Die Rückkehr der Furie
In patriarchalen Gesellschaften sollen Frauen für alles Verständnis haben. Werden sie wütend, heißen sie «Furien». Doch wie schlimm ist es wirklich, eine «Furie» zu sein? Von Paula Tauber (Text) und Noe Hasler (Illustration)
Trigger Warnung: Sexualisierte Gewalt und Depression
Illustration. von Noe Hasler
«Was fühlen Sie bei dieser Ungerechtigkeit?», fragt meine Therapeutin und schaut mich abwartend an. Ich spiele nervös mit meinem Haargummi. Mindestens dreißig Sekunden sind schon vergangen. Jetzt sollte ich wirklich langsam antworten, denke ich. «Traurigkeit», platzt es aus mir heraus. Das ist meistens die erste Emotion, die mich erfüllt, wenn mir etwas Ungerechtes passiert. Schnell schiebe ich hinterher: «Und Verständnis. Ich kann mir ja rational erklären, warum das passiert ist, auch wenn es sich vielleicht nicht gut für mich anfühlt.» «Und sind Sie auch wütend?», fragt meine Therapeutin.
Wut? Warum sollte ich so etwas fühlen? Wut ist doch nicht produktiv. Wut ist zerstörerisch. Wut ist ein Ausdruck von Unbeholfenheit und fehlender Kontrolle. Das bin ich nicht. Das will ich nicht sein. Wie kann ich auf Menschen wütend sein, wenn ich doch verstehe, warum sie getan haben, was sie getan haben? So etwas möchte ich nicht fühlen.
Wenn ich länger nachdenke, weiß ich gar nicht, wann ich das letzte Mal so richtig wütend auf jemanden war, der mir nahe steht. Vielleicht als mein erster Freund aus dem Nichts mit mir Schluss gemacht hat. Da war ich wütend auf ihn. Das war vor vier Jahren. Aber ich konnte ihn auch verstehen, ich kenne ihn ja. Er war schon immer ein Mensch, dem Kommunikation schwer fiel. Außerdem führten wir eine Fernbeziehung, das machte alles noch komplizierter. Und er hat sich ja bemüht. Er wollte mir nicht wehtun.
Da war also kurz Wut. In dem kurzen Moment bevor ich sein Verhalten rationalisiert und entschuldigt hatte. Und jetzt sitzt meine Therapeutin vor mir und fragt mich, warum ich nicht wütend bin. Woher soll ich das wissen? Das ist doch ihr Job, mir das zu erklären, oder nicht?
Bisher wurde mir Wut nicht als erstrebenswertes Gefühl vorgelebt. Meine Eltern waren selten wütend. Wenn sie einmal stritten, dann in feiner Manier am Küchentisch. Da wurde nicht geschrien, nicht beleidigt, nicht geweint. Bloß keine großen Gefühle.
Mit vier Jahren lernte ich, was eine Depression ist. Meine Mama hat eine. Wegen ihrer Depression, begann ich früh, mich um sie zu kümmern. Das war meine Pflicht, dachte ich wohl. Weil mein Überleben gesichert war, solange es ihr gut ging. Immerhin redeten wir in meiner Familie offen über die Krankheit meiner Mutter. Schnell lernte ich, dass eine Depression eine Krankheit wie jede andere ist und somit ein ganz normaler Teil meines Alltags. Gleichzeitig verschwammen so langsam die Grenzen. Wenn ein Kind mit einem kranken Elternteil aufwächst, ist da manchmal wenig Raum für’s Kindsein, wenig Raum für Impulsivität und das Austesten von Grenzen. Stattdessen lernte ich, achtsam zu sein und unkompliziert. Für Wut war in meiner Familie kein Platz.
Sei brav und lieb und umsichtig.
«An Paulas Verantwortungsbewusstsein solltet ihr euch mal ein Beispiel nehmen», sagte einmal ein Lehrer zu den anderen aus meiner Klasse. Damals bin ich sechzehn Jahre alt. Erwachsene schätzen mich oft älter, loben mich für mein reifes und umsichtiges Verhalten. Es ist mir peinlich. Ich will keine Streberin sein. Also auf in den Club! Das erste Mal feiern gehen in Frankfurt ist aufregend. Die Tanzfläche ist voll, Körper stoßen aneinander. Ich fühle mich frei.
