I’m fine, thanks.

Was passiert, wenn man radikal ehrlich ist, auch zu sich selbst? Jana Junker hat es versucht. In ihren Selbstporträts zeigt sie sich ungeschönt – sich, ihren Körper und ihre Erkrankung.

Selbstporträt auf Heuballen

Ich bin Jana. Ich lebe seit vielen Jahren mit einer Essstörung und reaktiven depressiven Episoden. Selbst mein engstes Umfeld wusste lange nichts davon. Denn nach außen hin gelte ich als Frohnatur. Ja, ich lache sehr gerne, doch nur eine Seite von mir zu zeigen, kostet unglaublich viel Kraft. Mit diesem Fotoprojekt wähle ich radikale Ehrlichkeit, auch mir selbst gegenüber.

In der Auswahl meiner Bilder verzichte ich bewusst auf eine chronologische Reihenfolge, denn ein Heilungsprozess verläuft selten linear und ich bin noch mittendrin. Die Auseinandersetzung ist geprägt von immenser Scham, doch ich möchte anderen Betroffenen Mut machen: Man kann sich ganz zeigen, ohne dass die Welt zusammenbricht!

Über das Projekt

Mit «I’m fine, thanks» erreichte Jana Junker das Finale des VGH-Fotopreises 2026. Über ihr Projekt schreibt sie:

«Als ich im vergangenen Jahr aus familiären Gründen in ein Urlaubssemester ging, wurde die Kamera meine stetige Begleiterin. Seit Mitte Oktober 2025 halte ich so mein Leben fest: Ich dokumentiere mein direktes Umfeld, mache täglich mindestens ein Selbstporträt, verfasse eine Reflexion und wähle einen für mich passenden Song.»

Selbstporträt vor Autowrack

Der Wunsch abzunehmen

Ich will wieder abnehmen. Dieser Satz fühlt sich an, als müsste ich mich dafür entschuldigen. In einer Zeit, in der Body Positivity bejubelt wird, und ja, das tue ich ebenso, wirkt der Wunsch nach Veränderung manchmal wie ein Verrat: an der Bewegung, am «richtigen» Selbstbild. Aber mein Körper ist kein Manifest. Er ist kein Statement und kein Symbol. Ich finde dicke Körper oft schön. Ich bewundere sie, ihre Präsenz, ihre Unverfrorenheit, ihre stille Revolte gegen die Norm. Aber ich finde meinen Körper nicht schön. Und ich halte es für eine gefährliche Vereinfachung, so zu tun, als müsste ich das. Vielleicht ist das der kleine blinde Fleck der Body-Positivity-Bewegung. Dass sie manchmal aus der Scham eine Pose macht. Dass sie von Selbstliebe spricht, aber selten vom System, das diese Selbstliebe sabotiert.

Seit meiner Pubertät bin ich im Krieg mit mir selbst. Mit meinem Hunger, meinem Appetit, meiner Lust, meinem Übermaß. Ich habe alles versucht: Akzeptanz, Therapie, Kontrolle, Nachsicht, Zynismus. Nichts davon hat Frieden oder mehr Freiheit gebracht. Und ich weiß, dass ich in diesem Kampf statistisch verloren habe, noch bevor ich begonnen habe. Eine Studie aus Großbritannien hat über 176.000 übergewichtige Menschen über zehn Jahre beobachtet. Das Ergebnis: Nur eine von 124 Frauen erreicht dauerhaft ihr Normalgewicht. Bei Fettleibigen sinkt die Wahrscheinlichkeit auf eine von 677. Und selbst wer erfolgreich abnimmt, verliert selten dauerhaft. 78 Prozent nehmen in fünf Jahren wieder alles zu. Das nennt man «Jojo-Effekt», als wäre es ein Spiel.

Ich habe die Diagnose Adipositas. Ich bin also nicht nur übergewichtig, sondern fettleibig. Mein Körper tut, was Körper tun: Er versucht zu überleben. Er wehrt sich gegen Mangel, gegen Zähmung, gegen Anpassung. Das klingt nicht nach Disziplin. Das klingt nach Biologie. Nach einem Körper, der sich nicht löschen lassen will. Nach einem System, das alles tut, um zu überleben. Vielleicht kämpfe ich also gar nicht gegen meinen Körper, sondern gegen die Evolution. Das klingt hart!

