Nordhorn Range: Tiefflüge, Bomben und Bürgerproteste

Nordhorn Range ist Deutschlands einziger Übungsplatz für Tiefflüge und Bombenabwürfe. Anwohner*innen kämpfen seit Jahren dagegen. Über ein Randgebiet im Konflikt. Von Sophie Boyer (Text, Fotos), Conrad Fröhlich und Louisa Hertz (Text)

Der Luft- und Bodenschießplatz Nordhorn dient der Bundeswehr seit 2001 als letzter und einziger Bombenabwurfplatz Deutschlands. Hier führen Kampfflugzeuge der NATO-Einheiten Tag und Nacht Übungsmanöver durch. Die «Nordhorn Range», wie das Gelände auch genannt wird, ist ein Randgebiet im äußersten Südwesten Niedersachsens mit einer Fläche von rund 2.300 Hektar, mehr als 3.200 Fußballfeldern. Im Jahr 2000 fanden unter Führung der British Royal Air Force mehr als 8.000 Zielanflüge statt. Insbesondere zu dieser Zeit stand die Nutzung des Platzes aufgrund des Fluglärms seitens der Bevölkerung unter starker Kritik.

In den Jahren danach wurde es etwas ruhiger. 2018 waren es nur noch 784, wobei die Statistik der Zielanflüge seither wieder steigt und im Jahr 2022 2.686 Zielanflüge von NATO-Einheiten stattfanden. Seit Erweiterung des angrenzenden Naturschutzgebietes «Engdener Wüste» im Jahr 2002 steht die Hälfte des Übungsplatzes unter Naturschutz. Er grenzt mit seiner großen Fläche an vier Gemeinden der Region.

Die Notgemeinschaft Nordhorn kämpft nun seit mehr als 50 Jahren gegen den Schießübungsplatz. Die Kritikpunkte: Umweltbelastung, Lärm und Sicherheitsbedenken. «Wir haben damals mit der Bevölkerung, die hier in Nordhorn und Umgebung wohnt, den Platz besetzt. Wir waren es einfach leid, den Lärm der Düsenjäger aushalten zu müssen», erzählt Günter Roelofs, kommissarisch geschäftsführender Sprecher der Notgemeinschaft Nordhorn-Range. 

Koordination der Übungsflüge der Kampfmaschinen in einem der drei Tower der Nordhorn Range. 21.12.2022

Koordination der Übungsflüge der Kampfmaschinen in einem der drei Tower.

Die Notgemeinschaft vertritt die Anliegen der betroffenen Bürger*innen, stellt Forderungen an das Militär und ruft zu Protestaktionen auf. Obwohl der Luft-/Bodenschießplatz weiterhin aktiv genutzt wird, trägt das Früchte: «Die Nichtflugzeit in den Sommerferien wurde von vier auf sechs Wochen angehoben. Außerdem gab es Erholungsreisen für Schülerinnen und Schüler an die Ostseeküste.» Zudem spricht der kommissarische Geschäftsführer über finanzierte Vierfach-Verglasungen. 

So versucht die Notgemeinschaft, die Situation für die Anwohner*innen erträglicher zu machen. Denn gerade mit den aktuellen Ereignissen des Angriffskrieges von Russland auf die Ukraine im Hinterkopf scheint es unrealistisch, dass die Bundeswehr den Übungsplatz in Nordhorn aufgibt. Dafür bräuchte es schließlich eine Mehrheit der Abgeordneten im Bundestag: «Das wird wohl nicht passieren», meint Roelofs. Die Bundeswehr sitze eben am längeren Hebel. «Die sagen einfach ‹Nein› und wir können weder gerichtlich dagegen vorgehen noch sonst irgendetwas machen.» 

21.12.2022

Auf der Fläche des Luft- und Bodenschießplatzes hätten 3.200 Fußballfelder Platz.

Doch auch der bekennende Gegner der Range kann das Handeln von Politik und Bundeswehr im Rahmen des Russland-Krieges verstehen: «Wenn jetzt gerade in der Ukraine Krieg ist, ist es für uns natürlich eine blöde Position zu sagen, dass der Platz jetzt weg muss. Die Argumente, dass die NATO und die Bundeswehr im Moment üben müssen, kann ich verstehen.» 

Das bringt Günter Roelofs allerdings nicht von seinem allgemeinen Ziel ab: «Unser Auftrag und unser Wille ist, dass der Platz ersatzlos aufgegeben wird. Auch andere sollen nicht die Belastung spüren, die wir ertragen mussten.» 

