Hannover aufregend unaufgeregt.

In diesem Kommentar erfährst du, warum sich ein Studium in Hannover für dich lohnt und wie der beste Start in Niedersachsens Landeshauptstadt gelingen kann.

Foto: Inga Klöber und Yael Wagner

Zwei Lindener Spezial vor einem Kiosk an der Limmerstraße im Stadtteil Linden Nord. Neben dem Herrenhäuser eines der regionalen Biere Hannovers und essenzieller Teil des «Limmerns».

Zu hässlich für München, zu dumm für Berlin – mit diesen Worten beschreibt der Musiker Heinrich von Handzahm Hannover. Eine Stadt, die mitten in Deutschland liegt und dadurch lange Zeit nicht mehr als einen Umstiegsort für mich war. Dennoch bin ich zum Studium hergezogen und habe etwas ganz anderes vorgefunden, als ich erwartet hatte. Was genau ich damit meine und wie du dir deinen Einstieg in ein neues Leben möglichst entspannt gestalten kannst, erfährst du in diesem Ratgeber.

Inhalt

1. Hannover — die Stadt ohne Dialekt, dafür aber mit viel Schaffenskraft

2. Zwischen «Krökeln», «Limmern» und dem «Zweier», hier spielen die coolen Kids

3. Grün, Grüner, Großstadt Hannover, eine der grünsten Städte Deutschlands

4. Hannover und seine Lage die einlädt weiterzureisen ob Fischbrötchen essen in Hamburg, ein Wandertag im Harz oder gleich eine Wochenendreise in die Niederlande

5. Keine Ahnung? Kein Problem! Tipps und Tricks für einen entspannten Studienstart

6. Fazit: Hannover — Entdecke es und vielleicht wirst du es lieben

1. Hannover — die Stadt ohne Dialekt

Hannover ist die Landeshauptstadt von Niedersachsen – das habe ich damals, in meiner Heimatstadt Jena, so in der Schule gelernt. Ausgehend von diesem Punkt gab es für mich nur lauwarme Vorurteile und Gerüchte über diese Stadt im Norden, wobei das mit der geografischen Lage eher einer Behauptung als einem Fakt entspricht – zumindest wenn man Bewohner*innen der Hansestädte befragt.

Neben dem Gerücht, dass in Hannover das messerschärfste Hochdeutsch gesprochen wird, gab es vor meinem Umzug nur wenig über diese Stadt zu erzählen. Aber glaub mir, die Stadt ist nicht einmal die Stadt des Hochdeutschen. Das fand ein Forscherteam um den Sprachwissenschaftler Dr. François Conrad an der Leibniz Universität Hannover heraus – es ist lediglich ein standardnaher Regiolekt.

Das klingt jetzt erstmal nicht so spannend, aber mal Butter bei die Fische: Hannover ist eine Stadt mit viel Potenzial, und wenn du dich darauf einlässt, wirst du es selbst schnell entdecken. Es ist immer einfacher, sich in ein gemachtes Nest zu setzen, wie es dich in Berlin, Hamburg, Leipzig oder München erwarten würde. Aber hier in Hannover, hier kannst du noch selbst mitwirken und gestalten.

Beteilige dich an der Gestaltung von jungen und offenen Räumen, tritt Kollektiven bei, wie zum Beispiel dem Kulturhafen e.V., wo im Sommer mittlerweile die bekanntesten DJs auflegen, oder eigne dir städtischen Leerstand an und verwandele ihn in coole Atelierräume, in denen junge Künstler*innen später ihre Kreativität ausleben können.

Der Verein, der das möglich macht, heißt ZwischenRaum e.V. und damit habe ich nur einen Teil der progressiven Projekte genannt. Und wenn dir die Stadt dennoch zu grau und durchschnittlich erscheint, dann findest du mit Sicherheit genug Leute die Bock haben, mit dir Farbe an die Wände zu bringen!

Foto: Inga Klöber und Yael Wagner

Eine Skateboard-Sitzgelegenheit beim 2er Skatepark in Linden.

2. Zwischen «Krökeln», «Limmern» und dem «Zweier»

Progressiver Idealismus ist vielleicht nicht so dein Ding, oder du hast aufgrund deines Studiums, an einer der vielen Institutionen Hannovers, einfach keine Zeit dafür? Dann habe ich hier folgende Alternativen für dich: Hannover ist zum Beispiel bekannt für seine Vielzahl an Kiosken. Diese Dichte an Kiosken ist beinahe schon ein Teil des kulturellen Erbes. Besonders im Stadtteil Linden-Limmer sprechen Anwohner*innen von der höchsten Kioskdichte weltweit.

Wenn du also nach einem anstrengenden Tag in der Bibliothek Lust hast, mit Freund*innen das eine oder andere Kaltgetränk zu genießen, dann geh auf die Limmerstraße, denn hier ist die Dichte am höchsten. Gerade im Sommer ist das sogenannte «Limmern» bei den Einheimischen eine beliebte Aktivität. Dabei handelt es sich um das von Kiosk zu Kiosk ziehen. So fühlt sich Hannover gerade in den Sommermonaten auf dieser Straße wie eine Großstadt an.

