münster, große Fenster durchfluten den Raum mit Licht und geben den Blick in den grünen Garten frei. Nach und nach kommen verschiedene Personen hinein und setzen sich in den Stuhlkreis. Einige Gesichter sind vertraut, erscheinen bereits seit längerem jeden dritten Montag im Monat. Andere stoßen zum ersten Mal zur Gruppe. Alle haben eins gemeinsam: Sie haben einen Menschen aus dem näheren Umfeld durch Suizid verloren.
Matthias Bäcker erlebte diese schmerzvolle Erfahrung zweifach: Beide seiner Söhne nahmen sich im Teenageralter das Leben. Danach rutschte er in ein Loch. «Ich brauchte Hilfe, aber es gab keine Gruppe. Viele Krisenhilfen waren nicht so darauf spezialisiert, wie ich mir das gewünscht hätte.» 2024 schloss er sich AGUS «Angehörige um Suizid e.V.» an, eröffnete am Standort Münster eine Selbsthilfegruppe und schuf einen Raum für Austausch und gegenseitige Unterstützung. Denn was die Betroffenen ebenfalls verbindet, sind die Fragen, die immer wieder in den Köpfen kreisen: «Warum? Hätte ich etwas bemerken müssen? Hätte ich etwas verhindern können?»
Männer sterben anders
Diese Frage nach dem «Warum» beschäftigt auch die Forschung. Dazu ist es ein Paradoxon, das auf den ersten Blick keinen Sinn ergibt: Frauen unternehmen dreimal so viele Suizidversuche wie Männer. Trotzdem sind rund 71,5 Prozent derjenigen, die in Deutschland durch Suizid sterben, männlich. Was zunächst widersprüchlich klingt, offenbart bei genauerer Betrachtung ein Muster, das tief in unseren gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit verwurzelt ist.
Die Zahlen des Statistischen Bundesamts sind eindeutig: Suizid betrifft überproportional Männer. Nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen Ländern weltweit zeigt sich dasselbe Bild. Gleichzeitig geht aus Daten des Robert-Koch-Instituts hervor, dass deutlich weniger Männer therapeutische Hilfe suchen oder sich wegen Depressionen behandeln lassen. Männer sterben häufiger, obwohl sie seltener um Hilfe bitten – oder gerade deshalb?
Lina Kühne
Das Schweigen der Männer
Prof. Ute Lewitzka, die die erste Professur für Suizidologie und Suizidprävention in Deutschland innehat, erklärt die Statistik vor allem durch einen Faktor: die Wahl der Mittel. «Sie verwenden Suizidmittel, die mit einer medizinisch gesehen höheren Wahrscheinlichkeit auch zum Tode führen, während Frauen eher weniger letale Methoden verwenden.»
Frauen greifen häufiger zu Medikamenten und das oftmals ohne genaue Kenntnis der tatsächlichen Dosierung, was in vielen Fällen nicht zum Tod führt. Damit ist aber nicht gesagt, dass die Ernsthaftigkeit fehlt. Für Männer ist die Wahl des Mittels meist gewaltvoller und ein Überleben weniger wahrscheinlich.
Laut Lewitzka ist evolutionsbedingt das tradierte Rollenmodell immer noch ein Problem, da gesellschaftlich verankerte Erwartungen vorhanden sind, die Geschlechtern spezifische Verhaltensmuster zuweisen. Schon im Jugendalter zeige sich, dass Männer Emotionen schlechter verbalisieren oder nach außen tragen können, dass sie sich schlechter um sich selbst kümmern, sowohl körperlich als auch psychisch.
Stärke bedeutet für viele, dass keine Schwäche gezeigt werden darf und das Leid allein getragen werden muss. Die Fähigkeit, Hilfe anzunehmen, wird nicht als Kompetenz vermittelt, sondern als Versagen empfunden. Das Ergebnis: Männer suchen erst Unterstützung, wenn die Krise bereits existenziell geworden ist, oder verzichten komplett darauf.
Ich glaube, es würde dem System viel Geld und unnötige Untersuchungen sparen, wenn Hausärzt*innen die Kompetenzen zum Umgang mit suizidalen Betroffenen erlernen und ihnen die Zeit zugestanden wird, solche Gespräche zu führen.
Prof. Ute Lewitzka
Hinzu kommt ein Problem, das lange übersehen wurde: Depression kann bei Männern andere Symptome hervorrufen. Lewitzka erklärt, dass sich Depressionen bei Frauen häufig durch klassische Symptome wie Traurigkeit und Niedergeschlagenheit äußerten, während Männer eher mit Reizbarkeit und Irritierbarkeit reagierten. Aggressivität, Alkoholkonsum, Risikobereitschaft – das können maskierte Symptome einer Depression sein, die Ärzt*innen nicht als solche erkennen.
Die sogenannte Gotland-Studie lieferte in den 90er Jahren einen Beweis dafür, wie wichtig richtige Diagnostik ist: Allein dadurch, dass Hausärzt*innen beigebracht wurde, Depression besser zu erkennen und zu behandeln, sank die Suizidrate auf der schwedischen Insel um über 60 Prozent. «Im Übrigen glaube ich, dass es dem System viel Geld und unnötige Untersuchungen sparen würde, wenn Hausärzt*innen die Kompetenzen zum Umgang mit suizidalen Betroffenen erlernen und ihnen vom System auch die Zeit zugestanden wird, solche Gespräche zu führen», fügt Lewitzka hinzu.
