Dülmener Pferde: Echt wild oder nur Show?

Der jährliche Wildpferdefang im westfälischen Dülmen ist mehr als nur eine lokale Attraktion. Er wirft grundlegende Fragen über den Einfluss des Menschen auf Wildtiere auf. Von Greta Martensen (Text und Fotos) und Sören Pinsdorf (Text)

In der Ferne erklingt das Donnern von Pferdehufen. Staub wirbelt auf. Die Wildpferdherde nähert sich der Arena, in der gleich ihre Fohlen versteigert werden. Ein Sprecher weist die Besucher*innen an, auf ihren Plätzen sitzen zu bleiben und sich ruhig zu verhalten. Es darf nichts passieren: Wenn die Leitstute beschließt umzudrehen, ist der Auktionstag gelaufen. Ein Meer aus Handys richtet sich auf das Geschehen.

Südwestlich von Münster, in einem Naturschutzgebiet in Westfalen, leben seit mehreren Jahrhunderten die Dülmener Pferde. Jährlich werden im Frühjahr um die 70 Fohlen geboren. Für ein Jahr dürfen die männlichen Fohlen in der Herde mitlaufen und das Leben eines freien Pferdes genießen. Bis sie dann, am letzten Samstag im Mai, beim jährlichen Jungpferdefang von der Herde getrennt und versteigert werden.

34 Hengste sind es im Jahr 2023. Sie sind noch nicht ausgewachsen, ihr Fell ist struppig. Die ersten fünf werden per Zufall unter all denen verlost, die am Morgen ein Los gekauft haben. Die restlichen Pferde werden für 800 € bis 3000 € versteigert.

Normalerweise leben die Dülmener Wildpferde ungestört in einem 360 Hektar großen Areal. Hier können Besucher die Tiere vor Beginn des Fangs noch beim Grasen beobachten, bevor die Herde dann von den Veranstaltern zusammengetrieben und in die Arena gescheucht wird.

Der jährliche Jungpferdefang ist Tradition – aber nicht unumstritten. Die Pferde erleiden Stress, Mensch und Tier werden gefährdet, so die Kritiker. Es gäbe andere Möglichkeit, die Hengste von ihrer Herde zu trennen. Ohne rund 15.000 Zuschauer, ohne Hatz, ohne Enge.

Vieles auf dieser Veranstaltung ist Show. Wie die Kutschen mit der feinen Gesellschaft. Die zahlenden Zuschauer drängen sich um die acht Pferde, die anderen sitzen mit ihren prachtvollen Hüten oben auf der Kutsche und öffnen lachend ihren Champagner. Fünf Raubvögel sitzen angekettet auf Baumstämmen. Der eine versucht mehrmals wegzufliegen, während dutzende Menschen dicht um ihn herum stehen. Es werden an diesem Tag nicht nur die Wildpferde zur Schau gestellt, sondern auch etliche andere Tiere. Die Besucher*innen halten Abstand.

Bevor die Zuschauer*innen die Wildpferdeherde in der Arena sehen, werden die gefangenen Hengste der Vorjahre in der Arena präsentiert: Wie haben sie sich entwickelt? Von den rund 15 jungen Hengsten wirken höchstens drei entspannt. Die übrigen zerren an ihren Halftern. Sie müssen Hindernisse wie Brücken überwinden, werden unter einer blauen Plane hindurchgeführt oder durch einen Hänger. Dann positionieren sich die Fänger. Sie alle stammen aus den drei Orten rund um die Wildpferdebahn: Merfeld, Maria Veen und Lette. So war das immer und so soll es bleiben. Ein älterer Herr, um die 70, steht am Gatter. Auch sein Sohn und sein Enkel treiben die Pferde umher. In der Arena stehen mehrere Generationen – man erbt das Recht, Hengste zu fangen.

Nachdem die Wildpferdeherde in die Arena getrieben wurde, beginnen die Fänger damit, kleinere Gruppen oder gleich einen einzelnen Jährling von der Herde zu separieren. Diese werden in einen abgetrennten Bereich der Arena getrieben.

Ist es den Fängern gelungen, eine Gruppe von der Herde zu trennen, wird diese in einem kleinen Bereich der Arena zusammengepfercht. Ein Teil der Fänger bildet am Ausgang eine Kette, um die Tiere am Ausbrechen zu hindern, während der Rest von ihnen die Hengste heraussucht und einfängt. Die Stuten und Jungtiere kommen anschließend in den umzäunten Bereich links im Bild.

Beim Fangen der Hengste geht es teils rabiat zu. Mit vollem Körpereinsatz versuchen die Fänger, einen Hengst in die Ecke zu treiben, um ihm dort ein provisorisches Halfter überzustreifen. Daran wird er dann aus der Arena geführt.

In der Herde befinden sich nicht nur die Jährlinge, sondern auch Fohlen aus dem zurückliegendem Jahr. Man erkennt sie deutlich an ihrem zotteligen Fell.