Im Winter kann man sich dann in einer der vielen Cafés und Bars zum «Krökeln» treffen, also zum Tischkicker spielen. Wenn du es lieber weniger süffisant magst, dann belege doch einen der vielen Sportkurse an der Hochschule oder probiere dich mal auf dem Skateboard aus. Hannover hat nämlich mit dem «2er» einen der größten DIY-Skateparks Deutschlands, wenn nicht sogar Europas.

Nebenan befindet sich gleich das «PLATZprojekt e.V.», eine Art Freiluft-Coworking-Space, auf welchen kleine Betriebe, wie Holzwerkstätten und Designbüros, aber auch gemeinnützige Vereine wie die «fotobus society e.V.» zum Beleben der urbanen Szene beitragen. Der Platz fühlt sich wie ein großes Wagenplatz-Projekt an, vermutlich weil die verschieden Arbeitsbereiche unter anderem in umgebauten Schiffscontainern untergebracht sind. Und wenn du es eher klassisch magst, dann geh halt ins Sprengel Museum.


Mittlerweile schätze ich Hannover sehr. Die Stadt ist unglaublich grün, sie bietet viele kulturelle Angebote und  ist nicht so overhyped – das gefällt mir.

Rosa Burczyk

3. Grün, Grüner, Großstadt Hannover

Ich war selten in einer deutschen Großstadt, in der es einen so starken Bezug zur Natur gibt wie in Hannover. Damit meine ich nicht nur kleine Alibi-Grünstreifen zwischen zwei Bundesstraßen – obwohl auch die hier zu finden sind, um bei der Wahrheit zu bleiben. Aber hast du schon einmal von Hannovers «Central Park» gehört?

Die Eilenriede ist ein Stadtwald mitten in Hannover. Mit fast 6,4 Quadratkilometern ist sie sogar fast doppelt so groß wie ihr weitaus bekannteres Pendant in New York. Vielleicht hat die Eilenriede keinen schicken Namen, und mit etwas Glück begegnest du hier höchstens ein paar C-Prominenten beim Spazierengehen.

Dennoch gehört dieser zusammenhängende Wald im östlichen Zentrum von Hannover zu den größten innerstädtischen Wäldern Europas. Magst du es lieber klassischer und weniger natürlich, dann gib den Herrenhäuser Gärten eine Chance, welche gleich mehrere, im englischen Stil angelegte, Parks zusammenfassen.

Ein weiteres zentrales Beispiel für Hannovers grüne Oasen ist das Ihme-Ufer. Besonders im Sommer wird diese grüne Ader, die sich längs durch die Stadt zieht, von jungen Menschen bevölkert. Egal ob flussaufwärts oder flussabwärts: Wenn du deine Wanderung am undefinierbaren Betonklotz namens Ihme-Zentrum beginnst, gelangst du nach einer Weile an angenehm grüne Orte, mit nur noch wenig Großstadtlärm, aber dafür weidenden Kühen. Aber Vorsicht: Läufst du zu weit, landest du in Braunschweig – und das möchte wirklich niemand.

Yael Wagner und Inga Klöber

Eine eingeschneite Bank in Hannovers Stadtpark, der Eilenriede – der europaweit zu den größten zählt!

4. Hannover und seine Lage die einlädt weiterzureisen

Eines der Features, auf die ich mich vor meinem Studium in Hannover am meisten gefreut habe, war die Lage in Deutschland. Ob die überzeugen kann, weil Hannover im Vergleich zu anderen Universitätsstädten die höchsten Semestergebühren hat, sei dahingestellt. Aber hier kommen trotzdem die harten Fakten:

Wenn du nach einer erholsamen Nacht aufwachst und Lust auf ein Fischbrötchen hast – oder du immer noch wach bist, ganz egal, die Hauptsache ist du hast Appetit auf ein Fischbrötchen – dann kannst du mit deinem, im Semesterbeitrag inkludierten, Deutschlandsemesterticket bis nach Hamburg fahren und dort die besten Fischbrötchen genießen.

Hast du Lust auf eine Wanderung in der Natur und möchtest dem letzten bisschen Straßenlärm entfliehen? Dann fahr doch fix in den Harz. Kein Bock mehr auf Deutschland? Dann schwing dich in den Zug und fahr kostenlos bis nach Hengelo in den Niederlanden. Von dort kannst du für wenig Geld sogar bis nach Amsterdam reisen.

Das klang einfach zu gut, um wahr zu sein, als ich mich – damals noch in Thüringen lebend, wo wirklich alles weit entfernt wirkt – für das Studium beworben habe. Letztendlich habe ich keinen der drei Trips je gemacht. Das lag sicherlich daran, dass ich dann doch einfach nie das Geld dafür hatte, aber auch dass Hannover selbst genug zu bieten hatte, was das Reisen überflüssig machte. Ein kurzer Erholungsurlaub am ca. 20 Minuten entfernten Steinhuder Meer kann halt auch was.


