Alte Herren, alte Konflikte?
Jedes Jahr zieht der Coburger Convent Tausende Korporierte nach Coburg. Während die einen Tradition feiern, kritisieren andere männerbündische Strukturen, Fackelmärsche und den Umgang mit der eigenen Geschichte. Von Till Franke und Killian Kämper
Bratwurstgeruch. Über dem Coburger Marktplatz liegt eine dichte Rauchfahne, die aus einem kleinen Stand auf Rädern aufsteigt. Hungrige, korporierte Studenten stehen in der Bratwurstschlange, daneben die sogenannten «Alten Herren», also ehemalige Burschenschaftler – alle von ihnen in farbigen Mützen und Band, die auf die Zugehörigkeit der verschiedenen Verbindungen schließen lassen. Auf den Bierzeltgarnituren ringsum sitzen Grüppchen in Uniformen, sie stoßen an, lachen, trinken Bier. Der Coburger Convent (CC) ist zurück – und mit ihm der Konflikt.
Jedes Jahr zu Pfingsten wird der Convent in der bayerischen Stadt Coburg abgehalten. Eine über 150 Jahre alte Tradition, welche neben schaulustigen Befürworter*innen auch jede Menge Kritiker*innen in die Stadt bringt.
Die Rituale des Coburger Convents
Der Coburger Convent ist ein Dachverband aus 100 akademischen Landsmann- und Turnerschaften. Viele der Verbindungen tragen lateinisch klingende Namen wie Thuringia, Saxonia oder Borussia, die auf Stämme der Völkerwanderungszeit oder des Frühmittelalters verweisen. Damit inszenieren sie eine romantisierte – teils auch völkisch aufgeladene – Verbindung zwischen heutiger Identität und einer vermeintlich urdeutschen Vergangenheit, erklärt der Kulturwissenschaftler Hubertus Habel in seiner Studie über den CC.
Alle im CC organisierten Verbindungen sind pflichtschlagende Verbindungen, was bedeutet, dass jeder aktiv korporierte Student in seiner Verbindungszeit mindestens zwei sogenannte Mensuren gefochten haben muss. Eine Mensur ist ein ritualisierter Fechtkampf, in dem sich die Kontrahenten mit scharfen Klingen gegenüberstehen und gezielt auf den größtenteils ungeschützten Kopfbereich schlagen.
Ziel ist nicht der Sieg, sondern das Durchhalten. Sollte man nicht in der Lage sein, den Schlag abzuwehren, gilt es, standhaft zu bleiben. Die Mensur versteht sich als Mutprobe, Ausdruck von Charakterstärke, und soll zeigen, dass man im Notfall seinen Mann steht und bereit ist, sich für den Männerbund zu opfern, berichtet uns Lucas, 22, Teilnehmer des CC und Mitglied in einer Studentenverbindung in Berlin.
Es brodelt in Coburg
Doch hinter Mensur, Bratwurstduft, Bierbänken und Couleur steckt mehr als nur Traditionspflege. Jahr für Jahr wächst auch der Protest. Für viele hat der Coburger Convent wenig mit Folklore zu tun – sondern viel mit konservativen Männerbünden, elitären Strukturen und einem fragwürdigen Geschichtsbild.
Das hat überhaupt nichts mit einer befreiten, offenen Gesellschaft zu tun, was sie an Traditionen mit sich bringen, sagt die 27-jährige Sina A., die lieber anonym bleiben möchte. Sie ist Mitglied der Initiative «Studentenverbindungen auflösen»
«Ich bin eher dafür, dass wir uns wandeln sollten als Gesellschaft», Die Gruppe demonstriert jedes Jahr aufs Neue gegen den Convent. Ihr Vorwurf: Die Verbindungen reproduzieren ein rückwärtsgewandtes Männerbild, pflegen völkische Erzählungen und schließen systematisch Frauen aus.
Sina A. (Name geändert)
Marschieren wie damals
Einer der größten Kritikpunkte ist die Vergangenheit der oberfränkischen Stadt und die Verbindung zum Coburger Convent. Am 14. Oktober 1922 wird Hitler als Ehrengast nach Coburg eingeladen. Er selbst betrachtet dieses Wochenende später als ein bedeutendes Sprungbrett für seine politische Karriere, da er dort 1922 mit SA-Anhängern einen gewaltsamen Aufmarsch gegen linke Kräfte durchsetzt – den sogenannten «Deutschen Tag in Coburg». Dieses Ereignis stilisierte die NSDAP später zum ersten «Kampftag der Bewegung» und machte Coburg zur ersten nationalsozialistischen Stadt Deutschlands.
