Eine Tasse Nähe

Ein Tisch, zwei Stühle und der Versuch, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Fünf Begegnungen zwischen Fremden erkunden die Kunst des Redens — und Zuhörens.



Was passiert, wenn sich zwei Fremde an einen Tisch setzen?




Es hört einem ja keiner mehr zu. Wie auch, wenn alle Noise Cancelling in den Ohren tragen?
 Wir nehmen täglich mehr Informationen auf als je zuvor – scrollen, posten, teilen. Doch echte Gespräche werden seltener. Oft fehlt das Gegenüber, das wirklich zuhört. Statt aufeinander einzugehen, urteilt man – über Meinungen, über Menschen, über Gruppen. Vielleicht, weil Abgrenzung Orientierung schafft in einer Welt, die immer komplexer wird. Vielleicht, weil ein großer Teil der Kommunikation heute online stattfindet. Wie gelingt echte Begegnung und was passiert, wenn wir uns wieder gegenüber sitzen?

Wir haben es ausprobiert. Mit einem Tisch, zwei Stühlen und zwei Tassen Tee haben wir, die Redaktion, uns auf den Wunstorfer Marktplatz und an die Lutherkirche in Hannover begeben. Hier luden wir Menschen dazu ein, miteinander ins Gespräch zu kommen – ohne sich vorher zu kennen. Fragenkärtchen zu verschiedenen Themen sollten Ihnen dabei helfen, sich näher zu kommen.






Wann hast du das Gefühl, dass deine Stimme zählt?


Foto:Jonathan Funk
Kristine von der Haar


«Das Thema Einsamkeit beschäftigt mich. Ich glaube, dass ganz viele gar nicht mehr realisieren, wie einsam sie sind», meint Gunter Siegel im Gespräch mit Kristine von der Haar. Vor wenigen Minuten waren sie noch Fremde. Nun sitzen sie an einem Tisch, inmitten des Treibens auf dem Wunstorfer Marktplatz. «Ich bin am liebsten unter Menschen, was nicht heißt, dass das immer toll ist. Es ist auch anstrengend», ergänzt Siegel. Zu einem gelingenden Miteinander gehört schließlich einiges, so auch das aktive Zuhören. Das kostet Geduld und Kraft – wie wohl deutlich wird, wenn man selbst versucht, richtig zuzuhören und das obige Video bis zum Ende zu schauen.

Für Gunter Siegel scheint zu gelten: auch wenn dieser nicht immer leicht ist, lieber ist er im Kontakt als einsam. Denn auch Einsamkeit kostet Kraft und ist schlecht für die Gesundheit. Wer sich ständig isoliert fühlt, für den erhöht sich zum Beispiel das Risiko für Herz-Kreisklauf-Erkrankungen, Demenz und Depression. Rund 60 Prozent der Deutschen kennen dieses Gefühl. Das belegt der Einsamkeitsreport der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2024. Besonders betroffen sind junge Frauen, von Armut betroffene und migrantisierte Menschen.

Einsamkeit ist nicht nur ein individuelles und soziales Problem, sondern eine Gefahr für die Demokratie. So lautet die Einschätzung der Bertelsmann-Stiftung nach einer Befragung junger Menschen zwischen 16 und 30 Jahren. Das Vertrauen in demokratische Strukturen sei bei den Einsamen deutlich geschwächt. Die meisten von ihnen glaubten nicht, dass sie politische oder gesellschaftliche Veränderungen bewirken können, im Globalen wie im Lokalen. Wer sich langfristig ausgegrenzt fühlt, sei außerdem empfänglicher für populistische Positionen.

Bei Kristine von der Haar scheint das anders zu sein. Gerade in ihrem direkten Umfeld fühlt sie sich gehört und auch auf der größeren politischen Ebene sieht sie viele Teilhabemöglichkeiten. Dennoch, wenn sie etwas in ihrer Gemeinde sofort verändern könnte, sie würde den Dialog fördern: „Man muss sich nicht über alles einig sein, aber man kann ja trotzdem miteinander reden“. Muss die deutsche Gesellschaft wieder lernen, in den Austausch zu treten? Brücken zu bauen, statt Mauern? Sollte man öfter über den Tellerrand schauen und die eigene Blase verlassen? An Floskeln fehlt es nicht, um die Problemlage einer polarisierten Gesellschaft zu beschreiben. Doch wie tritt man wieder in den Kontakt? Und wer ist dazu überhaupt noch bereit?




Foto:Jonathan Funk














Foto:Jonathan Funk


Wann warst du einmal wirklich mutig?





