Wie du deine Porträts neu denken kannst.
Wenn uns Porträts tief berühren, aufrütteln oder in den Bann ziehen, ist das ein sicheres Anzeichen für ein starkes Bild. Doch wie gelingt das? Hier findest du konkrete Ansätze und Tipps von Expert*innen aus der Praxis.
Fotos: China Hopson
Ein gelungenes Porträt kann eine Geschichte erzählen, Emotionen wecken und eine Verbindung zwischen Betrachter*in und Protagonist*in schaffen. Doch wie entsteht ein solches Bild? Welche Überlegungen gehen dem Prozess voraus? In einer Welt, in der Bilder schnell konsumiert werden, fordert die Portraitfotografie ein bewussteres, durchdachteres Vorgehen.
Dieser Artikel beleuchtet die zentralen Aspekte, die für ein kraftvolles Porträt relevant sind – von der Intention bis hin zur Beziehungsebene zwischen Fotograf*in und Protagonist*in.
Inhalt
1. Intention: Was will ich erzählen?
2. Look – die visuelle Sprache: Die Ästhetik eines Portraits ist entscheidend für seine Wirkung. Die Wahl des Lichts, die Komposition und der Abstand zur Person beeinflussen, wie das Bild wahrgenommen wird.
3. Wahl der Kamera: Die Technik ist prozessprägend und die richtige Wahl erleichtert die Umsetzung.
4. Setting: Der Ort des Portraits Die Wahl des Ortes beeinflusst die Aussage und Atmosphäre.
5. Beziehungsebene: Vertrauen als Grundlage Ein gutes Portrait entsteht im Dialog.
6. Fazit: Portrait neu denken – Eine Einladung zur Reflexion.
China Hopson ist Alumni und arbeitet seit ihrem Abschluss an der Hochschule Hannover als Porträtfotografin in Hannover und Umgebung. Ihr fotografischer Stil ist vorwiegend von natürlichem Licht und dem Fokus auf den Umgang mit Menschen vor der Kamera geprägt. Mit großer Sensibilität und Respekt begegnet sie den porträtierten Personen, wobei ihr besonders wichtig ist, dass sie sich beim Fotografieren wohlfühlen und ihr vertrauen können.
Meine Vision ist es mehr Sichtbarkeit für Schwarze Menschen sowie BIPOC in Deutschland zu erreichen.
China Hopson
Foto: Volker Crone, Porträt von China Hopsen
1. Intention: Was will ich erzählen?
Ein Porträt beginnt mit einer Vision. Es geht darum, eine klare Botschaft zu definieren:
Freies Projekt vs. Auftragsarbeit
Während freie Projekte oft kreativen Freiraum bieten, folgen Auftragsarbeiten meist einem definierten Briefing. Hier gilt es, die eigenen künstlerischen Ansprüche mit den Erwartungen des Kunden abzugleichen.
Stimmung und Emotion
Soll das Porträt Intimität, Stärke oder Verletzlichkeit ausdrücken? Diese emotionale Ausrichtung prägt die gesamte Herangehensweise.
Inhaltliche Aussage
Welche Aspekte der Persönlichkeit oder Lebensrealität der Person sollen im Bild sichtbar werden? Jedes Detail im Bild nimmt Einfluss auf die Erzählung.
2. Look – Die visuelle Sprache
Der Look eines Porträts ist entscheidend für seine Wirkung. Die Wahl des Lichts, die Komposition und der Abstand zur Person beeinflussen, wie das Bild wahrgenommen wird:
Natürliches Licht
Es bietet eine alltagsnahe Atmosphäre, ist jedoch abhängig von der Tageszeit und dem Wetter. Das Spektrum des natürlichen Lichtes reicht von hartem Licht (meist zur Mittagszeit) bis hin zu weichem, diffusem Licht (meist morgens und abends). Anhand des Schattenwurfs im Gesicht der porträtierten Person kann man genau erkennen, welche Charakteristik das Licht mit sich bringt.
Kunstlicht
Es ermöglicht präzises Arbeiten. Farbe, Form, Richtung und Intensität des Lichts lassen sich steuern. Einen tieferen Einblick in die Arbeit mit Kunstlicht bekommst du, wenn du dir unseren Beitrag zur Lichtsetzung im Studio anschaust.
Distanz
Mit welcher Nähe möchtest du von der abgebildeten Person erzählen? Überlege dir bewusst, wie nah oder weit entfernt du zur Person stehen möchtest und mit welchem Objektiv du arbeitest. Je weiter die Brennweite, desto näher begegnet man der Person auf der optischen Ebene.
Eine längere Brennweite führt dazu, dass die Person optisch näher rückt, was als Kompressionseffekt bezeichnet wird. Dabei kann man sich jedoch physisch weiter entfernt von der Person befinden. Finde heraus, welche Distanz und welches Porträtobjektiv zu dir passen.
