Väterrollen im Wandel

Vom Ernährer zum Kümmerer: Warum der Wunsch vieler Väter nach Präsenz noch immer an Strukturen scheitert – die moderne Familien in Deutschland ausbremsen.

von Phil Ofori

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Das traditionelle Bild des Vaters war lange das einer fernen Instanz: Er war der Ernährer, der Mann für die Fahrradkette und das Machtwort. Heute gilt dieses Modell zwar zunehmend als überholt, doch seine Strukturen wirken immer noch nach. Nils (46), Martin (29) und Ruben (42) gehören zu einer wachsenden Zahl von Männern, die mit dieser Tradition brechen wollen. Ihr Weg zeigt: Für Väter, die heute aktiv präsent sein wollen, ist das kein Selbstläufer, sondern ein Kraftakt gegen Strukturen, die in vielen Kernbereichen noch immer dem längst überholten Modell der 50er-Jahre folgen.


Das Erbe der Macher: Bruch mit einer funktionalen Tradition

Viele Väter wollen heutzutage eine größere Rolle im Leben ihrer Kinder spielen. Sie helfen bei den Hausaufgaben, stehen in der Küche, schmieren das Pausenbrot und entscheiden sich für Teilzeit oder Elternzeit. Zwischen dem traditionellen Rollenbild und der neuen Realität liegen Welten und damit unzählige Konflikte, Erwartungen und Hoffnungen. Frau Prof. Sonja Drobnič, Soziologin und Dozentin an der Uni Bremen, sieht hier eine asymmetrische Entwicklung: Während Frauen ihre Rollen tiefgreifend verändert haben, hinkt die männliche Rolle hinterher. Sie ordnet diesen Schwebezustand folgendermaßen ein:

Der Wandel der Vaterrolle ist bislang stärker ein normativer als ein praktischer. Die Leitbilder haben sich schneller verändert als die alltäglichen Routinen.

Portrait Frau Prof. Drobnič Prof. Drobnič

Wie tief diese veralteten Routinen sitzen, wissen Nils, Ruben und Martin aus Bremen durch ihre eigenen Erfahrungen aus der Kindheit. Vaterschaft war damals kein präsenter Alltag, sondern eine funktionale Zuständigkeit.

Rubens Kindheit war geprägt von der Abwesenheit seines Vaters. Ein Bauhandwerker, der unter der Woche auf Montage war. Kam er am Wochenende nach Hause, blieb er der «Macher»: Er baute am Haus, schraubte, pflegte den Garten.

Er hat alles geregelt, aber nicht wirklich zugehört, denn für das Emotionale war er einfach nicht da

Portrait Ruben S Ruben S.

Dennoch betont er heute, dass sein Vater sich im Rahmen seiner Möglichkeiten bemühte: Er erlebte keinen abwesenden Desinteressierten, sondern einen Mann, der seine Rolle für damalige Verhältnisse engagiert ausfüllte. Sein Vater war beteiligt, jedoch «im engen Korsett der klassischen Rollenverteilung».

Ähnlich beschreibt Martin seine Erfahrungen, auch sein Vater garantierte als klassischer Geschäftsmann die materielle und finanzielle Sicherheit. Vaterschaft definierte sich in diesem Modell primär über berufliche Verantwortung, ohne die alltägliche Sorgearbeit. 

In Nils Biografie taucht der typische «Wochenend-Vater» auf. Er war zuständig für die Highlights, die Ausflüge, die großen Momente. Die mühsamen und emotionalen Routinen des Alltags hingegen blieben in der Zuständigkeit der Mutter. 

Diese Prägungen sind für Nils, Martin und Ruben der entscheidende Antrieb, es heute anders zu machen. Ihr Ziel ist der bewusste Bruch mit dieser Tradition der getrennten Verantwortlichkeiten, ein Weg, der jedoch nicht nur sie selbst, sondern ihre gesamten Familien im Alltag vor konkrete strukturelle Herausforderungen stellt.

Dieser Wunsch nach Wandel ist keine bloße Vermutung, er ist statistisch belegt. Der Väterreport 2023, eine repräsentative Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums, zeigt: Rund 55 Prozent der Väter streben eine partnerschaftliche Aufteilung an. Doch der Alltag bremst sie aus. Tatsächlich lebt nur jeder fünfte Vater diesen Anspruch. Die Barriere ist oft der Job: Fast jeder zweite Vater würde seine Stunden reduzieren, wenn das System sie ließe.

Elterngeld und ökonomischer Zwang

Elterngeld und Elternzeit sollen eigentlich ermöglichen, dass Mütter und Väter die Betreuung ihrer Kinder gleichberechtigter aufteilen können. Doch die Theorie passt oft nicht zur gelebten Realität. Soziologinnen nennen dieses Phänomen die «Retraditionalisierungsfalle»: Der Moment nach der Geburt, in dem Paare trotz moderner Vorsätze in alte Rollenmuster zurückfallen, meist, weil es finanziell vernünftiger erscheint – aber auch, weil gesellschaftliche Konventionen in dieser sensiblen Phase besonders stark greifen.