Mein Start in Hannover verlief reibungslos, denn ich hatte bereits zu Beginn einige positive Begegnungen mit verschiedenen Menschen und so wurden aus Bekanntschaften früh Freundschaften. 

Jannis Schubert

5. Keine Ahnung? Kein Problem!

Das Beste kommt zum Schluss: Hier kommen meine persönlichen Empfehlungen und Erfahrungen, die ich gerne mit dir teilen möchte. Dabei handelt es sich um alles, was mir am Anfang in Hannover geholfen hätte – entweder, weil ich es damals nicht wusste, oder weil ich es ignoriert habe, obwohl es mir gesagt wurde.

Stichwort Wohnen: Vermutlich eines der polarisierendsten Themen für alle, die zu Studienbeginn in eine neue Stadt ziehen möchten. Vielleicht fühlst du dich gerade besonders, weil der Umzug ein großer, individueller Neustart in einer neuen Umgebung für dich ist. Du hast dir fest vorgenommen, nach dem Credo «new city, new me» zu leben. Sei dir bewusst, dass du mit dieser Einstellung nicht allein bist. Konkret bedeutet das: Der Wohnungsmarkt ist besonders in dieser Zeit stark angespannt.

Hier kommt ein eher ungewöhnlicher Tipp von mir: Unterschätze die Möglichkeit einer Zwischenmiete nicht. Ich bin damals in genau solch ein Mietverhältnis gezogen und habe viele Vorteile daraus ziehen können. Zum einen war es einfacher für mich, während des laufenden Semesters, ein Zimmer zu finden.

Knüpfe Kontakte durch die Zwischenmiete!

Natürlich wollen alle zum Semesterstart, die langfristig nach Hannover kommen, in erster Linie einen festen Mietvertrag abschließen. Diese langfristigen Mietverhältnisse halten jedoch oft nicht, weil man sich die Mitbewohner*innen in einer WG halt nicht aussuchen kann.

Im Umkehrschluss bedeutet das für dich: Während du in einer Zwischenmiete wohnst, kannst du in Ruhe nach einer langfristigen Bleibe suchen. Im Laufe des Semesters werden immer wieder Zimmer frei, und der Andrang ist dann nicht so groß wie zu Semesterbeginn.

Außerdem hast du Zeit, dich in der Stadt umzusehen und herauszufinden, welcher Stadtteil dir am besten gefällt. Während deines Studiums wirst du sowieso neue Kontakte knüpfen – vielleicht wird ja auch bei deinen Kommiliton*innen ein Zimmer frei. So sparst du dir den anfänglichen Stress und musst nicht das nehmen, was übrig bleibt. 

Geh auf Entdeckungstour!

Meine zweite Empfehlung lautet: Erkunde deine Umgebung! Schnapp dir deine Leidensgenoss*innen und entdeckt gemeinsam die Stadt. Es tut gut, sein neues Umfeld nicht nur anhand des Stadtbahn-Linienplans kennenzulernen. Verabredet euch beispielsweise zu einem Café-Hopping und besucht die vielen süßen Cafés in Hannover – davon gibt es wirklich jede Menge.

Werde aktiv und beteilige dich in den zahlreichen Vereinen und Kollektiven, die Hannover zu bieten hat. Einige habe ich dir ja schon genannt. Letztendlich ist das eine der besten Möglichkeiten, nette Menschen kennenzulernen und dir ein interdisziplinäres Umfeld aufzubauen. Für mich war es immer wichtig, auch außerhalb meiner «Studierenden-Bubble» unterwegs zu sein. Erst dadurch habe ich gemerkt, wie vielschichtig Hannover wirklich ist.

6. Fazit

Zusammengefasst ist Hannover doch gar nicht so mittelmäßig. Ich denke, es ist wichtig zu sagen, dass jeder Anfang schwer sein kann. Vielleicht lohnt es sich, dieser Stadt nicht nur eine, sondern zwei oder sogar drei Chancen zu geben. Rauszugehen, die Stadt erkunden und aktiv werden, ist der Schlüssel, um aus dem vermeintlich lauwarmen Süppchen in Niedersachsen eine richtig würzige Angelegenheit zu machen.

Dann wirst du schnell gleichgesinnte Menschen treffen und merken, dass dieser Ort – mit einem Pferd auf dem Wappen – eine aufstrebende Stadt ist. Sie ist so reich an Kultur, weil ihre Einwohner*innen das ermöglichen. Und wenn du wie ich, nach einem sechsmonatigen Praktikum in einer anderen Stadt merkst, dass du nicht noch einmal den Stress eines erneuten Umzuges verkraftest und deshalb nicht wieder nach Hannover zurückziehst, dann ist das halt so.

So habe ich der Stadt nach drei aufregenden Jahren ebenfalls den Rücken zugekehrt, aber ich will auch nicht ausschließen, dass ich doch irgendwann mal wieder zurückkomme.

In diesem Sinne: Liebe Grüße aus Leipzig!