Das Imperium der Klick-Figuren

Oliver Schaffer besitzt mit 400.000 Figuren die weltweit größte Playmobil-Sammlung. Jakob Wolf (Text) Felix Kaspar Rosić (Fotos) haben ihn in seinem Hochregallager besucht.

Der Playmobil-Diorama-Künstler Oliver Schaffer posiert für ein Foto vor zwei lebensgroßen Playmobilfiguren in seinem Hochregallager.

Es ist ein kalter Wintertag im Norden von Hamburg. Schon auf dem Parkplatz vor der Halle ist der eigene Atem sichtbar. Auch beim Betreten des Hochregallagers bleibt die Kälte zu spüren. Der Playmobil-Diorama Artist und Sammler Oliver Schaffer zeigt sich von den Temperaturen unberührt, in sportlicher Kleidung führt er durch sein Reich. Als erstes fallen die fünf Meter hohen Regale rechts vom Eingang ins Auge. Hier türmen sich rund 1500 Boxen mit diversen Einzelteilen, wie Büsche und Bäume oder auch Bauteile von Burgen und Schlössern für seine Dioramen. Hier lagert die weltgrößte Playmobil-Sammlung.

Im Fach ganz oben thronen eindrucksvolle XXL-Figuren – darunter ein Bauarbeiter, ein Gärtner und ein Ritter. Links vom Eingang stehen Boxen mit kleineren Figuren und direkt rechts neben dem großen Eingangstor lagern die Tiere. Das sind Tiere, die seit Jahrzehnten die Kinderzimmer der Republik bewohnen, so wie Pferde, Hunde und Giraffen. Besonders begeistert ist Schaffer von einem exotischen Exemplar: Ein Playmobil-Ameisenbär, dessen dünne Zunge sich ausfahren lässt.

Die größte Playmobil-Sammlung der Welt

Je weiter Schaffer sich durch die Tiefen seines Lager bewegt, desto klarer wird, wie groß die Sammlung ist. Und im Eingangsbereich fällt auf, seine Sammlung wächst weiter: Dicht an dicht steht hier eine ganze Reihe mit Kisten und unverpackten Paketen. Teilweise sind das Rückläufer aus vergangenen Ausstellungen. Zum anderen Teil ganz neue Sets, wie ein exklusives Küchenset einer Supermarktkette, das Schaffer erst kürzlich erworben hat.

Insgesamt umfasst die Sammlung des Playmobilkünstlers mehr als 3 Millionen Einzelteile und über 400.000 Figuren. Hier im Hochregallager befindet sich allerdings nur ein Teil davon. Der Rest ist unterwegs in wechselnden Ausstellungen in ganz Deutschland, teilweise im europäischen Ausland. Als Playmobil-Diorama-Artist und Sammler erstellt Schaffer Schaubilder von historischen Ereignissen und inszeniert Fantasiewelten. Er zeigt Stadtgeschichten, das Leben in der Steinzeit oder auch im alten Ägypten. Durch den Einsatz der Spielzeugfiguren ermöglicht er einen spielerisch-leichten Zugang für die ganze Familie. Und das mit Erfolg: Mehrere Millionen Menschen haben seine bald 100 Ausstellungen besucht.

Doch auch der Mittvierziger hat mal klein angefangen: Seine Geschichte beginnt im Kinderzimmer in Kiel, seiner Heimatstadt. Im Alter von drei Jahren bekommt er erstmals Playmobil geschenkt. In seiner Kindheit spielt er mit seinem von ihm selbst getauften «Zirkus Oliver» und gibt seinen Eltern regelmäßig Vorstellungen. Als Teenager verstaut er alles in zwölf Umzugkartons auf dem Dachboden. Schaffer wird Musicaldarsteller und arbeitet zehn Jahre lang in Hamburg.

Diorama Künstler Oliver Schaffer demonstriert sein liebstes Playmobil Teil. Eine Ameisenbär Mutter mit ihrem Jungen auf dem Rücken.

Oliver Schaffers liebstes Playmobil-Teil: Die Ameisenbär-Mutter mit ihrem Jungen auf dem Rücken. Auf die Frage, warum er so empfindet, sagt er nur: «Schau sie dir doch an! Das ist doch total lieb.»

Von seinen Ausstellungen kommen die Playmobil Häuser in Frischhaltefolie gewickelt zurück in Diorama Künstler Oliver Schaffers Hochregal Lager.