Bereits 1929 erreichte die NSDAP dort als erste Partei Deutschlands eine absolute Mehrheit im Stadtrat. Coburg war die erste Stadt, in der die NSDAP zum ersten Mal eine absolute Ratsmehrheit erreichte. Zwei Jahre später wurde mit Franz Schwede der erste nationalsozialistische Bürgermeister Deutschlands in Coburg eingesetzt.
Schwede galt auch als großer Förderer der Deutschen Landsmannschaften, einem bedeutenden Teil des Coburger Convents (CC). Diese historischen Verbindungen wirken bis in die Gegenwart nach und führen regelmäßig zu öffentlichen Diskussionen. So findet beispielsweise jedes Jahr am Pfingstmontag eine Gedenkveranstaltung statt, die am von Hitler persönlich eingeweihten Ehrenmal am Schlossplatz beginnt. Von hier marschiert der Zug durch den Hofgarten zum «Denkmal der Deutschen Landsmannschaft». Dort werden unter anderem verstorbene Mitglieder wie Ferdinand Ernst Nord geehrt, ein ehemaliger SA-Standartenführer und Offizier der Luftwaffe.
Das Gedenken an ehemalige NSDAP-Mitglieder ist dabei kein Einzelfall. Auch der traditionelle Fackelzug des Coburger Convents, der durch die Innenstadt führt, weist in seiner Routenführung und Symbolik deutliche Parallelen zu historischen Aufmärschen der SA auf.
Johannes Wagner
«Was mich am meisten stört, ist eigentlich diese Nähe zu den Bildern, die eben auch irgendwie mit der NS-Zeit verbunden werden», sagt Johannes Wagner, Bundestagsabgeordneter von «Bündnis 90/Die Grünen» und Mitglied im Gesundheitsausschuss. Er kritisiert, dass veraltete und historisch belastete Symboliken beim Coburger Convent noch immer ohne erkennbare Aufarbeitung oder kritische Einordnung reproduziert werden. Gleichzeitig warnt Wagner davor, pauschale Urteile zu fällen.
Man dürfe nicht jedem Menschen mit konservativer Haltung sofort den Nazistempel aufdrücken – das werde dem politischen Diskurs nicht gerecht. Was er sich aber wünsche, sei ein ehrlicher Umgang mit der eigenen Geschichte. «Ich finde, wenn man so eine Großveranstaltung organisiert, dann hat man auch eine Verantwortung. Und dieser Verantwortung muss man sich stellen.»
Wenn Aufarbeitung zur Nebensache wird
Der Pressesprecher des CC, Martin Vaupel, sieht das ganz anders und sagt: «Das muss jeder für sich machen». Damit entzieht er sich und den CC somit komplett aus der Verantwortung, der eigenen Geschichte gerecht zu werden und Aufklärungsarbeit zu leisten.
Trotz der Kontroversen trifft man am Fuße der Veste, wo sich das Denkmal befindet, viele Schaulustige, welche das Geschehen der deutschen Landsmannschaften beobachten. Die letzten Vorbereitungen für den Gottesdienst und die Kranzniederlegung am Denkmal sind in vollem Gange und verzweifelt wird noch versucht, das farbüberströmte Denkmal zu säubern.
Aktivisten beschmierten das Denkmal in der Nacht zuvor mit roter Farbe. Die getroffenen Schutzmaßnahmen, wie die Security vor Ort und der vorher extra gebaute Schutz aus Holz, brachten mal wieder nichts, denn inzwischen ist dies eine Art «Tradition», wie ein Mitarbeiter der Stadt berichtet.
Martin Vaupel
Buntes Treiben
Auch Einheimische können dem Spektakel etwas abgewinnen. Einer von ihnen ist Clemens, 71, welcher sich selbst als «Urcoburger» beschreibt. «Ich sehe es jetzt nicht unter politischen Gesichtspunkten, die ganze Geschichte, sondern das ist für mich eine Folkloreveranstaltung. Was mich immer erfreut hat, ist halt einfach die Buntheit der ganzen Veranstaltung.» Clemens plädiert dafür, die Tradition zu bewahren und den Verband in Ruhe zu lassen. Er findet es wichtig, sich nicht zu sehr mit den Fehlern der Vergangenheit zu beschäftigen, sondern ähnliche Fehler in der Zukunft zu vermeiden.