Auf der großen Zinne in den Dolomiten geriet er in ein gefährliches Gewitter, erzählt Jakob Schröder über seiner Tasse Tee: «Da war ein bisschen Mut notwendig». Nicht nur Bergsport, auch offene Kommunikation erfordert Mut. Wer wirklich äußert, was er denkt, anstatt sich der Allgemeinheit zu fügen, muss damit rechnen, auf Gegenwehr zu stoßen. Das ist nicht immer angenehm. Gerade im digitalen Raum würden Antagonismen kaum noch ertragen, so die Philosophin Svenja Flassphöhler. Schnell werde hier eine Lappalie zum Politikum: «Ein Halbsatz, geäußert in einer Talkshow, macht bei Social Media die Runde und gilt als Ausweis der ganzen Person». Trotzdem spricht sie sich in ihrem Buch «Streiten» dafür aus – Überraschung – wieder mehr miteinander zu streiten. «Nur wenn wir Kanäle öffnen, in denen Gruppen, deren Ansichten sich eben nicht in einem Konsens treffen, als Gegner streiten können, sind wir in der Lage, Feindschaft zu verhindern». Zu einem dynamischen Zusammenleben und letztlich einer funktionierenden Demokratie gehöre die Dissonanz. Nur durch Kämpfe könnten Nähe und Distanz austariert werden und Mitglieder einer Gesellschaft das rechte Verhältnis zueinander finden.

Um dies zu veranschaulichen, wählt sie das Bild der Eiche, die auch im stärksten Sturm noch standhaft bleibt, während sich das Schilf lieber anpasst und mit dem Wind verbiegt. «Wer auf gar keinen Fall zum Shitstorm-Opfer werden will, kann sich nicht hart in den Wind stellen, sondern fühlt sich vielmehr angehalten, bestimmte Strömungen in sich aufzunehmen, um nicht aufzufallen». Vieles an einer solchen Haltung sei gesund, schließlich müsse man auch den Schutz der eigenen Stimme im Blick behalten. Doch unterstellt Flasspöhler hier auch einen «subtilen Opportunismus». In bestimmten Momenten bedarf es eben der der dicken Rinde und den tiefen Wurzeln einer Eiche.

Bleibt die Frage, mit wem es sich überhaupt lohnt, zu streiten. Mit Nazis reden, oder Nazis boxen? Entlang dieser Frage scheiden sich in linken Kreisen die Geister. Ähnlich wie in Politik und Medien: Wen lädt man zu einer Talkshows ein, wen aus? Mit welcher Partei bildet man Bündnisse, mit welcher besser nicht? Svenja Flasspöhler unterscheidet zwischen gegnerischem Messen und feindlichem Morden. Gegnerschaft ziele auf das Konkurrieren um Stimmen, Sieg und Anerkennung, während es in der Feindschaft um die bloße Vernichtung gehe. Jedem Streit, so Flasspöhler, wohne das Potenzial zur Vernichtung inne. «An Trump zeigt sich in Extremform, dass Messen in Morden umschlagen kann. (…) Gegnerschaften funktionieren nur so lange, wie sich beide Parteien an jene Regeln halten, die gewaltfreies Messen ermöglichen, und bereit sind, sich geschlagen zu geben, wenn sie unterliegen». Voraussetzung für einen Streit ist also, dass beide Seiten im Rahmen eines legitimen Wettstreits dazu bereit sind, sich geschlagen zu geben. Sonst kann es gefährlich werden.

Alles andere als gefährlich wirkt der Austausch zwischen Jakob Schröder und Ursula Jungbluth. Den Raum für Streit lassen sie ungenutzt. Vielleicht, weil die Fragen ihnen keinen Anlass bieten, vielleicht, weil sie sich gerade erst kennenlernen. Jedenfalls sieht Flasspöhler insbesondere in Intimbeziehungen ein «spezifisches Eskalationspotenzial». Viel schneller werde dann eine Kleinigkeit «zum Kennzeichen der ganzen Person» und man werfe mit Worten wie «typisch», «immer», oder «wieder» um sich. Eine vollkommen andere Dynamik als die zwischen Fremden. Jungbluth jedenfalls meint: «Es freut mich, dass wir zusammen an einem Tisch sitzen».





Liebe und Freundschaft haben für Anette Wöltje viel mit Vertrauen zu tun. Doch: «Das Vertrauen ist vor langer Zeit durch eine Ehe kaputt gegangen und damit habe ich auch die Liebe verloren». Mit dieser Erfahrung ist Anette Wöltje nicht allein.

Foto:Jonathan Funk




















Foto:Jonathan Funk

Das gesellschaftliche Misstrauen hat deutlich zugenommen, das konstatiert der Soziologe Aladin El-Mafaalani in seinem Buch «Misstrauensgemeinschaften». Zwar bezieht er sich damit mehr auf das Misstrauen gegenüber ganzen Bereichen wie der Wissenschaft, oder den Medien. Doch kommt er auch zu dem Schluss, dass letztlich die Kommunikation – auch jene zwischen einzelnen Menschen – relevant ist, um Vertrauen wiederherzustellen. «Misstrauen wächst insbesondere dort, wo Austausch unterbleibt, Öffentlichkeiten parallel verlaufen, Kommunikation sehr asymmetrisch organisiert ist, oder Konflikte unterdrückt werden», schreibt El-Mafaalani. Wer misstraut, bezweifelt die Integrität seines Gegenübers, kann diesem also nicht mehr unvoreingenommen begegnen. Dies führe schließlich zu Populismus, extrem libertären Strömungen und Verschwörungserzählungen. Drei Konsequenzen, die eines gemeinsam haben: die grundlegende Infragestellung der bestehenden Ordnung.

