Mein Haus in Wolken gehüllt
Armina Ahmadinia kehrt an das Kaspische Meer zurück. Ihre Fotoarbeit erzählt vom Rückzug des Wassers, vom Verlust vertrauter Orte und von einer stillen Sehnsucht nach Nähe und Heimat.
Armina Ahmadinias Projekt widmet sich der Erforschung einer wachsenden Distanz zwischen dem Kaspischen Meer und den Bewohner*innen seines südlichen Küstenbeckens im Iran. Das Kaspische Meer als größte vom Festland eingeschlossene Wasserfläche der Welt ist aufgrund einer Vielzahl menschlicher und natürlicher Einflüsse von einem deutlichen Rückgang seines Wasserstands betroffen. Unzureichendes Management, übermäßiger Staudammbau, illegale Fischerei, globale Erwärmung und weitere Faktoren haben zu einer Absenkung des Wasserspiegels geführt und eine Reihe ökologischer wie sozialer Krisen ausgelöst.
Anhand des Alltagslebens der Menschen vor Ort untersucht das Projekt die sozialen und kulturellen Folgen dieses Rückzugs. Es zeigt Veränderungen, die zu Entfremdung, Lethargie und einem Verlust an Lebensfreude geführt haben. Entwicklungen, die schließlich in eine Form kollektiver Erschöpfung münden. Für die Menschen haben viele Orte ihre ursprüngliche Bedeutung verloren. Zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart des Sees hat sich eine tiefe emotionale Kluft aufgetan – eine Leerstelle, die Melancholie und innere Unruhe in den Menschen hervorruft.
Nach Jahren der Migration kehrte Armina Ahmadinia in ihre Heimat am Kaspischen Meer zurück, weil die Ferne zu ihrem Zuhause und die Trennung von ihrer Mutter in ihr ein Gefühl kindlicher Verletzlichkeit aufkommen ließen. Diese persönliche Erfahrung spiegelt sich für Armina Ahmadinia in der Wahrnehmung des sich entfernenden Meeres wider, eines Meeres, das für die Menschen dieser Region seit jeher ein Symbol der Mutter und der Großzügigkeit ist.
Armina Ahmadinia
Armina Ahmadinia (*1989) wurde in der Nähe des Kaspischen Meeres im Iran geboren. Schon in ihrer Kindheit kam sie, beeinflusst von ihren Eltern, die beide Fotograf*innen sind, mit der Welt der Fotografie in Berührung. Sie absolvierte ihren Bachelor in Grafikdesign an der Soore-Universität in Teheran und wanderte 2022 nach Deutschland aus, um an der Hochschule Hannover zu studieren.
Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf Themen wie Migration, Umwelt und Frauenfragen. Sie versucht, die Grenze zwischen dokumentarischer und künstlerischer Fotografie aufzulösen und in ihren Projekten einen konzeptuellen Ansatz mit poetischer Inspiration zu verbinden. Fotografie versteht sie als ein Medium des inneren Dialogs, der ihr als Spiegel ihrer eigenen Erfahrungen und Anliegen in Bezug auf die Welt dient.
Torkaman Hafen (Golestan Provinz), Iran.
Mina besucht mit ihrer Mutter jeden Abend den Pier des Torkamen Hafen, um das Meer zu sehen. Das kaspische Meer ist eine wertvolle Lebensquelle für die Menschen, die hier leben. Die Menschen beziehen nicht nur ihren Lebensunterhalt, sondern auch ihre seelische und psychische Gesundheit von dem Meer und haben seit jeher Erinnerungen damit verbunden.
Heutzutage führt jedoch der große Ansturm von Touristen an an den Küsten zu ernsthaften Umweltschäden am Meer, was für die Einheimischen besorgniserregend ist.
Anzali Hafen(Guilan Provinz),Iran.
Jedes Jahr, in den beiden Jahreszeiten Herbst und Winter, betreiben die lokalen Fischer den Fang von Weißfisch, Karpfenfische und Großkopfmeeräsche mit unterschiedlichen Methoden – entweder mittels der Methode «Salik» oder durch das Auslegen und Einholen von Netzen mithilfe von Booten. In den letzten Jahren hat illegaler Fischfang stark zugenommen. Schätzungen zufolge entfallen rund 35 % des gesamten Fischfangs im Kaspischen Meer auf illegale Aktivitäten, was nicht nur den wirtschaftlichen Wert der gefangenen Fische schmälert, sondern auch dem Ökosystem des Meeres irreparable Schäden zufügt.
Anzali Hafen (Gilan Provinz), Iran.
Das Café «Asheghan-e-Malavan» (Malavan-Liebhaber) gehört zu den ältesten Cafés der Stadt Anzali. Die Einrichtung im Inneren ist im traditionellen Stil alter Teehäuser erhalten. Es war über viele Jahre hinweg einer der beliebtesten Treffpunkte für ältere Menschen und Pensionäre – insbesondere für ehemalige Mitarbeiter der Fischereibehörde, Zollbehörde, Trainer und frühere Fußballspieler des Fußballvereins Malavan. In den letzten Jahren hat die schlechte wirtschaftliche Lage sowie des mangelnde Interesse und die fehlende Unterstützung der Regierung für Bandar Anzali – einen der größten Handelshäfen Irans – die Lebensumstände der Rentner stark beeinflussst und ihre Hoffnung und Lebensmotivation deutlich verringert.
Halbinsel Miankale (Mazandaran Provinz),Iran.
