Born to perform?
Vom Motor zur Muskelkraft, von PS zu Watt: Im Fahrradladen zeigt sich, wie Männer heute mit Technik und Status umgehen – und ob sich wirklich etwas verändert hat. Von Jan de Vries (Text) und Isabel Reda (Fotos)
Der Parkplatz vor dem Fahrradladen in Hannover-Wülfel gibt sich keine Mühe, interessant zu wirken: Asphalt, weiße Linien, abgestellte Autos. Trotzdem bleibe ich stehen, länger als nötig. Ein Mann hebt ein Rennrad auf den Träger seines Kombis. Er hebt an, setzt ab, richtet neu aus. Zieht den Gurt fest, löst ihn wieder, zieht ihn noch einmal fest. Dann tritt er einen Schritt zurück und betrachtet das Rad, als müsste er prüfen, ob es jetzt wirklich sitzt.
Was mich fesselt, ist diese Ernsthaftigkeit. Für den Mann ist das Rad mehr als ein Gegenstand, den man eben verstaut. Es verlangt eine Antwort. Und genau das interessiert mich: dass hier mit Rädern umgegangen wird, wie früher mit Autos. Es geht um mehr als um’s Fahren. Es geht darum, wer man ist, wenn man so ein Rad besitzt.
Ein paar Meter weiter schiebt sich ein Lastenrad zwischen den Autos hindurch. Vorne ein Kind, die Beine baumelnd. Der Vater auf dem Sattel sagt etwas, ohne stehen zu bleiben. Er klingt müde, aber geduldig. Das Rad ist sperrig, es braucht Raum, bewegt sich aber trotzdem mühelos in Richtung Eingang.
Hannover, Juni 2025. Für Miro ist das Lastenrad ein Alltagsgegenstand. Er benutzt es jeden Tag und ist bereits 5000km damit gefahren. Foto: Isabel Reda
Hannover, Juni 2025. Tim hat eine enge Verbindung zu seinem BMX-Fahrrad. Foto: Isabel Reda
Drinnen im Laden ist es hell. Hohe Decken, breite Gänge, Fahrräder in Reih und Glied. Dazwischen überwiegend Männer. Sie lesen kleine Schilder, heben Räder leicht an, lassen Schaltungen klicken. Alle wirken konzentriert, in ihrem Element. Es riecht nach Gummi, Metall und Kettenschmiere, nach Werkstatt, nach Hand anlegen – ein Geruch, der zu dieser Ernsthaftigkeit passt. Ein Mann Mitte fünfzig steht vor einem Rennrad, knapp 4.000 Euro. Er lässt den Blick über den Rahmen wandern, prüft die Übersetzung, liest das Preisschild ein zweites Mal. Neben ihm erklärt ein Verkäufer ruhig den Unterschied zwischen mechanischer und elektronischer Schaltung. Sachlich, ohne zu drängen.
Das erinnert mich an Autohäuser früherer Jahre. An Männer, die mit derselben Ernsthaftigkeit über Motorvarianten und Spaltmaße diskutiert haben. Auch hier geht es um Technik, um Vergleichbarkeit, um eine Entscheidung, die man nicht leichtfertig trifft. Nur dass das Objekt ein anderes ist: schlanker, leiser, körpernäher.
Lange Zeit war das Auto der zentrale Marker männlicher Selbstverortung. Leistung, Kontrolle und Status ließen sich daran festmachen. Das Auto als Statussymbol ist nicht verschwunden, aber es hat an Eindeutigkeit verloren. In bestimmten Milieus ist das hochwertige Fahrrad an seine Stelle gerückt. Das ist die Frage, die mich an diesem Vormittag nicht loslässt: Warum das Rad? Was kann es leisten, was das Auto nicht kann?