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Adipositas seit 1997 offiziell als Krankheit anerkannt. Nicht als moralisches Versagen, sondern als komplexe, multifaktorielle Störung. Das bedeutet: Adipositas entsteht nicht nur durch «zu viel Essen» oder «zu wenig Bewegung». Sie ist das Ergebnis eines Zusammenspiels aus Genetik, Hormonen, Stoffwechsel, psychischen Mustern, sozialen Bedingungen und Umweltfaktoren. Der menschliche Körper ist biologisch darauf programmiert, Energie zu speichern, nicht sie loszulassen. Ein Überlebensreflex, der im 21. Jahrhundert zum Verhängnis wird.

Doch auch wenn die Medizin sie als Krankheit beschreibt, wird Adipositas trotz der Body-Positivity-Bewegung gesellschaftlich weiterhin moralisch immer wieder bewertet. Die Sprache verrät das: «diszipliniert», «willensschwach», «gesund leben», «sich gehen lassen». Die Pathologisierung und die Stigmatisierung überlappen sich. Adipositas ist damit keine reine Körperfrage, sie ist ein sozialer Ort, an dem sich Macht, Scham und Kapitalismus kreuzen. Trotz all der Widrigkeiten will ich mein Vorhaben nicht aufgeben. Es geht nicht nur um mein Verständnis von Schönheit. Ich möchte mich vor allem wieder besser bewegen können, mehr Ausdauer haben, mich gesünder fühlen und sein. Ich will einen Körper, in dem ich wohnen kann, statt ihn zu verwalten. Ich will keinen Frieden mit meinem Körper schließen, wenn das bedeutet, ihn aufzugeben. Ich will ihn verstehen. Ihn bewohnen. Ihn verändern dürfen und können. Ich will abnehmen. Und ich will, dass das nicht politisch sein muss.

Die Sucht nach Zucker

Selbstporträt im Bett mit Schokolade

Zucker macht mich weich, dann klebrig, dann leer. Ich bin Versuchsanordnung und Probandin zugleich. Zucker küsst. Zucker schlägt. Ich esse Schönheit, bis sie mich anwidert. Es ist eklig. Ich tue es trotzdem. Ich feiere mich. Ich hasse mich. Zucker lügt. Ich auch. Ich lüge über Zucker. Nicht immer. Aber oft genug, dass es Routine geworden ist. «Nee, auf Süßes steh ich gar nicht so.» Das sagt sich leicht, mit einem halbherzigen Grinsen, als wäre Selbstbetrug eine höfliche Geste.

Ich habe noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Nicht mit Therapeut*innen, nicht mit Ärzt*innen, nicht mit Freund*innen, nicht einmal meine Familie weiß es. Niemand weiß es. Niemand außer mir und dem Zucker.


Zucker ist ein stiller Gott: fordernd, billig, omnipräsent. Er verspricht Trost und liefert Betäubung.

Jana Junker

Ich habe eine Essstörung. Binge Eating und eine Sucht nach Zucker. Dieser Begriff «Binge Eating» lässt sich leicht konsumieren, sauber, medizinisch. Die Realität ist weniger ästhetisch: Weingummi, Kuchen, Eis, Schokolade, Chips. Wenn süß nicht mehr geht, wird salzig gefressen, danach wieder süß. Am liebsten im Bett, während ich mich von Medien berieseln lasse. Ich löse mich auf. Ein Kreislauf. Kein Genuss. Eher ein Ritual und Gewöhnung. Ich bekomme Herzrasen vom Essen. Komplette Systemüberlastung. Und trotzdem weiter.

Zucker ist ein stiller Gott: fordernd, billig, omnipräsent. Er verspricht Trost und liefert Betäubung. Mein Belohnungszentrum macht Party. Ich bete ihn an, mit vollem Mund. Ich erzähle Geschichten über meine Schilddrüsenunterfunktion und meinen gestörten Stoffwechsel. All das stimmt, aber macht mich allein nicht fett. Aber ich muss das Chaos zivilisierbar machen. Scham ist kein Gefühl. Sie ist ein Aggregatzustand. Sie sitzt in der Kehle, warm, schmerzhaft. Sie bleibt, wenn alles andere verdaut ist.