Nach dem Gottesdienst und der rituellen Kranzniederlegung, um der Verstorbenen der beiden Weltkriege zu gedenken, werden eifrig Erinnerungsfotos geschossen. Die einzelnen Häuser rücken zusammen und posieren in Uniform mit ihren Degen und Fahnen.
Nicht weit vom Treiben der Verbindungsstudenten und alten Herren entfernt trifft sich eine Gruppe im Schatten eines Baumes zu einem Picknick. Kein Frühstück unter Freunden, es ist eine Gegenveranstaltung zum Coburger Convent und zur Ehrung ehemaliger NS-Anhänger.
Unter ihnen ist Ellen, eine 67-jährige Coburgerin, die sich für die Omas gegen Rechts engagiert. «Die (CC-Teilnehmer) sind ja ganz friedlich. Die bleiben unter sich und es ist alles in Ordnung. Bloß heute Abend halt dieser Aufmarsch, der erinnert schon sehr an Hitlerzeiten. Wir möchten sie eigentlich so nicht dahaben», erklärt sie und kritisiert ebenfalls die Nähe zu veralteten Symboliken und Bildern, die durch diese Veranstaltung jedes Jahr aufs Neue reproduziert werden.
Die Streitlust der «Alten Herren»
Auch wir führen einige offene und respektvolle Gespräche mit Teilnehmern des Coburger Convents. Doch nicht alle Begegnungen verlaufen konstruktiv und auf Augenhöhe. Besonders negativ fällt uns dabei eine bereits aus früheren Jahren polarisierende Person auf.
Noch vor Beginn der Zeremonie auf dem Schlossplatz werden wir als Journalisten mit Kameraausrüstung direkt wahrgenommen. Ein junger Korporierter kommt freundlich auf uns zu, informiert uns über den Ablauf der Veranstaltung und fragt, ob wir noch etwas wissen möchten. Kurz darauf werden wir von Hans-Georg Schollmeyer fotografiert, jahrelang Kongressbeauftragter und Kassenwart des CC.
Im Anschluss werden wir von ihm konfrontiert. Offenbar stört ihn unsere Anwesenheit. In unserem Beisein äußert er sich herabwürdigend und macht homophobe Anspielungen. Die Situation eskaliert weiter: Als einer von uns versucht, das Denkmal auf dem Platz zu erreichen – wie die anderen Journalist*innen –, stellt sich Schollmeyer in den Weg und versperrt mit den Worten: «Du machst das, was ich will – nicht das, was du willst».
Spannungen zwischen CC und Medien
Einige Stunden später kommt es erneut zu einer Begegnung mit Schollmeyer. Beim Fotografieren des Fackelmarsches, einer öffentlichen Veranstaltung, schiebt ein älterer Herr mich in eine Gruppe Zuschauender und schlägt gegen meine Kamera. Schollmeyer sagt mir, ich dürfe hier nicht fotografieren, und zeigt uns eine Karte, auf welcher «Versammlungsleiter» steht.
Die Karte, ein Stück laminiertes Papier, trägt er nicht offen. Als Versammlungsleiter ist er somit nicht zu erkennen. Dass ausgerechnet er dort Anweisungen gibt, überrascht uns. Immerhin war er nach einem öffentlichen E-Mail-Skandal 2023 offiziell zurückgetreten. Schollmeyer legte sein Amt nieder, nachdem interne Mails öffentlich geworden waren, in denen er über den Umgang mit kritischen Medienvertretern sprach.
Darin war unter anderem die Rede davon, Journalist:innen mit einer Art «Steckbriefaktion» bloßzustellen – ein Plan, der nach außen den Eindruck von Einschüchterung und gezielter Denunziation erweckte und den Druck auf den CC erhöhte. Dennoch inszeniert er sich als Führungsperson. Der Rücktritt wirkt rückblickend eher symbolisch als real. Auf Nachfrage beim Pressesprecher des CC bekommen wir nur ein sehr vages Statement. Er kommentiert das Ganze mit: «Einfach nur peinlich.»
