Zwischen Staatsräson und journalistischer Integrität.

Der deutsch-palästinensische Journalist Farid Dabour über Medien, Macht und Verantwortung

Foto: Keidy Pech

Farid Dabour ist Politikwissenschaftler und war mehrere Jahre als freier Journalist beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig. Dabour ist Deutsch-Palästinenser, in Deutschland geboren und im Berliner Umland aufgewachsen. Sein Vater ist Palästinenser, dessen Eltern 1948 nach Jordanien vertrieben wurden, seine Mutter kommt aus Ostdeutschland. Diese biografische Perspektive prägt seinen Blick auf die deutsche Medienlandschaft – insbesondere auf die Berichterstattung über Israel und Palästina.

Im Interview spricht er über Narrative, Sprachbilder, orientalistische Muster, die Rolle der deutschen Staatsräson und über persönliche Erlebnisse in einer Redaktion, die ihn bis heute beschäftigen.


Journalismus hat die Aufgabe, Macht zu kontrollieren. Wo Journalismus aufhört, die Mächtigen infrage zu stellen, schafft er sich selbst ab.

Farid Dabour


Wie erlebst du die Berichterstattung über Israel und Palästina in deutschen Medien – auch im Vergleich zu internationalen Medien? 

Fast jeden Tag wird ein Beitrag zu diesem Thema veröffentlicht, der Doppelstandards enthält. Nachdem das israelische Parlament Ende März den rassistischen Gesetzesentwurf verabschiedete, der die Todesstrafe de facto ausschließlich für Palästinenser legalisiert, titelte die Tagesschau: «Israel billigt Todesstrafe für Terrorist:innen» und übernahm somit eins zu eins das Wording der israelischen Regierung. Anfangs stand der Begriff «Terrorist:innen» noch in Anführungszeichen, diese wurden später jedoch einfach entfernt. Damit werden Palästinenser wieder unter Generalverdacht gestellt und entmenschlicht. Mit welchem Zweck wurde diese Änderung vorgenommen? Hat die Änderung zu einer Verbesserung der Qualität des Beitrags geführt? 

Ein anderes Beispiel ist die Berichterstattung über die Berlinale. Dort bezeichnete der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib, der für das beste Spielfilmdebüt ausgezeichnet wurde, die Bundesregierung in seiner Preisrede «als Partner des Völkermordes in Gaza». Die Tagesschau bezeichnete Alkhatibs Preisrede als «Hassrede». Später änderte die Tagesschau das Wording und sprach stattdessen von einem «Eklat». Der CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann redete von «abstoßenden Szenen» und «antisemitischen Ausfällen». Auch der israelische Botschafter in Berlin Ron Prosor schaltete sich in die Debatte ein und lobte in der «Bild» das Verhalten des Bundesumweltministers Carsten Schneider (SPD), weil er nach Alkhatibs Rede die Preisverleihung verlassen hatte. Diese Vorwürfe wurden von zahlreichen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenprogrammen ohne Einordnung aufgegriffen und reproduziert. Das ist schon allein deshalb problematisch, weil die unvollständige und einseitige Auswahl der Befragten den Beitrag völlig verzerren. Warum wurde hier keine zusätzliche Stimme aufgegriffen, die die Position des Regisseurs verteidigt? 

Das Beispiel macht deutlich, wie in Deutschland Öffentlichkeit funktioniert, wenn es um das Thema Palästina und Israel geht: fast reflexartig wird da mit stigmatisierenden Schlagbegriffen wie «Hassrede» und Antisemitismus-Vorwürfen um sich geschmissen, meist ohne, dass dafür irgendwelche Begründungen oder Einordnungen geliefert werden. Das hat dann immer den Effekt, dass über den im Raum stehenden Völkermord-Vorwurf und die Rolle Deutschlands als zweitgrößter Waffenlieferant an Israel gar nicht erst gesprochen wird, obwohl der Vorwurf ja immerhin vom Internationalen Gerichtshof geprüft wird. Und es schreckt natürlich auch davor ab, sich öffentlich an der Debatte zu beteiligen. Amnesty International spricht schon seit 2024 offiziell von einem Völkermord – so auch viele der renommiertesten Genozid-Forscher, darunter auch israelische und jüdische.

Siehst du im 7. Oktober eine Zäsur für die Medienslandschaft oder vielmehr eine Bestätigung einer Dynamik, die sich für dich schon länger abgezeichnet hat?