Ich esse gegen etwas an, das keinen eindeutigen Namen trägt. Gegen Angst vielleicht. Gegen Leere. Gegen das diffuse Gefühl, dass alles zu viel ist und gleichzeitig zu wenig. Zucker ist kein Genussmittel. Zucker ist Werkzeug. Zurückhaltung, Kontrollverlust, Reue … in Endlosschleife. Als Kind habe ich die Verpackungen unter meinem Bett versteckt. Beweise, die niemand sehen durfte. Heute verschwinden sie im Müll, unter Routinen, unter der Pose der Selbstironie. Wenn ich meine eigenen Versprechen breche, fresse ich doppelt. Einmal mit Zucker, einmal mit Verachtung. Dann sitze ich da, voll bis unter die Haut, und denke, dass ich nichts tauge. Nicht einmal als disziplinierte Süchtige. Ich schaue auf die Reste, auf das schmierige Papier, auf mich, und spüre, wie sich der Ekel langsam in Selbsthass verwandelt: präzise, methodisch, vertraut. Es ist eine besondere Art von Intimität, wenn man sich selbst dabei zusieht, wie man scheitert. Ich weiß genau, wie es endet, und tue es trotzdem.

Ich bin süchtig. Ich bin süchtig nach der kurzen Ruhe danach. Nach der Schwere, die bleibt, wenn die Tüte leer ist. Nach der Illusion, dass es diesmal das letzte Mal war. Zuckerentzug geht bei mir nur radikal. Ganz oder gar nicht. Grauzonen kann ich nicht dosieren. Ein Bissen ist nie nur ein Bissen. Es ist der Anfang vom nächsten Absturz. Letztes Jahr habe ich es sechs Monate geschafft. Sechs Monate Zuckerabstinenz. Dann kam eine Ausnahme. Ein Stück Kuchen, ein kleiner Test. Und das ganze fragile Konstrukt ist in sich zusammengefallen, wie immer. Ein einziger Riss, und alles stürzt.

Sich zeigen

Selbstporträt mit Plane

Gestern war ich nackt im See. Acht Grad Wasser, fünf Grad Luft. Ich weiß das, weil jemand dazu kam und die Temperaturen gemessen hat. Ich hatte gehofft, allein zu sein. Schon nackt mit mir allein zu sein, ist eine Überwindung. Ich muss mich nicht einmal sehen. Das bloße Gefühl, Haut ohne Stoff, reicht, um mich unwohl zu fühlen. Im Spiegel kann ich mich momentan kaum ansehen. Ich hab mich so lange versteckt, eingepackt, zusammengeschnürt. Aber ich liebe Wasser. Und am liebsten nackt. Ich liebe, wie es mich trägt, wie es mich leicht macht, fast durchsichtig und mich umarmt. Kaltes Wasser liebe ich besonders. Es durchdringt alles. Wasser ist für mich wie eine radikale Reinigung. Von Gedanken, von Lärm. Danach fühle ich mich aufgeräumter, klarer, fast friedlich. Weil es mich nicht fragt, ob ich reinpasse. Wasser ist ehrlich. Wasser lügt nicht, kommentiert nicht, vergleicht nicht. Es ist einfach da.

Wasser in Regenform mag ich auch sehr, dieses gleichgültige Nass, das auf alle Körper fällt. Niemand ist zu dick für Regen. Niemand zu falsch für Wasser. Und gerade, als ich gestern im Wasser etwas loslassen konnte, gesellte sich jemand dazu. Ein Mensch, ebenfalls nackt, freundlich, selbstverständlich. Smalltalk zwischen zwei fremden Körpern, als wäre das hier normal. Für mich war es ein Aushalten. Ich spürte, wie sich alles in mir wieder zusammenzog. Muskulatur, Gedanken, Mut. Ein kurzer Satz, eine Ausrede, dann der Rückzug. Dabei hätte ich bleiben wollen. Mich noch ein bisschen treiben lassen. Eigentlich würde ich gerne oft schwimmen gehen. Es tut mir so gut. Aber ich traue mich selten.


