Im Gespräch über das, was ein Mann sein soll
Männlichkeitsbilder geraten zunehmend ins Wanken. In der Arbeit von mannigfaltig e.V. in Hannover zeigt sich, wie viel Unsicherheit und Druck junge Männer heute erleben.
Von Anton Vester
Davon, was Männlichkeit bedeutet, haben wir durch unsere Sozialisation noch oft klare Vorstellungen. Viele möchten diese Rolle aber neu verhandeln und sich nicht in vorgefertigte Raster der Gesellschaft pressen lassen.
In Hannover beginnt die Woche bei mannigfaltig e.V. am Montagmittag mit einer Teamsitzung. Pädagogen, Berater und Therapeuten versammeln sich um einen Tisch, auf dem fünf neue Projektanfragen liegen. Schulen und freie Träger haben sich gemeldet. Es geht um Workshops, Beratung und Begleitung, bei der Frage nach der Männlichkeit. Die Nachfrage ist hoch – zu hoch für das, was realistisch leistbar ist. Es wird diskutiert.
19.01.2025n
Mannigfaltig e. V. ist eine anerkannte Fachberatungsstelle für Jungen und Männer und begleitet seit über 25 Jahren vielfältige Anliegen aus ihren Lebenswelten. Der Verein bietet Männern bis zum 21. Lebensjahr kostenlose Beratung an. Ein besonderer Schwerpunkt liegt in der Begleitung und Bearbeitung von Grenzverletzungen und Gewalthandlungen, unabhängig davon, ob sie selbst erlebt, beobachtet oder ausgeübt wurden. Als gemeinnütziger und anerkannter Träger der freien Jugendhilfe in Hannover setzt sich mannigfaltig dafür ein, verantwortungsvolles Handeln zu fördern und geschlechtssensible Bildungsarbeit fest im Alltag junger Menschen zu verankern.
Ein generationsübergreifendes Team berät Jungen und Männer in ihrer Entwicklung zum selbstbewussten und verantwortungsvollem Mann-Sein. Aus einer Vielzahl an Projekten wissen sie wie komplex und vielschichtig die Orientierungsphase in der Jugend verläuft. Manche Jungen werden über die Justiz vermittelt, andere über Schulen, nur wenige werden direkt von ihren Eltern geschickt. Im Zentrum der Arbeit steht immer der doppelte Blick auf die Probleme, die Jungen verantworten und auf jene, mit denen sie konfrontiert sind. Zwei der Berater geben einen Einblick in ihre Arbeit – und sprechen über Orientierung, Druck und die Vielfalt von Männlichkeit.
Fred Hahndorf
Als Bildungsreferent und psychosozialer Berater arbeitet er bereits seit vier Jahren bei mannigfaltig e.V. Mit einem Master in Geschlechterforschung kommt er aus der Theorie, hat sich dann aber bewusst für den Weg in die praktische Jungen- und Männerarbeit entschlossen. Seine Perspektive ergänzt das Team um einen analytischen Blick auf Rollenbilder und soziale Zuschreibungen.
In seiner Arbeit verfolgt er das Ziel, Jungen und Männer darin zu bestärken, sich stereotypen Erwartungen nicht anpassen zu müssen. Stärke bedeutet für ihn auch, sich dem sozialen Sog von Männlichkeitsnormen bewusst zu entziehen und den eigenen Weg zu gehen.
Fred Hahnhdorf auf dem Dach von mannifgaltig e.V. in Hanover.
Ist Männlichkeit ein gesellschaftliches Konstrukt?
Kurz gesagt: Ja. Aus wissenschaftlicher Perspektive gilt Männlichkeit als etwas Hergestelltes, also nicht als etwas Natürliches, das einfach da ist. Diese Sichtweise ist heute auch außerhalb der Wissenschaft weit verbreitet. In Kitas, Schulen oder Fortbildungen stößt die Aussage, dass Geschlecht sozial geprägt ist, kaum noch auf Irritationen.
Gerade bei Männlichkeit zeigt sich jedoch, wie schwer sie zu greifen ist. Fragt man danach, was Männlichkeit jenseits von Körperlichkeit bedeutet, geraten viele ins Stocken.
Liegt das an der fehlenden klaren Definition von Männlichkeit?