Vor allem die Gebäude machen oft den Unterschied und beleben die Playmobil-Dioramen. Der Künstler kann nahezu jede Szene abbilden und baut Straßenzüge, wie Filmsets.

Der Kontakt zu Playmobil kehrt erst vor rund 20 Jahren zurück: Playmobil lädt ihn 2004 zum 30-jährigen Jubiläum in das Historische Museum der Pfalz in Speyer ein. Der gebürtige Kieler stellt seinen «Zirkus Oliver» zum ersten Mal aus, die Ausstellung ist erfolgreich und tourt danach durch Deutschland. 2009 wird sie in der Abteilung für dekorative Künste im Louvre in Paris gezeigt. «Das war natürlich etwas ganz Besonderes, dass das Zirkuszelt, was mein Vater mir in Kiel gebaut hat, hundert Meter von der Mona Lisa entfernt, ausgestellt wurde», erinnert sich Schaffer. Im Anschluss geht alles weiter seinen Weg. Seit fünf Jahren ist er nun selbstständiger Solo-Künstler und Playmobil-Markenbotschafter.

Ein Lager voller Playmobil-Geschichten

Schaffer schreitet weiter durch die Gänge seines Playmobil-Lagers. Zwischendurch hält er mehrmals an und deutet auf Figuren und Utensilien. Die Anekdoten sprudeln nur so aus ihm heraus: «Auf diese Figur bin ich besonders stolz, die durfte ich zum 50-jährigen Jubiläum von Playmobil selbst designen», sagt Schaffer, während er auf einen silberfarbenen Playmobil-Menschen mit einem blauem Herzen und einem blauen Luftballon in den Händen zeigt. «Diese Burg, das weiß ich noch, die stand erst vor kurzem im Mittelalter-Schaubild im Museum in Hameln.»

Am Regalende angekommen, zeigt sich, der Erfolg ist mit harter Arbeit verbunden. Schaffer deutet auf einen Berg mit blauen Tüten. Darin befinden sich unzählige Einzelteile, die in den Ausstellungen verbaut wurden und jetzt wieder zurück in die Kisten im Regal sortiert werden müssen. Schaffer erzählt, dass dafür meist gar nicht die Zeit bleibt. Doch nun greift er sich ein paar Teile und sucht die Beschriftungen auf den Boxen ab. Dabei stehen Fachwerkhäuser neben dem Wasser-Zoo, die Safari neben der Steinzeit. Oder auch Gladiatoren neben Topmodels.


Häufig ist das, was man am meisten braucht, am weitesten weg

Portrait von Playmobil Diorama Künstler Oliver Schaffer Oliver Schaffer

Doch Schaffer bewahrt den Überblick: Er meint, er habe mittlerweile schon ein fotografisches Gedächtnis entwickelt. Die Werkstatthalle findet er auf Anhieb, den Campingplatz sucht er vergeblich. «Häufig ist das, was man am meisten braucht, am weitesten weg», scherzt Schaffer und nimmt sich indes erst einmal ein anderes Teil vor. Der Playmobilbauer gibt zu, dass seine Ordnung gewöhnungsbedürftig ist, er sieht aber auch keine andere Lösung: «Das zu sortieren, würde keinen Sinn ergeben. Das, was von den Ausstellungen  wieder reinkommt, kommt einfach ins Regal.»

Um auch an die höheren Fächer heranzukommen, hat er mittlerweile einen Staplerführerschein gemacht. Zum Beweis holt er eine Palette mit zwei großen, von Luftpolsterfolie umgebenen Figuren nach unten. Langsam und vorsichtig rangiert er das Fahrzeug durch den Gang, passt auf, dass er nichts berührt. Er lenkt und steuert akribisch, immer mit kurzen, einfachen Bewegungen. Die Palette bugsiert Schaffer so fehlerfrei nach unten. 

Playmobil Diorama Künstler Oliver Schaffer fährt mit dem Stapler durch sein Hochregallager. Er holt eine Palette aus dem Regal.

Um die unzähligen Playmobil-Figuren und -Bauteile ein- und wieder auszulagern, hat sich Oliver Schaffer ein Hochregallager angemietet und den Staplerschein gemacht.

Leidenschaft bewahren: Die Balance zwischen Beruf und Kreativität

Trotz aller Professionalität ist dem Playmobil-Diorama-Artist und Sammler wichtig, seine Leidenschaft zu bewahren. Schaffer erzählt, dafür brauche er ab und zu auch mal etwas Abstand. Im Gegensatz zu anderen Sammlern hat er in seiner Wohnung keine einzige Playmobil-Figur stehen. «Das klingt jetzt vielleicht hart, aber Playmobil ist Teil meines Berufs, nicht mein Leben», sagt Schaffer. Diese Trennung hilft ihm, damit er sich wieder auf die Arbeit und Ausstellungen freuen sowie neue Ideen entwickeln kann. Doch der gebürtige Kieler weiß auch, dass es nicht selbstverständlich ist, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen.

