Queere Profifußballer: «Das kann einen Spieler schnell brechen»

Warum sich kein aktiver Bundesligaprofi outet – obwohl Vereine, Verbände und Fans längst Regenbogenfarben tragen. Von Amelie Arras

Karlsruher SC vs 1. FC Nürnberg, 13.09.2025 Foto: Marvin Ibo Güngör

Es ist Freitagabend, Hannover 96 spielt gegen den Karlsruher SC. Die Flutlichter der Heinz-von-Heiden-Arena strahlen hell und die Ränge sind ausverkauft. Hannover 96 im rot-schwarzen Heimtrikot, der KSC in weiß-blauen Trikots. Zweiundzwanzig Spieler unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe geben sich vor dem Anpfiff die Hand. Fußball verbindet – sollte man meinen. 

Doch Homosexualität ist im deutschen Herren-Profifußball immer noch ein Tabu. Trotz lauter Stimmen für Gleichberechtigung in den sozialen Medien ist im Jahr 2025 kein aktiver Spieler bekannt, der zur LGBTQ+-Community gehört. Thomas Hitzlsperger und Marcus Urban sind die einzigen deutschen Spieler, die sich geoutet haben – allerdings erst nach ihrer aktiven Karriere. Es stellt sich die Frage: Warum gibt es keine queeren Fußballspieler? Die Antwort: Es gibt sie, sie gehen nur nicht mit ihrer Sexualität an die Öffentlichkeit.

Profisport fordert kantige Männer

Für Thorsten Blank von der queeren Fanorganisation «Volkspark Junxx» liegt eines der Kernprobleme im traditionellen Männlichkeitsbild, das im Fußball weiterhin vorherrschend ist. «Bei vielen Profifußballern ist das Thema Männlichkeit in der Darstellung nach außen unheimlich wichtig, um nicht als verweichlicht oder damit als eine vermeintlich schwächere Person angesehen zu werden.» Im Profisport herrscht das Bild von Stärke, von rauen und kantigen Männern. 

Oft werde homosexuellen Männern nachgesagt, sie würden sich femininer verhalten als heterosexuelle Männer. Diese vermeintlich femininere Art könnte dann mit Schwäche verbunden und damit mit schlechterer Leistung auf dem Fußballfeld in Zusammenhang gebracht werden. Ein solches Bild von Männlichkeit ließe sich jedoch nicht nur im Fußball oder im Sport allgemein finden. «Profifußball ist auch immer nur ein Teil der Gesamtgesellschaft», so Blank. Im Frauenfußball ist es hingegen keine Seltenheit, dass sich eine Spielerin als lesbisch outet und offen mit ihrer Sexualität umgeht. Auch daran zeigt sich, dass das traditionelle Bild von Männlichkeit es queeren Männern im Fußball schwerer macht. 

Karlsruher SC vs Eintracht Braunschweig, Foto: Marvin Ibo Güngör

Die Angst vor der Kurve

Neben den traditionellen Rollenbildern könnten sich betroffene Spieler auch vor der Reaktion der Fans auf ein Outing fürchten. Besonders in der ersten und zweiten Bundesliga gibt es riesige Fanlager, die voller Leidenschaft den Fußball ihres Vereins unterstützen. Sie üben aber auch einen gewissen Einfluss auf Vereine und Spieler aus. 

Die Präsenz queerfeindlicher Botschaften wird dabei immer wieder sichtbar: So prangte beim Spiel von Eintracht Frankfurt gegen den FC St. Pauli im Januar 2025 ein Banner mit der Aufschrift «CBD statt CSD» in der Frankfurter Fankurve. Der Vorfall wurde von Vereinen, Verbänden und der Öffentlichkeit stark kritisiert, zeigt aber, dass auch  homophobe Äußerungen in Stadien getätigt werden.

Thorsten Blank zufolge fürchten sich queere Spieler vor den Reaktionen der Fans: «Gerade von den gegnerischen Fanlagern ist zu erwarten, das kennt man ja in Teilen auch schon, dass da Schmähgesänge und andere Anfeindungen kommen würden.» Auch vor den eigenen Fanlagern seien die Spieler nicht sicher. «In dem Moment, wo ein Spieler ein Formtief hat und grottig spielt, würden sich auch die eigenen Fans schnell dazu verleiten lassen, bei Schimpfwörtern auf die Sexualität abzuzielen. Irgendjemanden zu beschimpfen, weil er blöde spielt, ist im Stadion normal.»

Oft handelt es sich bei aktiven Spielern um junge Menschen im Alter von ca. 20–30 Jahren. In dieser frühen Phase des Lebens und der Persönlichkeitsentwicklung sieht Thorsten es als große Herausforderung, sich vor einem Millionenpublikum öffentlich zu outen. «Einem Spieler Anfang zwanzig so viel Druck aufzuerlegen, dass er offen sagen kann: ‚Ich möchte so leben, wie ich mich fühle‘, während sich gleichzeitig eine ganze Kurve gegen ihn stellt, kann einen Spieler schnell brechen», so Thorsten Blank.