Die Berichterstattung über Palästina und Israel ist schon lange fehlerhaft. Nach dem 7. Oktober wurde das extremer, aber die Muster gab es schon vorher. Palästinensische Opfer «sterben», israelische Opfer «werden getötet». Bei palästinensischen Opfern werden die Täter häufig nicht genannt, bei israelischen dagegen schon. Auch Einordnungen fehlen häufig, etwa wenn über Ostjerusalem oder die Golanhöhen berichtet wird, ohne den völkerrechtlichen Status klar zu benennen.

Bevorzugen deutsche Medien bestimmte Narrative?

Ja, eindeutig. Unmittelbar nach dem 7. Oktober wurde das Narrativ der israelischen Regierung und Armee eins zu eins übernommen. Aussagen israelischer Regierungsvertreter wurden häufig unhinterfragt reproduziert, während palästinensische Angaben, etwa zu Opferzahlen, grundsätzlich infrage gestellt wurden, obwohl sie sich im Nachhinein als korrekt herausstellten. Es gibt auf jeden Fall einen ganz klaren Bias. Das ist mehrfach wissenschaftlich bewiesen worden. Dabei haben sich viele Aussagen israelischer Behörden im Nachhinein als falsch erwiesen – was nicht überraschend sein sollte, da es sich immerhin um Aussagen einer Kriegspartei handelt. Diese Asymmetrie in der Überprüfung ist nicht hinnehmbar.

Welche Rolle spielen Bilder und Framing?

Wenn wir über die Darstellung von Palästinenser:innen sprechen, müssen wir auch über antimuslimischen Rassismus reden. Palästinenser werden visuell sehr einseitig dargestellt: entweder als leidende, trauernde Opfer – oft Frauen – oder als aggressive, gewaltbereite Männer. Du hast entweder Leid und Ohnmacht – oder Aggression und Gewalt. Das sind klassische rassistische Muster. Eine Gruppe wird fremdmarkiert und mit bestimmten Eigenschaften versehen. Das ist auch eine Form der Entmenschlichung. 

Gibt es Themen oder Formulierungen, bei denen du als Journalist oder auch als Privatperson mit Gegenwind rechnest?

Als Journalist gehe ich grundsätzlich immer achtsam und bewusst mit meiner Sprache um. Als Deutsch-Palästinenser bin ich mir selbstverständlich der Sensibilität in Bezug auf das Thema Israel und Palästina bewusst. Umso wichtiger sind daher journalistische Standards. Wenn Journalisten aus Angst vor Gegenwind nicht erwähnen, dass Ostjerusalem oder die Golanhöhen völkerrechtswidrig annektiert sind, dann widerspricht das jeglicher journalistischer Sorgfaltspflicht.

Wie ist es für dich als deutsch-palästinensischer Journalist, über ein Thema zu sprechen, das deine Identität betrifft? 

Ambivalent. Wer könnte besser über Palästina sprechen als Palästinenser? Gleichzeitig möchte ich nicht auf dieses Thema reduziert werden. Aber natürlich trage ich als Palästinenser in Deutschland eine Verantwortung dafür, dass unsere Lebensrealitäten und mehrfachen Vertreibungserfahrungen an die Öffentlichkeit gelangen. In Deutschland lebt die größte palästinensische Community Europas und trotzdem gibt es kaum palästinensische Perspektiven in der Öffentlichkeit. 

Gibt es Momente, in denen du zwischen Objektivität und Zugehörigkeit stehst?

Die Frage führt in die Irre. Was ist schon Objektivität? Sind Deutsche etwa objektiv, wenn es um das Thema Palästina und Israel geht? Glaubt man den israelischen Experten und Gesprächspartnern sowie Journalisten ebenfalls nicht, weil sie zu involviert, zu persönlich betroffen, zu aktivistisch seien? Oder erhalten sie eine besondere Reichweite in deutschen Medien? Jede und jeder hat eine Perspektive. Man kann als persönlich involvierte Person journalistisch sauber arbeiten oder eben nicht. 

Gab es prägende Erlebnisse in deiner Arbeit?

