The Abortion Plot
Noemi Ehrat zeigt Abtreibung als alltägliche Praxis. Ihr Langzeitprojekt fragt nicht nach dem Warum, sondern nach dem Wie: sachlich, ruhig und jenseits politischer Schlagzeilen.
Abtreibung ist ein Politikum. Wenn eine Regierung nach rechts rückt, wird der Zugang dazu oft erschwert oder ganz abgeschafft. Derzeit blicken viele auf die USA, wo die aktuelle Regierung reproduktive Rechte massiv einschränkt. Doch auch in europäischen Ländern sind Veränderungen im Gange. Während Länder wie Italien oder Polen ihre Gesetze verschärfen, verfolgen andere, wie Schweden oder die Niederlande, eine liberalere Praxis.
Inspiriert von Clair Wills Essay «How to Plot an Abortion» spürt Noemi Ehrat in ihrem Langzeitprojekt nach, wer hinter diesen Entscheidungen steckt, wer von den Folgen betroffen ist, wer es schafft, sich politisch zu organisieren, und wie diese Netzwerke grenzüberschreitend miteinander verbunden sind. Vielmehr als die Frage nach dem «wieso» geht diese Arbeit der Frage nach dem «wie» nach: Was braucht es, um einen Schwangerschaftsabbruch zu organisieren, und wie sieht dies aus?
Darüber hinaus will die ausgezeichnete Arbeit zeigen, wie Abtreibung oft aussieht: vom alltäglichen Arzttermin bis hin zu intimen Momenten zu Hause. Durch die distanziert-journalistische Bildsprache soll zudem sichtbar gemacht werden, dass Abtreibung vielmehr als gängige Praxis statt als Rechtsfrage verstanden werden kann – in all ihrer Banalität.
Noemi Ehrat
Noemi Ehrat wurde 1996 in Uster in der Schweiz geboren. Sie arbeitet als freischaffende Journalistin, Fotografin und Produzentin für verschiedene Publikationen wie Tamedia, ZEIT Online, Filmbulletin, Akut Mag sowie Radical Art Review und studiert seit Herbst 2022 Visual Journalism and Documentary Photography an der Hochschule Hannover. Ihre Arbeit dreht sich oft um Menschen, die gegen widrige Umstände kämpfen – sei es in Bezug auf Wohnen, reproduktive Gesundheit oder staatliche Gewalt.
Schweiz, November 2024.
Vor einem medikamentösen Schwangerschaftsabbruch bestimmt eine Gynäkologin per Ultraschall die Lage des Embryos und das Stadium der Schwangerschaft. So kann eine Eileiterschwangerschaft ausgeschlossen werden. Die meisten Abbrüche werden in den ersten 8 Wochen einer Schwangerschaft durchgeführt. Zu dem Zeitpunkt ist nur ein Dottersack schemenhaft zu erkennen.
Brüssel, Belgien, September 2024.
Teilnehmende der 15. FIAPAC-Konferenz für medizinische Fachleute aus den Bereichen Verhütung und Abtreibung. Die Konferenz findet alle zwei Jahre statt und soll dazu dienen, Fachwissen und neue Forschungsergebnisse auszutauschen.
Amsterdam, Niederlande, Oktober 2024.
Dr. Rebecca Gomperts ist Gründerin der Organisationen «Women on Waves», «Women on Web» und «Aid-Acess». Diese NGOs unterstützen Menschen in Ländern mit eingeschränktem Zugang zu reproduktiver Versorgung, etwa bei der Beschaffung von Abtreibungspillen.
Jena, Deutschland, Juli 2025.
S. hat their Kupferkette gerahmt. S. hat sich diese einsetzen lassen, nachdem they mit 19 Jahren ungewollt schwanger wurde und einen Abbruch hatte: «Damit konnte ich endlich wieder aufatmen und hatte das Gefühl, wenigstens ein bisschen mehr Kontrolle zu haben.»
Schweiz, April 2025.
Eine Patientin nimmt in einer medizinischen Praxis Mifepriston ein. Dieses erste Medikament beendet die Schwangerschaft. Das zweite, Cytotec, wird zu Hause eingenommen und bewirkt Muskelkontraktionen, um das Schwangerschaftsgewebe auszustoßen.
Lecce, Italien, Juni 2025.
