«Schwulsein ist keine Entscheidung»

Erst vor Kurzem wagten Dirk und Thomas das Coming-out vor ihren Familien. Heute leben sie als Paar zusammen. Im Interview mit unserer Autorin sprechen sie über ihren Weg zu einem offenen Leben. Von Finja Bosbach

Bei meiner Suche nach schwulen Männern verschiedener Generationen, stieß ich auf Dirk und Thomas aus dem Ruhrgebiet. Zwei Männer, die nicht nur ihre Liebe zueinander, sondern auch ihre ganz besondere Lebensgeschichte verbindet. 

Beide sind in ihren 50ern und beide haben sich erst vor Kurzem geoutet. Zunächst führten sie ein klassisch heteronormatives Leben. Beide waren verheiratet, hatten Frau, Kinder, ein Haus und einen geregelten Alltag. Gleichzeitig brodelte es in ihnen schon seit Jahren. Immer wieder kamen Fragen und Zweifel an der eigenen Sexualität auf, die sie jedoch schnell wieder in den Hintergrund drängten.

Eines Tages nahmen sie allen Mut zusammen – es wurde unmöglich, noch weiter zu verdrängen, was sie eigentlich schon so lange gespürt hatten. Also suchten sie das Gespräch mit Frau und Kindern und entschieden sich für ein Leben, in dem sie sich nicht mehr verstecken mussten. 

Was dann passierte, ist eher eine Ausnahme: Die Verbindung zu ihren Familien bleibt stark. Die Gespräche wurden ehrlicher, die Beziehungen tiefer. In der Selbsthilfegruppe für schwule Väter in Essen, wo Dirk und Thomas sich einst kennenlernten, merkten sie schnell, dass ihre beiden Geschichten keine Selbstverständlichkeit sind. Im Gespräch erzählten sie mir, wie sich ihr Blick auf «Männlichkeit» veränderte.

Thomas

Wie gestaltet sich euer gemeinsamer Alltag heute – und in welchen Momenten fühlt ihr euch besonders als Familie, trotz neuer Konstellationen und erwachsener Kinder? 

Dirk und Thomas: Unser Alltag unterscheidet sich nicht zu sehr von einem klassischen, heteronormativen Alltag. Anstatt ihn jedoch mit unseren Ehefrauen zu erleben, erleben wir ihn nun gemeinsam miteinander, mit einem Mann. Aber genau hier liegt für uns der gravierende Unterschied, denn es fühlt sich für uns authentischer, intensiver, näher, geborgener an. Die Maske ist gefallen – wir können nun endlich so sein, wie wir sind. 

Auch wenn unser Alltag im Kern nicht mehr auf unsere Familien ausgerichtet ist, so spielen sie immer noch eine große Rolle für uns. Beiderseitige Toleranz und die unanzweifelbare Tatsache, dass dies so ist, sind die Basis für unsere Partnerschaft. Unsere Familien sind ein Teil von uns beiden und werden es auch bleiben. 

Da unsere Ehefrauen und Töchter uns so akzeptieren, wie wir nun mal sind, und uns als Paar respektieren, gestalten sich Treffen ganz normal. Dadurch haben sich unsere Familien vergrößert und wir hoffen, eines Tages einmal Feste, wie Ostern, Weihnachten, und Geburtstage gemeinsam als Patchworkfamilie erleben zu dürfen. 


Ich fühle mich tatsächlich erst seit meinem Coming-Out richtig als Mann

Thomas

Wie hat sich euer Verhältnis zu euren Kindern und Ex-Partnerinnen entwickelt seit dem Coming-Out? 

Das Verhältnis zu unseren Töchtern und Ehefrauen hat sich nach unserem Coming-out intensiviert. Wir haben zwar unsere Ehefrauen verloren, gleichzeitig haben wir sehr gute Freundinnen gewonnen. Ein wichtiger Bestandteil ist der respektvolle, auf Augenhöhe stattfindende, Umgang miteinander. Dass wir schwul sind, spielt eher eine nebensächliche Rolle. 

Auch wenn unsere mittlerweile erwachsenen Töchter damit tolerant umgehen, hatten sie doch – gerade anfangs – Angst um die Familie. Sie fragten sich: «Was wird nun aus Mama und Papa? Werden sie sich trennen? Was geschieht mit uns als Familie?», das waren die Hauptängste unserer Töchter. 

