«Ich will, dass Männer sich umarmen»

Immer mehr Männer wünschen sich Vorbilder, die Gefühle zeigen. Valerio, Frank, Noah und Tom können genau das. Vier Perspektiven auf Männlichkeit, die zeigen: Menschlichkeit beginnt da, wo starre Rollenbilder enden.
Von Jana Junker

Valerio und Frank: Freundschaft ohne Wettbewerb

Stark und unverwundbar – jahrzehntelang galt dieses Bild als männlich. Heute ist Männlichkeit weder eindeutig noch selbstverständlich. Immer mehr Männer stellen sich Fragen, die lange tabu waren: Muss ich stark sein, um akzeptiert zu werden? Darf ich Gefühle zeigen? Was bedeutet es, Verantwortung zu übernehmen – nicht nur für andere, sondern auch für mich selbst? 

Valerio, Frank, Tom und Noah geben Einblicke in ihre Antworten. Ihre Geschichten sind keine Heldenerzählungen, sondern konkrete Lebenswege, die zeigen: Männlichkeit ist nicht festgelegt, sondern veränderbar – und genau darin liegt ihre Stärke. 


Muss ich stark sein, um akzeptiert zu werden? Darf ich Gefühle zeigen?

Frank klettert – nicht als Beweis, sondern als Übung darin, mit dem eigenen Körper in Beziehung zu sein
Valerio: Männlichkeit beginnt nicht im Körper, sondern im Bewusstsein

Valerio und Frank: Freundschaft zwischen Selbstsuche und Wald

Valerio lebt auf dem Land, umgeben von Feldern und Wäldern. Täglich zieht es ihn nach draußen. «Die Natur ist mein Spiegel», sagt er. «Wenn ich dort unterwegs bin, spüre ich, was in mir lebendig ist.» Manchmal streicht er allein durch den Wald, manchmal mit seinem Freund Frank oder anderen Gleichgesinnten. Gemeinsam klettern sie auf Bäume oder bleiben einfach stehen, um inne zu halten. Ihre Begegnungen sind unkompliziert. Mal reden sie, mal bleibt es still. Wichtig ist nur, dass jeder so da sein kann, wie er gerade ist. 

Frank war lange Kriminaloberkommissar – ein Beruf, der Distanz und Kontrolle verlangt. Doch er kündigte. «Ich konnte nicht mehr», sagt er. Heute sucht er nicht mehr nach Härte, sondern nach Verbindung. «Das Schlimmste war, ‚Lappen‘ genannt zu werden. Verletzlichkeit war beschämend. Heute sehe ich: wahrhaftig zu fühlen, ohne Filter, ist Stärke.» 

Valerio und Frank beim gemeinsamen Waldbesuch: Freundschaft als gelebte Praxis von Präsenz und Verbundenheit

Die Soziologin Raewyn Connell beschreibt diese Bewegung als «transformational masculinity» – eine Männlichkeit, die sich wandelt, weil sie nicht naturgegeben, sondern sozial konstruiert ist. Valerio und Frank wollen genau das leben: Weg von Vergleich und Dominanz, hin zu Selbstannahme und innerem Frieden. 

Gemeinsam träumen sie davon, einen Selbstversorgerhof aufzubauen – einen Ort, an dem Natur und Arbeit ineinanderfließen. «Ich hoffe, andere durch mein Leben zu ermutigen, mehr zu sich selbst zu finden», sagt Valerio. Frank sagt: «Jeder Mensch soll frei sein, ohne fremde Zuschreibungen.» Ihre Vision passt zu dem, was die Autorin Bell Hooks schrieb: «The first act of violence that patriarchy demands of males is that they kill off the emotional parts of themselves.» Auf deutsch: «Der erste Gewaltakt, den das Patriarchat von Männern fordert, ist, dass sie ihre emotionalen Anteile töten.» Für Valerio und Frank besteht Stärke darin, genau diese Teile lebendig zu halten. 

Noah und Tom: Nähe, die nicht über Geschlechterrollen definiert wird

Noah und Tom: Partnerschaft als Praxis der Nähe 

Noah und Tom leben zusammen als Paar. Ihr Alltag aus Uni, gemeinsamer Wohnung und geteilter Verantwortung wirkt unspektakulär, sei aber politisch: «Unsere Beziehung ist eine Praxis der Fürsorge», sagt Tom. «Wir versuchen, patriarchale Muster nicht einfach fortzuführen.» 