Männlichkeit wird selten für sich allein definiert. Häufig entsteht sie erst in Abgrenzung zu etwas anderem, etwa zu Weiblichkeit. Rollen wie Vatersein oder Familie dienen dann oft als Orientierung, sind aber stark an körperliche oder biologische Vorstellungen gekoppelt. Genau deshalb spricht man von Geschlechterverhältnissen. Männlichkeit und Weiblichkeit lassen sich nur in Relation zueinander verstehen.
Wie stark fließen Erkenntnisse aus der kritischen Männlichkeitsforschung in deine Arbeit ein?
Das finde ich ehrlich gesagt schwer zu beantworten. Mein Eindruck ist, dass Praxis der Jungen- und Männerarbeit und kritische Männlichkeitsforschung oft auf zwei parallelen Ebenen laufen. Es gibt zwar Versuche, beides stärker miteinander zu verbinden, aber häufig bleibt die Forschung relativ weit entfernt von dem, was in der praktischen Arbeit tatsächlich passiert. Umgekehrt können viele Menschen sehr gute Arbeit mit jungen Männern machen, ohne sich explizit auf kritische Männlichkeitsforschung zu beziehen.
In meinem Arbeitsalltag bilden theoretische Erkenntnisse eher einen Hintergrund, eine Haltung. In der Beratung spielt Geschlecht zwar eine Rolle, aber nicht immer auf einer begrifflichen Ebene. Jugendlichen von hegemonialer Männlichkeit oder davon zu erzählen, dass Geschlecht ein Konstrukt ist, funktioniert schlicht nicht sonderlich gut.
Wie übersetzt du diese theoretischen Ansätze dann konkret für die Jugendlichen?
Ich versuche, die Fragen hinter der Theorie praktisch zu machen. Wenn ein Junge sagt: «Ein Junge muss so und so sei», frage ich nach dem Warum. Wohin führt ihn diese Vorstellung? Was verspricht sie ihm und was nimmt sie ihm vielleicht auch? Auf dieser Handlungsebene wird kritische Männlichkeit für mich greifbar.
Es gibt umstrittene Umfragen, etwa von Plan International, die nahelegen, junge Menschen wünschten sich wieder traditionellere Rollenbilder. Lässt sich das wissenschaftlich bestätigen?
Die Befragungen von Plan International wurden sehr kritisch betrachtet, unter anderem wegen des Forschungsdesigns. Unterschiedliche Gruppen haben verschiedene Fragebögen erhalten und die Ergebnisse wurden später zusammengeführt. Das ist methodisch problematisch. Gleichzeitig muss ich sagen, dass ich selbst nicht mehr aktiv in der Forschung bin. Was mich an vielen Analysen zu den erhobenen Zahlen irritiert, ist, dass sie am Ende oft einseitig zugespitzt dargestellt werden, obwohl sie eher Ambivalenzen und Uneindeutigkeiten aufzeigen.
Spiegeln diese Studien dennoch etwas wider, das dir in der praktischen Arbeit begegnet?
Wenn ich auf unsere praktische Arbeit schaue, begegnen mir solche Vorstellungen durchaus. Viele Jugendliche sagen klar, dass sie keinen Sex vor der Ehe wollen oder dass ihr Ideal ein klassisches Modell aus Arbeit, Familie und Versorgen ist. Ich lese das weniger als bewusste Rückkehr zu traditionellen Rollenbildern, sondern eher als einen Versuch, Sicherheit herzustellen. Oft sind diese Vorstellungen noch nicht ausgereift. Die Frage ist auch, ob man von einem Siebtklässler erwarten kann, bereits zu wissen, wie das eigene Leben mit Mitte zwanzig aussehen soll.
Viele Jugendliche sagen klar, dass sie keinen Sex vor der Ehe wollen. Ich lese das weniger als bewusste Rückkehr zu traditionellen Rollenbildern, sondern als einen Versuch, Sicherheit herzustellen.
Fred Hahnhdorf
Axel Hengst
Seit mehr als zwei Jahrzehnten prägt er die Jungen- und Väterarbeit von mannigfaltig e.V. Der Diplom-Pädagoge gehört zu den ältesten Stimmen des Vereins und setzt sich bereits seit den 1990er Jahren intensiv mit Fragen von Geschlecht und Rollenbildern auseinander. Schon Mitte der Neunziger initiierte Hengst erste Jungenprojekte, lange bevor die Thematik breitere gesellschaftliche Aufmerksamkeit erhielt.