Umso dankbarer ist er, dass er seinen Weg gehen durfte und dabei von Familie und Freunden unterstützt wurde: «Ich meine die kennen mich. Die wissen, Oliver hat immer schon gemacht, wofür er brennt.» Der Diorama Artist bemängelt jedoch, dass Leute mit einer Leidenschaft häufig erst einmal belächelt werden. Er hält dagegen: «Wenn jemand begeisterungsfähig und ansteckend ist, dann ist das großartig und davon brauchen wir mehr.» Die allgemeine Anerkennung für das, was er tut, musste Schaffer sich selbst auch erst einmal erarbeiten: Viele Leute haben seine Arbeit anfangs ziemlich spöttisch betrachtet. Doch mit der Zeit konnte Schaffer Museumsdirektoren und Besucher überzeugen. Er gibt zu, dass es zwei Wochen vor einer Ausstellung auch mal stressig werden könne und auch im Leben eines Playmobilprofis nicht jeden Tag die Sonne scheine. In den meisten Fällen kann er aber entscheiden, ob er zuerst den Reiterhof, die Welt um 1900 oder das Prinzessinnenschloss baut. Das sieht er als großen Vorteil seiner Arbeit.

Playmobil Diorama Künstler Oliver Schaffer sucht in seinen Kisten im Hochregal Lager. Im Hintergrund stehen lebensgroße Playmobil Figuren, die teilweise in Luftpolsterfolie eingewickelt sind.

In einer Ecke lagert Oliver Schaffer unsortiertes Playmobil-Spielzeug: Immer wieder nimmt er sich eine der großen blauen Plastiktüten vor und bringt immer weiter Ordnung in sein Chaos. Er finde allerdings meistens was er sucht, sagt er.

Mehr als Spielzeug: Wie Schaffer Playmobil zur Kunst erhebt

Auf seinem weiteren Weg durch die weltgrößte Playmobil-Sammlung erzählt der Playmobilkünstler, dass jedes Teil, das er in seinen Schaubildern verbaut, von Playmobil stammt – «Da sehe ich mich als Purist», fügt Schaffer lächelnd hinzu. Dafür baut er regelmäßig ganze Sets auseinander, kombiniert diese und setzt Teile ganz neu zusammen. Aber er würde nie auf die Idee kommen, Einzelteile im 3D-Drucker herzustellen, versichert Schaffer.

Ein paar Schritte weiter zeigt sich, eine kleine Ausnahme macht er dann doch: Auf einem Tisch liegen mehrere Beutel mit Sand und Gras gefüllt, manchmal nutzt er Materialien wie diese für den Untergrund in der Schaubildern. Jeder Beutel hat einen anderen Farbton. Details wie diese sind für den Diorama Artist wichtig: «Da mache ich keine Kompromisse.» 
Die richtige Auswahl aus Farben, Figuren und Gebäuden muss in seinen Ausstellungen stimmen. Deshalb nehme er jedes Mal extra mehr Kisten mit, wenn er in einem Museum aufbaut, erzählt Schaffer. Auch wenn er von 100 Boxen nur 30 brauche, sei es immer gut, mehr dabei zu haben. Er vergleicht das mit der Farbpalette eines Künstlers, die ebenfalls ausreichend Variationen bieten müsse. Das verdeutlicht sein Selbstverständnis: «Ich sehe mich nicht als Sammler, eher als Regisseur.» Schaffer sagt, er möchte «Geschichten aus dem Leben» abbilden.

Seine Inspirationen für die Ausstellungen sammelt der Playmobil-Diorama-Artist und Sammler auch im Alltag. Er macht Bilder von verschiedenen Orten oder Situationen und entwickelt Ideen, wie er die Schaubilder möglichst realitätsgetreu gestalten kann. Doch Schaffer sagt, viele müssten das erst einmal verstehen: Er erinnert sich an Ausstellungen, in denen Besucher auf ihn zukommen und sagen, sie hätten drei Elefanten mehr als er, warum sie denn dann nicht auch ausstellen könnten. Doch der Mittvierziger macht klar: Darum geht es ihm nicht. Er möchte etwas darstellen, nicht bloß seine Sammlung zeigen. 

