Hannovers verborgene Rohstoffquelle
Die Schrottpressen, Metallscheren und Schneidbrenner der deutschen Schrotthändler, verwandeln Altmetallberge in Milliarden von Euro. Unsichere Handelsbeziehungen, Kriege und neue Vorschriften fordern die Branche jedoch heraus – ein Blick hinter die Kulissen. Von Moritz Heck (Fotos) und Jannis Johanningmeier (Text)
Ein mit Metallschrott voll beladener LKW rattert auf den Hof des Recyclingunternehmens TSR im hannoverschen Nordhafen. Ein Mitarbeiter – gleich zu erkennen an der TSR-Uniform aus Warnweste und weißem Sicherheitshelm – weist den Fahrer ein. Ein Bagger mit ausgefahrenem Greifarm, der sogenannte Schrottgreifer, steht zum Abladen bereit. Harm Kolberg nickt.
Von seinem Schreibtisch blickt der Niederlassungsleiter der TSR in Hannover direkt auf den Schrottplatz des Metallunternehmens. Kolberg weiß genau, wann neue Lieferungen auf dem Metallrecyclinghof eintreffen. «Überall, wo Maschinen stehen, fällt Schrott an», sagt er. Täglich verladen seine Mitarbeiter um die tausend Tonnen an Eisen- und Metallschrott. Insgesamt lagern hier am Nordhafen und der TSR-Niederlassung am Lindener Hafen rund hundertfünfzigtausend Tonnen Altmetall. Meist aus der Automobilindustrie oder einfach Produktionsabfall.
Wenn ein Lkw auf dem TSR-Hof in Hannovers Nordhafen ankommt, ist der erste Schritt das Wiegen – und das Messen von Belastungen. Bei Radioaktivität schlagen die Sensoren an der riesigen Waage sofort Alarm. Ist die Ware unbedenklich, wird sie zuerst begutachtet, sortiert und anschließend in die Schrottschere verladen und zerkleinert.
Überall, wo Maschinen stehen, fällt Schrott an
Harm Kolberg
Die digitale Anzeigetafel zeigt an, wie viel Metall aktuell durch die Schere läuft.
Niederlassungsleiter Harm Kolberg in seinem Büro.
Das Geschäft mit dem Schrott wird komplizierter. Politische Ereignisse wie Kriege und Handelsfehden bestimmen die Preise auf dem Markt. Aufbereiteter Metallschrott konkurriert auf dem Weltmarkt inzwischen mit Primärrohstoffen direkt aus dem Hochofen. So wurden aus Schrotthändlern oder Autoverwertern Wertstoff- und Sekundärrohstoffhändler. Denn Metall birgt eine entscheidende Eigenschaft: Es lässt sich in einem geschlossenen Rohstoffkreislauf wieder- und wiederverwenden.
Die Qualität bleibt von Recyclingzyklus zu Recyclingzyklus konstant, sie fällt nicht hinter die von frisch gewonnenem Metall zurück. Der Bundesverband für Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) hebt die ökologischen Vorteile hervor: Weniger Primärrohstoffverbrauch, geringerer Energiebedarf, reduzierte CO2-Emissionen und Schonung von Erzvorkommen.
In der kleinen Kabine der TSR-Metallschere in etwa fünf Metern Höhe sitzt Markus, der Scherenführer. Vor ihm ein Pult mit Knöpfen und einem Hebel, ähnlich einem Joystick. Die Schrottschere steht inmitten von Schrottbergen. Markus fährt den Schrottgreifer aus und lässt den Greifarm mehrmals in die Schrottmasse sinken. Der Greifer gabelt Alteisen, auf, hebt es in die Höhe und lässt es schließlich in die Wanne der Schrottschere plumpsen.
Der Greifer fährt immer wieder vor und zurück, allmählich füllt sich die Wanne. Der Schrott in der Scherenwanne soll für den Weitertransport vorbereitet werden. «Alles klar, kann losgehen» – in Markus Funkgerät krächzt die Stimme eines seiner Kollegen und gibt grünes Licht. Markus drückt einen roten Knopf und stellt den Hebel nach rechts. Krachend donnern Metallplatten als Trennmesser in die Schrottsammlung in der Wanne. Der grobe Schrott wird innerhalb von Sekunden zermalmt.
