Therapie mit Tieren.

Delfine, Pferde oder Kamele: In der tiergestützten Therapie kommen ganz unterschiedliche Tiere zum Einsatz. Warum Tierbegegnungen bei Angststörungen, Depressionen und Traumata helfen können – und warum manche Menschen dafür sogar bis nach Florida fliegen.

Collage mit einer menschlichen Hand, die sich der Schnauze eines Kamels nähert. KI-generierte Illustration mit ChatGPT Images 2.5 (OpenAI)

Irgendwo zwischen Psychologie, Pädagogik und Medizin: Dort setzt die tiergestützte Therapie an. Die Tiere sollen dabei nicht nur helfen, Symptome zu lindern, sondern gezielt im therapeutischen Prozess eingesetzt werden. Autorin Marlene Lillie gibt in ihrem Audiofeature einen Einblick in die weite Welt der «Therapie mit Tieren».

Heiko Bock ist zertifizierter Reittherapeut. Zweimal die Woche besucht er mit seinen Tieren das Ameos Klinikum in Hildesheim. Bei einem Therapiespaziergang mit seinem Kamel Gordon erzählt er, worauf es bei der Arbeit mit den Tieren ankommt. Bock bezeichnet seine Hunde, Kamele und Alpakas als seine Partner. Dabei geht es ihm um die gleiche Wertschätzung, die sich Menschen auch entgegenbringen, zum Beispiel wenn sie ein simples «Nein» akzeptieren. Die direkten Auswirkungen von Wertschätzung auf die psychische Gesundheit sollen so beim Umgang mit den Tieren klar werden. Vor dem Spaziergang erklärt Heiko Bock seinen Klient*innen, was sie dabei beachten sollen. Fühlt sich eine Person beim Führen des Kamels unwohl, darf sie den Strick einfach fallen lassen.

Was Tiere in der Therapie bewirken

Der amerikanische Kinderpsychologe Boris M. Levinson begann in den 1950er Jahren damit, Hunde in der Therapie einzusetzen. In Europa wurden erst Jahrzehnte danach erste Versuche gestartet. Mittlerweile wird an vielen Kliniken, Schulen und sozialen Einrichtungen mit Tieren gearbeitet, allerdings ohne einheitliche Standards.

Erfahrungsberichte im Internet beschreiben ähnliche Effekte wie Studien: Menschen sind im Umgang mit Tieren entspannter. Berührungen, Bewegungen, Gerüche und Geräusche sorgen für die Ausschüttung von Hormonen. Der Psychologische Psychotherapeut Dr. Rainer Wohlfarth erklärt, dass es sich dabei um das «Kuschelhormon» Oxytocin und das «Entspannungshormon» Serotonin handelt. Aber die therapeutische Arbeit mit Tieren könne bei depressiven Menschen auch die Motivation fördern. Die psychologische Methode «Walk and Talk» erlaubt eine Therapie während des Spazierengehens. Tiere können in Wohlfarths Erfahrung aber auch komplex traumatisierten Menschen dabei helfen, ihre Anspannung abzulegen.

Das kann auch Steffi Halupnik bestätigen. Sie ist Leiterin der Abteilung für tiergestützte Therapie in einer Klinik in Braunlage. Die Klinik arbeitet mit Pferden, die sofort auf Körperspannung oder Unsicherheiten bei den Patient*innen reagieren. Um mit den Pferden umgehen zu können, müssen sie also präsent sein. Viele Menschen sind von klein auf tierbegeistert, auch hier sieht Halupnik Anknüpfungspunkte für eine tiergestützte Therapie. Die Reaktion der Pferde auf ihre Patient*innen verrate ihr oft mehr als die Patient*innen selbst.

Delfintherapie zwischen Hoffnung und Kritik

Kamele, Pferde und auch Delfine helfen bei therapeutischer Arbeit. Der Verein «delfine therapieren menschen» vermittelt Therapieaufenthalte nach Florida und Curaçao. Auf Grundlage der ärztlichen Berichte werden passende Therapeut*innen und Therapiekonzepte ausgewählt. Ein zweiwöchiger Therapieaufenthalt kann bis zu 18.000 Euro kosten. Wenn einer Familie nur ein kleiner Teil des Geldes fehle, versuche der Verein zu helfen, berichtet der Vorstandsvorsitzende Timm Fries.

Trotz positiver Erfahrungsberichte ist Delfintherapie umstritten. Die Haltung der Tiere, zu hohe Kosten und die Wirksamkeit stehen im Mittelpunkt der Kritik von Tierschützer*innen. Die Deutsche Stiftung Meeresschutz kritisierte etwa die unzureichenden Studien zur Delfintherapie, die eine nachhaltige, positive Wirksamkeit nicht nachweisen konnten. Laut Timm Fries ist die Kritik in den letzten Jahren jedoch abgeflacht, auch weil der Verein die Haltung in Becken klar ablehnt.

Was alle tiergestützten Therapien gemeinsam haben und was sie laut Steffi Halupnik so besonders machen, ist die Art und Weise, wie sie Menschen erreichen. Das geschehe über Gefühle und über den Körper statt durch Erkenntnisse. So könnten die Patient*innen das Gelernte später leichter abrufen. Auch Dr. Rainer Wohlfarth ist der Meinung, dass Tiere neue Aspekte mit sich bringen, die wichtig für die Verarbeitung von Traumata sind.