What’s left of photography? Ausstellung der Bachelor-Arbeiten vom 26.01. – 05.02. in der GAF

Vernissage der Ausstellung «What's left of photography?» in der Galerie für Fotografie in Hannover, 25. Januar 2023. Foto: Lorenz Huter

Die Abschlussausstellung des Studiengangs Visual Journalism and Documentary Photography beschäftigt sich in vielen Arbeiten mit dem Begriff der Sinnhaftig- und Nachhaltigkeit. Häufig mit dem Blick auf den Menschen und dem Verhältnis zur Natur, mal reflexiv auf die eigene fotografische Praxis und deren Auswirkungen auf die Welt. Was bleibt von den Bildern, mit denen wir erinnern und konservieren, Fragen stellen und Antworten geben wollen?

Als Fotograf*innen sind wir nicht nur stille Beobachtende. Wir nehmen aktiv Einfluss auf unsere Umwelt und erschaffen und erweitern dabei bewusst und unbewusst kollektive Archive. Jedes Bild geht dort ein. Sei es private, künstlerische oder angewandte Fotografie. Sind es diese Archive, die bleiben oder die Beziehungen, die sich in ihnen ausdrücken? Beziehungen von der Fotografin zur Welt, vom Bild zur Bildschaffenden und letztlich vom Bild zur Welt.

Wir untersuchen die Verhältnisse und Grenzen im gemeinsamen Miteinander, in ruhigen sozialen Zwischenräumen, sowie in Räumen des Wandels und großer Unfreiheit. Dabei stellen wir uns die Frage, welche Fotografien relevant sind und welchen Wert sie für uns und andere haben. Wir blicken auf eine Welt, deren Fragen zahllos sind. Fragen, die den Antworten ebenso zahllos gegenüberstehen. Dennoch ist die Fotografie zentral für unseren Blick auf diese Verhältnisse; unsere Art, diese Fragen zu untersuchen. Wir haben gelernt, uns in ihr auszudrücken und unseren Blick auf die Welt mit ihr zu repräsentieren.

Die Ausstellung ist bis zum 5. Februar 2023 in der GAF Galerie für Fotografie zu sehen.

Foto: Sophia Aigner

Sophia Aigner (1993) hospitierte während ihres Studiums bei der Agentur OSTKREUZ. Inzwischen ist sie in ihre Heimatstadt Wien zurückgekehrt. Dort arbeitet sie als freischaffende Fotografin.

Ihre Arbeit «Gemma Park» handelt von urbanen Grünoasen, naturbelassenen Parks am Rande des Wienerwalds und an den Altarmen der Donau. Das Projekt beschäftigt sich mit der Vielseitigkeit dieser Orte und stellt die Wiener Parks als Lebensraum in den Mittelpunkt. Die Fotografin möchte die Besucher*innen der Ausstellung dazu einladen, sich «auf’s Bankerl» zu setzen, die Fotos zu betrachten und dabei den Geräuschen der Parks zu lauschen.

Foto: Dimi Anastassakis

Dimi Anastassakis (1979) arbeitete in der Gastronomie, im elterlichen Friseurbetrieb, und als Fotograf, bevor er an der Hochschule Hannover studierte.

Seine Arbeit handelt von der LGBTIQ-Community in Deutschland: Für Millionen Menschen, die im Deutschland des 21. Jahrhunderts leben, und sich zwischenzeitlich in Sicherheit fühlten, gestaltet sich der Gang in den öffentlichen Raum wieder zur Mutprobe. Das Maß von Diskriminierungen und Gewalt-Übergriffen auf Menschen der LGBTIQ-Community macht Deutschland zum Spitzenreiter im europäischen Vergleich. Der fotografische Einblick in das Leben eines LGBTIQ-Menschen versteht sich als Mosaikstein der Aufklärung.

Foto: Felix Burchardt

Felix Burchardt (1990) wirkte während seines Studiums in Hannover an Ausstellungen, Fotoscreenings und Diskussionsrunden im Goethe Exil mit. Später arbeitete er in der Bildredaktion von ZEIT-Online.