Auch auf dem TSR-Gelände reihen sich Berge von Altmetall aneinander. Ob gepresst oder zerkleinert, ob Kupfer oder Eisen. Jeder Schrotthaufen ist sorgfältig sortiert – wenn nötig, auch von Hand. Soeben ist eine ausgemusterte Montagelinie des Automobilherstellers Volkswagen eingetroffen. Zwei Mitarbeiter suchen Bremsscheiben aus den Kleinteilen heraus und stapeln sie in einem separaten Container.
Kabelberge, aus denen Kupfer gewonnen wird.
Markus in der Steuerkabine der Schrottschere.
Wer alte Elektrogeräte oder Akkus achtlos in den Hausmüll wirft, riskiert nicht nur Umwelt- sondern auch Brandgefahr.
Harm Kolberg
Harm Kolberg besteht auf penibler Sortierung und ordnungsgemäßer Entsorgung. Dreimal brannte es bisher schon auf dem TSR-Gelände im Nordhafen. Der Grund: Lithium-Ionen-Batterien im Altmetall. Schon ein Schlag auf diese Batterien entfacht rasend schnell enorme Hitze. Solche Lithium-Ionen-Batterien sind heute allgegenwärtig – sie stecken in jedem Mobiltelefon und jeder E-Zigarette. Und manchmal landet dieser Elektroschrott dann eben im Altmetall.
Mit Folgen: Kleinbrände gehören auf deutschen Schrottplätzen mittlerweile zum Alltag. Dagegen kann sich kaum ein Recyclingbetriebe versichern, sagt Harm Kolberg: «Das ist ein großes Problem. Die Kosten sind so hoch, dass ich mir tatsächlich überlegen muss, ob der Schaden im Verhältnis zu den Kosten der Versicherungspolice steht».
Deutschland exportiert Abfall aus unedlen Metallen wie Aluminium, Eisen und Stahl. Laut Statistischem Bundesamt waren es im Jahr 2023 insgesamt 9,1 Millionen Tonnen – ein Handelsvolumen, das der deutschen Wirtschaft Einnahmen von 6,3 Milliarden Euro bescherte. Diese Summe wird oft im Kleinen erwirtschaftet: Sie entsteht auf den vielen Schrottplätzen der Republik aus ihren Bergen aus Altmetallteilen.
Kolberg und andere deutsche Sekundärrohstoffhändler haben ständig einen Blick auf Kosten, Preise und Entwicklungen auf den Märkten. Und in der Politik: Der deutsche Schrottmarkt ist international eingebunden. Im Inland herrscht zwar ein Überangebot an Schrott, im Ausland ist das Material aber weiterhin gefragt: So stieg infolge des Erdbebens in der Türkei im Februar 2023 die Nachfrage nach Altmetall in türkischen Stahlwerken beträchtlich.
Die Türkei, weltweit größter Schrottimporteur, plante den Wiederaufbau von Infrastruktur und Wohngebäuden innerhalb eines Jahres. Deutsche Unternehmen wie TSR lieferten, die Stahlpreise schossen kurzzeitig ins Unermessliche. Dann wurde klar: Der Wiederaufbau zieht sich hin. Die Nachfrage nach Altmetall sank. Und damit auch der Preis.
Die Preisbildung auf dem Markt ist komplex – und oft rasant. «Wir reden von einem kurzfristigen, sogar stündlichen Geschäft», sagt Kolberg. So könne TSR zu Wochenbeginn nicht garantieren, dass Preise bis zum Ende der Woche Bestand haben. Kolberg hofft auf mehr Planungssicherheit im Jahr 2026. Denn dann wird das hannoversche Verkehrsunternehmen ÜSTRA nach und nach den TW 6000 von der Schiene nehmen, die grünen Straßenbahnen in der Stadt. TSR hat sich schon 40 alte Züge gesichert – Berge von Altmetall, an denen Markus mit seiner Schrottschere monatelang zu kneifen haben wird.