Ich sehe mich nicht als Sammler, eher als Regisseur.

Playmobil Diorama Künstler Oliver Schaffer versucht in seinem Lager Ordnung zu halten. Es gibt eine Ecke in der er Unsortiertes lagert, was er nach und nach in sein Hochregallager einsortiert.

Zu Besuch im Hochregallager von Oliver Schaffer: Er gestaltet und baut Dioramen aus Playmobil-Spielzeug und besitzt die weltweit größte Sammlung.

Bald 100 Ausstellungen – und kein Ende in Sicht

Im Jahr gestaltet Schaffer etwa zehn bis zwölf Ausstellungen. Jede von ihnen ist individuell. Sehr gerne macht er archäologische und geschichtliche Ausstellungen. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte der Bremer Kogge, die er im Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven gezeigt hat. Oder er schafft künstlerische Perspektiven, wie im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel. Dort hat der Playmobilbauer unter anderem Gemälde von Rembrandt mit Playmobil nachgestellt. Ein Herzensprojekt war die Playmobil-Weltreise im Kloster Eberbach. Hier stellte Schaffer Kulturen und Religionen der Welt dar, mit einer Moschee neben einer Synagoge. «Das war für mich ein Symbol der Völkerverständigung», sagt er.


Playmobil zeigt einfach eine heile Welt. Die Figuren lächeln immer und bei mir gibt es keinen Krieg und keine toten Figuren.

Portrait von Playmobil Diorama Künstler Oliver Schaffer Oliver Schaffer

In gewisser Weise machen friedliche Botschaften wie diese für Schaffer auch den Reiz aus, mit dem Spielzeug zu arbeiten: «Playmobil zeigt einfach eine heile Welt. Die Figuren lächeln immer und bei mir gibt es keinen Krieg und keine toten Figuren.» Wie die Ausstellung «We Love Playmobil» zum 50-jährigen Jubiläum in Speyer zeigte, schlägt der Künstler mit seinen Ausstellungen mittlerweile eine andere, modernere Richtung ein. Dieses Mal durfte er die Ausstellung allein konzipieren und hat unter anderem einen Playmobil-Wald an die Decke gehängt. Besucher können sich auf den Boden legen und bekommen das Gefühl, als wären sie auf Miniaturgröße geschrumpft. Es ist nur ein Beispiel für den Versuch, immersive Kunstwelten mit Playmobil zu schaffen. Darüber hinaus arbeitet Schaffer mit Experten zusammen, die darauf spezialisiert sind, Lichtprojektionen auf Playmobil-Gebäude zu werfen. Auch das soll für ein intensiveres Erlebnis für die Besucher sorgen.

«Der Spruch ‹Life is a circus› erinnert mich daran, stets ein Stück Kind zu bleiben und offen für Neues im Leben zu sein.»

Viele Playmobil Tiere in Gefrierbeuteln.

In Kunststoff-Taschen eingetütet wartet der Playmobil-Zoo auf die nächste Ausstellung. Auch von seltenen Exemplaren kann Schaffer auf eine große «Population» zurückgreifen und daraus seine Traumlandschaften bauen.

Am Ende der Tour durch das Lager krempelt Schaffer die Arme seiner Jeansjacke nach oben. Dadurch kommt das Tattoo auf seinem rechten Unterarm zum Vorschein: «Life is a circus». Eine Anspielung auf den «Zirkus Oliver», für den Playmobil-Diorama-Artist und Sammler sogar ein Lebensmotto. In der Kindheit sei der Zirkus eine Fantasiewelt gewesen, in die er entfliehen konnte, meint der Diorama Artist. Das sei heutzutage eher schwierig, der Spruch präge ihn aber immer noch: «Er erinnert mich daran, stets ein Stück Kind zu bleiben und offen für Neues im Leben zu sein.»

Schaffer möchte die Leichtigkeit in seinem Leben beibehalten, alles auf sich zukommen lassen und schauen, was sich ergibt. Das gelte auch für seine Karriere. Er frage keine Museen an, sondern warte, wer Interesse hat und sich bei ihm meldet. Ein Ziel sei es, mit seinen Ausstellungen weiter ins Ausland zu kommen. Singapur, New York oder Sydney könne er sich gut vorstellen. «Ich bin nicht der Typ für 10-Jahrespläne, wir schauen einfach, was passiert», sagt Schaffer und widmet sich wieder dem Aufräumen und Sortieren seiner Sammlung zu.


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