Seine Abschluss-Arbeit trägt den Titel «Looking for Language». Er selbst schreibt darüber: «Sie erschöpfen sich ihrer eigenen Materialität; still fließend durch alle Lebensräume. Sie sind überall und jederzeit. Wolfgang Tillmans sprach vom «Terror der Bilder». Sie unterliegen — wie ich es auch tue — der widersprüchlichen, sich selbst verschlingenden Logik des Kapitalismus. Doch was bleibt? Wo sind die Räume für eine sinnvolle Sprache? Bilder: analog und digital, in Bewegung und direktem und ständigem Austausch mit Datensätzen, und auf der Suche nach Sinnhaftigkeit. Looking for Language zeigt einen Raum voller Notizen und Gedanken, und dem, was mir wichtig scheint.»

Foto: Moritz Gebhardt

Moritz Gebhardt (1990) schloss ein Informatik-Studium ab, bevor er Fotojournalismus in Hannover, Dhaka und Den Haag studierte. Heute arbeitet er als freier Fotograf in Berlin.

In einer kleinen Vorstadt mäht der Fotograf Moritz Gebhardt seinen Rasen. Vorsichtig umfährt er die blühenden Blumen. Seine beiden Kinder spielen im Garten vor dem Einfamilienhaus, die Oma schaut zu. Es ist ein Idyll, ein erlerntes Ideal, eine Last und eine Illusion, denn etwas stört die Szene. Die vermeintliche Realität bröckelt und plötzlich befinden sich die Betrachter*innen in einem Schauspiel, denn eines der Kinder ist der Fotograf selbst.

Fotos: Chantal Seitz

Chantal Seitz (1993) absolvierte eine Ausbildung zur Fotografin, bevor sie in Hannover Fotojournalismus studierte. Heute lebt sie in Berlin und arbeitet als Fotoredakteurin, u.a für das Kriminalmagazin «ZEIT Verbrechen».

Im Oktober 2021 schickte Chantal Seitz einen Brief an Collin Davis, den Bruder ihres Partners, der seit 17 Jahren im US-Staat Kalifornien im Gefängnis sitzt. Mit der simplen Frage: «Was willst du sehen?», begann sie einen über Monate andauernden Dialog: über die Bilder, die sie Collin fortan auf seine Wünsche hin schicken sollte. Ihn aus der Distanz hinter die Kamera zu holen, ist nicht nur eine künstlerische und journalistische Annäherung an ein Familienmitglied und dessen Geschichte. Es ist auch der Versuch, die Trennung zwischen Gefängnis und Außenwelt aufzubrechen, die Collin bereits sein halbes Leben lang erfahren muss. Der Austausch zwischen Fotografin und inhaftierter Person macht deutlich, wie das Haftsystem drinnen wie draußen bestimmt, wer was sehen darf und wie er es sehen darf. Gleichzeitig ist er ein Mittel, Collin ein wenig Macht zurückzugeben. Das Ergebnis ist die Bachelor-Arbeit «Stay safe out there».

Foto: Laila Sieber

Laila Sieber (1989) studierte in Stuttgart, Hannover und Gent. Neben ihren freien Projekten arbeitet sie als selbstständige Fotojournalistin für verschiedene Zeitungen und Magazine.

Seit Beginn der feministischen Revolution in Iran findet sich auch die iranische Diaspora in einem Ausnahmezustand wieder. Besonders die Generation, die nach dem Gründungsjahr der Islamischen Republik 1979 geboren und in der Diktatur aufgewachsen ist, steht in enger Verbindung mit ihrem Heimatland. In Berlin haben sie sich in neu gegründeten Kollektiven zusammengefunden, machen auf die Situation in sozialen Medien aufmerksam, organisieren Performances und Demonstrationen. Sie teilen den Schmerz, die Trauer, die Hoffnung. Lautstark rufen sie: «Jin, Jiyan, Azadî!», «Frau, Leben, Freiheit!» Ihre persönlichen Erlebnisse dieser Zeit des Widerstands tragen zu einer kollektiven Erinnerung bei. Sie machen nicht nur vielfältige Unterdrückungsverhältnisse sichtbar, sondern zeigen auch Möglichkeiten auf, sich davon zu befreien.