Coburgs Straßen füllen sich erneut mit CC-Mitgliedern, die nach dem Gottesdienst und der Kranzniederlegung am Ehrendenkmal den nächsten Biergarten ansteuern. Auch wir machen uns auf den Rückweg in die Innenstadt und kehren im Münchner Hofbräu ein – einem der Stammlokale für viele Teilnehmer des Convents. Die Inhaberin, Victoria Klose, 35, empfängt uns freundlich. Jedes Jahr beherbergt sie in ihrer traditionellen Gaststube Verbindungsstudenten und Alte Herren.
«Die sind total herzlich und jedes Jahr gibt es Umarmungen, wenn man sich wieder sieht. Jedes Jahr ist es irgendwie wie ein Heimkommen für die hierher, weil sie mich halt auch echt schon ewig kennen», sagt Victoria. Dann ergänzt sie, dass sie es schön findet, auch mal gefragt zu werden, wie sie persönlich das Ganze sieht. Sie kritisiert die ihrer Meinung nach einseitige, negative Berichterstattung der etablierten Medien. Sie erzählt, dass das Pfingstwochenende eines der umsatzstärksten ist und somit sehr lukrativ für Wirt*innen, die den CCLern Einlass gewähren. Erwähnt aber, dass Sie den CC auch als Privatperson unterstützten.
«Meine Bedienungen und ich kriegen mehr Respekt von den CCLern als von manch anderem Gast. Also, es ist nicht nur so, dass ich überwiegend positive Erfahrungen gemacht habe, sondern ich habe nur positive Erfahrungen gemacht. Es ist nicht ein negativer Fall, wo ich wirklich sage, die waren respektlos.» Tatsächlich äußert sich auch eine Bedienung aus dem Festzelt des CC ausschließlich positiv zu den Teilnehmern: «Die Jungs sind einfach nur lieb und nett. Die prellen keine Zeche, die lassen gut Trinkgelder da.»
Streit um die Stadt im Sommer
Doch nicht alle in der Coburger Gastronomie teilen diese positive Sicht auf den Convent. Andere Wirte erleben die Tage rund um Pfingsten ganz anders. Einer von ihnen ist Olli Müller, Inhaber der Sonderbar. Er steht dem Convent kritisch gegenüber und bewirtet keine Teilnehmer in Couleur. «Ich habe der Sache noch nie etwas abgewinnen können. Jedes Jahr die Scheiß-Schlagzeilen um den Fackelzug und du denkst, du bist in 1945» , erklärt uns Olli und kritisiert hier ebenfalls die Nähe zu den Bildern aus der Nazizeit und den aus der Zeit gefallenen Bräuchen des Coburger Covents.
Stattdessen plädiert er für eine Alternative zum CC: Ein «Stadtfest mit kreativen Köpfen“ ist sein Gegenvorschlag, eine Veranstaltung, die Raum für neue Ideen schafft – und gleichzeitig den Gastronom*innen Planungssicherheit und Umsatz bringt.»
Olli Müller
Zurück auf dem Marktplatz nimmt das rege Treiben seinen Lauf. Die Bierbänke sind besetzt und der Zapfhahn aufgedreht. Die Bratwurstwolke ist nicht zu übersehen und natürlich auch die etwa 200 Teilnehmer, welche sich hier gerne zu Quatsch und Tratsch treffen.
Im Goldenen Anker, einer der Stammlokale für Teilnehmende, berichtet Martin Vaupel, Pressesprecher des Coburger Convents, von seinen Erfahrungen und seinem Weg zum CC‑Mitglied. Er selbst distanziert sich von der AfD und rechtsradikalem Gedankengut, spricht in dem Moment jedoch nur für sich selbst und nicht für den CC.
Zurück auf dem Marktplatz nimmt das rege Treiben seinen Lauf. Die Bierbänke sind besetzt und der Zapfhahn aufgedreht. Die Bratwurstwolke ist nicht zu übersehen und natürlich auch die etwa 200 Teilnehmer, welche sich hier gerne zu Quatsch und Tratsch treffen.
Im Goldenen Anker, einer der Stammlokale für Teilnehmende, berichtet Martin Vaupel, Pressesprecher des Coburger Convents, von seinen Erfahrungen und seinem Weg zum CC‑Mitglied. Er selbst distanziert sich von der AfD und rechtsradikalem Gedankengut, spricht in dem Moment jedoch nur für sich selbst und nicht für den CC.
