Sieben Tage schweigen

Die niederländische Tänzerin Samina Soull wagt einen ungewöhnlichen Selbstversuch: Eine Woche in völligem Schweigen, isoliert von der Außenwelt. Doch in ihrem «Silent Retreat» erreicht sie schnell ihre Grenzen. Von Nele Cumart

Foto: Özge Sebzeci

Auf meinen Spaziergängen im Wald habe ich viel geweint – mein Körper hatte wohl kein anderes Ventil, um all die Emotionen zu verarbeiten.

Sieben Tage schweigen. Ohne Handy oder Laptop, ohne menschliche Interaktion. Meditieren, Essen und Schlafen sind erlaubt: Was klingt wie eine Bestrafung, wird als spiritueller Erholungsurlaub verkauft. Eine Woche «Silent-Retreat» kostet dabei mindestens 900 € – ohne Obergrenze. Geld, das die meisten 21-Jährigen wohl kaum fürs Schweigen überhaben.

Auch die niederländische Tänzerin Samina Soull hat weder die finanziellen Mittel noch das Privileg zu reisen, als sie das erste Mal über ein Silent-Retreat nachdenkt. Zu diesem Zeitpunkt lebt die 21-Jährige tief im schwedischen Wald, auf dem Campus einer Tanzschule unweit von Stockholm. Dort bekommt sie im Februar 2020 im Rahmen einer Projektwoche Zeit, um etwas Neues auszuprobieren. Was sie genau macht, ist den Dozierenden egal – Hauptsache, sie kann etwas für ihre persönliche Entwicklung aus dem
Projekt ziehen. Samina entschiedet sich kurzerhand, selbständig zu schweigen. Ohne hohe Kosten. Aber auch ohne professionelle Hilfe.

Wie sahen deine Tage während der stillen Woche aus?

Morgens habe ich meditiert und gefrühstückt. Dann bin ich auf lange Spaziergänge in den Wald gegangen. Danach habe ich ohne Musik in einem der Tanzstudios getanzt und gespielt. Wie ein kleines Kind habe ich mir dafür Bälle und Stöcke genommen und einfach drauflos gespielt. Später habe ich wieder gegessen, meditiert und geschrieben. Ich habe Dankbarkeitslisten aufgeschrieben, Dinge, die meinem Leben mehr Mehrwert geben, oder meine Ziele für die Zukunft. Ich bin oft schon um acht Uhr schlafen gegangen und dann früh morgens wieder aufgewacht.

Wie hast du dich in den ersten Tagen gefühlt?

Am Anfang war ich damit beschäftigt, mich obsessiv an die Verbote zu halten. Dabei ist die Zeit unglaublich langsam vergangen. Ich war überfordert mit all der Zeit, die ich auf einmal hatte. Grade abends habe ich gemerkt, wie oft ich sonst vor irgendwelchen Bildschirmen sitze. Auf meinen Spaziergängen im Wald habe ich viel geweint – mein Körper hatte wohl kein anderes Ventil, um all die Emotionen zu verarbeiten. Dazu war ich alleine mit meinen Gedanken und wurde immer verkopfter. Ich musste feststellen: Selbst wenn alle weg sind, wird es nicht leise. Ruhe habe ich in den ersten Tagen nicht gefunden.

Was waren deine Regeln für die sieben Tage?

1. Nicht reden oder Geräusche machen
2. Kein Handy oder Laptop benutzen
3. Mit niemandem interagieren
4. Keine Musik, Podcasts oder Hörbücher hören
5. Nur zu einer kurzen und festgelegt Zeit am Tag rauchen
6. Gesund essen und kochen
7. Keinen Sport treiben
8. Ich durfte nur ein Buch lesen (Of Water and the Spirits)
9. Ich durfte schreiben
10. Ich durfte meditieren und spazieren gehen

Samina Soull
Åsa: direkt an diesem Wald, im Süden Schwedens, hat Samina in ihrer Schweigewoche gelebt. Foto: Sarah Burai

Ich habe gelernt, mir Auszeiten zu nehmen und auf meine Bedürfnisse zu hören.

Wann ist dir das Projekt am schwersten gefallen?

Am vierten Tag. Zu dem Zeitpunkt war ich so in meinen Gedanken verloren und so ruhelos – ich dachte, ich werde verrückt. Den Tag über hatte ich Panikattacken und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Das war so gruselig, dass ich überlegt habe, das Projekt abzubrechen. Stattdessen habe ich mir Hilfe geholt. Mein Mitbewohner hat sich mit mir ins Wohnzimmer gesetzt. Wir haben nicht geredet, aber alleine seine Anwesenheit hat mir geholfen.

Was war die schönste Zeit?

Direkt der Morgen danach, am fünften Tag. Ich bin aufgewacht und mein Kopf war komplett ruhig, leer und friedlich. Der ganze Stress musste wohl einmal raus, um an diesen Punkt der Ruhe zu gelangen. Von da an habe ich angefangen, das Projekt zu genießen. Die nächsten Tage wurde es immer schöner. Nichts hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht, als wäre ich konstant am Meditieren. Das war das erste und letzte Mal in meinem Leben, dass ich mich so ruhig gefühlt habe.

Hat die Woche dein Leben verändert?

Ja, absolut! Ich habe gelernt, mir Auszeiten zu nehmen und auf meine Bedürfnisse zu hören. Meine Freunde haben sich damit abgefunden, dass ich jetzt manchmal einfach abtauche. Sie wissen, dass es nichts mit ihnen zu tun hat, wenn ich nicht erreichbar bin. Wenn ich meine Zeit brauche, dann nehme ich sie mir! Und die Menschen, denen ich wichtig bin, verstehen das. Vor meiner Zeit des Schweigens hätte ich mich wohl nicht getraut, mich so sehr für mich selbst und meinen Frieden einzusetzen.

Würdest du es noch einmal machen?

Auf jeden Fall. Ich habe es im Jahr darauf noch einmal eine Woche versucht, aber damals musste ich es abbrechen. Jetzt gerade ziehe ich um und will in meiner eigenen Wohnung künftig auch mit anderen Menschen gemeinsam für ein paar Tage schweigen. Sowieso würde ich prinzipiell jedem empfehlen, einmal eine Schweigezeit auszuprobieren. Aber natürlich nur so intensiv, wie man es sich selbst zutraut. Dabei könnte man zum Beispiel erstmal ein paar Tage schweigen und die Regeln ein wenig anpassen. Es sollte außerdem immer eine Notfall-Person in der Nähe sein. Im Vorhinein kann man nicht wissen, wie Körper, Geist und Seele auf die Stille reagieren.

Saminas Notitzbuch mit ihren Dankbarkeitslisten aus den ersten beiden Tagen.