Für uns geträumt

Markus Heft porträtiert ältere queere Menschen in Deutschland. Seit 2022 entstehen kollaborativ intime Portraits, ergänzt durch Stillleben und Orte. Das Projekt bewahrt queere Geschichte und macht doppelte Marginalisierung im Alter sichtbar.

Axel und Christoph umarmen sich am 31. August 2025 in ihrem Schlafzimmer in Hannover.

In dem dokumentarischen Langzeitprojekt «Für uns geträumt» widmet sich Markus Heft den Lebensrealitäten von älteren queeren Menschen in Deutschland. In einem kollaborativen Prozess entstehen seit 2022 individuelle Portraits seiner Protagonist*innen, die mit Details und Stillleben von wichtigen Orten oder Gegenständen ergänzt werden. Die Bilder werden zusammen mit Interviewtexten als Fotobuch konzipiert und geben so vor allem einer jüngeren LGBTQIA+-Generation, aber auch der breiten Gesellschaft Einblicke in queeres Leben und die doppelte Marginalisierung im Alter.

Heft ist es wichtig, ein Dokument zu schaffen, das ein kleines Stück queere Geschichte bewahrt. Denn diese Geschichte ist im öffentlichen Leben kaum präsent und auch in der Geschichtsschreibung unterrepräsentiert. Die Erfahrungen der Protagonist*innen finden sich weder in Schulbüchern noch werden sie am Familientisch erzählt und gehören auch nicht zum Allgemeinwissen – sie müssen aktiv gesucht werden, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Für den Fotografen bedeutet das Kennenlernen dieser Lebensrealitäten einen entscheidenden Unterschied.

Die Motivation zur Arbeit entspringt der Suche nach Vorbildern. Als junger Mensch wusste Markus fast nichts über queere Geschichte und hatte keinen Kontakt zur älteren Generation, bis er gezielt den Austausch suchte. Daraus ergibt sich eine doppelte Perspektive: die Innensicht durch die eigene Queerness und die Sicht eines jungen Menschen auf die ältere Generation.

Markus Heft

Als ostdeutsch sozialisierter, queerer Fotograf thematisiert der 27-Jährige überwiegend Queerness und Identität in seinen Arbeiten. Bevor er 2021 sein Studium «Visual Journalism and Documentary Photography» an der Hochschule Hannover begann, schloss er seine Ausbildung als Friseurgeselle ab. Heute realisiert er vor allem dokumentarische Langzeitprojekte. Seine fotografische Praxis ist eng mit seiner eigenen Identität verbunden und dient ihm zugleich als Mittel des Selbstverständnisses und der Selbstverwirklichung.

Am 25. März 2025 sitzt Achim, 79, in seiner Wohnung in Hannover, schaut aus dem Fenster und denkt über einen Wendepunkt im Jahr 1990 nach, als er im Alter von 45 Jahren plötzlich erkannte, dass er schwul war. Nach seinem Coming-out schloss er sich einer Gruppe für schwule Väter an und fand eine Gemeinschaft, die ihn dabei unterstützte, offen zu leben. In den 1990er Jahren zog er nach Hannover, wo er zusammen mit seinem Freund Gert und dessen Partner das "Café Konrad" gründete, das zu einem zentralen Treffpunkt für die Queer-Community der Stadt wurde.

Achim, 79, erkannte 1990 mit 45 Jahren, dass er schwul ist. Später gründete er in Hannover das «Café Konrad» mit.

Achims Regenbogenflagge weht auf seiner Terrasse in Hannover.

Udo, 71, und Andreas, 61, stehen am 28. Juni 2025 in ihrem Schrebergarten in Hannover. Die beiden bewirtschaften ihren Garten seit mehr als zwei Jahrzehnten und haben sich als schwules Paar ein gemeinsames Leben in einer von heteronormativen Erwartungen geprägten Gesellschaft aufgebaut. Sie lernten sich 1995 zufällig kennen. Während Andreas früh Unterstützung in einer lokalen Jugendgruppe fand, wuchs Udo in der DDR auf, bevor er in den Westen zog, um offener leben zu können. 2014 gingen sie eine eingetragene Lebenspartnerschaft ein und 2017 heirateten sie offiziell.

