«Warum soll ich mir das jetzt anschauen?» Tiktok-Forscher Marcus Bösch über Haltung, Plattformen und die Frage, warum guter Journalismus heute noch gesehen werden soll.

Marcus Bösch kennt den digitalen Wandel des Journalismus aus mehreren Perspektiven. Er hat bei der Deutschen Welle volontiert, als Redakteur und Autor gearbeitet und lehrt heute unter anderem als Lehrbeauftragter im Studiengang Visual Journalism & Documentary Photography an der Hochschule Hannover. Parallel dazu promoviert er an der Universität Münster und beschäftigt sich in Forschung und Lehre mit Plattformen, digitaler Kommunikation, KI und Propaganda.  

Im Gespräch geht es um die Frage, was Studierende aus der Verbindung von dokumentarischer Fotografie, visuellem Erzählen und Journalismus mitnehmen sollten, wie sich Haltung und Plattformlogik zusammendenken lassen und welche Fähigkeiten in einer digitalen Medienwelt wirklich zählen.


„Warum sollen sich Leute das angucken? Was kann ich Menschen eigentlich geben?“

Marcus Bösch, Porträt Marcus Bösch

Was sollten Studierende aus der Verbindung von dokumentarischer Fotografie, visuellem Erzählen und Journalismus heute unbedingt mitnehmen?

Ich glaube, viele Leute da draußen interessieren sich gar nicht so sehr für die exakten definitorischen Unterschiede zwischen Visual Journalism, Non-Fiction, Storytelling oder Documentary. In einem kompletten Überangebot an Inhalten stellen sie am Ende vor allem eine Frage: Warum soll ich mir das jetzt in meiner kostbaren Zeit anschauen? Und ich glaube, darauf sollte man eine Antwort haben. Warum sollen sich Leute das angucken? Wie kann ich ihnen einen Mehrwert anbieten? Wie komme ich weg von diesem reinen „Schaut euch das an, das ist super“, hin zu der Frage: Was kann ich Menschen eigentlich geben? Und wie kann ich ihnen etwas geben, worauf ich selbst auch Lust habe?


Wie kann man plattformgerecht erzählen, ohne journalistische und dokumentarische Haltung zu verlieren?

Das Wort Haltung finde ich super, denn ohne Haltung geht das Ganze gar nicht. Danach kann man über Plattformspezifika sprechen. Es wird ja oft so geredet, als wäre das etwas völlig Neues und man müsse jetzt alles ganz genau nach einer bestimmten Plattformlogik machen. Wenn man einen Schritt zurücktritt, merkt man aber: Plattformspezifika gab es schon immer. Audio und Radio haben anders funktioniert als Fernsehen, Fernsehen anders als YouTube. Wenn man das auf einer Metaebene betrachtet, wird man vielleicht ein bisschen weniger dogmatisch und entspannter.

Dann kann man sich fragen: Was bedeutet eine Plattform konkret? Bei TikTok brauche ich auf jeden Fall einen Hook, ich muss die Leute irgendwie reinholen, ich muss ihnen etwas geben. Das heißt aber nicht, dass alles super schnell geschnitten sein muss. Ich bin fest davon überzeugt, dass Inhalte auch atmen und leben müssen. Schnell und langsam. Am Ende muss die Form zum Inhalt passen. Wenn ich über eine Beerdigung berichte, erzähle ich anders als über eine Skateboard-Weltmeisterschaft.

Welche Rolle spielt dokumentarische Fotografie in einer Zeit, in der Video auf vielen Plattformen bevorzugt wird?

Das ist ein spannender Punkt. Natürlich sollte ich mir immer das Medium suchen, das am besten zu meiner Arbeit passt. Und Fotografie steht ja nicht nur unter der Herausforderung von Kurzvideos. Wir bewegen uns darüber hinaus gerade in einer größeren Umbruchsphase, weil wir mit generativer KI und synthetischen Medien in einem Zeitalter sind, das ganz viel durcheinanderwirbelt.

Ich glaube aber trotzdem, dass Menschen nach wie vor gute Dokumentarbilder und gute dokumentarische Videos sehen wollen. Ich sehe da überhaupt keinen Widerspruch. Foto und Bewegtbild geben einander ja die Hand. Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass das Nutzungsszenario auf Plattformen wie TikTok ein anderes ist. Das ist nicht: Ich gehe ins Museum, setze mich vor ein Bild und schaue es mir in Ruhe an.

Auf der anderen Seite ist gerade diese Nähe zur gelebten Wirklichkeit etwas, das solchen Plattformen liegt. Deswegen schließt sich das für mich überhaupt nicht aus. Es geht eher darum, einen eigenen Zugang zu finden und damit zu experimentieren, um dann informiert sagen zu können: Ja, das mache ich so – oder ich mache es lieber auf Papier.


Also: machen. Nicht schon vorher die Angstschere im Kopf ansetzen.

Marcus Bösch, Porträt Marcus Bösch

Welche Fähigkeiten oder Eigenschaften sollten sich Studierende aneignen, um im visuellen Journalismus oder im Journalismus generell zu bestehen?

Das ist eine super Frage, weil ich diese ganzen Diskussionen darüber, dass jetzt alle alles können müssen, ehrlich gesagt für Quatsch halte. Heute soll man dies können, morgen das, und übermorgen macht es dann vielleicht sowieso eine KI oder man arbeitet mit Leuten zusammen, die bestimmte Dinge besser können.

Ich glaube, wichtiger sind eher old-school Eigenschaften. Das eine ist Neugier. Und vielleicht daran angedockt auch das Wissen, wie man sich Dinge selbst erschließt. Wenn ich weiß, wie ich mich in etwas reinarbeite und Lust darauf habe, dann ist das ein Skill, der auch temporäre Entwicklungen überdauert. Dann kann ich das mein ganzes Leben lang, auch wenn mediale Formen kommen und gehen.

Dann ist da Haltung, auch in dem Sinn, nicht bitter zu werden. Wenn man merkt, dass etwas schwierig ist oder dass Dinge nicht so laufen, wie man sich das vorgestellt hat, muss man sich fragen, wie man damit umgeht. Und schließlich braucht es eine gewisse Persistenz, also die Fähigkeit, nicht bei jedem Lüftchen zu sagen: lieber doch nicht. Sondern auch mal dranzubleiben, Dinge weiter anzuschieben und zu schauen, ob man nicht doch irgendwo hinkommt. Diese Mischung ist am Ende vielleicht haltbarer als rein technische Fertigkeiten.

Was würdest du Studierenden für die nächsten Semester und den Berufseinstieg raten?

Kaffee trinken gehen, mit Leuten reden, sich austauschen, Netzwerke bilden. Und Leuten einfach auch mal eine Mail schreiben. Chefredakteurinnen, Chefredakteuren, Redaktionen. Echtes Interesse ausdrücken. Viele Leute sind freundlicher, als man vielleicht annimmt. Also: machen. Nicht schon vorher die Angstschere im Kopf ansetzen.


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