Ein Team von Ärzt*innen und medizinischem Fachpersonal führt einen operativen Abbruch durch. Die dabei angewandte Methode der Vakuumaspiration ist schonender und risikoärmer als eine Ausschabung. In Italien weigern sich jedoch rund 63 % der Ärzt*innen aus ethischen oder religiösen Gründen, Abbrüche durchzuführen.
Brandenburg, Deutschland, November 2023.
Medizinstudierende üben die Vakuumaspiration mithilfe einer Papaya. Da die Frucht in Form und Konsistenz einer Gebärmutter ähnelt, kann der Eingriff relativ einfach und kostengünstig geübt werden.
Berlin, Deutschland, Mai 2025.
I. und ihr Partner C. in seiner WG. Sie sagen, der Schwangerschaftsabbruch habe sie näher zusammengebracht. Es war für sie aber auch schön und wichtig, dass weitere Menschen in ihrem Umfeld dabei eine wichtige Rolle gespielt haben.
Deutschland, Juli 2025.
Z. auf dem Sofa im Haus ihrer Eltern. Mit 16 Jahren wurde sie 2016 unerwartet schwanger und entschied sich dafür, die Schwangerschaft abzubrechen, um die
Schule beenden zu können. Ihre Mutter unterstützte sie dabei maßgeblich.
Zürich, Schweiz, September 2024.
«Runway for Riot» des feministischen Kollektivs «Zürich Selbstbestimmt» vor dem jährlichen «Marsch fürs Leben», einer christlichen Anti-Abtreibungsdemonstration. Die auf dem Laufsteg getragenen Kleidungsstücke wurden versteigert und der Erlös an eine Abtreibungs-NGO gespendet.
Fulda, Deutschland, August 2024.
Teilnehmer*innen des Gebetsmarsches «1000 Kreuze für das Leben». Die Veranstaltung wird vom christlichen, überkonfessionellen Netzwerk «EuroProLife» organisiert. Dieses kritisiert die sinkende Geburtenrate: sie würde «unter dem für die Selbsterhaltung eines Volkes notwendigen Minimum» liegen.
Pösing, Deutschland, August 2024.
«So übergibt sie ihr Kind dem Arzt, der es tötet, dem Henker, dem Tod»: Statue in der Franz-Graf-Kapelle. Die Kapelle «Unschuldige Kinder» wurde 2008 eingeweiht. Ein Generalvikar und Pfarrer segneten sie. Errichtet wurde sie vom Bauern Franz Graf auf seinem eigenen Land. In Kritik gerieten Graf und seine Kapelle unter anderem wegen dort platzierten Holocaust- Vergleichen.
Leipzig, Deutschland, November 2025.
«Wir entscheiden beide, wir machen das zusammen»: Das stand für Lea und Simon von Anfang an fest, als Lea ungeplant schwanger wurde. Den Abbruch selbst, den sie 2022 telemedizinisch durchführen konnte, haben sie positiv erlebt. Doch die Erfahrung rundherum, inklusive der gesetzlich vorgeschriebenen Beratung, hat die beiden politisiert.
Vaduz, Liechtenstein, Januar 2025.
Plenarsaal des Liechtensteiner Landtags. Das Land hat eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze Europas. Fürst Alois drohte 2011 bei der letzten Abstimmung zu
diesem Thema mit einem Veto.
Polen, März 2025.
A. lebt mit ihren Eltern auf dem polnischen Land, wo sie nach ihrem Jurastudium in Großbritannien hinzog. Die landesweiten feministischen Proteste 2020/2021 politisierten sie und sie engagiert sich seitdem für verschiedene Organisationen, die Menschen Zugang zu Abtreibungspillen ermöglichen.
Polen, März 2025.
Ausgeschnittenes Versteck für Abtreibungspillen in einem Buch. Das Internet und die Möglichkeit des medikamentösen Schwangerschaftsabbruchs haben die Praktik radikal verändert und leichter zugänglich gemacht. Nach der COVID-19- Pandemie hat die WHO ihre Richtlinien geändert und den selbst durchgeführten medikamentösen Abbruch in der Frühschwangerschaft als sichere Praktik anerkannt.
Rom, Italien, April 2025.
Die Abgeordnete Gilda Sportiello (Movimento 5 Stelle) in ihrem Büro im italienischen Parlament. Sie war die erste Person, die im Parlament ihren Schwangerschaftsabbruch publik machte. Seitdem setzt sie sich für die Entstigmatisierung und Entkriminalisierung von Abtreibungen ein.