Wie du deine Porträts neu denken kannst.

Wenn uns Porträts tief berühren, aufrütteln oder in den Bann ziehen, ist das ein sicheres Anzeichen für ein starkes Bild. Doch wie gelingt das? Hier findest du konkrete Ansätze und Tipps von Expert*innen aus der Praxis.

Eine Collage aus sechs Porträts, die verschiedene Personen zeigen: Oben links: Ein Mann steht ohne Hemd vor einer strukturierten hellblauen Wand im Freien. Oben Mitte: Ein Schwarz-Weiß-Kopfbild eines Mannes mit Brille und gestreiftem Hemd. Oben rechts: Eine Frau mit kastanienbraunem Haar in einem Pferdeschwanz und einer unscharfen hellbraunen Jacke steht vor einem Backsteinhaus mit Fenstern. Unten links: Nahaufnahme des Profils einer Frau mit geflochtenen Haaren, ihre Hand in der Nähe ihres Gesichts im Weichzeichner. Unten Mitte: Ein Mann in hellrosa Shorts und einer hellen Strickjacke posiert selbstbewusst in einem Garten mit einer blauen Mauer im Hintergrund. Unten rechts: Ein älterer Mann trägt ein schwarzes Hemd, eine gestreifte Strickmütze und eine goldene Kette mit einem Kreuzanhänger vor einem blassen Hintergrund. Fotos: China Hopson

Ein gelungenes Porträt kann eine Geschichte erzählen, Emotionen wecken und eine Verbindung zwischen Betrachter*in und Protagonist*in schaffen. Doch wie entsteht ein solches Bild? Welche Überlegungen gehen dem Prozess voraus? In einer Welt, in der Bilder schnell konsumiert werden, fordert die Portraitfotografie ein bewussteres, durchdachteres Vorgehen.

Dieser Artikel beleuchtet die zentralen Aspekte, die für ein kraftvolles Porträt relevant sind – von der Intention bis hin zur Beziehungsebene zwischen Fotograf*in und Protagonist*in.

Inhalt

1. Intention: Was will ich erzählen?

2. Look – die visuelle Sprache: Die Ästhetik eines Portraits ist entscheidend für seine Wirkung. Die Wahl des Lichts, die Komposition und der Abstand zur Person beeinflussen, wie das Bild wahrgenommen wird.

3. Wahl der Kamera: Die Technik ist prozessprägend und die richtige Wahl erleichtert die Umsetzung.

4. Setting: Der Ort des Portraits Die Wahl des Ortes beeinflusst die Aussage und Atmosphäre.

5. Beziehungsebene: Vertrauen als Grundlage Ein gutes Portrait entsteht im Dialog.

6. Fazit: Portrait neu denken – Eine Einladung zur Reflexion.

China Hopson ist Alumni und arbeitet seit ihrem Abschluss an der Hochschule Hannover als Porträtfotografin in Hannover und Umgebung. Ihr fotografischer Stil ist vorwiegend von natürlichem Licht und dem Fokus auf den Umgang mit Menschen vor der Kamera geprägt. Mit großer Sensibilität und Respekt begegnet sie den porträtierten Personen, wobei ihr besonders wichtig ist, dass sie sich beim Fotografieren wohlfühlen und ihr vertrauen können.

Meine Vision ist es mehr Sichtbarkeit für Schwarze Menschen sowie BIPOC in Deutschland zu erreichen.

China Hopson
Foto: Volker Crone, Porträt von China Hopsen

1. Intention: Was will ich erzählen?

Ein Porträt beginnt mit einer Vision. Es geht darum, eine klare Botschaft zu definieren:

Freies Projekt vs. Auftragsarbeit

Während freie Projekte oft kreativen Freiraum bieten, folgen Auftragsarbeiten meist einem definierten Briefing. Hier gilt es, die eigenen künstlerischen Ansprüche mit den Erwartungen des Kunden abzugleichen.

Stimmung und Emotion

Soll das Porträt Intimität, Stärke oder Verletzlichkeit ausdrücken? Diese emotionale Ausrichtung prägt die gesamte Herangehensweise.