Ja, auf jeden Fall, mehrere Dinge. Nach dem 7. Oktober saß ich in der Redaktion eines öffentlich-rechtlichen Senders und hörte den CvD (die Person, die an diesem Tag redaktionell für die Sendung verantwortlich war) sich darüber aufregen, dass der Deutschlandfunk Zahlen der Gesundheitsbehörde in Gaza zitiert hatte, in denen es um die getöteten Palästinenser ging. Der Kollege sagte sinngemäß: Wie könne es sein, dass der Deutschlandfunk Zahlen der Hamas zitiere? Das sei ja so, als würde Heinrich Himmler erklären, den sechs Millionen Juden gehe es gut. Ich saß dort zunächst fassungslos, vor allem wegen dieser Holocaust-Relativierung und der damit verbundenen Gleichsetzung. An meinem letzten Arbeitstag sagte mir ein anderer Kollege, nachdem ich ihm mitgeteilt hatte, dass ich Palästinenser bin, er finde es gut, was Israel in Gaza mache, «damit die Palästinenser endlich lernen». Er sagte zum Abschied: «Farid, du bist ein feiner Kerl – verlier deine Menschlichkeit nicht.»
 

Wie stark beeinflusst die deutsche Staatsräson journalistische Arbeit?

Sehr stark. Durch die Staatsräson scheint in Deutschland eine Grundannahme zu gelten: die unbedingte Solidarität mit dem Staat Israel. Das Problem für die journalistische Arbeit beginnt dort, wo diese Staatsräson nicht nur Regierungspolitik prägt, sondern auch den öffentlichen Diskurs. In öffentlichen Debatten wird Kritik an der israelischen Regierungspolitik schnell unter Antisemitismusverdacht gestellt. Selbst dann, wenn die Kritik sich auf Fragen des Völkerrechts oder der Menschenrechte bezieht. Dadurch entstehen in Deutschland Diskursbarrieren, die in einer demokratischen Öffentlichkeit nicht existieren sollten. Journalismus lebt davon, Macht zu hinterfragen. Dafür existieren im Journalismus Standards. Wenn wir uns an diese nicht halten, gefährdet das die journalistische Integrität und das Vertrauen in eine freie, unabhängige Presse. Mehrere repräsentative Umfragen und wissenschaftliche Analysen zeigen auf, dass das Vertrauen in die deutsche Berichterstattung zu Palästina und Israel erschüttert ist, und selbst gegenüber der Ukraine-Berichterstattung massive Vertrauensverluste aufzeigt (Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen). 

Wie sollte Solidarität und Verantwortung stattdessen aussehen?

Die Frage ist: wollen wir wirklich solidarisch sein mit einem Nationalstaat, der eine rechtsextreme Regierung hat und gegen dessen Regierungschef Benjamin Netanyahu ein Haftbefehl vom Internationalen Strafgerichtshof erhoben wurde? Vielleicht sollten wir viel grundsätzlicher darüber nachdenken, was Solidarität in diesem Zusammenhang überhaupt bedeutet und wem sie gelten sollte. Nationalstaaten und ihren jeweiligen Regierungen? Oder gilt sie Menschen, etwa jüdischem Leben weltweit? Und müsste deutsche Staatsräson, insbesondere vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte, nicht vor allem bedeuten, konsequent für das Völkerrecht und universelle Menschenrechte einzustehen, ohne jegliche Ausnahme? 

Und trotz allem – siehst du Veränderung?

In der Gesellschaft ja, in den Medien weniger. International hat sich die Berichterstattung deutlich verändert. Viele Menschen informieren sich inzwischen breiter. Die Veränderung findet eher in der Gesellschaft statt als in den Medien. Da ist eine Diskrepanz entstanden zwischen dem, was die Bevölkerung sieht und dem was sie in vielen Medien zu sehen bekommt. Das hat in den letzten Jahren bei vielen Menschen zu einem erheblichen Vertrauensverlust gegenüber etablierten deutschen Leitmedien geführt. Solange insbesondere die großen Leitmedien sich dieser Kritik nicht transparent stellen, befürchte, ich, dass die Gräben noch größer werden. 

Was wünschst du dir von Journalistinnen und Journalisten?

Dieselbe Integrität wie bei anderen Themen. Journalismus hat die Aufgabe, Macht zu kontrollieren. Wo Journalismus aufhört, die Mächtigen infrage zu stellen, schafft er sich selbst ab. Wenn der Staat, in dem man lebt, als zweitgrößter Waffenlieferant daran beteiligt ist, einen vom Internationalen Gerichtshof als plausibel eingestuften Völkermord zu unterstützen, dann ist es die Pflicht von Journalistinnen und Journalisten, mit äußerster Sorgfalt und größter Genauigkeit hinzusehen und die Bevölkerung darüber zu informieren. Wer dieser Verantwortung nicht nachkommt, macht sich mitschuldig.