Plötzlich spüre ich das steife Glied eines Mannes an mir. Er umfasst meine Hüfte und drückt seinen Unterkörper an mich. Immer und immer wieder, zum Beat der Musik. Ich versteife, fühle mich eingeengt und peinlich berührt. Da ist Scham. Scham, nicht, weil ich von einem fremden Mann berührt werde. Sondern Scham, weil ich mich geschmeichelt fühle. Davon, dass mich jemand attraktiv genug findet, um mich anzutanzen. Obwohl mir klar ist, dass hier etwas gerade gewaltig falsch läuft, kann ich nicht einordnen, was eigentlich passiert: eine klare Grenzüberschreitung. Denn mir fehlt die Wut. Die Wut, die mich vielleicht handlungsfähig gemacht hätte. Die Wut, die mich den Mann hätte wegschubsen lassen. Die Wut, die sich ihm in den Weg gestellt hätte. Die Wut, die eine Grenze gesetzt hätte. Die Wut, dank der ich verstanden hätte, dass ich diese Situation nicht aushalten muss.
Dinge für die Feministin in mir zu tun, ist irgendwie einfacher, als Dinge für das Kind in mir zu tun.
Paula Tauber
Aber wie soll ich denn auch ein gesundes Verhältnis zu einer Emotion aufbauen, die weiblich sozialisierten Menschen seit Jahrhunderten vorenthalten wird? Wenn Frauen früher wütend wurden, litten sie angeblich an Hysterie. Denn Frauen als krank zu bezeichnen, machte es leichter, sie klein zu halten. Das wussten bereits die Griechen in der Antike, als sie das Wort Hysterie von dem griechischen Wort für Gebärmutter «hystera» ableiteten.
Die Suche nach meiner Wut ist nicht nur eine Suche nach mir selbst, sondern gleichzeitig auch ein großer Mittelfinger an patriarchale Strukturen, die Frauen seit Jahrhunderten unterdrücken. Vielleicht fällt es mir vor diesem Hintergrund ja leichter, einen Zugang zu dieser verflixten Emotion zu finden. Ich baue mir also eine kleine Mogelpackung, indem ich den Fokus weg von mir hin zu einer gesellschaftlichen Ebene leite. Dinge für die Feministin in mir zu tun, ist irgendwie einfacher, als Dinge für das Kind in mir zu tun.
Es klappt! Die feministische Paula hat tatsächlich kein Problem damit, wütend zu sein. Oh, wie wütend ich sein kann – auf das System, auf übergriffige Männer, auf Rechtsextremist*innen und Klimaleugner*innen. Kollektive Wut habe ich in den letzten Jahren par excellence gemeistert. Auf Demos schreien, laut werden gegen Unterdrückung und Diskriminierung, wenn ich sie im Alltag mitbekomme. Das kann ich wirklich gut.
Vielleicht, weil es leicht ist, Wut zu empfinden, die sich rationalisieren lässt. Wenn ich anderen Menschen erkläre, dass ich wütend auf die ganzen Rechtsextremist*innen in unserem Land bin, wird das wohl kaum einer in Frage stellen. Diese Wut ist also legitim. Sie ist objektiv erklärbar und stimmt mit der Auffassung vieler Menschen überein. Wenn ich an kollektive Wut denke, spüre ich außerdem wie aktivierend und vorantreibend sie sein kann. Ohne Wut wären die Straßen am feministischen Kampftag wohl nur halb so voll. Ohne Wut wären die Parlamentschaftswahlen in Ungarn in 2026 vermutlich anders ausgegangen.
Doch wie finde ich zu meiner ganz persönlichen Wut? Zu jener, die vielleicht nicht jeder gleich versteht? Ich brauche sie wieder. Und zwar dringend! Denn Wut fungiert oft wie ein Alarmsystem. Sie ist eine Reaktion auf Bedrohung und Ungerechtigkeit und kann in vielen Momenten vor größerem Schaden retten.
lieber sicher als wütend leben
Wut kann nicht nur schützen. Sie kann auch gefährlich werden. Das wird besonders deutlich, wenn man auf die Zahlen des Gender Care Gap einer Studie des statistischen Bundesamtes aus 2022 schaut. Frauen leisten im Durchschnitt 30 Stunden pro Woche unbezahlte Carearbeit. Das sind 9 Stunden mehr als Männer, die durchschnittlich 21 Stunden unbezahlte Carearbeit pro Woche leisten. Diese Zahlen, werden besonders dann interessant, wenn man die Situation der Frauen, die in Beziehungen mit Männern sind, genauer anschaut. Sowohl durch die Gender Care Gap als auch durch die Gender Pay Gap (https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Verdienste/Verdienste-GenderPayGap/_inhalt.html ) entsteht ein ungleiches Verhältnis in Beziehungen, dass Frauen in eine Abhängigkeitslage gegenüber ihrem männlichen Partner bringt. Obwohl es also genug Grund zur Wut gibt, wenn man die Zahlen betrachtet, fungieren Frauen in Beziehungen doch oftmals als verständnisvoller, ruhiger Part, da die Sicherung der eigenen Existenz an das Fortbestehen der Beziehung zum männlichen Partner gekoppelt sein kann.
