Frauenhass im Feed: Wenn Algorithmen Realität formen

Frauenfeindliche Inhalte verbreiten sich rasant über soziale Medien. Für viele junge Frauen ist das kein digitales Phänomen mehr, sondern Teil ihres Alltags. Eine Recherche über stille Radikalisierung, fehlende Prävention und die Folgen im echten Leben. Von Josefin Pilar Junge und Alina Vogelsang


«Schlampe», antwortete er – niemand sagte etwas, niemand lachte erinnert sich Luise, «also schwieg ich den restlichen Tag».

Die 17-Jährige Schülerin traf in ihrem Freundeskreis auf einen Anhänger der Incels, einer Subkultur mit mehrheitlich frauenfeindlichen Inhalten, die sich überwiegend in digitalen Räumen formiert und verstärkt. Social-Media-Plattformen wie Tik Tok, Instagram, Youtube oder Reddit sind im Alltag der meisten jungen Menschen allgegenwärtig. 

Diese digitalen Welten prägen Trends und Meinungen, schaffen Zugehörigkeit und bieten Orientierung. Gleichzeitig können sie jedoch auch als Nährboden für Polarisierung, gefährliche Ideologien und Feindbilder dienen. 

Ich kann mich nur noch an Fragmente erinnern, sagt Luise. «Es passierte 2021, damals trafen wir uns das erste Mal als gleichaltrige Freunde in echt.» In der Coronazeit lernten sie sich online kennen, erzählt sie. «Über das Jahr hatten wir fast täglich Zeit miteinander verbracht.» An jenem Tag überlegten sie, was sie unternehmen könnten. «Erst waren wir essen, dann schlug er vor Lasertag zu spielen», so die Schülerin, «als ich sagte, dass ich keine Lust auf Lasertag hatte, da nannte er mich Schlampe».


Ich war anders für ihn, weil ich eine Frau bin.

Luise
Luise
Foto: Jo & Alina

Das tat weh, sagt sie, «nicht nur, so genannt zu werden, sondern auch weil es von einem vermeintlichen Freund kam  – mit einem solchen Hass nur weil ihm meine Antwort nicht gefiel.» Bei dem einen Mal blieb es nicht, erzählt Luise. Auch hinter ihrem Rücken fing er an, sie als Schlampe zu beleidigen, selbst als sie schon seit einem halben Jahr keinen Kontakt mehr zu ihm hatte. 

Rückblickend, erinnert sie sich, hätte er sie die ganze Zeit von oben herab behandelt. «Ich war anders für ihn, weil ich eine Frau war», sagt die 17-Jährige, «sobald ich ihn wissen ließ, dass ich einen Charakter habe und mehr bin, als mein Geschlecht, wurde ich beleidigt, ignoriert und degradiert».

Seit einigen Jahren finden sich auf Online-Plattformen vermehrt Inhalte, die radikal konservative Männlichkeitsbilder und misogyne (von griech.: mísos «Hass» und gyné  «Frau») Überzeugungen aufgreifen und damit insbesondere junge Männer immer schneller und früher erreichen. Solche digitalen Räume, aber auch bestimmte Narrative und Glaubenssätze, werden häufig unter dem Sammelbegriff «Manosphere» zusammengefasst.

Manosphere (dt. Mannosphäre)

Oberbegriff für ein loses Netzwerk aus Subkulturen, Foren und Personen,  das sowohl augenscheinlich harmlose Formate zur Selbstoptimierung als auch offen und radikal frauenfeindliche Inhalte umfasst. Die Manosphere lehnt den Feminismus weitestgehend ab.

Incels

Der Begriff «Involuntarily celibate» (kurz Incel, dt.: unfreiwillige sexuelle Enthaltsamkeit) beschreibt Männer, die sich über ihre Unfähigkeit definieren, sexuelle und romantische Beziehungen mit Frauen aufzubauen. Darüber hinaus ist die Szene durch eine starke frauenverachtende und antifeministische Ideologie geprägt. Incels gehen davon aus, dass sie im Besitz der «tatsächlichen Wahrheit» sind. Ihre Ideologie baut dabei auf drei wesentlichen Pfeilern auf: Der Annahme einer sozialsexuellen Hierarchie, radikaler Misogynie sowie der Lehre der Pillen. Die Incel-Community weist diverse Überschneidungen mit dem Rechtsextremismus auf. Meistens agieren Incels in diversen Communitys, Foren und Kommentarspalten online. In der Vergangenheit gab es jedoch auch bereits mehrere Vorfälle von Gewalttaten, die einen Bezug zur Incel-Szene aufwiesen.

