Atmen trotz allem
Die Welt wird lauter, die Jugend erschöpfter — und Selbstfürsorge zum Privileg. Wo junge Menschen heute noch Kraft finden. Von Farah Abou Assali (Text) und Yael Wagner (Fotos)
Inflation, Kriege, Wohnungsnot: das sind keine abstrakten Themen mehr, sondern konkrete Auslöser von Angst. Fast drei Viertel der jungen Menschen in Deutschland nennen die steigenden Lebenshaltungskosten als größte Ursache für ihren Stress. Über die Hälfte verzweifelt an unbezahlbarem Wohnraum. Und dann sind da noch die Kriege in Europa und im Nahen Osten.
Die Studie Jugend in Deutschland zeigt: Junge Menschen stehen unter Druck. Drei Jahre nach der Corona-Pandemie sprechen 51 % von Dauerstress, 36 % von Erschöpfung. Selbstzweifel, Antriebslosigkeit, Gereiztheit – all das gehört für viele zum Alltag. 8 % der Befragten berichten von Suizidgedanken. Was macht das mit einer Generation und wie fängt man sich, bevor man sich selbst verliert?
«Musik gibt mir Zugang zu meinen eigenen Emotionen und hilft mir, Dinge zu verarbeiten. Besonders bei elektronischer Musik oder Techno spüre ich das – diese stetigen Rhythmen sind tief in uns Menschen verwurzelt, seit wir existieren.» – Jarl
In einem Leben zwischen Reizüberflutung und Zukunftsangst suchen viele nach Freiräumen, um sich zu sammeln: Spaziergänge im Wald, Sport, körperliche Nähe. Selbstfürsorge wird zur Überlebensstrategie. Doch nicht jede*r hat die Mittel dazu. Wer in Armut lebt, in Konfliktregionen aufwächst oder keine psychische Unterstützung erhält, steht oft allein vor den Folgen des Dauerstresses. Wem es an Erholungsmöglichkeiten fehlt, auf den wirken sich körperliche und psychische Belastungen auch negativer aus. Stressbewältigung und Resilienz sind eine Frage sozialer Gerechtigkeit.
«Wenn ich mir die Haare schneide, kann ich aktiv etwas verändern. Es ist mein persönlicher Akt der Selbstermächtigung, um frischen Wind in mein Leben zu bringen. Dadurch gewinne ich ein Stück weit Kontrolle, auch wenn ich sie in anderen Lebenssituationen momentan nicht habe» – Theresa
«Ich kann mich durchs Lesen gut sammeln und neue Kraft schöpfen, weil ich dabei entspannen und für ein paar Stunden das echte Leben vergessen kann» – Arlette
Egal welche Lebensrealität, es zeigt sich: Die Suche nach Balance, nach einem sicheren inneren Ort, ist überall spürbar. Es sind diese stillen, oft unsichtbaren Strategien, die jungen Menschen helfen, weiterzumachen. Jede Altersgruppe hat etwas, das sie beeinflusst. Heute steht die wirtschaftliche Inflation an erster Stelle, aber was kommt in ein paar Jahren? Wird der Klimawandel zum Stressfaktor Nummer eins? Oder werden Maßnahmen zu seiner Eindämmung ergriffen? Viele junge Menschen in Deutschland besorgt auch der Anstieg der Flüchtlingszahlen? Immer mehr wenden sich der extremen Rechten zu. Die Folgen sind so beängstigend wie ungewiss.
Und vielleicht beginnt genau hier eine neue Art des Widerstands – gegen das Gefühl, funktionieren zu müssen, gegen die eigene Erschöpfung. Eine Bewegung hin zu mehr Achtsamkeit – und zu einem anderen Umgang mit einer Welt, die selten innehält.