Udo, 71, und Andreas, 61, bewirtschaften ihren Schrebergarten in Hannover seit mehr als zwei Jahrzehnten. 2017 heirateten sie.

Hannah, 74, die auch den Namen «Günter» verwendet, in ihrem Garten bei Hannover. Sie zeigt sich gern mal als Mann, mal als Frau.

Axels Flogger (spezielle Art von Peitsche, die im BDSM-Kontext verwendet wird) aus Lederrosen liegt auf seinem Bett in seinem BDSM-Spielzimmer in seiner Wohnung in Hannover. Sein Partner Christoph hat ihm damit einen Heiratsantrag gemacht. Die beiden sind seit 14 Jahren zusammen und haben sich bei einem BDSM-Workshop kennengelernt. Axel engagiert sich seit langem für die Rechte von queeren Menschen in Deutschland, zunächst wirkte er bei der rechtlichen Anerkennung der eingetragenen Partnerschaft und später für die Gleichstellung der Ehe mit. In Anerkennung seiner Arbeit wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Heute arbeitet er im Bereich der Gesundheitsberatung.

Axels Flogger aus Lederrosen – eine Peitsche aus dem BDSM-Kontext. Damit machte ihm sein Partner Christoph einen Heiratsantrag.

Axel und Christoph umarmen sich am 31. August 2025 in ihrem Schlafzimmer in Hannover.

Axel und Christoph sind seit 14 Jahren ein Paar. Axel kämpft seit Langem für die Rechte queerer Menschen.

Moritz am 9. Oktober 2025 in seinem Zuhause in Lüneburg.

Moritz wusste schon als Kind in den 1970er Jahren, wer er war: ein Junge, der auch ein Mädchen ist.

Am 20. Mai 2025 steht Anjo in einem Rhododendronbusch in einem Park in Hamburg.

Anjo brauchte fast zehn Jahre, um die eigene Identität als intergeschlechtliche Person zu finden. Heute engagiert sich Anjo im Verein «Intergeschlechtliche Menschen e.V.».

Kerstin Juschkat-Schafhaupt (64) am 27. September 2025 in Witzenhausen, Deutschland.

Kerstin, 64, ist seit mehr als 21 Jahren mit ihrer Partnerin Antje zusammen. Sie beschreibt sich als «menschenliebend».

Tina, 67, und Claudia, 64, auf ihrem Wohnwagenstellplatz am 14. Juni 2025 in der Nähe von Gießen. Die beiden lernten sich 1992 durch ihre Kinder in einem Schwimmbad kennen und wurden enge Freundinnen, bevor sie 1999 erkannten, dass ihre Verbindung mehr als nur Freundschaft war. Trotz der Schwierigkeiten, die durch Scheidung und sozialen Druck verursacht wurden, haben sie eine dauerhafte Partnerschaft aufgebaut, die seit über 26 Jahren besteht. Heute verbringen sie jedes Jahr die Sommermonate auf einem Campingplatz am See in ihrem Wohnmobil.

Tina, 67, und Claudia, 64, sind seit mehr als 26 Jahren ein Paar. Die Sommer verbringen sie in ihrem Wohnmobil an einem See.

Das offene Wohnwagenfenster von Tina und Claudia.

Am 21. November 2022 bindet Bernd, 66, in seinem Schlafzimmer in Hannover seine Krawatte. Nach Jahrzehnten des Mobbings und der Diskriminierung hat Bernd durch seinen eigenen Stil sein Selbstbewusstsein zurückgewonnen. Als schwuler Mann, der in einer ländlichen Gegend Deutschlands aufgewachsen ist, sah er sich mit Isolation konfrontiert und zögerte, sich zu outen, was schließlich im Erwachsenenalter schrittweise geschah. Trotz der Ablehnung durch Teile seiner Familie und dem Verlust zweier langjähriger Partner ist Bernd sich selbst treu geblieben. 2006 lernte er seinen Mann Joachim online kennen, und ihre Beziehung hielt bis zu Joachims plötzlichem Tod im Jahr 2018. Heute reflektiert Bernd über Resilienz, Verlust und die Herausforderungen des Älterwerdens in einer Gesellschaft, in der queere Senior*innen oft sowohl mit Unsichtbarkeit als auch mit Altersdiskriminierung konfrontiert sind.