Politische Versäumnisse

Eine Studie der Europäischen Kommission spricht nach ausführlicher Analyse des Problems auch direkte Vorschläge aus, um einen besseren Umgang mit diesen Themen zu ermöglichen. Diese richten sich sowohl an Jugendarbeiter*innen als auch an Politiker*innen. Die Forderungen an die Jugendarbeit nehmen dabei einen größeren Raum ein und erklären konkret, wie in bestimmten Situationen am besten zu reagieren ist.

An die Politik richten sich lediglich vier Forderungen, darunter die Ermöglichung von Fortbildungen und Schulungen für Beschäftigte im Sozial- und Jugendbereich sowie die frühzeitige Integration digitaler Kompetenz und kritischen Denkens in die Lehrausbildung.

Hier kommt also die politische Dimension ins Spiel: Im Bundeshaushalt 2025 wurden etwa die Mittel für die Kinder- und Jugendpolitik sowie Freiwilligendienste im Vergleich zu 2024 reduziert – beispielsweise sanken die vorgesehenen Gelder für FSJ und Bundesfreiwilligendienst deutlich: Programme, die oft als Sprungbrett in soziale und pädagogische Berufe dienen.

Für 2026 wurden zwar die Gesamtausgaben des Bildungs- und Familienressorts erhöht und der Kinder- und Jugendplan leicht angehoben, doch Verbände wie der «Bundesjugendring und die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung» bemängelten, dass diese Aufstockungen strukturell nicht ausreichen, um den tatsächlichen Bedarf im Jugend- und Sozialbereich nachhaltig zu decken. Dies trifft insbesondere Angebote, die präventive, beratende und psychosoziale Unterstützung leisten.

Der Sog in die Misogynie

Die Antwort auf die Frage, aus welchen Gründen diese Inhalte auch in der heutigen Jugendgeneration so viel Anklang finden, ist komplex. Frauenfeindlichkeit ist kein neues Phänomen, aber die Sozialen Medien liefern ihm eine Reproduktionsmaschine, die schneller, intensiver und gezielter agiert als je zuvor.

Vor allem auf Plattformen wie TikTok, die überwiegend Short-Form-Content (Kurzvideos) enthalten, begünstigen die Algorithmen die schrittweise Normalisierung misogyner Narrative, so die Ergebnisse einer Studie aus Großbritannien. Die Forschenden untersuchten die For-You-Page (die personalisierte Startseite) neu erstellter Accounts und fanden, dass sich die Zahl der vorgeschlagenen Videos mit frauenfeindlichen Inhalten innerhalb von fünf Tagen vervierfachte, ohne dass anfänglich aktiv nach diesen gesucht wurde.

Frauenhass ist nicht neu

Die 17-jährige Schülerin Luise weiß, wie allgegenwärtig toxische und frauenfeindliche Inhalte sind. Obwohl sie in ihrem Feed vorrangig Memes und politische Aufklärung konsumiert, sagt sie: «Frauenhass ist keine neue Erscheinung, sondern der Content auf Social Media wird einfach mehr.»

Luise erlebt es als «eigentlich unvermeidlich», auf Videos und Kommentare zu stoßen, die Frauenhass verbreiten. «Man muss diese Videos halt nur verstehen und einordnen können», erklärt sie.

Nur wer diese Medienbildung besitzt, kann eine kritische Haltung entwickeln, sich die Kommentare durchlesen und die Inhalte distanziert betrachten. Doch diese Kompetenz wird den meisten, sehr jungen Konsument*innen, die schnell und unreflektiert in den For-You-Page-Strudel geraten, nicht in ausreichendem Maße vermittelt.

«Du musst so sein wie ich!»