Erika Müller vertraut ihrer Gesprächspartenerin trotzdem schon nach nur zwei Minuten Gespräch so sehr, dass sie von ihrem schwer depressiven Ehemann erzählt. Anette Wöltje reagiert – mit Empathie.




















Komm auch Du ins Gespräch:

10 Fragen aus unserer Redaktion  

Worauf bist du stolz?
Wenn du etwas an deinem Leben ändern könntest, was wäre das?
Wann fühlst du dich lebendig?
Wann warst du einmal wirklich mutig?
Was hast du lange an dir selbst missverstanden?
Was ist eine schöne Kindheitserinnerung von dir?
Was hat dich geprägt, ohne dass du es wolltest?
Was machst du anders als deine Eltern?
Was bedeutet Zuhause für dich?
Wann hast du das letzte Mal geweint?





Redest du lieber, oder hörst du lieber zu?



Foto:Jonathan Funk
Foto:Jonathan Funk

Mit dir kann man so gut reden! Wem dieses Lob zuteil wird, der ist wohl ein guter Zuhörer. Denn Gespräche mit Tiefgang brauchen nicht nur gute Redner, sie brauchen vor allem auch offene Ohren. Diese aber sind gar nicht so leicht zu finden. Dass Menschen immer weniger vertrauen, hängt auch damit zusammen, dass sie sich nur noch selten gehört fühlen: von Politikern, Freunden oder Partnerinnen. Denn obwohl sich die meisten für gute Zuhörer halten, sind es die wenigsten.

Es ist wissenschaftlich belegt, dass das Gehirn einen dann belohnt, wenn man von sich selbst erzählt. Und: seit der Digitalisierung sind wir so viel Input ausgesetzt, wie nie zuvor. Was fehlt, ist der Output. Auch deswegen ist das Mitteilungsbedürfnis jedes Einzelnen so hoch. Doch wer nicht zuhört, kann sein Gegenüber auch nicht verstehen. Der redet aufeinander ein, oder aneinander vorbei. Der unterbricht einander, oder zückt mitten im Gespräch sein Handy, um schnell noch eine Nachricht zu tippen. Das Ergebnis: Beziehungen bleiben oberflächlich, man fühlt sich allein und unverstanden. Am Ende sitzen alle in irgendwelchen Therapiezimmern, oder vor ChatGPT. Da quatscht wenigstens keiner dazwischen.

Wie man besser zuhört, erklären zwei Experten im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Sie empfehlen, einander ausreden zu lassen, interessiert nachzufragen und einander zugewandt zu sitzen. Vermeiden solle man, voreilig zu urteilen, ungefragt Tipps und Ratschläge zu geben und das Gehörte direkt durch eigene Geschichten zu ergänzen. Eine interessierte Nachffrage helfe viel mehr als das Teilen der eigenen Gedanken. Obwohl die Unterhaltung zwischen Irfan und Anja Nübel wohl das ein oder andere Beispiel für ausbaubares Zuhören liefert, einer der größten Herausforderungen haben sie sich gemeinsam gestellt: Pausen aushalten. Als das Wunstorfer Glockenspiel Anja Nübel mitten im Satz unterbricht, lachen beide nur – und warten.



Name, Alter, Ort














Lukas Ting




Aktives Zuhören kostet Kraft. Geht diese Kraft zuneige, spricht man heute gern von Kapazitäten, von Social Battery und dass die mal wieder alle ist. Man braucht dann Raum für sich, um Energie zu tanken. Gespräche zu beenden ist aber gar nicht so einfach. Ob aus Höflichkeit oder Feigheit, meistens quatscht man länger, als man eigentlich wollte. In einer Studie der Universität Harvard wurden nur 1,59 Prozent der rund 1000 untersuchten Unterhaltungen zu einem von beiden Gesprächspartnern gewollten Zeitpunkt beendet. Man kennt das ja selbst: da trifft man einen Bekannten auf der Straße, beginnt einen Small Talk und obwohl der Cringe in der Luft hängt, weiß keiner, wann der richtige Moment ist, um weiterzugehen. Ein Koordinierungsproblem meinen die Wissenschaftler: Wenn man versucht, den Ausstieg aus einem Dialog zu finden, sind dafür nicht nur die eigenen, sondern auch die Bedürfnisse des Gegenübers entscheidend. Diese versucht man zu antizipieren, kann dabei aber scheitern, weil einem die nötigen Informationen fehlen. Deswegen bleibt man oft länger als nötig im Gespräch, lächelt und nickt, bis man einen Vorwand gefunden hat: «Ich muss dann mal, meine Bahn kommt gleich».

Ob es Marvin Jay Bankole und Lukas Ting wohl auch so ging? Ohne, dass die Batterie unseres Mikrofons sich verabschiedet hätte, wäre das Gespräch wohl noch lange weitergegangen. So führten schließlich Technik und Dunkelheit zum Ende der Konversation.

Diese Gespräche wurden im Oktober und November 2025 aufgezeichnet.