Hannover, Juni 2025. Für Eugene bedeutet Fahrradfahren sein Leben. Auch deshalb hat er eine Ausbildung als Fahrradmechatroniker begonnen. In der Rennradszene ist laut Eugen "zu viel Testosteron". Ihn stört, dass dadurch Menschen ausgeschlossen werden und er wünscht sich mehr Gleichberechtigung. Foto: Isabel Reda
Hannover, Juni 2025. Adam steckt viel Liebe und Zeit in sein Fatbike. Foto: Isabel Reda
Ein Teil der Antwort liegt darin, dass ein gutes Rad erklärungsbedürftig ist. Beim Auto sieht man den Preis von außen, oft reicht die Marke als Aussage. Beim Rennrad muss man wissen, was man sieht: dass die elektronische Schaltung teurer ist als die mechanische, dass ein Carbonrahmen etwas anderes ist als Aluminium, dass 4.000 Euro hier längst nicht das obere Ende sind. Wer das Rad lesen kann, gehört dazu. Ein Rennrad oder E-Bike ist ein Projekt, kein beiläufiger Kauf. Man investiert nicht nur Geld, sondern Zeit, Wissen und Aufmerksamkeit. Denn das Rad reagiert ziemlich genau auf das, was man hineinsteckt: Kraft, Geduld und Wartung.
Sichtbar wird das in der offenen Werkstatt. Sie liegt mitten im Laden, nur durch eine Glasscheibe und ein Geländer vom Verkaufsraum getrennt. Man kann den Mechanikern bei der Arbeit zusehen wie auf einer kleinen Bühne. Ein Kunde lehnt am Geländer und schaut zu, wie an seinem Rad geschraubt wird. Er fragt nach der Justierung, will verstehen, warum etwas so ist und nicht anders. Natürlich haben Männer auch immer schon an Autos geschraubt: am Wochenende in der Garage, oft mit einem Freund oder Nachbarn. Das aber fand meist im Halbprivaten statt, in der eigenen Einfahrt. Hier im Fahrradladen ist das Schrauben öffentlich. Technik wird nicht versteckt, sondern geteilt – fast schon zur Schau gestellt.
Auch der Körper spielt eine andere Rolle. Das Rennrad verlangt Disziplin. Man fährt gegen Zeiten, gegen Steigungen, gegen die eigene Bequemlichkeit. Der trainierte Körper ist das Ergebnis von Organisation und Beharrlichkeit. Und auch die Leistung bleibt selten privat. Die Strecke landet auf Strava, die Durchschnittsgeschwindigkeit bei Instagram. Gemessen wird gegen sich selbst, geteilt wird es trotzdem.
Später sitze ich in der Bahn, sie ist gut gefüllt. An einer Kreuzung wird sie langsamer und bleibt stehen. Ich schaue aus dem Fenster und sehe einen Rennradfahrer, der rechts auf dem Radweg hält, ein Fuß am Boden, der andere eingeklickt. Als die Ampel grün wird, fährt er ruhig und selbstverständlich los. Während die Autos neben uns anrollen und gleich wieder abbremsen, zieht er gleichmäßig vorbei, erst an der Bahn, dann an der Reihe wartender Fahrzeuge. Und ich denke darüber nach, was ich da eigentlich beobachte. Der Mann ist nicht Teil des Staus, er bewegt sich an ihm vorbei. Genau das, glaube ich, ist der Punkt.
Den ganzen Vormittag über habe ich zwei Bilder gesehen, die sich nicht recht vertragen. Auf der einen Seite das Rad als etwas Geteiltes: die offene Werkstatt, der Kunde, der nachfragt, die Technik, die man miteinander bespricht. Das wirkt wie eine andere, weichere Form von Männlichkeit, eine, die auf Beziehung setzt statt auf Abgrenzung. Auf der anderen Seite der Rennradfahrer, der an allen vorbeizieht, die Disziplin, die Zeiten, die geteilten Strava-Werte. Das ist der alte, leistungsorientierte Mann, der Stärke und Fortschritt beweist.
Vielleicht ist das Fahrrad also gar nicht das Symbol einer neuen Männlichkeit, sondern ein bequemeres Gefäß für die alte. Status, Leistung und Kontrolle sind nicht verschwunden, sie haben nur das Objekt gewechselt: vom Motor zur Muskelkraft, vom PS zum Watt. Was sich geändert hat, ist die Oberfläche: schlanker, leiser, gesünder. Was darunter liegt, ist vertrauter als es scheint.