Auch Fred Hahndorf, Bildungsreferent für Jungen*- und Männer* arbeit bei dem Verein mannigfaltig e.V., sieht Social Media als eine Art Brandbeschleuniger, selbst obwohl vielen Jugendlichen die Funktionsweise von Filterblasen in der Theorie bewusst sei. «Es ist ja so verlockend, man kann sich da ja alles so ganz still für sich reinziehen und man entscheidet dann, was man mit anderen teilt, ohne konkret über Dinge sprechen zu müssen.»

Dieser ungebremste und dauerhafte Konsum, oft ohne jede Einordnung, bietet Jugendlichen in ihrer Suche nach Identität einen falschen, aber sofortigen Halt. Es sei etwas «sehr Stabilisierendes», wenn ein Influencer sagt: «Du fühlst dich hier gerade unsicher, ich helfe dir, wir finden da einen Weg raus, du musst sein wie ich.»

Diese falschen Versprechen werden letztlich auch durch die unbegrenzte Wiederholbarkeit der Videos verstärkt: «Irgendwann beginnt man ja auch, Dinge für sich selber zu glauben.» Die schiere Bandbreite an Subkulturen innerhalb der Manosphere verstärkt diesen Effekt zusätzlich, da die Jugendlichen für jede erlebte Erfahrung aus verschiedensten Orientierungsangeboten wählen können.

Ein Blick hinter die Fassade

Die Ursache für die Anfälligkeit immer jüngerer Männer für frauenfeindliche Ideologien sieht Fred in einer allgemeinen Verunsicherung. Obwohl medial mittlerweile viele alternative Männlichkeitsbilder und Lebensmodelle aufgezeigt werden, bleibt der Druck zur männlichen Konkurrenz im realen Alltag bestehen: «So funktioniert Männlichkeit im traditionellen Sinne ja, es geht ja immer darum, in der Konkurrenz der Sieger zu sein.

Nicht nur für sich selber zufrieden zu sein, das steht ja hinten an.», so Fred. Viele junge Männer mit denen er im Gespräch ist, sind geprägt durch eine Fassade von Männlichkeitsbildern, hinter der sich oft wahre Bedürfnisse, Erfahrungen und Unsicherheiten verstecken. In seiner Arbeit versucht Fred hinter diese Fassade zu blicken, indem er Beziehungen zu den Jugendlichen aufbaut, die von Empathie und Verständnis, anstatt von Autorität leben.


Es geht viel um Aufopferungen und darum, sich einerseits selbst ernst zu nehmen und dann bestimmte Teile von sich selber völlig zu negieren – alles «Schwache» darf nicht sein.

Fred Hahndorf
Die Beratungsstelle mannigfaltig e.V.
Fred Hahndorf

Auch in Nischen wie der Fitness- und Selbstoptimierungs-Kultur sowie der Pick-Up-Artist-Szene werden häufig Männlichkeitsbilder reproduziert, die Härte, Kontrolle und das Mindset des unaufhaltsamen Erfolg zentrieren, während Unsicherheiten oder Verletzlichkeit als Schwäche gelten. Gerade in Phasen der Identitätssuche wirken solche Deutungsmuster stabilisierend und versprechen Orientierung, während sie gleichzeitig gefährliche Frauenbilder bei den jungen Männern verfestigen.

Pick-Up-Artists

PUAs vermitteln Männern Dating-Tipps, darunter auch Manipulationstechniken. Dabei verwenden sie häufig pseudowissenschaftliche, sexistische Erklärungen für weibliches Verhalten.

Pillen-Ideologie

Das Konzept der Pillen basiert auf dem 1999 erschienenen Science-Fiction-Film «Matrix» und ist innerhalb der Manosphere weit verbreitet.

Red-Pill: Befürworter der Red-Pill-Ideologie sehen sich als Erkenner der «ganzen Wahrheit» und behaupten, Männer seien von Frauen und dem System unterdrückt. Sie versuchen oft vermeintliche Evolutionstheorien und psychologische Mittel zu nutzen, um die Vorherrschaft von Männern zu begründen. Wenn ein Mann sich dieser Wahrheiten der Red-Pill-Ideologie bewusst ist, also quasi die «rote Pille» geschluckt hat, kann er Frauen zu seinem Vorteil manipulieren und somit Zugang zu Sex und Macht erhalten. Der Begriff «Redpill» wird nicht nur innerhalb der Manosphere verwendet, sondern auch in der rechten Szene, wobei es auch vermehrt zu Überschneidungen kommt.