Nach Jahrzehnten des Mobbings hat Bernd, 66, über seinen eigenen Stil zu Selbstbewusstsein gefunden.

Anjali, 66, und Raddhi, 68, am 28. September 2025 in ihrem Schlafzimmer in Witzenhausen. Sie lernten sich 1988 in Pune, Indien, als Osho-Sannyasins kennen und verliebten sich während einer Augenmeditation. Nachdem sie einige Zeit zwischen Hamburg und Frankfurt verbracht hatten, zogen sie zusammen. In Frankfurt prägten sie die Szene mit, unter anderem durch regelmäßige Lesbenabende in einer Disco und auch durch die Moderation des CSD.

Anjali, 66, und Raddhi, 68, verliebten sich 1988 in Pune, Indien. In Frankfurt prägten sie später die lesbische Szene mit.

Am 11. April 2025 posiert Gert, 71, in seiner Wohnung in Hannover mit seinem Regenbogenfächer. Im Alter von 38 Jahren outete er sich gegenüber seiner Frau und seinen drei Kindern und fand erstmals Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe für schwule Väter im Waldschlösschen bei Göttingen. Später engagierte er sich in einem schwulen Chor und einer Cheerleader-Truppe und prägte die Szene in Hannover maßgeblich, indem er 1996 zusammen mit seinem Partner und seinem Kumpel Achim das "Café Konrad" gründete.

Gert, 71, mit seinem Regenbogenfächer. 1996 gründete er mit seinem Partner und Achim das «Café Konrad» in Hannover.

Am 5. Januar 2025 bereitet sich Michael, 67, auf dem verschneiten Steg des Maschsees in Hannover darauf vor, mit seinem queeren Ruderclub, den "Leinebaggern", zu rudern. Michael ist als Leiter der Stadtbibliothek Hannover tätig und prägt damit den Zugang zu Kultur und das öffentliche Leben in der Stadt. 2024 ermöglichte er das "queere Wohnzimmer" in der Stadtbibliothek, in dem Ausstellungen und Lesungen, sowie Workshops zu queeren Themen stattfanden.

Michael, 67, vor dem Rudern mit seinem queeren Ruderclub «Leinebagger» auf dem Maschsee. Er leitet die Stadtbibliothek Hannover.

Am 3. Januar 2023 stehen Bettina, 61, und Bettina, 71, mit ihrem Hund in ihrem Haus in Hannover. Die beiden sind seit 1981 ein Paar und teilen seit mehr als vier Jahrzehnten ihr Leben miteinander. In den ersten Jahren fanden sie Gemeinschaft in lesbischen Gruppen und Räumen in Hannover, wo Austausch und Sichtbarkeit langsam möglich wurden. In den 1990er Jahren beschlossen sie, eine Familie zu gründen und zogen gemeinsam zwei Kinder groß, zu einer Zeit, als die rechtlichen Rahmenbedingungen diesen Weg für gleichgeschlechtliche Paare extrem erschwerten. Im Jahr 2005 gehörten sie zu den ersten lesbischen Paaren in Deutschland, die trotz Widerstands vor Gericht die Stiefkindadoption durchsetzen konnten. Als 2017 die Ehe für alle Realität wurde, ließen sie ihre Beziehung beim Standesamt in Hannover eintragen.

Bettina, 61, und Bettina, 71, sind seit 1981 ein Paar. 2005 setzten sie als eines der ersten lesbischen Paare in Deutschland die Stiefkindadoption vor Gericht durch.