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes Destatis beschreiben ein Ungleichgewicht: 2024 waren zwar fast 26 Prozent der Elterngeld-Bezieher männlich – ein Rekordwert. Doch beim Blick auf die Dauer sticht die kurze Zeit der «Väter-Pause» heraus. Während Väter im Schnitt nur 3,8 Monate aussteigen, bleiben Mütter fast 15 Monate zu Hause.Maßgeblich für diese Verteilung sind oft die gesetzlichen Partnermonate. Diese regeln, dass sich der Anspruch auf das Basiselterngeld von ursprünglich zwölf auf insgesamt 14 Monate verlängert, sofern beide Elternteile für mindestens zwei Monate ihre Erwerbsarbeit unterbrechen oder reduzieren.

Prof. Drobnič sieht hier ein systemisches Signal: Die zwei Partnermonate fungieren in der Praxis nicht als Mindeststandard, sondern als Obergrenze. Sie definieren väterliche Beteiligung implizit als kurze Ausnahme, nicht als gleichwertige Verantwortung.

Martin macht das deutlich. Der Hauptgrund für das kurze Ausscheiden der Väter ist oft ökonomischer Natur. Da der Vater aufgrund des Gender Pay Gaps meist mehr verdient und das Elterngeld bei 1.800 Euro gedeckelt ist, bleibt eine längere Väterzeit für viele Familien finanziell nur für kurze Zeit tragbar.

Nach zwei Monaten Elternzeit zwang die ökonomische Realität Martin zurück in die 35-Stunden-Stelle. Für ihn ein Moment, in dem sein Wunsch nach Nähe mit den strukturellen Vorgaben kollidierte. Wenn er heute abends nach Hause kommt, ist sein vier Monate alter Sohn Mio oft schon bereit fürs Bett. Er beschreibt, wie er in den ersten Wochen damit haderte, für die Erwerbsarbeit wieder so viel von zu Hause weg zu sein:

Ich sehe ihn morgens, kann ihn noch kurz halten und dann muss ich gehen

Portrait Martin L. Martin L.

Für Martin ist die aktuelle Gesetzgebung daher eher ein Instrument zur Erwerbssteuerung als zur echten Familienförderung: «In meinen Augen ist die Elterngeld-Regelung dafür da, dass möglichst schnell wieder beide Elternteile arbeiten gehen», sagt er. Besonders die Neuerung, dass das Basis-Elterngeld nur noch einen Monat lang gleichzeitig bezogen werden kann, empfand er als massive Hürde für einen gemeinsamen, ruhigen Start.

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Die Arbeitswelt und der Preis der Fürsorge

Trotz des Wunsches nach Veränderung bleibt die Arbeitswelt eine erschwerende Kraft. Laut Väterreport befürchten viele Väter negative berufliche Konsequenzen. Nils hat seine Erwerbsarbeit dennoch langfristig angepasst. Er halbierte seine Stelle als Lehrer für psychisch belastete Kinder. So hält er seiner Partnerin den Rücken für ihr zeitintensives Medizinstudium frei und kann seine dreijährige Tochter Mina intensiver betreuen. Es ist eine bewusste Entscheidung gegen das alte Pensum und für eine gleichberechtigte Elternschaft.

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Für Nils ist das weniger eine persönliche Kränkung als vielmehr ein Beleg für ein gesellschaftliches Muster. Es offenbart das immer noch tiefsitzende Missverständnis, Sorgearbeit primär als Freizeit zu interpretieren.

Das Phänomen des «idealen Arbeitnehmers», so Frau Prof. Drobnič, der kontinuierlich verfügbar ist. «Für Männer stellt Teilzeitarbeit daher einen Normbruch dar. Entsprechend arbeiten nach der Geburt rund 66 Prozent der Mütter in Teilzeit, bei Vätern sind es gerade einmal 7 Prozent.»

Nils ist sich bewusst, dass dieser Weg nicht für jeden offensteht. Er betont, dass es in seiner Situation ein Privileg ist, die Sorgearbeit so aufteilen zu können. Eine finanzielle Flexibilität und berufliche Sicherheit, die in vielen anderen Branchen oder prekären Arbeitsverhältnissen nicht existiert.

Dass der Wandel jedoch über die rein finanzielle Machbarkeit hinausgehen muss, zeigen die Reaktionen in der Schule. Wenn er nach seinem «Papa-Tag» wieder zur Arbeit kommt, fragen Kollegen und Kolleginnen manchmal:

Und, hattest du einen schönen freien Tag?

Portait Nils K. Nils K.
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Wie hoch ist das Karriere Risiko?

