Warum deutsche Berichterstattung zu Israel und Palästina Vertrauen verspielt.
In einem Onlinevortrag an der Hochschule Hannover analysierte Medienkritikerin Nadia Zaboura zentrale Schwächen der deutschen Berichterstattung zu Israel und Palästina.
Foto: Shirin Abedi
Als Medienkritikerin analysiert Nadia Zaboura fortlaufend die deutsche Medienberichterstattung zu Palästina und Israel, zu Rechtsextremismus und Autoritarismus sowie deren Folgen für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Demokratie.
Unter dem Titel «Verlorenes Vertrauen? Stand & Spezifika der deutschen Medien-Berichterstattung über Palästina und Israel» hielt die Kommunikationswissenschaftlerin und Medienkritikerin Nadia Zaboura am 15.12.2025 einen Onlinevortrag an der Hochschule Hannover.
Der Vortrag knüpfte an die von den Studentinnen Elif Muhit und Clara Schöttke organisierten Gaza Talks an, in denen persönliche Erfahrungen, Perspektiven und Betroffenheiten im Mittelpunkt standen. Nun verlagerte sich der Fokus auf die Ebene journalistischer Praxis. Anhand vergleichender Medienanalysen hat Zaboura zentrale Schwächen der aktuellen Berichterstattung aufgezeigt. Gleichzeitig zeigte sie Beispiele journalistischer Qualität und diskutierte Ansätze für einen verantwortungsvollen öffentlichen Diskurs in einer demokratischen Gesellschaft.
Was läuft falsch in der Berichterstattung?
Zaboura kritisierte strukturelle Probleme der deutschen Berichterstattung, die weit über einzelne Fehler hinausgehen. Besonders deutlich werde dies im Umgang mit Quellen. Staatliche und militärische Aussagen Israels würden häufig privilegiert behandelt, während palästinensische Perspektiven stärker infrage gestellt oder ganz ausgeblendet würden. Damit verschiebe sich die journalistische Beweislast mit spürbaren Folgen für Ausgewogenheit und Glaubwürdigkeit.
Ähnlich problematisch sei der Umgang mit Sprache, Bildern und Visuals. Wortwahl, Bildauswahl sowie Grafiken und Animationen wirken nicht neutral, sondern formen Deutungen. «In Zeiten schnellen Informationskonsums, in denen oft nur Titelzeilen oder der erste Absatz gelesen werden, trägt der Nachrichtenjournalismus eine besonders große Verantwortung», betonte Zaboura. Viele Nutzer*innen nähmen Inhalte fragmentarisch wahr, etwa über Überschriften, Bilder oder kurze Clips, und bildeten auf dieser Basis ihr Urteil.
Am Beispiel des Al-Schifa-Krankenhauses zeigte Zaboura, wie visuelle Darstellungen militärische Narrative stützen und weitere Berichterstattung vorstrukturieren können. «Zwar kennzeichnet die Tagesschau die Animation einer laut Experten bis heute nicht fundiert nachgewiesenen Kommandozentrale unter dem Krankenhaus als Darstellung des israelischen Militärs. Trotzdem wurde durch die fehlende journalistische Einordnung ein wirkmächtiger Prä-Text im medial-gesellschaftlichen Diskurs geschaffen, wenn es um militärische Angriffe auf völkerrechtlich geschützte zivile Infrastrukturen geht.», so Zaboura. Solche Visuals wirken häufig stärker und nachhaltiger als spätere textliche Einordnungen.
Besonders kritisch bewertete Zaboura die Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien im Vergleich zu internationalen Redaktionen. Internationale Medien ordneten staatliche Aussagen häufiger ein oder problematisierten sie offen. In Teilen reichweitenstarker deutscher Nachrichtenmedien würden solche Aussagen hingegen oft ungeprüft übernommen und weiterverbreitet. Exemplarisch zeigte Zaboura diese Praxis am Angriff auf ein deutlich gekennzeichnetes Pressefahrzeug, bei dem Journalist*innen getötet wurden. Internationale Medien ordneten den Vorfall klar als Angriff auf Pressevertreter ein und hinterfragten die Darstellung der israelischen Armee. In bestimmten diskursrelevanten deutschen Medien dominierte dagegen vielfach die militärische Lesart. Der journalistische Fokus verschiebe sich damit weg von der Frage nach Schutz von Zivilist*innen und Pressefreiheit hin zur Reproduktion staatlicher Narrative.
Wie geht man im Hochschulkontext damit um?
In der anschließenden Diskussion ging es um die Frage, wie über den Krieg und die Berichterstattung in Seminaren gesprochen werden kann. Viele Studierende hätten Angst zu sprechen oder fühlten sich nicht ausreichend informiert, so die Erfahrung aus dem Plenum. Gespräche kämen deshalb oft gar nicht oder nur einseitig zustande.
Zaboura plädierte dafür, dass «diese Vorträge mit anschließender Diskussion in einem ersten Schritt in geschützten akademischen Räumen stattfinden können», da das Thema hoch emotional sei und die beteiligten Zivilgesellschaften vielfach traumatisiert seien. Umso wichtiger sei eine klare Rahmung durch die Lehrenden. Zentral sei dabei das Prinzip des «hermeneutischen Wohlwollens». Es gehe darum, einander aktiv zuzuhören und nicht danach zu suchen, Aussagen möglichst falsch zu verstehen oder sich auf gegenseitige Unterstellungen zurückzuziehen, die mit Verzerrungen und identitären Zuschreibungen arbeiten. Kritik bleibe für eine akademische und demokratische Debatte, für Verständigung und Lösungsorientierung notwendig, solle dabei den gemeinsamen Diskurs sowie seine Teilnehmenden nicht beschädigen, sondern stattdessen stets faktisch fundiert sein.
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