Als bekanntester Influencer der Red-Pill-Szene gilt Andrew Tate, der in der Vergangenheit bereits für Straftaten wie Menschenhandel und Vergewaltigung angeklagt wurde.

Black-Pill: Anhänger der Black-Pills haben die Red-Pill Sichtweise einer von Frauen dominierten Gesellschaft weitestgehend übernommen, lehnen es jedoch komplett ab, sexuelle Beziehungen zu Frauen einzugehen. Sie glauben, dass Frauen ihre Sexualpartner ausschließlich aufgrund ihrer körperlichen Merkmale auswählen («Lookismus»), sodass es von vornherein feststeht, ob jemand ein Incel wird oder nicht.

Blue-Pill: Blue-Pills sind das Gegenteil der Red-Pills. Sie stellen keine selbstbenannte Gruppierung da, sondern werden von den Anhängern der Pillen-Ideologie als diese bezeichnet. Sie haben die Pille der «Unwissenden» geschluckt und sind laut der Pillen-Ideologie noch nicht aufgewacht um zu erkennen, dass die Gesellschaft Männer unterdrückt.

Men Going Their Own Way

MGTOW lehnen Beziehungen zu Frauen vollständig ab, glauben an die natürliche Überlegenheit des Mannes und vertreten hierarchische Theorien über Geschlechterbeziehungen. Einige MGTOW betrachten Frauen als «Parasiten», sehen das Scheidungsrecht und andere rechtliche Strukturen als bewusst diskriminierend an und glauben, dass der Feminismus die moderne westliche Gesellschaft zerstört hat und Männer einer hohen Diskriminierungsgefahr ausgesetzt sind.

Erfahrungsberichte von Nutzern aus Incel-Exit-Foren verdeutlichen, wie sich solche Narrative schrittweise einschleichen und die Wahrnehmung sozialer Beziehungen nachhaltig prägen, ein ausgestiegener Incel berichtet: «Zuerst halten wir alle diese Ideen für irgendwelchen Internet-Quatsch, den unsichere Kinder sich ausgedacht haben. Dann ist da der Moment, in dem dein Gehirn anfängt zu verrotten. Du beginnst, reale Interaktionen durch die Brille dieser Communities zu betrachten und beginnst zu denken, dass sie alle Recht hatten.»

Ein anderer beschreibt rückblickend den Einstieg in die Szene und die langfristigen Folgen dieser Erfahrung: «Als ich 14 war, suchte ich online nach Wegen, eine Freundin zu finden. Ich war schüchtern, isoliert und ohne Beziehungserfahrung. In der damaligen PUA-Szene stieß ich auf Inhalte, die mir wie geheimes Wissen erschienen: scheinbar wissenschaftliche Anleitungen, wie Frauen ‚denken‘, wie man sie anspricht und welches Verhalten Erfolg verspricht.»

Weiter sagt er: «In meiner Unsicherheit nahm ich diese Erklärungen schnell an – sie gaben mir das Gefühl, Kontrolle zu gewinnen und endlich zu verstehen, wie Beziehungen funktionieren sollen. […] Erst vor zwei Jahren wurde mir klar, dass ich Frauen nie wirklich als Menschen gesehen hatte. Nicht bewusst oder mit böser Absicht. Aber es war einfach so. Sie waren Ziele, die es zu erreichen gab und Rätsel, die es zu lösen galt. Es ging nur um Leistung und Kontrolle, niemals um echte menschliche Verbindungen.»

Frauenfeindlichkeit im Klassenzimmer

Die mangelnde Sensibilisierung in der analogen Welt nährt die Angst vor den Konsequenzen in der Realität. Luise spricht eine reale Befürchtung vieler junger Frauen aus: «Ich weiß nicht, wo das enden kann: Ob sie später nicht wissen, wie sie mit ihrer Tochter umgehen sollen und Verantwortung auf ihre Partnerinnen abwälzen – oder ob sie auch aktiv extremen Frauenhass ausleben, der über traditionelle Rollenbilder hinausgeht.»