Fotos: Jonas Kako, Porträts aus der Arbeit «The dying River»
3. Wahl der Kamera
Vertrautheit
Welche Kamera fühlt sich sicher in der Handhabung an? Souveräne Routine ermöglicht dir, dich ganz auf dein Motiv zu konzentrieren. Du solltest deine Equipment blind beherrschen können.
Analog vs. Digital
Digital punktet mit Schnelligkeit, Flexibilität und Kontrolle, analog setzt bewusste Grenzen, liefert Qualität und Ästhetik, bringt jedoch Kosten mit sich.
Jasmina Hanf ist Alumna der Hochschule Hannover und aktuelle Bildredakteurin bei der ZEIT. Mit ihrer langjährigen Erfahrung mit journalistischen Porträts weiß sie, wie wichtig es ist, dass sich die Protagonist*innen im Moment des Fotografierens wohlfühlen und sich fallen lassen können.
Bei einem journalistischen Porträt geht es darum, der abgebildeten Person mit einer besonderen Beobachtungsgabe gerecht zu werden.
Jasmina Hanf, Alumni und aktuelle Bildredaktuerin bei der ZEIT
4. Setting: Der Ort des Portraits
Vertraute Umgebung
Die heimische Umgebung bringt Authentizität und Komfort für die porträtierte Person!
Studio
Ein kontrolliertes Setting eröffnet kreativen Spielraum, kann jedoch unpersönlicher wirken.
Die Entscheidung hängt von der gewünschten Stimmung und Aussage des Portraits ab.
Der sichtbare Kontext
Im Bild kann einen inhaltlicher Kontext Mehrwert schaffen, der gerade im Journalismus eine größere Rolle spielt.
Fotos: Anton Vester, Auftragsportraits aus seiner Fotografen-Hospitanz bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Trippel, Professor für Fotografie an der Hochschule Hannover, mit dem Schwerpunkt Porträt, sagt, dass sich «mitgebrachte Ansichten» einer Person leichter fotografieren lassen, als zu versuchen, in dem Moment für die Begegnung offen zu sein. «Es ist wesentlich, dass du viele Porträts machst und dann herausfindest, wo du einfach nicht so gut bist, was du nicht so magst und was du eigentlich gerne können würdest», so Trippel.
Aus heutiger Sicht würde ich sagen, versuche so offen wie möglich zu sein, ohne langweilig zu werden.
Michael Trippel
Foto: Raimund Zakowski
5. Beziehungsebene: Vertrauen als Grundlage
Reflexion über Machtverhältnisse und Verantwortung
Im journalistischen Kontext ist es von großer Bedeutung, sich der Machtverhältnisse bewusst zu sein, die zwischen Fotograf*in und der abgebildeten Person bestehen. Die Verantwortung, die damit einhergeht, bedeutet, sicherzustellen, dass die Privatsphäre respektiert und transparent gearbeitet wird. Gerade bei Menschen, die weniger mediale Erfahrung haben, sollte die Fotografin eine besondere Sensibilität an den Tag legen.
Zeitaufwand und Einbindung
Ein intensives und ausführliches Kennenlernen kann die Basis schaffen für einen vertrauensvollen Umgang. Zum Beispiel auf einen gemeinsamen Kaffee vor dem Shooting.
Wie stark wird die porträtierte Person in den kreativen Prozess einbezogen? Diese Partizipation kann ihr Wohlbefinden und damit den Ausdruck stark beeinflussen. Zum Beispiel: Lieblingsmusik kann helfen, dass man mit sich in Verbindung bleibt, trotz einer ungewohnten Atmosphäre.
Mut und Grenzen
Ein Porträt lebt von Mut zur Nähe – ohne jedoch Grenzen zu überschreiten. Respekt und Sensibilität sind essenziell.
6. Fazit: Portrait neu denken – Eine Einladung zur Reflexion
Die Porträtfotografie ist ein vielschichtiger Prozess, der technische, emotionale und soziale Aspekte miteinander verbindet. Es geht nicht nur darum, wie ein Bild entsteht, sondern auch darum, dass wir auch Bewusstsein in das Handeln stecken. Indem wir uns Zeit nehmen, die Intention zu schärfen, unser Setting bewusst zu wählen und eine Verbindung zu den Menschen vor unserer Kamera aufzubauen, schaffen wir Porträts, die mehr sind als flüchtige Momentaufnahmen.
Dieser Ansatz fordert von Fotograf*innen Mut zur Reflexion und eine bewusste Arbeitsweise. Doch die Belohnung sind Porträts, die sowohl für die Abgebildeten als auch für die Betrachtenden eine tiefere Bedeutung haben können.
Porträtfotograf*innen
Arnold Newman für klassische Portraits mit Kontext
Annie Leibovitz für inszenierte, ikonische Promi-Portraits
Zanele Muholi für Portraits aus einer starken Community-Perspektive
Richard Avedon für inszenierte Portraits im Modekontext
Rineke Dijkstra für Portraits von Kindern und Jugendlichen