Kippenkult und Krebsromantik
Ein Fotobuch über Zigaretten, Sucht und Rauchbiografien: «Pleasure to Burn» von Carlotta Steinkamp und Fabian Niebauer verherrlicht das Rauchen – und meint es dabei nur halb so ernst.
Von Max Schlag
40 Doppelseiten Rauchen pur. So lässt sich das Fotobuch «Pleasure to burn» von Fabian Niebauer und Carlotta Steinkamp wahrscheinlich am besten beschreiben. In der kleinen Tabakbibel finden sich skurrile Geschichten über erste Zigaretten, rauchende Bürgermeister, Suchtgeständnisse. Von erwartbarer Tabakromantik bis hin zu tiefen Einblicken in die eigene Rauchhistorie der Autorinnen ist so ziemlich alles zu finden.
Und dann ham wir das einfach mal angefangen.
Carlotta Steinkamp
Neben den Texten spielen die Fotos eine zentrale Rolle dieser Arbeit. Die beiden studieren Visual Journalism & Documentary Photography und beschäftigen sich in ihrer Fotografie eigentlich mit «ernsten Themen». Als sie sich 2022 in Hannover kennen lernten schweißte vorallem das gemeinsame Rauchen sie zusammen. «Wir haben gemerkt, dass wir beide gerne rauchen und dann mal darüber geredet, ein ironisch verherrlichendes Projekt darüber zu machen.» sagt Carlotta.
Der Bedarf nach etwas leichtem ist ja wegen der ernsten Weltlage da.
Carlotta Steinkamp
Was als fixe Idee begann, entwickelten die beiden konsequent weiter. Sie porträtierten nicht nur rauchende Mitmenschen, sondern suchten auf Tabakmessen nach jenen absurden Situationen, die den Wahn dieser Sucht am besten einfangen. Bald begannen sie, ihr Projekt als Buch zu begreifen: Erste Dummys und Prototypen stießen auf Festivals und im Bekanntenkreis auf enorme Resonanz. Dabei zeigte sich schnell: Das Interesse war weit größer als erwartet – und kurioserweise fühlten sich auch viele Nichtraucher von den Bildern angezogen.
Schließlich sammelten sie Vorbestellungen, um den Druck im Verlag Kettler zu realisieren. So wurde das erste gemeinsame Buch der beiden, die sich sonst eher ernsten sozialen Themen widmen, ausgerechnet zu einer visuellen Ode an das Rauchen.
«Es hat natürlich eine gewisse Ironie, da wir beide eigentlich ernste Arbeiten machen», räumt Carlotta ein. Dass ihr Projekt dennoch so gut ankommt, sieht sie als Zeichen der Zeit: «Es ist eine schöne Wertschätzung, da der Bedarf nach etwas Leichtem wegen der ernsten Weltlage ja da ist.»
Obwohl der Titel «Pleasure to Burn» eine ungetrübte Euphorie suggeriert, offenbart der Blick hinter die Fassade des Abbrennens eine weitere Ebene. Für Rauchende mag der Bildband zwar den vertrauten Alltag oder den verrauchten Abend in der Kneipe widerspiegeln, doch gleichzeitig macht die Darstellung die Paradoxie dieser Gewohnheit sichtbar.
Wir haben immer wieder Zweifel daran, ob die Ironie erkennbar ist, weil es eine feine Linie zwischen Glorifizierung oder einer Kampagne gesundheitlicher Aufklärung gibt.
Carlotta Steinkamp
Das Projekt zeigt auf, wie aus einer einstigen Jugendsünde ein lebenslanger Begleiter wird. Das Rauchen fungiert hier fast wie ein Superheldenkostüm, das eine bestimmte Außenwirkung und Coolness verleiht – während die Kehrseite dieser Inszenierung, in Form von Unsportlichkeit oder chronischem Husten, die tatsächliche Konsequenz bildet.
Die Resonanz auf die Veröffentlichung war für die beiden eine Bestätigung ihrer Arbeit. Inzwischen widmen sie sich zwar wieder verstärkt ihren gewohnten sozialen Themen, bleiben dem Sujet des Rauchens jedoch auch weiterhin verbunden.