Die Fänger, alle mit blau-weiß gestreiften Hemden und rotem Halstuch, bilden eine Kette in der Arena. Sie trennen eine kleine Gruppe Pferde von der Herde ab und treiben sie in einen der Pferche. Identifizieren die Fänger einen jungen Hengst, treiben sie ihn in die Enge und halftern ihn auf. Die Jährlingshengste, die noch nie berührt und schon gar nicht geführt wurden, bocken, steigen, rasen los, halten plötzlich, laufen rückwärts. Der Rest der Kleingruppe wird in einen weiteren abgezäunten Bereich getrieben. So vergehen die kommenden zwei Stunden.

Ein junger Hengst wird gegen den Zaun gedrückt, sein kleiner Kopf gequetscht zwischen Armen und Streben. Die Fänger werden seit einigen Jahren geschult. Sie sollen lernen, wie man ein Pferd nicht fangen sollte. Doch die Hescher handeln instinktiv und schmeißen junge Pferde auf den Boden. Eine der größten Pferdeängste wird ausgelöst.

Das Fangen der einjährigen Hengste bedeutet für die ansonsten wild lebende Herde viel Stress. Die Tiere rennen dicht gedrängt durch die Arena und versuchen, ihre Jungtiere von den Fängern abzuschirmen.

Bleibt bei all dem Spektakel die Frage, ob hier noch von einer Wildpferdeherde gesprochen werden kann. Die Verhaltensforscherin Dr. Willa Bohnet von der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) begleitet seit 2007 den Fang der Dülmener Pferde. Seit 2008 hat sie diverse Maßnahmen zur Stressminimierung für die Pferde durchgesetzt. Sie leitet auch die Fängerschulungen vor der Veranstaltung.

Bohnet betont die Notwendigkeit des Herausfangens der Jährlingshengste. Andernfalls käme es zwischen den irgendwann geschlechtsreifen Hengsten zu Kämpfen um die Stuten. Die Pferde vermehrten sich unkontrolliert, die Herde wäre in kurzer Zeit zu groß für ihren Lebensraum. Bohnet hatte auch vorgeschlagen, die Junghengste bereits im Vorfeld der Veranstaltung durch Treibgatter zu separieren. Das lehnt der Veranstalter ab: Die Besucherzahlen könnten zurückgehen, wenn das Einfangen der Junghengste nicht mehr öffentlich stattfindet. Bohnet fragt entgegen, ob ein solcher Kampf «Mensch gegen Tier» noch zeitgemäß ist.

Tatsächlich handelt es sich bei der Bezeichnung «Dülmener Wildpferd» um ein patentamtlich geschütztes Warenzeichen. Ein Warenzeichen, das sich gut verkaufen lässt. Jahr um Jahr kommen bis zu 30.000 Besucher, um das Event zu bestaunen. Der Wildpferdefang hat sich als großes Volksfest in der Region etabliert. Ein Publikumsmagnet, der Geld in die Kassen spült. Die Dülmener Pferde genießen einen ausgezeichneten Ruf in der Branche. Handelt es sich bei der Herde aber tatsächlich noch um Wildpferde? TiHo-Forscherin Bohnet sagt: Nein.

Natürlich lebt die Herde relativ ungestört in ihrem Areal. Dennoch sind die Pferde den Kontakt mit Menschen durchaus gewohnt. Die Verantwortlichen versuchen, so wenig wie möglich einzugreifen – ganz ohne geht es aber nicht: Die Pferde gelten nach dem Tierschutzgesetz als gehaltene Herde. Das bedeutet, dass im Winter zugefüttert werden muss, wenn das Gebiet nicht genügend Nahrung für die Tiere bietet. Auch werden kranke, alte oder mit Fehlbildungen geborene Pferde medizinisch versorgt. Sie werden gegebenenfalls aus der Herde genommen und eingeschläfert. Die Tiere ganz sich selbst und dem Tod zu überlassen, das dürften die Verantwortlichen keinesfalls. Auch der Genpool der Herde wird durch den Menschen beeinflusst: Im Laufe der Jahrhunderte vermischten sich der Dülmener Pferde immer wieder mit anderen Rassen. Durch gezielte Auswahl der Deckhengste soll das ursprüngliche Dülmener Wildpferd wieder herausgezüchtet werden.

Auch wenn das gelingen sollte – um echte Wildpferde handelt es sich dabei nicht mehr. Der Einfluss des Menschen ist zu stark.

Ist das Fangen der Jährlinge beendet, beginnt im Anschluss direkt die Versteigerung der gefangenen Pferde. Die Besucher strömen in die Arena zu dem abgetrennten Bereich, um die Hengste zu begutachten. Ein besonderes Highlight: Die ersten fünf gefangenen Hengste werden unter den Besuchern verlost. Die Gewinner können sich dann entscheiden, ob sie den Hengst selbst behalten möchten oder zur anschließenden Versteigerung freigeben und den Gewinn erhalten wollen.

Für die Versteigerung bekommen die Jährlinge eine Nummer zugewiesen, die an ihrem Halfter angebracht wird. Der Reihe nach werden sie dann dem Publikum vorgeführt und versteigert.

Die Auktion wird von Volker Raulf geleitet, der auch den eigentlichen Fang kommentiert. Während er an einem Podest in der Mitte des Pferchs steht und den Zuschauern die Hengste anpreist, werden diese von den Fängern weiter um ihn herum getrieben, um sie von ihrer bestmöglichen Seite zu präsentieren.


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