Studien des IAB (2025) und des DIW/SOEP belegen messbare Auswirkungen von Elternzeit auf die langfristige Lohnentwicklung:

Väter: Wer mehr als zwei Monate Elternzeit nimmt, verzeichnet nach sieben Jahren ein Lohnplus von 8 %. Bei Vätern mit nur kurzer oder keiner Auszeit liegt die Steigerung dagegen bei 21 %

Mütter: Zehn Jahre nach der ersten Geburt liegt das Erwerbseinkommen in Deutschland um 63 % niedriger als im Jahr vor der Geburt. Als Ursachen nennt die Statistik vor allem lange Erwerbspausen sowie die häufig dauerhafte Rückkehr in Teilzeitstellen.

Die Daten legen nahe, dass längere Care-Arbeit im aktuellen System oft mit Dauer der Erwerbsunterbrechung für Sorgearbeit korrelieren.

Care Arbeit und Mental Load: Wer übernimmt die Regie im Alltag?

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Doch nicht nur die reine Arbeitszeit, auch die Verantwortung im Alltag will verteilt sein. Wer behält den Überblick über anstehende Arzttermine, die nächste Kleidergröße oder den Wocheneinkauf? Dieses Phänomen, bekannt als „Mental Load“, beschreibt die kognitive Belastung, die durch die ständige Organisation des Familienlebens entsteht. Das System ermöglicht Gleichberechtigung nur theoretisch. Echte Entlastung entsteht nicht durch Mithilfe, sondern durch Verantwortung. Drobnič illustriert das am Alltag folgendermaßen:

Ein Vater, der mit dem Kind einkaufen geht, während der Einkaufszettel von der Mutter geschrieben wurde, trägt nicht die Verantwortung.

Portrait Frau Prof. Drobnič Prof. Drobnič

Auf Bremens Straßen erlebt Ruben die Absurdität der Rollenbilder. Wenn er mit seiner fünfjährigen Tochter Jonna unterwegs ist, lächeln ihm öfters Passantinnen bewundernd zu. Ein Vater, der sich kümmert, kann noch immer ein Spektakel sein. «Du wirst voll gehypt für eigentlich nichts.» Diese Bewunderung markiert das Problem: Was bei Müttern unsichtbarer Standard ist, gilt bei Vätern teils als heroische Ausnahme.

Für Nils bedeutet echte Zuständigkeit vor allem eine ständige emotionale Erreichbarkeit für seine Tochter. Wenn sie hinfällt oder Trost braucht, ist Nils oft ihre erste Bezugsperson. Dass sie in diesen verletzlichen Momenten gezielt ihn als tröstende Instanz aufsucht, macht den Erfolg seiner Bemühungen um eine enge Bindung im Alltag sichtbar. Für Nils ist genau diese Selbstverständlichkeit das Ziel seiner Vaterschaft: 

Ich wünsche mir, dass Väter zugänglich sind und Kinder nicht erst überlegen müssen: werde ich auch getröstet, wenn ich zu Papa laufe?

Portait Nils K. Nils K.

Martin richtet seine Arbeitszeiten aktiv nach den Bedürfnissen seiner Familie aus. Er entschied sich vor der Geburt seinen Job beim Familienkrisendienst mit Rufbereitschaften zu wechseln, um planbare Arbeitszeiten zu haben. «Ich lege meinen Job um meine Familie», beschreibt er seine Priorität. Sein neuer Job als pädagogische Fachkraft in einem Verselbstständigungsprojekt für Jugendliche ermöglicht es ihm, den Bedürfnissen seines Sohnes gerecht zu werden und seiner Partnerin während ihrer therapeutischen Ausbildung den Rücken freizuhalten.

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Wie die Aufteilung der Care-Arbeit auch nach einer Trennung funktionieren kann, zeigt Ruben. Im 50/50-Modell trägt er in seinen Betreuungsphasen die vollständige Regie für seine fünfjährige Tochter. 

Aktive Vaterschaft bedeutet heute, ökonomische Nachteile in Kauf zu nehmen. Doch der Einsatz lohnt sich. Forschungsergebnisse zeigen, dass präsente Väter die Entwicklung von Kindern positiv beeinflussen und Rollenbilder langfristig aufbrechen. «Kinder internalisieren egalitärere Geschlechternormen, wenn sie diese im Alltag wiederholt beobachten», so Prof. Drobnič.

Der Weg zum gesellschaftlichen Standard führt laut der Expertin über politische Reformen: die Abschaffung des Ehegattensplittings, mehr reservierte Monate für Väter und eine bessere Anrechnung von Care-Arbeit bei der Rente. Martin, Ruben und Nils zeigen, dass dieser Wandel bereits begonnen hat, im Kleinen, gegen den Strom, aber mit unschätzbarem Wert für ihre Familien und die nächste Generation.

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