Man könne eine demokratisch gewählte Partei nicht systematisch ausschließen, auch wenn sie gegen die Grundwerte der Demokratie sei. Das gleiche gelte für die Mitglieder, welche dann auch Teil des Coburger Convents sind, erklärt er und fügt hinzu, dass, sollte die AfD offiziell verboten werden, dann müsse man etwas tun und die Mitglieder vor die Wahl stellen.
Trotzdem relativiert er immer wieder die Vergangenheit mit den Worten: «Kinder ihrer Zeit». «Diese Leute (Nazis) hat man benutzt, um die Republik wieder aufzubauen. Da kann man jetzt den einen oder anderen finden, der möglicherweise in irgendeiner Weise (Anspielung auf die Kriegsverbrechen) dabei war.»
Auch auf die Frage, warum denn der Fackelmarsch immer noch die alte SA-Route entlangführt, zieht er einen banalen Vergleich und erklärt, es sei die einzig sinnvolle Route, die auf den Marktplatz führe. Was er zu meinen scheint: Ja, auch viele Korporierte haben in der Nazi-Zeit mächtig mitgemischt, da wird’s auch den einen oder anderen Kriegsverbrechen gegeben haben – aber haben diese Menschen nach 45 nicht eine ganz prächtige Republik aufgebaut?
Jonas Zink
Der CC will hoch hinaus
Die Route ist und bleibt einer der größten Kritikpunkte am CC. Anwohner wie Jonas Zink, 27, sind der Meinung, dass diese Route schon lange nicht mehr zeitgemäß ist. «Der Weg, den die dorthin nehmen, ist ja auch wie beim Fackelmarsch am Pfingstmontag traditionell eine alte SA-Route, die hier zum Einnehmen der Stadt dient, um zu zeigen, dass die Stadt am Pfingstwochenende nicht denen gehört, die in ihr leben.»
Auch bei der finalen Rede auf dem Marktplatz wird mithilfe der Hebebühne der Redner bewusst über den Balkon des Bürgermeisters gefahren, um eine Hierarchie zu verbildlichen. Der Fackelmarsch und das anschließende Fackelwerfen auf dem Marktplatz, verknüpft mit der Rede auf der Hebebühne, setzen ein klares Zeichen der Provokation gegenüber der Stadt Coburg.
Nicht alle Teilnehmer des Coburger Convents sind rückwärtsgewandt – viele der jüngeren Mitglieder geben sich weltoffen, führen respektvolle Gespräche und grenzen sich klar von rechtsradikalem Gedankengut ab. Der Verband selbst versteht sich nicht als rechtsextrem und es lässt sich nicht pauschal behaupten, dass alle Mitglieder oder Häuser ein rechtes Weltbild vertreten. Doch genau darin liegt das Problem: Die Offenheit nach innen wird nicht begleitet von einer kritischen Auseinandersetzung nach außen.
Geschichte, die nicht vergeht
Trotz der Diversität in den Reihen des Convents fehlt es dem Dachverband an jeglicher sichtbaren oder strukturellen Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte. Statt Verantwortung zu übernehmen, wird diese individualisiert – historische Zusammenhänge werden relativiert oder mit Floskeln wie «Kinder ihrer Zeit» abgetan. Die Symbolik, die bei Veranstaltungen wie dem Fackelmarsch oder der Kranzniederlegung sichtbar wird, erinnert stark an NS-Aufmärsche. Bilder von uniformierten Männergruppen, Fackeln, martialischer Ästhetik und die Ehrung früherer NSDAP-Mitglieder lassen einen kritischen, aufgeklärten Umgang mit Geschichte vermissen.
Was bleibt, ist der Eindruck eines Verbandes, der sich hinter Tradition versteckt, während er gleichzeitig Bilder produziert, die in einer demokratischen, offenen Gesellschaft zurecht auf Widerstand stoßen. Solange es keine ehrliche Aufarbeitung und Abgrenzung zur Vergangenheit gibt, wird der Coburger Convent für viele vor allem eines bleiben: eine Veranstaltung, bei der ein Geschichtsbild reproduziert wird, das längst überwunden sein sollte.