Da ist nur Taubheit, keine Wut
Vor circa vier Jahren wurde ich selbst mit Depressionen und einer generellen Angststörung diagnostiziert. Eigentlich ein guter Grund, um auch mal wütend zu sein. Zu meinem Pech sind mentale Krankheiten für mich aber schon so lange Teil meines Alltags, dass ich statt Wut einfach gar nichts spürte. Natürlich war da viel Selbsthass, aber meine Depression äußerte sich nie durch selbstverletzendes Verhalten, oder Suizidgedanken. Nie durch Aggressionen, oder zerstörerische Gedanken. Stattdessen wurde ich taub. Alles war zu anstrengend. Selbst etwas zu fühlen, war zu viel. Ich machte zu. Alles wurde egal und nebensächlich.
Um trotzdem irgendwie klarzukommen, hatte ich die perfekte Lösung aus meiner Kindheit parat: Wenn gar nichts mehr ging, kümmerte ich mich um mein Umfeld. So war mein Überleben gesichert und meine eigenen Emotionen hatten Ferien. Ich war die verständnisvolle Freundin, das offene Ohr, die mit den guten Ratschlägen.
Bis mein mühsam gebautes Kartenhaus zusammenfiel. Bis die Gleichgültigkeit und die Panikattacken gewannen und mich dazu zwangen, in eine Klinik zu gehen. Plötzlich war da ganz viel Raum, um mich mit mir selbst zu beschäftigen. Mist. Diese Runde hatte meine Depression gewonnen.
Sommer 2024. Ich sitze in einer Klinik irgendwo in Bayern und soll meine Gefühle und Gedanken aufschreiben. Ich blicke auf das leere Blatt vor mir und dann auf die Schafe auf der Wiese gegenüber. Sie stehen in einer Gruppe beisammen. Außer ein Schaf. Das steht abseits und schaut in die Richtung der Gruppe. Die Szene erinnert mich an meine Gruppentherapie am Morgen. Da war ich das Schaf, dass alleine stand. Ich schließe die Augen und versuche nach dem Gefühl zu suchen, das ich heute Morgen hatte. Und da ist es. Klein und nur ganz leicht. Aber ich spüre es: da ist Wut.
Das ist jetzt auch schon wieder fast zwei Jahre her. Seitdem ist viel passiert. In meiner Klinikzeit war ich noch mindestens viermal wütend und auch danach ist meine Wut nicht wieder in der Versenkung verschwunden. Da ist die Wut, weil Leute mich nicht fair behandeln. Die Wut, weil ich weniger bekomme, als ich gebe. Die Wut auf den Mann, der sich zu nah neben mich stellt, obwohl der ganze Bahnsteig frei ist. Die Wut, wenn Leute sich nicht an Absprachen halten und mich versetzen. Und noch so viel mehr.
Aber eines ist essenziell: Die Wut, die ich spüre, ist nicht zerstörerisch. Sie ist selbstermächtigend. Die Wut hilft mir meinen eigenen Wert zu erkennen und Grenzen zu setzen. Sie stumpft mich nicht ab, sondern heilt mein inneres Kind. Endlich ist da Raum für alle meine Emotionen. Ich habe aufgehört, Emotionen in gut oder schlecht einzuteilen und keine Angst mehr, zu fühlen.
Es ist Ende 2025. Meine Therapeutin geht bald in Elternzeit. In unserer letzten Stunde fragt sie mich, ob ich mich gewappnet für die Therapiepause fühle. «Ja», sage ich, ohne zu zögern. Ich brauche nämlich endlich niemanden mehr, der mir erlaubt, wütend zu sein. Ich kann mir selbst erlauben, Raum einzunehmen und meinem Ärger Gehör zu verschaffen. Weil ich meinen Wert kenne. Weil die Furie in mir mich heilt, statt mich zu zerstören.