Was bleibt

In der Asse II lagert Atommüll – achtlos versenkt, kaum gesichert. Nun dringt Wasser ein. Die Region wartet seit Jahrzehnten auf Antworten. Und das Land auf ein Endlager. Von Clara Schöttke (Text) & Walter Lehmann (Fotos)

Als Angela Merkel im März 2011 nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima den Atomausstieg verkündete, begann für Deutschland nicht nur das Ende der Atomenergie – es begann auch eine neue Phase der Auseinandersetzung mit dem, was zurückbleibt: dem Atommüll. Die Frage, wo ein dauerhaft sicheres Endlager für hochradioaktive Abfälle entstehen soll, wurde damit drängender denn je. Doch während der politische Konsens für den Ausstieg schnell gefunden war, zieht sich die Suche nach einem Endlager bis heute hin – und wird sich wohl noch bis weit nach 2050, möglicherweise bis 2074, erstrecken.

Ein mahnendes Symbol für die Versäumnisse der Vergangenheit ist dabei die Schachtanlage Asse II in Niedersachsen: ein altes Salzbergwerk, in dem zwischen 1967 und 1978 rund 126.000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Müll eingelagert wurden – ohne ausreichende Dokumentation, ohne modernes Sicherheitskonzept. Jahrzehnte später tritt Wasser ein, die Rückholung wird zur technologischen wie politischen Mammutaufgabe. Die Asse steht bis heute für das, was bei der Entsorgung atomarer Hinterlassenschaften schieflaufen kann – und sie beeinflusst die öffentliche Wahrnehmung wie auch das neue Endlagersuchverfahren.

Mit dem Standortauswahlgesetz von 2017 sollte alles besser werden: transparent, wissenschaftsbasiert, offen für Beteiligung. Gorleben wurde als Endlagerstandort ausgeschlossen, über 90 mögliche Regionen wurden zunächst identifiziert. Doch die Realität ist ernüchternd: Die ursprünglich gesetzte Frist – eine Standortentscheidung bis 2031 – ist längst nicht mehr haltbar. Neue Prognosen gehen von einer Entscheidung frühestens 2046 aus, manche Studien sprechen gar von einer Fertigstellung erst in den 2070er Jahren.

Die Suche nach einem sicheren Endlager wird damit zur Jahrhundertaufgabe. Und sie zeigt: Der Atomausstieg ist längst nicht abgeschlossen – er hat gerade erst begonnen.

Oktober 2024, Schlachthof Asse II Eingangsbereich

Den Ruf «Glück auf» hört man heute kaum im ehemaligen Bergwerk. Seit Jahren ist die Asse II Zwischenlager für Atommüll.

Schwarz-weiß Panorama Fotografie. Eine mit Schnee bedeckte Zufahrtsstraße zum Gelände der BGE mit Zugang zu Asse 2, in dem Atommüll lagert. Im Hintergrund Aufzugsturm für Mitarbeiter im Schacht.

Tief unter Tage liegen bis heute 47.000 Kubikmeter radioaktive Abfälle. Mit einem Bagger wurden die Fässer einfach in eine Grube geschüttet. Januar 2025, Zufahrtsstraße zum Gelände der BGE und Zugang in die Asse II

Wasser im Berg – der Kern des Problems

Schon seit den Einlagerungen zwischen 1967 und 1978 ist klar: Salzstöcke wie die Asse sind nicht vollständig «trocken». Ab 1988 wurden erste Einstromstellen für salzhaltiges Wasser dokumentiert – früher als «bedeutungslos» abgetan, entwickelten sich diese Wasserzuflüsse zu zentralen Risikofaktoren. Rund 570 Stellen sind feucht. Sollte das Bergwerk «absaufen», kann dort nicht mehr sicher gearbeitet werden. Pro Tag werden konstant 12 Kubikmeter Wasser aufgefangen – rund 50 Badewannen. 15 Liter an Wasser pro Tag kommt in Kontakt mit dem radioaktivem Material und ist kontaminiert.