Inhaltliche Aussage

Welche Aspekte der Persönlichkeit oder Lebensrealität der Person sollen im Bild sichtbar werden? Jedes Detail im Bild nimmt Einfluss auf die Erzählung.

2. Look – Die visuelle Sprache

Der Look eines Porträts ist entscheidend für seine Wirkung. Die Wahl des Lichts, die Komposition und der Abstand zur Person beeinflussen, wie das Bild wahrgenommen wird:

Natürliches Licht

Es bietet eine alltagsnahe Atmosphäre, ist jedoch abhängig von der Tageszeit und dem Wetter. Das Spektrum des natürlichen Lichtes reicht von hartem Licht (meist zur Mittagszeit) bis hin zu weichem, diffusem Licht (meist morgens und abends). Anhand des Schattenwurfs im Gesicht der porträtierten Person kann man genau erkennen, welche Charakteristik das Licht mit sich bringt. 

Kunstlicht

Es ermöglicht präzises Arbeiten. Farbe, Form, Richtung und Intensität des Lichts lassen sich steuern. Einen tieferen Einblick in die Arbeit mit Kunstlicht bekommst du, wenn du dir unseren Beitrag zur Lichtsetzung im Studio anschaust.

Distanz

Mit welcher Nähe möchtest du von der abgebildeten Person erzählen? Überlege dir bewusst, wie nah oder weit entfernt du zur Person stehen möchtest und mit welchem Objektiv du arbeitest. Je weiter die Brennweite, desto näher begegnet man der Person auf der optischen Ebene. 

Eine längere Brennweite führt dazu, dass die Person optisch näher rückt, was als Kompressionseffekt bezeichnet wird. Dabei kann man sich jedoch physisch weiter entfernt von der Person befinden. Finde heraus, welche Distanz und welches Porträtobjektiv zu dir passen.

Eine Collage aus sechs Fotos, die verschiedene Personen und Szenen zeigen: Oben links: Ein Mann mit Cowboyhut und leichter Jacke sitzt in einem Auto und blickt mit gefalteten Händen aus dem Fenster. Oben rechts: Eine Frau in traditioneller Kleidung steht in der Nähe eines Sumpfgebiets und hält ein rauchendes Bündel in die Höhe, das wie ein Ritual aussieht. Mitte links: Drei Personen in Imkeranzügen stehen in einer Wüstenlandschaft, in der es von Bienen nur so wimmelt. Mitte rechts: Eine Person sitzt in einem gekennzeichneten „Water Patrol“-Fahrzeug des Las Vegas Valley Water District, das von den Blinklichtern des Fahrzeugs beleuchtet wird. Unten links: Ein Paar sitzt zusammen in einem behelfsmäßigen Unterstand unter einer Brücke, umgeben von persönlichen Gegenständen und Alltagsgegenständen. Unten rechts: Ein Mann ohne Hemd und mit roter Mütze sitzt auf der Ladefläche eines weißen Lastwagens in einer kargen Wüstengegend und hält eine Getränkedose in der Hand. Fotos: Jonas Kako, Porträts aus der Arbeit «The dying River»

3. Wahl der Kamera

Vertrautheit

Welche Kamera fühlt sich sicher in der Handhabung an? Souveräne Routine ermöglicht dir, dich ganz auf dein Motiv zu konzentrieren. Du solltest deine Equipment blind beherrschen können.

Analog vs. Digital

Digital punktet mit Schnelligkeit, Flexibilität und Kontrolle, analog setzt bewusste Grenzen, liefert Qualität und Ästhetik, bringt jedoch Kosten mit sich.

Jasmina Hanf ist Alumna der Hochschule Hannover und aktuelle Bildredakteurin bei der ZEIT. Mit ihrer langjährigen Erfahrung mit journalistischen Porträts weiß sie, wie wichtig es ist, dass sich die Protagonist*innen im Moment des Fotografierens wohlfühlen und sich fallen lassen können.

Bei einem journalistischen Porträt geht es darum, der abgebildeten Person mit einer besonderen Beobachtungsgabe gerecht zu werden.