Armenien, Jermuk, 03.12.22: Soldaten entzünden Kerzen und beten während des Sonntags-Gottesdienstes in der St. Gayane Kirche. Foto: Patrick Slesiona

Patrick Slesiona (1991) lebt in Hannover und arbeitet als freier Fotojournalist unter anderem für die FAZ, Die ZEIT und Der SPIEGEL.

In seiner Reportage  «Armenien – ein Land bringt sich in Stellung» berichtet er von einem wenig beachteten Angriffskrieg im Kaukasus: Zur selben Zeit, als Russlands Armee in der östlichen Ukraine ihre schwerste Niederlage hinnehmen muss, startet in der Nacht zum 13. September 2022 Aserbaidschan massive Angriffe auf das Staatsgebiet Armeniens und beschießt mit Artillerie und Drohnen armenische Städte und Dörfer. Bereits 2020, als die Welt in ihren ersten Corona-Herbst steuerte, brach ein neuer Krieg in der umstrittenen Region Bergkarabach aus. Doch dass der Konflikt auch armenisches Staatsgebiet erreicht – damit hatte u.a. im südarmenischen Kurort Jermuk bis zu jener Nacht niemand gerechnet. Seither ringen Russland, die USA und die Europäische Union um Vermittlung. Aber angesichts eines Gasdeals bezeichnet die EU Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Aserbaidschan als «vertrauensvollen Partner». Von der internationalen Gemeinschaft fühlen sich viele in Armenien allein gelassen. In den Bergen, nur fünf Kilometer vom Ortskern von Jermuk entfernt, sollen noch immer aserbaidschanische Truppen patrouillieren. Armenien kämpft ums Überleben. Aufgeben und wegziehen wollen trotzdem nur die wenigsten.

Foto: Benjamin Thieme

Benjamin Thieme (1994) lebte vor seinem Fotojournalismus Studium in Lateinamerika. Immer wieder arbeitet er auf diesem Teil der Erde, mit einem Schwerpunkt auf umweltbezogenen Themen.

Für seine Bachelor-Arbeit reiste der Fotograf nach Costa Rica: Das Land verwendet so viele Pestizide wie fast kein anderes Land weltweit. 34,45 kg werden pro Hektar und Jahr im Land verteilt. Davon zählen 20 zu den weltweit gefährlichsten, viele davon sind in Deutschland verboten oder stark eingeschränkt, da sie mit Krebs und anderen Krankheiten in Verbindung gebracht werden. Auf Plantagen für Exportprodukte werden die meisten Pestizide eingesetzt. Ananas, Bananen, Kaffee, Palmöl. Oftmals werden die Pestizide großflächig mit Helikoptern und Flugzeugen aufgetragen. Es gelangen immer wieder Teile der hochtoxischen Chemikalien in Wohngebiete, Schulen und Flüsse.

Foto: Niklas Viola

Niklas Viola (1993) studierte seit 2017 Fotografie an der Hochschule Hannover. In seiner Fotografie interessiert er sich hauptsächlich für Fragen nach den sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie.

In seiner Bachelor-Arbeit «Canonical Photography» stellt der Fotograf die Frage: «Was ist ein gutes Bild und warum ist es ein gutes Bild?» Augenscheinlich eine einfache Frage, die dennoch zentral für jede fotografische Handlung ist. Die Frage nach dem richtigen Bild. Welchen Lebensweg nimmt eine Fotografie und welche Wirkung erzeugt sie in der Welt? Was haben wir für Marker gefunden, solche Fotografien als «Gut» zu kennzeichnen und zu prämieren? Sie hängen in Museen, auf Leinwänden und Ausstellungsbannern und laufen bei uns über Smartphones. Überall begegnen sie uns und dennoch bleibt die Frage anscheinend unlösbar. Zwischen den Bilderfluten und Automatisierungsprozessen scheinen sie nach oben zu treiben. Als eine Art Widerspruch zur Massenhaftigkeit von Fotografien im zeitgenössischen Kontext. Aber wie widersprüchlich oder nicht ist ein gutes Bild und wie viel von ihm ist vorherbestimmt, bevor das Bild entsteht?