Diese Angst ist begründet. Die digitalen Aussagen und Ideologien verbleiben nicht im Vakuum des Internets. Internationale Berichte zeigen, dass frauenfeindliche Narrative aus der «Manosphere» reale Auswirkungen haben und sich alltäglich in verbaler, psychischer und körperlicher Gewalt gegen Frauen niederschlagen können.

Sie finden ihren Weg in die Schulen, Jugendzentren und Peergroups, wie auch eine Studie der Europäischen Kommission aus 2023 zusammenfasst: «Im Klassenzimmer und in Jugendorganisationen sowie online sind Debatten über Männlichkeit und Geschlecht allgegenwärtig und oft sehr polarisiert, bis hin zu Bedenken über Radikalisierung.»


Das passiert meist im Politikunterricht, wenn man seine Meinung sagen und diskutieren darf: Manche Typen äußern dann frauenfeindliche Meinungen, ohne abgebremst zu werden. 

Luise

In Situationen, in denen männliche Mitschüler meist nur einen netten Lacher von ihren Freund*innen ernten würden, werden Luise und ihre Mitschülerinnen beleidigt. «Ich sitze im Geschichtsunterricht, Thema Afghanistan und Kalter Krieg. Ich finde das Thema interessant, melde mich oft und beteilige mich an der Diskussion», sagt sie.

Als sie sich wieder meldet, hört sie aus der Sitzreihe gegenüber ein Flüstern. «Einer der Jungs sagt leise: ‚Was hat die Schlampe jetzt wieder zu sagen?‘ – Mein Lehrer hat die ganze Zeit über nichts getan», so die Schülerin, «es sind immer Lehrerinnen, nie Lehrer, die eingreifen» Ob man sich im Unterricht wohlfühlt, ist stark von den Lehrer:innen abhängig, sagt sie.

Eine weitere Erzählung zeigt, wie alltäglich sexistische Kommentare im Schulkontext sind: «Bei einer Notenbesprechung bittet der Lehrer eine Mitschülerin vor die Tür», erzählt Luise. Sie bleibt etwas länger draußen und nach einer Weile fangen die Jungs aus der Klasse an, Witze zu reißen wie: «Die will wohl ihre Note verbessern» und «ob sie Loch gibt?»*

Einige lachen, zum Teil auch ihre männlichen Freunde. In solchen Momenten würde niemand etwas sagen, um die betroffene Mitschülerin nicht noch weiter in eine unangenehme Situation zu bringen.

Luise spricht von einem klaren Wunsch nach einer Auseinandersetzung mit diesen Themen, sowohl bei Schüler*innen als auch bei Lehrkräften. Gleichzeitig betont sie, dass Schulen diese Problematik häufig nicht konkret angehen. Stattdessen werde auf Neutralität und ein festes Curriculum verwiesen. An dieser Stelle fehle es deutlich an Aufklärung, betont die 17-Jährige.

*Loch geben

In diesem Kontext wird «Loch geben» als eine abfällige Bezeichnung für Sex verwendet, die aus dem Online-Sprachgebrauch stammt

Ein Blick in die Soziale Arbeit

Direkt beim Eingang in den Raum blickt man auf den mit Graffiti besprayten Tresen des Jugendzentrums in Mühlenberg, einem Stadtteil von Hannover, welches jeden Tag für Jugendliche im Alter von 14 bis 27 geöffnet ist. «Der Tresen soll klarmachen, dass immer jemand ein offenes Ohr für die Jugendlichen hat», erklärt der Sozialarbeiter Hayri Akpolat. Von den Jugendlichen wird dieses Angebot sehr gut angenommen, sie erzählen, was ihnen durch den Kopf geht – manchmal kommen dabei auch kontroverse Themen auf.

Akpolat kommt durch seine Arbeit im Jugendzentrum oft in Kontakt mit Themen, die Jugendliche beschäftigen. Er beschreibt, wie junge Männer konservative Männlichkeitsbilder mitbringen und reproduzieren, wie durch Aussagen darüber, wie ein Mann auszusehen hat, dass er keine Schwäche, Emotionen und Ängste zeigen darf und möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen muss.