Doch auch wenn wir von unseren Ehefrauen räumlich getrennt leben, und unsere Wege sich getrennt haben, kreuzen sie sich immer mal wieder. Sei es bei Treffen mit der Familie, mit Freunden/Bekannten oder gar bei gemeinsamen Kurzurlauben. Wichtig für unsere Töchter ist, dass sie auf unsere neuen Lebenswege mitgenommen werden und sehen, dass uns die Familie immer noch wichtig ist. Gemeinsame, regelmäßige Treffen oder der Austausch zwischendurch untermauern das. 

Wie hat sich euer Verständnis von Männlichkeit im Laufe der Zeit verändert – insbesondere im Zusammenspiel von Vaterschaft, Homosexualität und gesellschaftlichen Erwartungen? 

Dirk: Ich habe mich nie als männlich im klassischen Sinne gefühlt. Typisch männliches Gebaren war mir (und ist es immer noch) zuwider. Es ist schon immer eine leicht feminine Ader in mir drin, welche sich nach außen (äußerliche Merkmale) aber nicht zeigt. Es ist für mich eher so ein Gefühl – ein schönes Gefühl, dass ich nun ungeniert spüren kann. 

Musstet ihr bestimmte Vorstellungen von Männlichkeit hinter euch lassen, um heute so zu leben, wie ihr lebt? 

Dirk: Ich fühle mich im Kern als Mann, ein wenig begleitet von einer femininen Seite. Ich kann jetzt endlich als der homosexuelle Mann, meine homosexuelle Seite zeigen und leben, ohne sie verstecken oder unterdrücken zu müssen. Nicht mein Verständnis von Männlichkeit hat sich geändert, sondern geändert hat sich mein Verständnis meines wahren Ichs. Ich habe es nach meinem (inneren) Coming-out so akzeptiert, wie es ist. 

Thomas: Ich fühle mich tatsächlich erst seit meinem Coming-out richtig als Mann. Erst mit meinem Outing konnte ich mein Gefühl richtig einordnen. Heute lebe ich männlicher als vorher. 

Was würdet ihr anderen Männern in ähnlichen Situationen mit auf den Weg geben – besonders denen, die noch mit sich selbst oder ihrem Umfeld ringen? 

Wir würden anderen Männern, die noch mit sich selbst oder ihrem Umfeld ringen, dazu raten, tief in sich hereinzuhören. Sich Fragen zu stellen wie: Wer bin ich? Was bin ich? Wer möchte ich sein? All das waren Fragen, die auch uns, während unserer Findungsphase, intensiv beschäftigt und in gewisser Weise gequält haben, weil wir anfangs keine Antworten auf diese Fragen finden konnten. 

Für die meisten Männer in ähnlichen Situationen ist die Familie das wichtigste Gut, welches es zu beschützen gilt, denn schließlich haben wir als Väter/Ehemänner einst eine Verantwortung übernommen. Wir wollen durch ein Coming-out keinen Scherbenhaufen hinterlassen. Doch ist er erst einmal unvermeidbar, sobald dieser eine Satz «Ich bin schwul» gefallen ist. 


Nicht mein Verständnis von Männlichkeit hat sich geändert, sondern verändert hat sich mein Verständnis zu meinem wahren Ich

Dirk
Dirk und Thomas

Dirk und Thomas: Doch wollen wir Verantwortung übernehmen, dann müssen wir das in erster Linie für uns selbst tun, müssen mit uns im Reinen sein. Herrscht hier ein Ungleichgewicht, führt dieses unweigerlich zur inneren Zerrissenheit und zur spürbaren Unzufriedenheit. Auch für die Menschen um dich herum ist diese Unzufriedenheit spürbar und oftmals auch sichtbar. Das haben uns viele Menschen nach unserem Coming-out bestätigt. 

Viele von den Menschen waren froh, endlich eine Antwort zu haben. Schlussendlich führt die Unzufriedenheit, die innere Zerrissenheit, zu einer Eskalation, welche unbedingt zu vermeiden gilt. Eskalation führt zu Streit. Streit führt zur Respektlosigkeit. Das alles kann nur in einem Auseinanderbrechen der Familie enden, welches von niemandem gewollt ist. 

Anderen Männern können wir guten Gewissens unsere ganz persönliche Geschichte erzählen, denn diese hat durch Wertschätzung seitens unserer Familie, unserer Freunde/Bekannten, und Arbeitskolleg:innen einen guten Verlauf genommen. Vielleicht ist das Folgende genauso wichtig, wie der oftmals lebensrettende Satz «Ich bin schwul» Stehe zu dir selbst und lebe dein Leben! Du hast nur eines davon!