Was manche im Bild sehen – und anderen entgeht.

Transkulturelle Perspektiven zeigen, wie unterschiedlich Menschen Bilder lesen – und welche versteckten Hinweise nur für manche sichtbar sind.

Foto: Hannah Kord und Arlette Weiland

Kulturelle Clues in der Fotografie sind visuelle Elemente, die auf den kulturellen Kontext, die Normen, Werte oder die Identität der abgebildeten Menschen, Orte oder der Bildautor*in selbst hindeuten. Sie ermöglichen es den Betrachter*innen, die Geschichte, soziale Dynamik und den Hintergrund einer Aufnahme zu verstehen. 

Fotografien vermitteln oft den Eindruck, einen Moment unmittelbar festzuhalten. Doch was wir in einem Bild erkennen, hängt stark von unseren eigenen Erfahrungen ab. Manche Details bleiben für Außenstehende unscheinbar, während sie für andere Erinnerungen, Bedeutungen oder ganze kulturelle Zusammenhänge eröffnen.

Ich untersuche die Verbindung zwischen persönlichen Erfahrungen und kollektiven kulturellen Erlebnissen und frage danach, welche Rolle Fotografie dabei spielen kann. Sie kann nicht nur Realität abbilden, sondern auch Räume schaffen, in denen unterschiedliche kulturelle Perspektiven sichtbar werden und miteinander in Dialog treten.

Der Begriff Kultur ist vielschichtig und wird je nach Kontext unterschiedlich definiert. Hier wird Kultur vor allem als ein Geflecht aus Bräuchen und Traditionen, Kunst, Kleidung und Küche verstanden – also als jene Elemente des Alltags, die Menschen miteinander verbinden und ein Gefühl von Zugehörigkeit und Identität vermitteln.

Transkulturalität bedeutet in diesem Fall, dass sich die deutsche und die thailändische Kultur miteinander verflechten und vermischen. Dabei können neue hybride Formen entstehen, in denen die thailändische Kultur in der deutschen existiert und zum Alltag gehört. Den Begriff verwende ich hier bewusst, um zu zeigen, dass Kulturen sich vermischen und nicht starr voneinander getrennt zu betrachten sind.

Transkulturell Transkulturell beschreibt das Vermischen und gegenseitige Beeinflussen verschiedener Kulturen, ohne sie als starr voneinander getrennt zu betrachten oder einzuordnen. Kulturen sind nicht klar voneinander abgegrenzt und existieren nicht unberührt nebeneinander.

Thailändische «cultural clues» werden zwar von der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland als thailändisch wahrgenommen, finden durch ihre Präsenz in Deutschland aber auch einen Platz in der deutschen Kultur. Es kommt somit zu mehr als nur dem Aufeinandertreffen zweier Kulturen, es entsteht ein neuer, gemeinsamer Raum.

Zwischen Dokumentation und Zugehörigkeit

Als ich mein neues Fotoprojekt «Soft Power» über Menschen mit thailändischer Migrationsgeschichte in Deutschland begann, stellte ich mir die Frage, warum und für wen ich es mache. Die Antworten waren unterschiedlich, doch ein Motiv war das Bedürfnis, die Lebensrealitäten, die Kultur und das Gefühl kultureller Zugehörigkeit dieser Menschen zu zeigen und zu erfragen. Mit dem Projekt wollte ich sowohl Menschen mit Bezug zu Thailand ansprechen als auch denen ohne Bezug einen neuen Einblick und eine andere Perspektive eröffnen.

Meine Mutter zog vor über zwanzig Jahren von Thailand nach Deutschland, und das Leben mit thailändischer Kultur in Deutschland ist auch ein sehr persönliches Thema für mich.

Im Laufe meiner Arbeit habe ich festgestellt, dass vor allem die älteren Protagonistinnen einen großen Bezug zu Thailand in Deutschland pflegen. Die Wichtigkeit und der persönliche Bezug zur thailändischen Kultur in Deutschland wurden von jeder Person unterschiedlich gewichtet.Es lässt sich jedoch sagen, dass die thailändische Diaspora in Deutschland sehr groß ist und es viele Orte gibt, an denen thailändische Kultur in Deutschland gelebt wird. Das wollte ich zeigen. Ich wollte einen Weg finden, die Kultur und vor allem die «Insider»-Gegenstände, das Essen und die Bräuche, die auch hier in Deutschland gelebt werden, so darzustellen, dass thailändische Betrachter*innen schmunzeln und verstehen würden, was ich versuche darzustellen.

Dabei musste ich an die Arbeit von Bieke Depoorter «As it may be» denken. In dieser Arbeit fotografierte sie ihr unbekannte Menschen in Ägypten, in deren Zuhause sie übernachtete. Ein paar Jahre später reiste sie wieder nach Ägypten und ließ die Fotografien dieser Menschen von anderen Menschen kommentieren. Es entstand ein geschriebener Dialog von Ägypter*innen mit unterschiedlichem kulturellen und sozialen Hintergrund.

Durch diese Art der Interaktion wird eine neue Ebene eröffnet, die Menschen ohne ägyptischen Bezug oder Hintergrund wahrscheinlich nicht verstehen würden. Diesen Aspekt fand ich interessant und fragte mich, wie wir in der Fotografie Räume schaffen können, die Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen einladen, durch die Fotografie neue Sichtweisen zu erkunden, aber auch zu thematisieren, dass wir als Betrachter*innen Außenstehende sind.