Nahaufnahme von Jasmina Hanf Jasmina Hanf, Alumni und aktuelle Bildredaktuerin bei der ZEIT

4. Setting: Der Ort des Portraits

Vertraute Umgebung

Die heimische Umgebung bringt Authentizität und Komfort für die porträtierte Person!

Studio

Ein kontrolliertes Setting eröffnet kreativen Spielraum, kann jedoch unpersönlicher wirken.
Die Entscheidung hängt von der gewünschten Stimmung und Aussage des Portraits ab.

Der sichtbare Kontext

Im Bild kann einen inhaltlicher Kontext Mehrwert schaffen, der gerade im Journalismus eine größere Rolle spielt.


Fotos: Anton Vester, Auftragsportraits aus seiner Fotografen-Hospitanz bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Michael Trippel, Professor für Fotografie an der Hochschule Hannover, mit dem Schwerpunkt Porträt, sagt, dass sich «mitgebrachte Ansichten» einer Person leichter fotografieren lassen, als zu versuchen, in dem Moment für die Begegnung offen zu sein. «Es ist wesentlich, dass du viele Porträts machst und dann herausfindest, wo du einfach nicht so gut bist, was du nicht so magst und was du eigentlich gerne können würdest», so Trippel.

Aus heutiger Sicht würde ich sagen, versuche so offen wie möglich zu sein, ohne langweilig zu werden.

Michael Trippel
Foto: Raimund Zakowski

5. Beziehungsebene: Vertrauen als Grundlage

Reflexion über Machtverhältnisse und Verantwortung 

Im journalistischen Kontext ist es von großer Bedeutung, sich der Machtverhältnisse bewusst zu sein, die zwischen Fotograf*in und der abgebildeten Person bestehen. Die Verantwortung, die damit einhergeht, bedeutet, sicherzustellen, dass die Privatsphäre respektiert und transparent gearbeitet wird. Gerade bei Menschen, die weniger mediale Erfahrung haben, sollte die Fotografin eine besondere Sensibilität an den Tag legen. 

Zeitaufwand und Einbindung

Ein intensives und ausführliches Kennenlernen kann die Basis schaffen für einen vertrauensvollen Umgang. Zum Beispiel auf einen gemeinsamen Kaffee vor dem Shooting.

Wie stark wird die porträtierte Person in den kreativen Prozess einbezogen? Diese Partizipation kann ihr Wohlbefinden und damit den Ausdruck stark beeinflussen. Zum Beispiel: Lieblingsmusik kann helfen, dass man mit sich in Verbindung bleibt, trotz einer ungewohnten Atmosphäre.

Mut und Grenzen

Ein Porträt lebt von Mut zur Nähe – ohne jedoch Grenzen zu überschreiten. Respekt und Sensibilität sind essenziell.

6. Fazit: Portrait neu denken – Eine Einladung zur Reflexion


Die Porträtfotografie ist ein vielschichtiger Prozess, der technische, emotionale und soziale Aspekte miteinander verbindet. Es geht nicht nur darum, wie ein Bild entsteht, sondern auch darum, dass wir auch Bewusstsein in das Handeln stecken. Indem wir uns Zeit nehmen, die Intention zu schärfen, unser Setting bewusst zu wählen und eine Verbindung zu den Menschen vor unserer Kamera aufzubauen, schaffen wir Porträts, die mehr sind als flüchtige Momentaufnahmen. 

Dieser Ansatz fordert von Fotograf*innen Mut zur Reflexion und eine bewusste Arbeitsweise. Doch die Belohnung sind Porträts, die sowohl für die Abgebildeten als auch für die Betrachtenden eine tiefere Bedeutung haben können.

Porträtfotograf*innen

Arnold Newman für klassische Portraits mit Kontext 

Annie Leibovitz für inszenierte, ikonische Promi-Portraits 

Zanele Muholi für Portraits aus einer starken Community-Perspektive 

Richard Avedon für inszenierte Portraits im Modekontext

Rineke Dijkstra für Portraits von Kindern und Jugendlichen


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