Dortmunder Fans zünden Pyrotechnik, Foto: Marvin Ibo Güngör

Medien als Druckfaktor

Ein Spieler in der Fußball-Bundesliga, der sich als homosexuell oder queer outen würde, würde vor allem eines mit sich ziehen: eine große mediale Aufmerksamkeit. «Es ist eben so, dass, sobald sich ein Spieler outet, er medial auf ein Podest gestellt wird. Was ja eigentlich komisch ist, denn wir leben in Zeiten, in denen es völlig normal ist, Menschen mit verschiedenen sexuellen Orientierungen auch in der Öffentlichkeit wahrzunehmen», merkt Juri Sladkov, Leiter für Nachhaltigkeit und CSR bei Hannover 96, an. «Du hast es in der Politik, im Showbusiness oder im alltäglichen Leben. Aber im Fußball wird es noch immer zu etwas Besonderen gemacht», sagt er.

Ein selbstverständlicher Umgang mit dem Thema würde ein Coming-out erleichtern. Wie die Medien über ein Thema berichten, wirkt sich automatisch auch auf das Publikum aus. «Wenn wir es insgesamt in der Gesellschaft schaffen, dass unterschiedliche Lebensformen selbstverständlich sind, dann würde sich das auch auf den Fußball auswirken. Es gibt aber aktuell politische Strömungen, die es schwieriger machen», so Thorsten Blank. 

Karlsruher SC vs Eintracht Braunschweig, Foto: Marvin Ibo Güngör

Das Fußballpublikum ist häufig ein guter Querschnitt der Gesellschaft.

Juri Sladkov

Wie kann man nun Spielern einen sicheren Raum bieten, offen mit ihrer Sexualität umzugehen? Beim Zweitligisten Hannover 96 setzt man sich sehr für eine diverse Community ein. Juri Sladkov erklärt, dass sich der Verein «der Reichweite, die mit dem Fußball einhergeht, und auch mit der Verantwortung, die wir als gesellschaftliche Akteure wahrnehmen», bewusst sei. Auch öffentlich positioniert sich Hannover 96 immer wieder gegen Homophobie und für eine diverse Kultur im Fußball, mit beispielsweise Statements auf der Homepage. 

Gleichzeitig ist der Verein Schirmherr beim Christopher Street Day in Hannover und bezieht damit öffentlich Stellung. Hannover 96 versucht, die Heinz-von-Heiden-Arena so friedlich wie möglich zu halten. «Es kommen zehntausende Menschen alle zwei Wochen in unsere Arena, und das Fußballpublikum ist häufig ein guter Querschnitt der Gesellschaft», so Sladkov. 

Neben Fanorganisationen wie «AK 96 Fans gegen Rassismus» kümmert sich der Verein seit dieser Saison auch um Sicherheit im Stadion. Ein Awareness-Team steht allen Fans zur Verfügung. Wer Anfeindungen bei sich oder anderen erlebt, kann sich dort melden und bekommt direkt Hilfe. Es gebe aktuell auch schon einen Fall, der juristisch überprüft werde.

Ungewisse Konsequenzen

Die Problematik, dass es in Deutschland keinen geouteten aktiven Spieler in den höheren Ligen gibt, erklärt Sladkov wie folgt: «Es gibt bei den betroffenen Personen einfach eine große Ungewissheit darüber, welche Konsequenzen oder welche vermeintlichen Konsequenzen das für ihre Karriere und für ihr Leben bedeutet.» Auch Thorsten Blank meint, dass die Angst vor Reaktionen der Sponsoren einen großen Einflussfaktor darstellen kann. 

Ein Spieler braucht also von seinem Verein und seinem Umfeld eine gewisse Sicherheit, wie mit dem Thema umgegangen wird. Im Fall von Hannover 96 erklärt Juri Sladkov, dass sich in Bezug auf Verträge oder Standings im Verein aufgrund der sexuellen Orientierung nichts für den Spieler ändern würde. Ein Verein kann damit einen Safe Space schaffen, weitere ungewisse Faktoren wie Fans oder Sponsoren aber nicht vollständig kontrollieren.

Sticker vor der Heinz-Von-Heiden-Arena. Foto: Amelie Arras

DFB im Widerspruch

Auch der Deutsche Fußball-Bund setzt sich mit öffentlichen Kampagnen für die queere Community ein. Thorsten übt gleichzeitig Kritik an gewissen Entscheidungen des DFB: «Vor ein paar Jahren hatten wir eine Weltmeisterschaft in Katar, jetzt wurde sie für 2034 nach Saudi-Arabien vergeben. Wir wissen alle, wie es in diesen Ländern um Menschenrechte steht und dass diese Länder sich offen gegen Homosexualität äußern. Klar war es keine alleinige Entscheidung des DFB, zugestimmt hat der Verband aber trotzdem», so Thorsten Blank.

Homosexualität bleibt im deutschen Profifußball ein Tabu – nicht wegen fehlender Spieler, sondern wegen gesellschaftlicher Erwartungen, Männlichkeitsbildern und Angst vor Fan- und Medienreaktionen. Vereine wie Hannover 96 zeigen, dass sichere Räume und klare Unterstützung möglich sind, doch bis zu einem Coming-out braucht es ein Umdenken in der gesamten Gesellschaft.

© Marvin Ibo Güngör

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