Eine schwarz-weiß Fotografie. Ein Portrait von Paul Koch, er sich beim Strahlenschutzstammtisch und zu weiteren Themen wie Atommüll., Zwischenlager und Radioaktivität beschäftigt. Dezember 2024, Paul Koch

Es wurde jahrelang Wasser in die Kammern gepumpt, ohne strahlenschutzrechtliche Genehmigung. Und als rauskam, dass das vielleicht ins Grundwasser geht, war natürlich richtig Aufregung.

«Seelensorger im Strahlenschutz» – Paul Kochs zweiter Auftrag

Paul Koch ist Pastor im Ruhestand in Schöppenstedt. Er engagiert sich beim Strahlenschutz-Stammtisch und beim aufpASSEn e.V. und war bereits während der Tschernobyl-Katastrophe als Seelsorger tätig. Er erlebt die Angst und Wut der Bürger*innen angesichts der schleppenden Entwicklungen rund um Asse II.

November 2024, Wassersammelbecken untertage

Das Wasser tropft und birgt Risiken, durch den Atommüll zu kontaminieren. Wassersammelbecken stehen untertage, um Wasser zwischenzulagern, um es dann weiterzufördern.

Geht man über das Gelände der Asse II, wirkt der Untergrund uneben, immer wieder gibt es tiefe Täler. Diese Dohlen bilden sich sichtbar um die Asse und sind kleine Einstürze der Erde. Das Wasser löst das Salz, sodass Hohlräume einstürzen können. Die Asse II ist marode, das Zwischenlager kann durch das Gewicht einstürzen oder durch das Wasser absaufen und das Grundwasser kontaminieren. 

Seit 2009 ist die langzeitsichere Stilllegung das oberstes Ziel der Bundesregierung. 2013 beschloss diese die Rückholung des Atommülls. Doch sie erweist sich als schwierig, da das Grubengebäude starkem Gebirgsdruck ausgesetzt ist und sich in anhaltender Bewegung befindet. 2033 soll die Rückholung des Atommülls beginnen – doch niemand weiß, wohin der Abfall dann gebracht wird.

Dezember 2024, Außengelände der Asse II

Wenn sich das Salz durch das Wasser auflöst, bilden sich Hohlräume, sogenannte Dohlen. Diese bilden sich immer mehr auf em Gelände der Asse II und drohen einzufallen.

November 2024, Luftfiltrationssystem für die Kammer 8a, Asse 2

Daten und Fakten

1909-1964 In der Asse wird Kali- und Steinsalz abgebaut.

1906 & 1924 Abschaltung Nachbarschächte Asse I und Asse II, da mit Wasser vollgelaufen.

1965 Der Bund kauft das Gelände des ehemaligen Salzbergwerks, macht es zum sogenannten Versuchsendlager für Atommüll.

1967-1978 Einlagerung von ca. 126.000 Fässern (47.000 m³) schwach- bis mittelradioaktiver Abfälle. Betreiber der Schachtanlage war die Gesellschaft für Strahlenforschung. Die Atommüll-Fässer werden mit dem Bagger einfach in den Schacht gekippt.

ab 1971 Asse II dient als Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle aus ganz Deutschland.

Seit Ende der 80er Jahre kämpfen Menschen in der Region für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Asse Müll.

1988 Sickerwasser dringt in die Asse II ein.

1979-1997 Forschungsarbeiten zur Endlagerung von hochradioaktiven Abfällen in Salz.

1997 Der Bund entscheidet die Schachtanlage Asse II nach Bergrecht stillzulegen. Ursprünglich war geplant, die Schachtanlage mit Feststoffen aufzufüllen.

2008 Öffentliche Bekanntmachung der Probleme in Asse II
Kritik an mangelnder Transparenz und Sicherheitsrisiken.

2011 Rede Angela Merkel und Atomausstieg Deutschlands nach Fukushima.

2013 Entscheidung zur Rückholung der eingelagerten Abfälle. Dies wird im Atomgesetz verankert.

2017 Verabschiedung des Standortauswahlgesetzes
Gesetz legt Kriterien und Verfahren für die Endlagersuche fest – Transparenz und Beteiligung werden verpflichtend.