In der Fotografie wird oft der Eindruck vermittelt, in dem Moment dabei gewesen zu sein. Das hat das Medium der Fotografie so an sich. Wir schauen uns ein Bild an, und es mag noch so eine surreale Situation vor der Kamera gewesen sein, es gibt ein Abbild davon, also kann der Eindruck entstehen, man sei «dabei» gewesen.

Die Ebene hinter dem Bild – Über Kontext und kulturelle Zeichen

Jetzt stellt sich jedoch die Frage: Was ist mit dem Kontext? Kontext bedeutet in diesem Fall nicht nur, wann, wo und unter welchen Bedingungen das Bild entstanden ist, sondern vielmehr, welche Symbole, welche Bräuche oder gar Produkte man auf dem Bild sieht, die für diesen Ort oder diese Menschen von Bedeutung oder historischer Relevanz sind.

Wenn man so will, kann eine Fotografie wie ein riesiges Wimmelbild mit Elementen sein, die alle ihre eigene Geschichte haben und eine weitere Ebene eröffnen. In der Malerei ist dieser Aspekt vielleicht noch offensichtlicher, da die Person, die das Bild gemalt hat, sich aktiv dazu entschieden hat, dieses Element und damit den Mikrokosmos dessen Kontextes hinzuzufügen.

Beim Fotografieren meiner Arbeit fotografierte ich vermehrt Dinge wie zum Beispiel Stoffe oder Blumen, die ich mit Thailand in Verbindung brachte. Blumen, die mich an meine Kindheitserinnerungen in Thailand erinnerten, oder Stoffe, die meine thailändische Großmutter trägt. Es war der Kontext, der für mich die tiefere Bedeutung schuf.

Ich fragte mich jedoch, ob andere Menschen auch so einen Bezug dazu entwickeln könnten. Ob ich mit meiner Wahrnehmung alleine war. In gewisser Weise ist man ja irgendwo immer allein, da jeder Mensch eigene Erfahrungen macht, jedoch gibt es auch kollektive Erfahrungen, die Menschen, die einem bestimmten Kulturkreis angehören, ebenfalls machen.

Um eine weitere Ebene zu schaffen und einen gemeinsamen Dialog über diese kulturellen «Clues» zu initiieren sowie eine persönliche und kooperative Ebene zu meinem Projekt hinzuzufügen, entschloss ich mich, die Bilder den Protagonist*innen zu zeigen und sie kommentieren zu lassen, was sie sahen. Es stellte sich heraus, dass viele der Dinge, wie zum Beispiel das traditionelle thailändische Gewand, das ich auf einem thailändischen Markt fotografiert hatte, der auf einem Parkplatz in Hannover stattfand, Erinnerungen in einer Protagonistin weckten.

Hannover, April 2024 Foto: Pha Croissant

Auf einem Marktstand beim Songkran-Fest in Hannover hängen viele bunte, traditionelle thailändische Kleidungsstücke an einer Kleiderstange. Neben dem Stand steht eine Schaufensterpuppe mit einem gemusterten traditionellen Kleid.

Die Protagonistin schrieb: «OMG, das erinnert mich an die Tanten/Onkel zu Hause. Bei jeder Zeremonie sieht man diese Art von Outfits überall. » Es stellte sich also heraus, dass diese kulturellen «Clues», wie ich sie hier nenne, geteilte Erfahrungen mit diesen Gegenständen oder in diesem Fall Kleidungsstücken sind. Für Menschen, die diesen kulturellen Hintergrund nicht haben oder keine Erfahrungen mit thailändischer Kultur gemacht haben, mag dies eine neue Erkenntnis sein und neues Wissen vermitteln.

Jedoch habe ich festgestellt, dass das Thematisieren von diesen kulturellen «Clues» auch zur Exotisierung führen kann. Das Darstellen von lediglich «traditionellen» Kleidungsstücken kann den Eindruck vermitteln, dass sich nur auf das «Andere» konzentriert wird und «Othering» entsteht. Im Sinne von: die thailändische Kultur ist ja so anders und so «exotisch».

Wichtig ist hierbei also anzuerkennen, dass unterschiedliche Kulturen in einem Land gelebt werden und diese sich vermischen und auch überschneiden können. Die Aufgabe der Fotografie ist es, vielleicht genau das unbewusst einzufangen. Und die Aufgabe der Fotograf*innen ist es, einen Kontext zu geben und zu etablieren.

Songkran Festival in Hannover 2024. Foto: Pha Croissant

Beim Songkran Festival 2024 in Hannover tanzen thailändische Tanzgruppen in traditionellen Gewändern den Tanz „Ram Thai“ auf einer Bühne, während Menschen dazu tanzen.

Verpackte MAMA-Produkte im Supermarktregal, mit handgeschriebenen Notizen darüber. Verpackte MAMA-Produkte im Supermarktregal, ergänzt durch handgeschriebene Notizen und persönliche Kommentare. Foto: Pha Croissant

Die Protagonist*innen kommentierten, dass MAMA für ihre Familien ein wichtiger Begleiter ist, besonders auf Reisen oder in Situationen, in denen kein gutes Essen verfügbar ist.
Die Nudeln gelten als zuverlässig und als unverzichtbar für jede Reise. Sie sind günstig, in Deutschland jedoch nicht. Diese Nudelmarke ist sowohl in Thailand als auch in Deutschland sehr beliebt.


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