Lina Kühne
Wir brauchen Prävention!
Doch selbst wenn das Bewusstsein für das Problem wächst: Wo erreicht man Männer mit Prävention? Schulen bieten eine große Chance, weil fast alle Kinder dort sind und mitgegeben werden sollte, wie mit Emotionen umgegangen wird. Doch nicht nur Lehrer*innen sind gefragt.
Matthias Bäcker kennt diese Fragen aus eigener, schmerzvoller Erfahrung und ist immer noch entsetzt darüber, dass sich im pädagogischen Kontext so wenig über potenzielle Risiken gelehrt wird. «Wenn man überlegt, wie viel Zeit die Kinder auch beim Sport verbringen – das sind ja teilweise acht Stunden in der Woche, die man mit so einer Trainer*in zusammen verbringt und sie müssen für das Thema sensibilisiert werden», sagt er.
Besonders wichtig sei dies angesichts der Zeit, die Jugendliche und Kinder in sozialen Netzwerken verbringen – dort finden sie Inhalte, die hilfreich sein können, aber auch solche, die gefährlich sind. Medienberichte über Suizid können positive Wirkung haben, indem sie Wissen verbreiten und entstigmatisieren. Gleichzeitig bergen sie Risiken, wenn sie einen sogenannten Werther-Effekt auslösen: Nachahmungssuizide nach Berichten über berühmte Personen oder detaillierte Darstellungen von Methoden.
Junge Männer haben eine ganz andere Kommunikationsform als Mädchen und Frauen. Wir sprechen dieselbe Sprache, aber wir benutzen sie anders.
Matthias Bäcker
Wie steht es um die mittelalten und älteren Männer? Wo sind die? Ab 45 Jahren werden urologische Vorsorgeuntersuchungen von den Krankenkassen übernommen – dort, wo Männer ohnehin hingehen, könnte das Thema angesprochen werden, so Lewitzka. Das Problem verschärft sich durch zunehmende Isolation im Alter. «Einsamkeit ist noch was anderes als Isolation. Und alte Männer sind eher isoliert. Die sind dann tatsächlich allein», erklärt die Suizidologin. Der Gang zur Bäckerei am Morgen als einziger menschlicher Kontakt – für viele ältere Männer ist das die Realität.
Hilfe zur Selbsthilfe
Lewitzka weist darauf hin, dass Männer andere Zugänge zur Kommunikation brauchen. Formate, die allein auf verbaler Selbstoffenbarung beruhen, seien für viele keine praktikable Möglichkeit, über ihre inneren Zustände zu sprechen. Matthias Bäcker beobachtet im Rahmen der Selbsthilfegruppe: «Gerade bei Männern fällt mir auf, dass die das viel besser haben können, nicht eine Therapeut*in vor sich sitzend zu haben, sondern jemanden, der auch betroffen ist und man unterhält sich über etwas. Ein Gespräch auf Augenhöhe.»
Eine Selbsthilfegruppe sei keine Therapie, betont Bäcker, aber für viele Männer ein zugänglicherer Weg, über ihr Leid zu sprechen. «Junge Männer haben eine ganz andere Kommunikationsform als Mädchen und Frauen. Wir sprechen dieselbe Sprache, aber wir benutzen sie anders», erklärt er. Um über Emotionen zu sprechen, sei es sinnvoll, etwas Praktisches dabei zu tun: «Man hackt Holz, man geht wandern, man klettert, man baut irgendwas auf, man repariert was. Und während dieser praktischen Tätigkeit kann man einen ganz anderen Zugang haben, um Botschaften zu senden.»
Lina Kühne
Männlichkeit neu denken
Die Expertin Lewitzka betont: «Es ist wichtig zu sagen: Es ist ja nie der eine Grund, wenn es um einen Suizid geht, sondern immer sind komplexe Dinge beteiligt.» Biologische Faktoren, Lebensereignisse, soziale Isolation, psychische Erkrankungen – alles spielt zusammen. All diese Faktoren verstärken sich gegenseitig. Doch das bedeutet auch: An jeder dieser Stellen kann interveniert werden.
Die Forschung weiß bereits, dass universelle Präventionsmaßnahmen die Suizidrate beeinflussen können, wodurch geschlechter- und altersspezifisch gearbeitet werden muss. Jungen können lernen, über Emotionen zu sprechen. Ärzt*innen können geschult werden, Depression bei Männern zu erkennen. Präventionsangebote können dorthin gebracht werden, wo Männer tatsächlich sind. Und die Gesellschaft kann anfangen, Männlichkeit neu zu definieren.
Hinweis zur Sprache: In diesem Text werden die Begriffe «Männer» und «Frauen» verwendet, da die zitierten Studien und statistischen Erhebungen bisher ausschließlich mit binären Geschlechtskategorien arbeiten. Non-binäre und trans Personen sind in diesen Daten nicht oder nicht angemessen repräsentiert. Die Beschreibungen orientieren sich daher an der verwendeten Studienlage.
Wenn du selbst Suizidgedanken hast oder jemanden kennst, der Hilfe braucht: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Ebenfalls kannst du dich an die nächste psychiatrische Klinik wenden oder lokale Hilfsangebote aufsuchen, wie zum Beispiel die Suizidprävention und Beratung bei Suizidgedanken vom Diakonisches Werk Hannover unter 0511 625028.