2019 Abschluss der ersten Bewertungsphase im Endlagersuchverfahren. Erste engere Auswahl von Regionen mit potenziell geeigneter Geologie.

2023 Abschaltung letztes Atomkraftwerk in Deutschland, Emsland, Isar II, Neckarwestheim II.

Anfang Juli 2024 liefen 10.000 Liter in den Schacht ein, rund 50 Badewannnen.

Seit 2024 steigt der Wassereinlauf auf der 725 Meterebene, das sind 25 Meter über der Lagerstätte.

voraussichtlich 2033 Rückholung Material aus Asse II, Kosten werden auf 4,7 Milliarden Euro geschätzt.

November 2024

Monatlich führt Anna-Lena Zimmermann Besucher*innen untertage und sorgt für die Sicherheit.

November 2024

Barbara, Schutzheilige der Bergleute.

November 2024

Die Öffnung in Kammer 8a – gerade groß genug für ein 200-Liter-Fass.


Die dauerhafte Sicherheit soll absolute Priorität bei der Standortsuche haben. Ziel ist die Lagerung mit ‹bestmöglicher Sicherheit› für einen Zeitraum von einer Million Jahren.

Asse II ist längst zum Warnsignal geworden: Ein Endlager für Atommüll darf niemals ohne umfassende Dokumentation, ungebrochenen Gesteinsschutz und transparente Kontrolle betrieben werden. Die Suche nach einem Endlager besteht und wurde 2013 auf null gesetzt – um mit einem besseren Plan von neuem zu starten. Deutschland befindet sich gerade in der Phase 1 eines 3-Phasen Plans. In den nächsten Jahren wird es ein Auswahlverfahren für die Suche nach eine Endlager geben. Alle deutschen Bundesländer und Regionen werden in unterschiedlichen Phasen des Suchprozesses auf Eignung geprüft, ausgeschlossen, bewertet und verglichen. 

Ich werde weiterkämpfen. Ich will, dass Historiker angestellt werden können, um die ganze Geschichte der Asse ab 1964 zu dokumentieren und zu erforschen.

Der Chronist der Asse

Jürgen Kumlehn ist Privatarchivar und beschäftigt sich bereits seit den 1970er-Jahren mit der Asse II. Er hat in dieser Zeit immer wieder selbst fotografiert und alle Zeitungsartikel dazu gesammelt. Außerdem hat er ein Buch mit dem Titel «Wir lagern mit dem Bürger ein» verfasst.

Oktober 2024, Jürgen Kumlehn
November 2024

Messgerät zur Überprüfung der Radioaktivität von Personen vor der Ausfahrt.

November 2024

Ein Fissurometer kontrolliert, ob sich ein Riss vergrößert.

November 2024

Lagerort der Notretter – Sauerstoffgeräte für den Brandfall.

Der Fall Asse II zeigt eindrücklich, welche technischen und organisatorischen Herausforderungen die sichere Lagerung von Atommüll mit sich bringt. Die jahrzehntelange Nachsorge eines «Versuchsbergwerks» wird Milliarden kosten – und macht deutlich, wie wichtig eine sorgfältige Planung und nachhaltige Sicherheitskonzepte sind. Die Lehren aus Asse  II fließen heute in das Standortauswahlverfahren ein, doch auch das beste Verfahren steht vor großen Herausforderungen.

Die Endlagerfrage ist keine rein technische, sondern vor allem eine gesellschaftliche Aufgabe für das 21. Jahrhundert. Der Atomausstieg mag beschlossen sein, doch die Verantwortung für den radioaktiven Müll bleibt über Generationen bestehen.

Gerade deshalb braucht es öffentliche Aufmerksamkeit, kritische Fragen und sachliche Debatten. Denn Atommüll geht uns alle an – nicht nur, weil er noch eine Million Jahre strahlt, sondern weil die Entscheidung, wo er bleibt, ein Maßstab dafür ist, wie ernst wir es mit Verantwortung wirklich meinen.


Empfehlungen der Redaktion: