Wir brauchen Platz!

Ein Ort, an dem man keine Angst haben muss, laut zu sein, eine kleine Utopie: Das versuchen FLINTA* only Räume zu sein. Doch wer darf sie betreten und wer wird ausgeschlossen? Von Maja Kusche

Ein Großteil der Frauen nimmt den Nachnamen des Ehemanns an, Crashdummies werden in männlicher Körpergröße hergestellt, 80% der Medikamente werden an männliche Ratten getestet, Bücher von männlichen Autoren werden öfter gedruckt, die meisten Statuen zeigen männliche Figuren. Diese Sammlung an Beispielen mag wahllos klingen. Doch sie ließe sich ewig fortsetzen. Was sie zeigt: FLINTA* Personen müssen täglich mit Ausschluss, Herabwürdigung oder Unsichtbarmachung umgehen. Sie leben in einer Welt, deren Strukturen auf männliche Dominanz und Wahrnehmung ausgerichtet sind.

Was heißt FLINTA*?

F – Frauen
L – Lesben
I – Intersexuell
N – Nicht Binär
T – Trans
A – Agender
* – alle weiteren Geschlechtsidentitäten, die nicht explizit genannt sind

FLINTA ist ein Akronym, also ein aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Wörter gebildetes Kurzwort. Es meint alle Menschen, die nicht cis-männlich sind und somit durch patriarchale Strukturen benachteiligt werden. Cis bedeutet, dass eine Person sich mit dem Geschlecht identifiziert, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde.

In einer solchen Welt als FLINTA* Person Raum einzunehmen ist nicht leicht. Denn in einem Raum zu agieren, bedeutet wahrgenommen zu werden – auch von Männern. Und denen will man als FLINTA* Person meistens gefallen. «Eine Frau zu sein, bedeutet, sich selbst aus der Distanz dabei zu beobachten, wie Männer einen beobachten», schreibt die Autorin Sophia Fritz dazu treffend in ihrem Buch «Toxische Weiblichkeit».

Wie werde ich wahrgenommen? Was denken die anderen wohl über mich? Bin ich gut genug? Fast jede FLINTA* Person kennt diese Fragen. Fragen, die an einem nagen und die einem schon in der Kindheit eingeflößt wurden. In einer patriarchalen Gesellschaft werden FLINTA* dazu erzogen, brav zu sein und niemandem Probleme zu bereiten. Wer nett ist, dem stehen sämtliche Türen offen, doch wer sich gegen den Willen anderer äußert, wird schnell als «frech» oder «zickig» etikettiert. Weiblich sozialisierte Personen lernen früh, sich äußeren Erwartungen unterzuordnen. Sie lernen, in Gesprächen still zuzuhören und verständnisvoll zu nicken. Und sie lernen, sich Dinge von Männern erklären zu lassen, die sie eigentlich längst selber können. Um dem zu begegnen, wurden FLINTA* only Räume erschaffen: kleine selbstgebaute Utopien mit eigenen Regeln. Orte, an denen man keine Angst davor haben muss, man selbst zu sein und Neues ausprobieren.

Die FLINTA Person Janne, die Gründerin der Ball like a Girl Basketball Gruppe, lehnt an dem Bein des Basketballkorb auf dem Freiplatz.

Raum für Entfaltung

FLINTA* only Räume sollen Platz schaffen. Sie sollen FLINTA* Personen ermöglichen, sich sicher zu fühlen und Raum einzunehmen – möglichst frei von männlicher Dominanz. Dafür braucht es nicht unbedingt ein physisches Zimmer mit vier Wänden. FLINTA* only können genauso auch offene Treffen sein, die draußen stattfinden. Janne organisiert solche Treffen. Sie ist die Gründerin einer FLINTA* Basketballgruppe, die draußen auf einem Freiplatz spielt. Solche Plätze sind normalerweise männlich dominiert und es herrschen ungeschriebene Regeln: «The winner stays on», das stärkste Team bleibt auf dem Platz. Ein einfaches Dazukommen ohne Team und ohne Können ist schier unmöglich. Hinzu kommen sexistische Kommentare wie: «Mit Frauen spiele ich nicht.» Und wenn man als FLINTA* doch mitmachen darf, wird einem der Ball oft erst gar nicht zugespielt.

Bei Janne ist das anders. «Die FLINTA* only Zeit ist eine kleine selbstgebaute Utopie mit eigenen Regeln», sagt sie. Ihr ist ein Basketballspiel wichtig, bei dem darauf geachtet wird, dass es häufige Wechsel gibt, sodass jede*r mal spielt. Ein Spiel, in dem man sich nicht zuerst beweisen muss, sondern einfach dazukommen und mitspielen kann. Konkurrenz sei zwar nicht wegzudenken, aber die Härte und den Ausschluss im Spiel brauche es dafür nicht.


Die FLINTA* only Zeit ist eine kleine selbstgebaute Utopie mit eigenen Regeln.

