Mein Haus in Wolken gehüllt
Armina Ahmadinia kehrt an das Kaspische Meer zurück. Ihre Fotoarbeit erzählt vom Rückzug des Wassers, vom Verlust vertrauter Orte und von einer stillen Sehnsucht nach Nähe und Heimat.
Armina Ahmadinias Projekt widmet sich der Erforschung einer wachsenden Distanz zwischen dem Kaspischen Meer und den Bewohner*innen seines südlichen Küstenbeckens im Iran. Das Kaspische Meer als größte vom Festland eingeschlossene Wasserfläche der Welt ist aufgrund einer Vielzahl menschlicher und natürlicher Einflüsse von einem deutlichen Rückgang seines Wasserstands betroffen. Unzureichendes Management, übermäßiger Staudammbau, illegale Fischerei, globale Erwärmung und weitere Faktoren haben zu einer Absenkung des Wasserspiegels geführt und eine Reihe ökologischer wie sozialer Krisen ausgelöst.
Anhand des Alltagslebens der Menschen vor Ort untersucht das Projekt die sozialen und kulturellen Folgen dieses Rückzugs. Es zeigt Veränderungen, die zu Entfremdung, Lethargie und einem Verlust an Lebensfreude geführt haben. Entwicklungen, die schließlich in eine Form kollektiver Erschöpfung münden. Für die Menschen haben viele Orte ihre ursprüngliche Bedeutung verloren. Zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart des Sees hat sich eine tiefe emotionale Kluft aufgetan – eine Leerstelle, die Melancholie und innere Unruhe in den Menschen hervorruft.
Nach Jahren der Migration kehrte Armina Ahmadinia in ihre Heimat am Kaspischen Meer zurück, weil die Ferne zu ihrem Zuhause und die Trennung von ihrer Mutter in ihr ein Gefühl kindlicher Verletzlichkeit aufkommen ließen. Diese persönliche Erfahrung spiegelt sich für Armina Ahmadinia in der Wahrnehmung des sich entfernenden Meeres wider, eines Meeres, das für die Menschen dieser Region seit jeher ein Symbol der Mutter und der Großzügigkeit ist.
Torkaman Hafen (Provinz Golestan), Iran.
Mina besucht mit ihrer Mutter jeden Abend den Pier des Hafens von Torkaman, um das Meer zu sehen. Das Kaspische Meer ist eine wertvolle Lebensquelle für die Menschen, die hier leben. Die Menschen beziehen nicht nur ihren Lebensunterhalt, sondern auch ihre seelische und psychische Gesundheit von dem Meer und haben seit jeher Erinnerungen damit verbunden.
Heutzutage führt jedoch der große Ansturm von Touristen an an den Küsten zu ernsthaften Umweltschäden am Meer, was für die Einheimischen besorgniserregend ist.
Hafen von Anzali (Provinz Gilan), Iran.
Jedes Jahr, in den beiden Jahreszeiten Herbst und Winter, betreiben die lokalen Fischer den Fang von Weißfisch, Karpfenfischen und Großkopfmeeräschen mit unterschiedlichen Methoden – entweder mittels der Methode «Salik» oder durch das Auslegen und Einholen von Netzen mithilfe von Booten. In den letzten Jahren hat illegaler Fischfang stark zugenommen. Schätzungen zufolge entfallen rund 35 % des gesamten Fischfangs im Kaspischen Meer auf illegale Aktivitäten, was nicht nur den wirtschaftlichen Wert der gefangenen Fische schmälert, sondern auch dem Ökosystem des Meeres irreparable Schäden zufügt.
Anzali Hafen (Provinz Gilan), Iran.
Das Café «Asheghan-e-Malavan» (Malavan-Liebhaber) gehört zu den ältesten Cafés der Stadt Anzali. Die Einrichtung im Inneren ist im traditionellen Stil alter Teehäuser erhalten. Es war über viele Jahre hinweg einer der beliebtesten Treffpunkte für ältere Menschen und Pensionäre – insbesondere für ehemalige Mitarbeiter der Fischereibehörde, Zollbehörde, Trainer und frühere Fußballspieler des Fußballvereins Malavan. In den letzten Jahren haben die schlechte wirtschaftliche Lage sowie das mangelnde Interesse und die fehlende Unterstützung der Regierung für Bandar Anzali – einen der größten Handelshäfen Irans – die Lebensumstände der Rentner stark beeinflusst und ihre Hoffnung und Lebensmotivation deutlich verringert.
Halbinsel Miankale (Provinz Mazandaran), Iran.
Alte Autoreifen werden als Vogeltränken verwendet. Die Halbinsel Miankale ist mit einer Fläche von mehr als 68.000 Hektar das einzige geschützte Gebiet an der Südküste des Kaspischen Meeres, das als Lebensraum für Fische und Zugvögel dient. In den letzten Jahren zeigten sich jedoch ein dramatischer Rückgang der Vögel und Fische sowie eine Abnahme der Vegetation in diesem Gebiet. Etwa 30 Prozent des internationalen Miankaleh-Feuchtgebiets sind ausgetrocknet.
Khaled Nabi (Provinz Golestan), Iran.