Zur Nähe im Privaten gehört für beide auch das Selbstverständnis im Öffentlichen. Sie gehen gern in ihrem ganz eigenen Style nach draußen, in Clubs und Kneipen – auffällig, ohne sich zu verstellen. Die eine oder andere Anfeindung hätten sie schon erlebt. Doch ändern würden sie ihr Auftreten niemals. «Wenn wir uns anpassen müssten, wäre das kein freies Leben», sagt Noah. 

Noah, Lehramtsstudent und «Student des Jahres 2025», kämpft gegen Gewalt an Kindern. Das Thema betrifft ihn persönlich, denn er erlebte Missbrauch. Er erinnert sich an seine frühere Angst, lackierten Nägeln oder Crop-Top auf die Straße zu gehen. Heute versteht er diese Gesten als politische Praxis. «Weich sein zu dürfen, ohne dafür verachtet zu werden, ist für mich Widerstand», sagt er. «Es heißt, meine Privilegien als Mann zu reflektieren – und sie zu nutzen, um anderen Raum zu geben.»

Tom: Keine Rolle – einfach da sein, jenseits von Kategorien
Noah: Sich zeigen, ohne sich festlegen zu lassen

Tom, der an einer Universität arbeitet, wuchs in einer Umgebung auf, in der Jungen hart und vernünftig zu sein hatten. «Alles, was früher als unmännlich galt, macht mich heute aus», sagt er. Kleidung, Sprache, Nähe – all das nutzt er, um Rollenerwartungen bewusst zu irritieren. «Ich will keine Erwartungen weitergeben, die andere einengen.»

Noah sagt: «Ich will, dass Männer einander umarmen. Ehrlich sagen, was sie fühlen. Und sich einmischen, wenn andere Männer Frauen oder queere Menschen abwerten.» In seinen Worten spiegelt sich, was die Autorin Bell Hooks betont: Liebe und Fürsorge schwächen nicht, sie befähigen. 


Weich sein zu dürfen, ohne dafür verachtet zu werden, ist für mich Widerstand.

Noah

Das Private ist Politisch

Die Geschichten von Valerio, Frank, Noah und Tom sind persönlich und zugleich Teil eines größeren Wandels. Studien zeigen: Immer mehr Männer wünschen sich emotionale Vorbilder. Fast die Hälfte der jungen Männer in Großbritannien gab an, lieber verletzliche, reflektierte Männer auf der Leinwand zu sehen als klassische Helden. Serien wie The Bear oder Baby Reindeer greifen genau das auf: Männer, die stolpern, weinen, scheitern – und gerade darin stark wirken. 

Zeitgleich wächst der Gegenwind: Rechtspopulistische Gruppen inszenieren den „echten Mann“ als autoritär, kontrolliert, frauenbeherrschend. Jede Form von Weichheit gilt dort als Schwäche. Dieses Bild funktioniert als Antwort auf gesellschaftliche Verunsicherung: Wenn Rollenbilder wanken, wird Dominanz als Halt verkauft. Besonders junge Männer, die sich orientierungslos fühlen, geraten so in Milieus, die ihre Unsicherheiten in Wut verwandeln – auf Frauen, auf queere Menschen, auf alle, die nicht ins Raster passen. 

Noah und Tom: Gemeinsam sichtbar sein, wo Zuschreibungen beginnen

Ob im Wald zwischen Moos und Bäumen, in der gemeinsamen Wohnung oder abends in der Kneipe – die Geschichten von Valerio, Frank, Noah und Tom zeigen ganz konkret, wie Männlichkeit anders gelebt werden kann. Für Valerio ist es die Ruhe, die er in der Natur findet. Für Frank das Wiederentdecken von Authentizität. Für Tom der Bruch mit starren Normen. Für Noah die Hoffnung, dass niemand mehr gefragt wird, ob er „männlich genug“ ist. 

Ihre Stimmen erinnern daran, was die Autorinnen Bell Hooks und Raewyn Connell fordern: dass Männlichkeit nicht Schicksal ist, sondern Gestaltung. Dass Menschlichkeit dort beginnt, wo starre Rollen enden.