Alte Autoreifen werden als Vogeltränken verwendet. Die Halbinsel Miankale ist mit einer Fläche von mehr als 68.000 Hektar ist es das einzige geschützte Gebiet an der Südküste des Kaspischen Meeres, das als Lebensraum für Fische und Zugvögel dient. In den letzten Jahren war jedoch einen dramatischen Rückgang der Vögel und Fische sowie eine Abnahme der Vegetation in diesem Gebiet deutlich. Etwa 30 Prozent des internationalen Miankaleh-Feuchtgebiets sind ausgetrocknet.
Khaled Nabi (Golestan Provinz), Iran.
Der Strauch am Eingang des Schreins von Alem Baba gilt als heilig. Die Einheimischen binden Stoffstreifen daran, da sie glauben, dass er für Wohlstand, Fruchtbarkeit und Heilung von Krankheiten sorgt. Dieser Brauch hat seine Wurzeln in alten iranischen Glaubensvorstellungen und religiösen Ritualen und ist in vielen Regionen Irans verbreitet.
Gomischan (Golestan Provinz), Iran.
Adeleh und ihr Ehemann Ali nach dem Iftar im Monat Ramadan. Die Turkmen sind sunnitische Muslime, für die der Monat Ramadan ein sehr bedeutender und spiritueller Monat ist.
Torkaman Hafen (Golestan Provinz), Iran.
Aufgrund des Anstiegs der Jugendarbeitslosigkeit und schwacher wirtschaftlicher Bedingungen hat in den letzten Jahren die Migration junger Turkmenen zur Arbeit in größere Städte oder in benachbarte Länder zugenommen.
Torkaman Hafen (Golestan Provinz),Iran.
Kinder spielen neben dem turkmenischen Grenzbasar (Grenze zwischen Iran und Torkemenistan). Dieser Basar zieht besonders zu Beginn des Jahres viele Besucher an, vor allem wegen der günstigen Preise der Waren.
Aghghala, (Golestan Provinz) ,Iran.
Romisa, ein turkmenisches Mädchen in traditioneller turkmenischer Tracht.
Anzali Hafen (Guilan Provinz), Iran.
Vier junge Soldaten auf den Wellenbrechern in Anzali Hafen. Der Bau dieser Wellenbrecher hat erheblich zur Sedimentation und zur Austrocknung des Anzali Lagune beigetragen. Laut Berichten könnte die Anzali-Lagune in den nächsten 35 Jahren vollständig austrocknen.
Ramsar (Mazandaran Provinz), Iran.
Der Beluga-Stör (Huso huso) im Teich des Ramsar-Museum. In der Vergangenheit war das Kaspische Meer die wichtigste Quelle für Störfische weltweit, doch heute stehen viele Störarten auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten Aufgrund von Überfischung, illegalem Kaviarhandel, Umweltverschmutzung und dem Bau von Dämmen, sind ihre Bestände drastisch zurückgegangen.
Aghghala (Golestan Provinz), Iran.
Ein Kind spielt im Voschomgir Staudamm. Aufgrund wiederholter Staudammbauten, der unkontrollierten Nutzung von Wasserressourcen in der Landwirtschaft, verringerten Niederschlägen und steigenden Durchschnittstemperaturen ist dieser Staudamm von Austrocknung bedroht. Nach einer vierjährigen Dürre hat sich der Damm nach starken Regenfällen wieder gefüllt.
Torkaman Hafen (Golestan Provinz), Iran.
Die Wasserstraße zwischen der Torkaman Hafen und der Insel Ashuradeh, deren Länge auf etwa zwei Kilometer geschätzt wird, ist ein Teil des Golfs von Gorgan. In den vergangenen Jahren hat sich dieses Gebiet aufgrund des Rückzugs des Meerwassers sowie verstärkter Sedimenteinträge zunehmend verändert. Ein erheblicher Teil der Küstenlinie auf der Seite von Torkaman Hafen ist mittlerweile trocken gefallen. Um diesem Prozess entgegenzuwirken, werden derzeit Ausbaggerungsmaßnahmen in dem betroffenen Gebiet durchgeführt.
Anzali Hafen (Guilan Provinz), Iran.
Das Andranik Restaurant ist einer der wenigen verbleibenden armenischen Restaurants in Anzali.
Gomischan (Golestan Provinz), Iran.
Die internationale Gomishan Lagune, die eine Fläche von 20.000 Hektar umfasst, ist in den letzten Jahren zu etwa mehr als der Hälfte seines ursprünglichen Ausmaßes ausgetrocknet. Die Gründe für die Gefährdung dieses Ökosystems sind unter anderem die unzureichend Zuweisung von Wasserrechten, der Rückgang der Niederschläge, die Verdunstung des Wassers aufgrund hoher Temperaturen, die Entnahme von Wasser für landwirtschaftliche Zwecke durch die lokalen Gemeinschaften und die illegale Fischerei.
Kelachay (Guilan Provinz), Iran.
Die traditionelle Fischerei «Pareh» ist eine der Methoden zum Fang von Knochenfischen im Kaspischen Meer, bei der mit Holzbooten das Netz in Richtung Meer gezogen wird. Die Tradition ist mehere Jahrhunderte alt, doch in den letzten Jahren mussten viele «Pareh»-Genossenschaften aufgrund mangelnder Unterstützung für die Fischerzunft ihre Tätigkeit einstellen.
Kelachay (Guilan Provinz), Iran.
Meine Mutter Rojan neben halbfertigen touristischen Bauten am Strand. Seit über dreißig Jahren fotografiert sie Hochzeiten der Bewohner der Küstenregion und hat zahlreiche Porträts mit dem Kaspischen Meer in Hintergrund festgehalten. Heute hat die wirtschaftliche Rezession auch ihre berufliche Situation beeinflusst, doch ihre tiefe persönliche Verbindung zum Meer, welches selbst wie eine Mutter ist, bleibt.