Der Strauch am Eingang des Schreins von Alem Baba gilt als heilig. Die Einheimischen binden Stoffstreifen daran, da sie glauben, dass er für Wohlstand, Fruchtbarkeit und Heilung von Krankheiten sorgt. Dieser Brauch hat seine Wurzeln in alten iranischen Glaubensvorstellungen und religiösen Ritualen und ist in vielen Regionen Irans verbreitet.
Gomischan (Provinz Golestan), Iran.
Adeleh und ihr Ehemann Ali nach dem Iftar im Monat Ramadan. Die Turkmenen sind sunnitische Muslime, für die der Monat Ramadan ein sehr bedeutender und spiritueller Monat ist.
Torkaman Hafen (Provinz Golestan), Iran.
Aufgrund des Anstiegs der Jugendarbeitslosigkeit und schwacher wirtschaftlicher Bedingungen hat in den letzten Jahren die Migration junger Turkmenen zur Arbeit in größere Städte oder in benachbarte Länder zugenommen.
Torkaman Hafen (Provinz Golestan), Iran.
Kinder spielen neben dem turkmenischen Grenzbasar (Grenze zwischen Iran und Turkmenistan). Dieser Basar zieht besonders zu Beginn des Jahres viele Besucher an, vor allem wegen der günstigen Preise der Waren.
Aghghala (Provinz Golestan), Iran.
Romisa, ein turkmenisches Mädchen in traditioneller turkmenischer Tracht.
Anzali Hafen (Provinz Guilan), Iran.
Vier junge Soldaten auf den Wellenbrechern im Hafen von Anzali. Der Bau dieser Wellenbrecher hat erheblich zur Sedimentation und zur Austrocknung der Anzali-Lagune beigetragen. Laut Berichten könnte die Anzali-Lagune in den nächsten 35 Jahren vollständig austrocknen.
Ramsar (Provinz Mazandaran), Iran.
Der Beluga-Stör (Huso huso) im Teich des Ramsar-Museums. In der Vergangenheit war das Kaspische Meer die wichtigste Quelle für Störfische weltweit, doch heute stehen viele Störarten auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Aufgrund von Überfischung, illegalem Kaviarhandel, Umweltverschmutzung und dem Bau von Dämmen sind ihre Bestände drastisch zurückgegangen.
Aghghala (Provinz Golestan), Iran.
Ein Kind spielt am Voschomgir-Staudamm. Aufgrund wiederholter Staudammbauten, der unkontrollierten Nutzung von Wasserressourcen in der Landwirtschaft, verringerten Niederschlägen und steigenden Durchschnittstemperaturen ist dieser Staudamm von Austrocknung bedroht. Nach einer vierjährigen Dürre hat sich der Damm nach starken Regenfällen wieder gefüllt.
Torkaman Hafen (Provinz Golestan), Iran.
Die Wasserstraße zwischen dem Hafen von Torkaman und der Insel Ashuradeh, deren Länge auf etwa zwei Kilometer geschätzt wird, ist ein Teil des Golfs von Gorgan. In den vergangenen Jahren hat sich dieses Gebiet aufgrund des Rückzugs des Meerwassers sowie verstärkter Sedimenteinträge zunehmend verändert. Ein erheblicher Teil der Küstenlinie auf der Seite des Hafens von Torkaman ist mittlerweile trocken gefallen. Um diesem Prozess entgegenzuwirken, werden derzeit Ausbaggerungsmaßnahmen in dem betroffenen Gebiet durchgeführt.
Anzali Hafen (Provinz Guilan), Iran.
Das Andranik Restaurant ist eines der wenigen verbliebenen armenischen Restaurants in Anzali.
Gomischan (Provinz Golestan), Iran.
Die internationale Gomishan-Lagune, die eine Fläche von 20.000 Hektar umfasst, ist in den letzten Jahren zu etwa mehr als der Hälfte seines ursprünglichen Ausmaßes ausgetrocknet. Die Gründe für die Gefährdung dieses Ökosystems sind unter anderem die unzureichende Zuweisung von Wasserrechten, der Rückgang der Niederschläge, die Verdunstung des Wassers aufgrund hoher Temperaturen, die Entnahme von Wasser für landwirtschaftliche Zwecke durch die lokalen Gemeinschaften und die illegale Fischerei.
Kelachay (Provinz Guilan), Iran.
Die traditionelle Fischerei «Pareh» ist eine der Methoden zum Fang von Knochenfischen im Kaspischen Meer, bei der mit Holzbooten das Netz in Richtung Meer gezogen wird. Die Tradition ist mehrere Jahrhunderte alt, doch in den letzten Jahren mussten viele «Pareh»-Genossenschaften aufgrund mangelnder Unterstützung für die Fischerzunft ihre Tätigkeit einstellen.
Kelachay (Provinz Guilan), Iran.
Meine Mutter Rojan neben halbfertigen touristischen Bauten am Strand. Seit über dreißig Jahren fotografiert sie Hochzeiten der Bewohner der Küstenregion und hat zahlreiche Porträts mit dem Kaspischen Meer im Hintergrund festgehalten. Heute hat die wirtschaftliche Rezession auch ihre berufliche Situation beeinflusst, doch ihre tiefe persönliche Verbindung zum Meer, welches selbst wie eine Mutter ist, bleibt.