Foto: Marcus Wiechmann

Marcus Wiechmann absolvierte eine Ausbildung zum Werbetechniker, bevor er an der HS Hannover studierte. Es folgten Auslandssemester in Istanbul und Dhaka sowie Praktika beim Fotokollektiv DARST Projects und beim SPIEGEL.

Die Zeit des Nationalsozialismus wurde in der Bundesrepublik nach 1945 nur zögerlich aufgearbeitet und erforscht. Bis in die Neuzeit wirkt sich die zwölfjährige Zeit des Nationalsozialismus aus und ist mehr als nur ein «Vogelschiss» in der Geschichte. Marcus Wiechmann hat seinem Projekt den Titel «Was war wird bleiben» gegeben. Er schildert darin, wie noch heute aktiv in Bremen und Hamburg der Nationalsozialismus aufgearbeitet oder an diesen erinnert wird. Aktuelle Themen, Konflikte und Diskussionen werden durch Portraits von engagierten Personen dargestellt. Zudem werden Orte und Veranstaltungen wie Kriegsgräberstätten, Gedenktage und Mahnwachen gezeigt, an denen sich Gedenken und Aufarbeitung manifestieren.

Irving Villegas wurde 1982 in Mexiko geboren und arbeitete dort als Fotograf, bevor er 2011 nach Hannover kam. Seine Arbeiten wurden bereits in verschiedenen Medien veröffentlicht wie der New York Times, The Guardian, Der SPIEGEL oder 6 mois.

Die Abschluss-Arbeit von Irving Villegas trägt den Titel «Drinnen». Der Fotograf untersucht darin das Verhältnis zwischen Künstler*in und seinem/ihrem Arbeitsraum. Für viele Künstler*innen ist das Atelier fast wie ihr Zuhause: Hier entstehen Ideen, setzen sich in Materie, Form und Farbe, in Konkretes um. Es ist ein Raum der Inspiration. Hier entsteht in akribischer Kleinstarbeit immer wieder etwas Neues, wird geflucht, erschaffen, verworfen. Einige dieser Ateliers befinden sich an ungewöhnlichen Orten wie z.B. in einer Fleischerei, in alten Industriehallen oder in einer ehemaligen Grundschule. Irving Villegas ergänzt seine Arbeit durch Interviews. So wird eine neue Perspektive auf die Arbeit und die Geschichten hinter der Arbeit sowie das intime Verhältnis des Künstlers/der Künstlerin zu seinem/ihrem Atelier ermöglicht.

Ausstellungs-Eröffnung: 25. Januar um 19 Uhr

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 12-20 Uhr 

Ort:
GAF Galerie Für Fotografie Hannover
Seilerstraße 15D,
30171 Hannover

Ausstellende Fotograf*innen:

Sophia Aigner – Gemma Park
Dimi Anastassakis – LGBTIQ-Community in Deutschland
Felix Burchardt – Looking for Language
Moritz Gebhardt – Softlink
Chantal Seitz – Stay safe out here
Laila Sieber – Jin* Jiyan Azadî | Diaspora Of a Revolution
Patrick Slesiona – Armenien – ein Land bringt sich in Stellung
Benjamin Thieme – Pestizide in Costa Rica
Irving Villegas – Drinnen.
Nik Viola – Canonical Photography
Marcus Wiechmann – Was war wird bleiben



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Wir stehen dir für dein persönliches Anliegen gerne zur Verfügung. Aufgrund der Vielzahl von Anfragen bitten wir dich jedoch, zuerst in unseren FAQ zu schauen, ob deine Frage vielleicht schon einmal beantwortet wurde.

Hochschule Hannover
Fakultät III – Medien, Information und Design
Expo Plaza 2
D-30539 Hannover



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