«Zwölf Jahre habe ich den Lärm-Terror erfahren und mitbekommen. Ich habe mal der Bundeswehr gesagt, dass ich lärmgeschädigt bin und habe das dann auch begründet. Es gibt auch Leute, die dadurch psychisch angeknackst sind», sagt der Geschäftsführer. «Ich mache das auch für die Bevölkerung. Was passiert zum Beispiel, wenn Jugendliche irgendwie auf das Gelände kommen und dann Munitionsreste finden? Da gab es sogar einen Fall, der für einen Jugendlichen tödlich geendet ist. Auch heute kann man noch illegal auf den Platz kommen, wenn man will.» Roelofs macht zwar deutlich, dass das Militär die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt habe, doch ein Restrisiko ließe ich sich nicht vermeiden: «Vor ein paar Jahren ist eine Maschine mit Übungsraketen unter den Flügeln gestartet. Dabei sind zwei Raketen verloren gegangen und noch heute weiß man nicht, wo sie sind.» 

Die kritische Haltung der Notgemeinschaft hier, die Notwendigkeiten der Bundeswehr dort – das lässt verhärtete Fronten erwarten. «Die letzten beiden Platzkommandanten, die wir gehabt haben, waren freundlich zu uns. Sie waren aufgeschlossen und man konnte mit ihnen reden. Aber sie haben natürlich ihre Richtlinie und können uns keine Zugeständnisse machen», erklärt Roelofs.  


Das sagt die Bundeswehr:

Ralf Wieland, Oberstleutnant und Kommandant des Luft- und Bodenschießplatzes, nimmt schriftlich Stellung zur Kritik an der Nordhorn-Range.

20.01.2023

Auf dem Gelände des Luft- und Bodenschießplatzes. Atrappe einer Autokolonne als Beschussziel.

Was denken Sie über Beschwerden der Bewohner bezüglich des Fluglärms? 

Dass es schön ist, in einem Staat zu leben, wo es jedem Bürger erlaubt ist, sich gegen übermäßige Belastung wie Lärm zu beschweren. Lärm ist aber eine subjektive Wahrnehmung. 100 dB (A) eines Presslufthammers sind störend, 100 dB (A) meiner Lieblingsmusik sind toll! Ich sehe es daher als meine Aufgabe, den Anwohner*innen die Aufgabe und Funktion der Nordhorn-Range mit allen ihren Vor- und Nachteilen näherzubringen und zu verdeutlichen. Ich kann dann Schalldruck zwar nicht verhindern, mit Verständnis oder einer positiven Einstellung zur Bundeswehr lässt sich aber besser damit leben. Ich kann zumindest für die Nordhorn-Range feststellen, dass die Anzahl der Beschwerden rückläufig ist. 

Wie kommt die Bundeswehr den Anwohner*innen da entgegen?

Wir informieren die Anwohner*innen. Jedes Jahr findet seit 2002 dazu eine gesonderte Fluglärmkommission statt. Dazu können Vertreter der Kommunen und der Notgemeinschaft im Vorfeld gezielte Fragen stellen, sie werden während der Veranstaltung über den Flugbetrieb der letzten Jahre informiert. Das beinhaltet Betriebs- und Schießzeiten sowie schießfreie Zeiten. 

Kommt die Bundeswehr für körperliche Schäden mancher Anwohner*innen durch den Lärm auf?  

Die Entschädigung der Anwohner*innen erfolgt nach den Vorgaben des Fluglärmgesetzes und in Verbindung mit den festgelegten Lärmschutzzonen im Bereich der Nordhorn-Range. 

20.01.2023

Beschussziel „Target 2 – INDIA“ für Abwurfmunition bei Tag und Nacht und für den Einsatz von Laser zur Zielführung durch JTAC.

Warum ist der Schießplatz in Nordhorn für die Bundeswehr notwendig? 

Um als Bundeswehr unseren Auftrag zum Schutz der Bevölkerung sicherstellen zu können, muss der Umgang und die Handhabung mit allen Waffensystemen zu Land, Wasser und in der Luft geübt werden können. Was nicht im Vorfeld geübt wird, funktioniert im Ernstfall nicht. Die Nordhorn-Range ist der einzige und letzte Luft-Boden-Schießplatz in der Bundeswehr. Damit schließen sich mögliche Alternativen aus! 

Aktuell führt Russland Krieg gegen die Ukraine, auch aus der Luft.  Wird die Zahl der Übungsflüge der Bundeswehr dadurch ansteigen? 

Das kann seriös aktuell nicht beantwortet werden und ist stark abhängig vom weiteren Verlauf der Kämpfe und dem Primat der Politik.

22.12.2022

Das Randgebiet zum Luft- und Bodenschießplatz. Deutlich gesichert mit Warnschildern «Militärischer Bereich».


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