Hayri Akpolat

Außerdem bringen die Jugendlichen Themen mit wie Perspektivlosigkeit, gepaart mit Ängsten, Arbeitslosigkeit, dem Gefühl, dass das Leben ihnen etwas schuldet, sowie dem Problem des Individualismus. Deswegen sei es wichtig, Kollektivität zu fördern, betont er.

Jugendlichen, die in der Pubertät und einer Selbstfindungsphase stecken und möglicherweise keine positiven männlichen Vorbilder zu Hause haben, werden durch Social Media Werte und Narrative vermittelt, die Frauen entmenschlichen oder «zum Status-Symbol machen», so Hayri. «Frauen werden instrumentalisiert und das tragen Jugendliche natürlich aus, weil ihnen ein Männlichkeitsbild geschaffen wird, was eigentlich nicht der Realität entspricht», sagt er.

«Es ist nicht verwunderlich, dass es sich oft ins Negative entwickelt», so der Sozialarbeiter, «wenn die wichtige Arbeit fehlt, um genau diese Themen aufzugreifen». Denn oft mangele es an personellen Ressourcen, also Menschen, die im Themenfeld Online-Medien über ausreichende Fachkenntnisse verfügen, betont er. In der Gesellschaft herrsche oft kein Bewusstsein dafür, welche Missstände und Gefahren mit solchen Inhalten verbunden sind.

Kritisches Denken und die Reflexion solcher Themen sind Kompetenzen, die erst erlernt werden müssen. «Wenn jedoch viele junge Menschen Vorbilder haben – etwa Influencerinnen und Influencer, die Stereotype und diskriminierende Vorstellungen reproduzieren, entsteht leicht der Eindruck, dass solche Ungleichheiten normal und gerechtfertigt seien.»

Auf die Frage nach der Reaktion der Fachkräfte im Jugendzentrum auf frauenfeindliche Äußerungen antwortet Hayri, dass es besonders wichtig sei, geduldig und wertschätzend zu sein, aber dennoch Haltung zu zeigen, Alternativen anzubieten und zu fragen: «Woher kommt denn dein Gedanke?». Es sei nicht zielführend, kontroverse Themen zu scheuen. Vielmehr müssten offene Räume geschaffen werden, «in denen Jugendliche darüber diskutieren können, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen».

Prävention statt Eskalation

Soziale Medien tragen maßgeblich dazu bei, frauenfeindliche Inhalte ungefiltert, ohne kritische Einordnung und immer schneller zu verbreiten und zu normalisieren. Die Auswirkungen bekommen dabei insbesondere junge Mädchen und Frauen zu spüren, sowohl online als auch in der realen Welt.

Aktuelle Handlungsempfehlungen fordern neben klaren rechtlichen Rahmenbedingungen gegen digitale Gewalt vor allem Investitionen in Bildungs- und Präventionsmaßnahmen, die Förderung eines stärkeren Bewusstseins für das Problem sowie das dauerhafte Monitoring von Entwicklungen und Trends.

Eine starke soziale Infrastruktur ist entscheidend, um jungen Menschen frühzeitig Orientierung zu bieten und zu verhindern, dass Unsicherheiten und digitale Narrative in reale Gewalt umschlagen. Gleichzeitig stehen auch die Betreibenden der Social-Media-Plattformen in der Verantwortung, misogyne Inhalte konsequenter zu regulieren und Eskalationen frühzeitig entgegenzuwirken. 

Erfahrungen aus der Jugendarbeit zeigen deutlich, dass langfristig angelegte Angebote, qualifiziertes Fachpersonal und eine angemessene finanzielle Unterstützung dringend notwendig sind, um die geforderten Maßnahmen umzusetzen. Medienkompetenz, kritisches Denken und der reflektierte Umgang mit Geschlechterbildern müssen gezielt gefördert werden. 

Ebenso zentral sind Orte, an denen Jugendliche kontroverse Themen offen diskutieren können, ohne stigmatisiert zu werden. Gleichzeitig ist der effektive Schutz der Betroffenen von besonderer Wichtigkeit. Im schulischen Kontext und darüber hinaus sind diese auf klare Zuständigkeiten, sensibilisierte Lehrkräfte und verlässliche Anlaufstellen angewiesen.


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