Inszenierte Endlichkeit

Zwei Fotografinnen legen sich in einen Sarg und fotografieren sich gegenseitig. Was nach Tabubruch klingt, ist eine Auseinandersetzung mit Kommerz, Ritualen und der Frage: Darf man das?
Von Bahriye Tatli & Malte Laudahn (Text)
Antonia Teichert & Clara Schöttke (Fotos)

Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod

Dunkelheit. Der Geruch von Holz. Claras erster Gedanke im Sarg: «Hört mich jemand, wenn ich klopfe?» Sie liegt nicht auf dem Friedhof, sondern zur Probe in einem Modell auf einer Bestattungsmesse. Der Sarg ist Ausgangspunkt für eine gemeinsame Untersuchung der Fotografinnen Antonia Teichert und Clara Schöttke, die sich dem Tod auf eine direkte, aber zugleich vielschichtige Weise nähern. 

«Ich glaube, es ist so eine makabere Neugier, die in Menschen schlummert, das mal auszuprobieren. Du wirst schließlich nie wissen, wie sich das anfühlt, weil du nicht mehr lebst, wenn du da reingehst», sagt Clara.

Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod
Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod
Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod

Mit «LG 500/R» haben Antonia Teichert und Clara Schöttke eine fotografische Arbeit über den Tod geschaffen. Es ist eine offene Auseinandersetzung, ein Gedankenprozess, eine Sammlung verschiedener Bildtypen. Kein Plot, keine eindeutige Narration, keine einfache Lösung. Stattdessen ein Mosaik aus Gesprächen, Fotos, Objekten und Internet-Screenshots. Reihenfolge und Anordnung der quadratischen Bilder folgen im Fotobuch-Dummy einer klaren Ordnung. Vielleicht ein Versuch, eine Form für etwas zu finden, das sich eigentlich nicht fassen lässt.

Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod
Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod
Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod
Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod
Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod
Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod

«In Deutschland wird kaum über den Tod gesprochen», sagt Antonia. Man trifft Entscheidungen, plant Abläufe, hält sich an Vorschriften – doch das eigentliche Gespräch über das Sterben bleibt oft aus. Wer stirbt, wird verwaltet. Wer trauert, bleibt damit häufig allein. «Weil der Tod in der deutschen Gesellschaft so stark kommerzialisiert ist, hatten wir das Gefühl, dass all diese Planung und Organisation auch eine Ausweichstrategie sein kann – um sich nicht wirklich mit dem Thema auseinanderzusetzen», so Clara. «Menschen betrachten den Tod sehr rational, strukturieren ihn durch.»

Diese Ausweichbewegungen zeigen sich auch in kleinen Dingen. «Fragen über Verstorbene wirken sofort schwer und belastend – obwohl ich oft gerne mehr wissen möchte», meint sie. «Deshalb habe ich gemerkt, dass ich keinen echten Bezug zu dem Thema habe.» Gleichzeitig folge alles einer gesellschaftlichen Choreografie: Was zieht man zur Beerdigung an? Wo stellt man sich hin? Was schreibt man auf die Karte? Es gehe selten um das, was man wirklich fühlt – sondern um das, was man sagen kann, ohne anzuecken, sagt Clara.

«Allein bei der Trauerkarte: Man googelt Formulierungen, statt zu schreiben, was man denkt. Aus Angst, etwas Falsches zu sagen oder Konventionen zu verletzen.» Diese Unsicherheit habe mit Überforderung zu tun, sagt Antonia: «Ich glaube, wenn ein Mensch stirbt, ist man oft mit der eigenen Trauer beschäftigt. Der ganze organisatorische Druck kann einen völlig überrollen, wenn man sich vorher nie mit dem Thema auseinandergesetzt hat.»

Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod
Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod
Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod

In der Fotoarbeit geht es immer wieder auch um die kommerziellen Aspekte des Todes. Der Tod hat einen Namen, der klingt wie eine Seriennummer: LG/500 R. Ein nüchterner Produktname, der einem Sargmodell eines deutschen Bestattungsunternehmens entstammt. Für Antonia und Clara war dieser Name der Beginn einer intensive Recherche zum Tod.

Die beiden Fotografinnen haben einen ganzen Stapel Bildmaterial gefunden. Darunter sind Werbebilder verschiedenster Särge: von schlichten Holzmodellen über einen mit Schachbrettmuster bis zu einem, der mit HDR-Motiven bedruckt ist. Ein Sarg in lila, erhältlich auch in pink, gelb oder knallgrün. Ein Sarg in Schuhform. Und einer, der aussieht wie Teslas Cybertruck. Für jede Anforderung scheint der Kapitalismus hier ein passendes Produkt geschaffen zu haben.

«Für meine eigene Bestattung? Ich bin mir noch sehr unsicher», sagt Clara. «Dieser abgefahrene Sarg, auf den man ein Foto drucken kann – den finde ich sehr cool.» «Aber was für ein Foto?», fragt Antonia. – «Irgendein Selfie.»

Collage von Särgen, die mit verschiedenen Farbfotos bedruckt sind. Zum Beispiel ein Sonnenuntergang, Strandkorb am Meer usw.

Wie fühlt es sich an, mit einem Sarg zu arbeiten? «Die Hälfte der Zeit haben wir gelacht und die andere Hälfte uns gegenseitig ein bisschen, sagen wir mal: ernst inszeniert», erinnert sich Clara.

Man tritt in Interaktion mit dem Sarg – auf eine Weise, wie man es sonst nie tun würde. «Es fühlt sich nicht richtig erlaubt an. Gleichzeitig ist nicht viel dabei, weil wir das Ganze ja kontextualisieren und nicht einfach so machen», erklärt Antonia. Clara findet vor allem spannend, «dass ein Objekt symbolisch so stark aufgeladen ist, dass man Respekt davor haben muss.»

Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod
Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod
Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod

Antonia und Clara halten fest, wie sich beide dem Sarg mit ihren Körpern nähern. Was passiert, wenn man sich hineinlegt? Wenn man dem Sarg seine Funktion entzieht und sich neben, auf oder unter ihn legt? Der Sarg wird zur Bühne für eine symbolische und körperliche Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. Die Kamera ist für Clara und Antonia dabei nicht nur Werkzeug, sondern Teil ihres Denkens. «Wir wollten nicht bebildern, was wir schon wussten, sondern herausfinden, was wir noch nicht verstanden haben», sagt Clara.

Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod
Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod
Eine Auseinandersetzung mit Bestattungskultur und dem Tod

Antonia Teichert und Clara Schöttke suchen keine Wahrheit über den Tod, sondern erlauben sich Uneindeutigkeit. «Wir wollten keine Antworten geben, sondern zeigen, dass man darüber sprechen darf. Auch mit Witz. Auch ohne Schwere», sagt Clara.

Eine Gießkanne.

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