Hannovers Schandfleck an der Ihme.
«Ziemlich verwinkelt, alt und heruntergekommen.» So würden wohl viele das Ihme-Zentrum beschreiben, das als riesiger Betonklotz Hannovers Skyline prägt. Max Dumke und Henning Franz beschäftigen sich in ihrem Podcast mit dem Mega-Bauprojekt der 70er-Jahre und haben dafür mit einem Bewohner gesprochen.
In Linden-Mitte erstreckt sich der große Gebäudekomplex in bester Lage direkt am Ihme-Ufer. Trotzdem stehen hier seit den 1990er Jahren viele Geschäftsflächen und Wohnungen leer. Die Gegend gilt als unsicher, die Gebäude als vernachlässigt. Für ihren Podcast über das Ihme-Zentrum haben sich Max Dumke und Henning Franz mit Julius getroffen, der trotz allem mit seiner WG in eine der leerstehenden Wohnungen gezogen ist.
KI-generierte Illustration mit ChatGPT Images 2.5 (OpenAI), auf Grundlage eines Fotos von Lenny Steinhauer.
Die Grundidee
Ursprünglich wurde das Ihme-Zentrum in den 1970er Jahren als «Stadt in der Stadt» konzipiert und gebaut. Hier sollte nicht nur gewohnt, sondern auch gearbeitet und eingekauft werden. In Hannover gab es Pläne für weitere solcher Zentren. Das Ihme-Zentrum ist jedoch das einzige, das tatsächlich gebaut wurde. Schon vor Beginn der Bauarbeiten soll die Hälfte der Wohnungen verkauft gewesen sein. Nach der Fertigstellung 1975 bot der Baukomplex auf 58.300 Quadratmetern Wohnfläche Platz für rund 860 Wohnungen.
Stadt in der Stadt, das klingt eigentlich spannend und erinnert ein bisschen an den Kinderfilm WALL-E.
Der Niedergang
Das Ihme-Zentrum wurde aus dem seinerzeit beliebten Sichtbeton gebaut, der aber schon wenige Jahre später nicht mehr als zeitgemäß galt. Generell weist die Architektur des Gebäudes Schwachstellen auf. Das Ihme-Zentrum ist bis heute sehr verwinkelt und unübersichtlich. Um zu seiner Wohnung zu kommen, muss Julius aus dem achten Stock wieder ein halbes Stockwerk nach unten laufen, um dann über eine Querverbindung zu seiner Tür zu gelangen.
Anfang der 2000er Jahre befand sich das Ihme-Zentrum bereits in einem schlechten Zustand. Die meisten Ladenflächen in der integrierten Einkaufspassage standen leer. Zwar wird 2006 unter einem neuen Eigentümer mit einer grundlegenden Sanierung begonnen, doch die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008 betrifft auch die beauftragten Baufirmen. Die Sanierungen müssen gestoppt werden. Die unsanierten Gebäude und leerstehenden Gewerbeflächen machen den Standort immer unattraktiver – sowohl für mögliche Bewohner*innen als auch für Investor*innen. Das Ihme-Zentrum leidet bis heute unter seinem schlechten Image.
Dieses architektonische Megaprojekt hat sich irgendwie nicht richtig über die Eröffnung 1974 weitergetragen.
Leben im Ihme-Zentrum heute
Julius erzählt, dass er sich auf den Einzug ins Ihme-Zentrum trotzdem gefreut hat. «Ich fand es ziemlich nice, hier so weit oben zu wohnen, mit der Aussicht und dem Balkon.» Auch die Anbindung zur Straße sei relativ gut und ausschlaggebend für den Umzug gewesen. «Hier sind ja schon ziemlich viele verwinkelte Ecken, die dann abends vielleicht ein bisschen gruselig sind.»
Es gibt also auch beim Ihme-Zentrum nicht nur Schwarz oder Weiß. In seiner Wohnung fühlt sich Julius wohl, den Eingang beschreibt er wiederum als «Ruine». Ein anderer Teil des riesigen Gebäudekomplexes werde für Prostitution genutzt, im Treppenhaus liegen Spritzen.
Wie geht es weiter?
Für die Zukunft wünscht Julius sich, dass am Ihme-Zentrum überhaupt etwas gemacht wird. Als Beispiele nennt er seinen heruntergekommenen Eingang und die Fahrradunterführung. «Da fahren täglich super viele Leute durch und ich könnte mir vorstellen, wenn das etwas einladender aussehen würde, dass das auch die Wahrnehmung der Leute beeinflussen könnte.»
Zurzeit scheitern diese Vorhaben an der Insolvenz des Eigentümers. 2019 hatte Lars Windhorsts Firma Projekt IZ Hannover GmbH Eigentümeranteile am Ihme-Zentrum erworben. Ähnlich wie in den 2000er Jahren hatte es große Sanierungspläne gegeben, die dann an der Insolvenz des Unternehmens scheiterten. Solange das Insolvenzverfahren läuft, wird nur das Nötigste saniert.
Obwohl sich das Ihme-Zentrum nicht nur durch seine Schattenseiten definiert und sich dort stellenweise sogar relativ unbeschwert wohnen lässt, bleibt es eines von Hannovers Sorgenkindern.