Seit 2015 ist er zusätzlich in der psychosozialen Beratung tätig. Er verbindet langjährige pädagogische Erfahrung mit einem sensiblen und reflektierten Blick auf geschlechtsspezifische Sozialisation. Neben der Arbeit mit Jungen begleitet er auch Väter in Einzelberatungen und führt Projekte wie Fortbildungen innerhalb der Väterarbeit durch.
Viele Jungs sind selbst auf der Suche und gleichzeitig verunsichert, was ihre Rolle als Mann betrifft. Die zentrale Frage ist, wie wir damit umgehen.
Axel Hengst
Es gibt offenbar ein starkes Bedürfnis nach einfachen Antworten, gerade wenn es um Männlichkeitsbilder geht. Sind Jugendliche und junge Männer in dieser Phase besonders empfänglich für solche klaren Zuschreibungen?
Grundsätzlich würde ich sagen, dieses Bedürfnis betrifft erst einmal alle und nicht nur eine bestimmte Gruppe. Viele Menschen sind auf der Suche nach einfachen Antworten, weil komplexe Aushandlungen anstrengend sind. Gerade in der Pubertät wird das besonders deutlich. Viele wachsen mit klaren und eindeutigen Bildern von Jungen und Mädchen auf. Dann kommen sie in eine Phase, in der sich vieles verändert, und gleichzeitig sehen sie sich mit Themen wie Vielfalt und Diversität konfrontiert.
Ich erlebe immer wieder Jungs, die mich fragen, was ich von LGBTQ-Themen halte. Wenn Menschen für ihre Rechte eintreten und mit Regenbogenfahnen sichtbar sind, fühlen sich einige davon bedroht. Das Bedrohungsgefühl entsteht aus Unsicherheit und ist keine Radikalität. Es wird zu einem Anlass, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Führt dieses Gefühl zwangsläufig zu einer Abwehrhaltung?
Nicht unbedingt. Viele Jungs sind selbst auf der Suche und gleichzeitig verunsichert, was ihre Rolle als Mann betrifft. Die zentrale Frage ist, wie wir damit umgehen. Die Unsicherheiten können unterschiedliche Reaktionen auslösen. Manche greifen auf klassische Argumentationen zurück, oft auch, weil sie das von zu Hause so bestätigt bekommen. Andere suchen die Diskussion oder positionieren sich bewusst anders.
Ich erinnere mich an einen Jungen aus der siebten Klasse, der sehr klar gesagt hat, er wolle Arzt werden und später eine Frau haben, die sich um Haushalt und Familie kümmert. Zwei andere Mitschüler haben sich deutlich gegen dieses Bild gestellt und widersprochen. Ich fand es bemerkenswert, wie klar diese unterschiedlichen Vorstellungen vertreten wurden und wie sichtbar dabei die Vielfalt von Lebensentwürfen wurde.
Wie sieht diversitätssensible Jungenarbeit aus und wie lässt sie sich gestalten?
Für mich bedeutet das vor allem, die Vielfalt der Menschen mitzudenken und sie ernst zu nehmen, ohne die Jugendlichen vorschnell einzuordnen. Mir ist wichtig, immer im Blick zu behalten, dass wir nie wissen, wie sich ein Jugendlicher entwickelt. Ich habe vielleicht zehn Jungen vor mir, und niemand kann sagen, wie ihr Leben in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird.
Wie können solche offenen Räume gestaltet werden?
Mir geht es darum, Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Lebensentwürfe sichtbar sein dürfen. Gerade für Jungen, die noch keine klare Position haben oder die sich vielleicht nicht outen möchten, ist es entscheidend, Signale zu senden: Du bist hier richtig, so wie du bist.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, Diskussionen zuzulassen. Es gibt zunehmend Unsicherheiten an Schulen im Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt. Statt vorschnell zu sortieren oder zu bewerten, halte ich es für zentral, gemeinsam hinzuschauen: Wen haben wir hier eigentlich sitzen, und was brauchen diese Jugendlichen gerade?
Axel Hengst in seinem Büro von mannigfaltig e.V. am 5.12.205, Hannover.