Janne

Auch Spielerinnen des Basketballvereins der Linden Dudes beschreiben das Training ohne Männer als entspannter, weniger brutal und weniger leistungsorientiert. Mona Körding berichtet von besonderen Freund*innenschaften zwischen den FLINTA* Personen: «Durch das regelmäßige Spielen entstehen lockere, unterstützende Freundschaften, eine Sisterhood.» Es entstehen Beziehungen, die der FLINTA* only Raum erst ermöglicht. Denn sobald Männer im Team sind, würden sich viele unbewusst zurückziehen, um sich nicht angreifbar zu machen, sagt Körding.

Mehrere junge Frauen spielen in einer Turnhalle Basketball. Eine Spielerin im Vordergrund hält den Ball und bewegt sich nach vorne, während andere Spielerinnen sie verteidigen und die Arme heben. Die Gruppe trägt sportliche Kleidung in Schwarz, Weiß und hellen Farben. Der Moment zeigt Bewegung, Konzentration und Teamspiel in einer hellen Indoor-Sporthalle. Foto: Maja Kusche, Die U16 Frauenmannschaft, des Basketball Vereines Linden Dudes aus Hannover, beim Training in der Halle.

FLINTA* only – Ausschluss statt Empowerment?

Woher kommt der Begriff FLINTA* only Raum überhaupt? Seinen Ursprung hat die Bezeichnung in der sogenannten zweiten Frauenbewegung. In den 1970er Jahren kämpften Feminist*innen in Deutschland für mehr Gleichberechtigung, für sexuelle Befreiung und mehr Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Dabei entstanden auch Schutzräume nur für Frauen. Gleichzeitig kämpften queere Menschen für mehr Sichtbarkeit und Rechte. So entstanden Räume, die nicht nur für Frauen, sondern auch für Lesben, Inter-, Trans- und Nichtbinäre, sowie Asexuelle Personen gedacht sind.

In der Realität bewegen sich in solchen Räumen jedoch immer noch meist weiße, lesbische, cis-Frauen aus der Mittelschicht. Das bedeutet, so inklusiv wie sie vorgeben zu sein, sind diese Räume gar nicht. Allzu oft assoziiert man mit dem FLINTA* Begriff auch heute noch überwiegend weiblich gelesene und sozialisierte Personen. Und auf diese werden die FLINTA* only Räume auch ausgerichtet.

FLINTA* only Räume versprechen Sicherheit. Wenn diese jedoch für weiße cis-Frauen der Mittelschicht erschaffen werden, finden die Bedürfnisse aller anderen vom Patriarchat unterdrückten Personen keine Beachtung. Oft berichten queere Personen von einem Unsicherheitsgefühl in solchen Räumen, die ja eigentlich das Gegenteil wollen. Sie empfinden eine Dysphorie, eine Unzufriedenheit, weil sie sich nicht richtig zugehörig fühlen.

Eigentlich wird in FLINTA*only Räumen oft auf das Konzept von Selbstbestimmung und Vertrauen gesetzt wird. Das heißt, niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen, warum er*sie in dem Raum auftaucht. Und man geht davon aus, dass man keinem Menschen sein Geschlecht ansieht. Das ändert aber nichts daran, dass manche Menschen einfach weiblicher oder männlicher wahrgenommen werden. Wenn eine männlich gelesene Person nun einen FLINTA* only Raum eintritt, muss diese womöglich erst einmal beweisen, dass sie «FLINTA* genug» ist. Unangenehme, fragende Blicke, die auf einem liegen und Getuschel der anderen, weil man nicht weiblich genug aussieht, garantieren nicht gerade für ein sicheres Gefühl.

Geht das auch anders?

FLINTA* only Räume werden definitiv von weiblich gelesenen Personen als sehr positiv aufgefasst. So gab es viele positive Berichte von Personen, welche in diesem Sommer das erste Mal beim FLINTA* only Basketball in Hannover dabei waren. Viele fühlten sich wohl, bestärkt und dazugehörig.

Der Begriff hat endlich Anschluss in der breiteren Gesellschaft gefunden, aber gleichzeitig durch die bereits längere Nutzung in linken und feministischen Gruppen bestimmte Schwierigkeiten offenbart. Mittlerweile gibt es deshalb auch andere Ansätze, wie zum Beispiel FLINTA* + Friends oder All Gender Räume. Das Ziel ist, wie auch bei FLINTA* only Events, einen sicheren Raum für marginalisierte Gruppen zu schaffen. Die Öffnung des Begriffs soll dabei helfen, weniger Ausschlüsse zu erzeugen.

Dennoch bleibt das Ziel die Gleichberechtigung, ein gesellschaftliches Miteinander, in dem alle Menschen ohne Angst sie selbst sein können. Aufgrund fortbestehender patriarchaler Strukturen wirken viele Ausschlüsse weiterhin. Deshalb brauchen FLINTA* Personen Räume, in denen man sich ausprobieren, entfalten und sicher fühlen kann. Räume für all jene, die im Alltag unterdrückt oder übersehen werden. Egal, wie dieser Raum heißt, er ist extrem wichtig. Dennoch muss allen die weiße, weibliche Prägung des Begriffs bewusst sein, damit alle aktiv daran arbeiten können, diesen und somit auch die FLINTA* only Räume inklusiver zu gestalten.