Ich liebe Wasser, dieses gleichgültige Nass, das auf alle Körper fällt. Niemand ist zu dick für Regen. Niemand zu falsch für Wasser.

Jana Junker

Kann man Scham überwinden eigentlich trainieren? Immer wieder rausgehen, sich zeigen, aushalten, bis es irgendwann leichter wird? Oder bleibt Scham einfach, hartnäckig wie Kaugummi an der Seele, egal, wie oft man drüber trampelt? Für eine Antwort muss ich es wohl ausprobieren. Als ich barfuß vom See zum Auto zurücklief, waren meine Füße noch nass und eiskalt. So taub, dass ich all die spitzen Steine nicht gespürt habe. Das hat sich gut angefühlt.

Selbstporträt mit nackten Beinen

Ich hasse meine Beine. Dieser Satz tut schon weh, während ich ihn schreibe, weil er so absolut klingt. Aber er trifft das Gefühl, das mich begleitet, seit ich denken kann. Meine Beine sind unförmig, aufgeschwemmt, dellig, dick, schwer. Sie tun weh. Sie fühlen sich manchmal an wie Fremdkörper. Ich merke, wie sehr ich ihnen misstraue. Ihrem Gewicht, ihrer Form, ihrer Sichtbarkeit. Ich spüre, wie ich sie ständig beobachte, messe, beurteile. Beine sind für mich nicht nur Körperteile, sondern auch gesellschaftliche Maßstäbe. Manchmal frage ich mich, wer eigentlich entschieden hat, wie Beine auszusehen haben. Wer festgelegt hat, dass schlank, gleichmäßig und straff die Norm ist und alles andere ein Problem. Ich merke, wie tief dieser Druck sitzt, wie er sich in jede Bewegung einschreibt. In meinen Gang. In meine Kleidung. In meine Gedanken.

Hosen kaufen ist eine Qual. Jede Hose erinnert mich daran, dass meine Beine offenbar nicht in die Form passen, die die Industrie für selbstverständlich hält. Es ist ein Moment, in dem die gesellschaftliche Norm plötzlich ganz konkret wird. Als Hose, die ich gar nicht erst über meine Oberschenkel gezogen bekomme, als Stoff, der spannt, als Knopf, der nicht zugeht, als Spiegelbild in der Umkleidekabine, das mir sagt: «Du bist anders. Und anders ist schwierig.» Ich verlasse solche Läden oft mit dem Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, obwohl ich nicht einmal weiß, wofür. Und so entsteht dieser Kreislauf aus Enttäuschung, Scham und stillem Ärger. Ärger darüber, dass ich mich von meinen eigenen Beinen so entfremdet habe. Ärger darüber, dass ein Körperteil, das mich Tag für Tag trägt, zu einem Maßstab für Wert, Attraktivität und Normalität geworden ist. Ärger darüber, dass ich mich überhaupt in diese Vergleiche hineinziehen lasse.

Heute ist es gar nicht so kalt wie die letzten Tage. Ich trage ein Kleid, das ich sonst vermeide. Zu kurz. Zu viel Bein. Selbst mit Leggings, die ich immer unter Kleidern trage, auch im Sommer, finde ich sie furchtbar, fucking unansehnlich, etwas, das man besser verpackt. Normalerweise trage ich deshalb längere Kleider. Heute dachte ich: nö. Einfach nö. Und irgendwann draußen, weg von der Stadt, habe ich auch noch die Leggings ausgezogen. Gehen mit nackten dicken Beinen ist kein Freiheitsfilm. Haut reibt auf Haut. Es brennt. Es tut weh. Mich so zu fotografieren, war eine enorme Überwindung. Und bei dem Gedanken, dieses Bild zu zeigen, wird mir schlecht. Ich mache es trotzdem.


Was genau bekämpfe ich da eigentlich? Vielleicht ist Binge Eating mein Weg, das Reine wieder dreckig zu machen. Ein Akt der Sabotage.

Jana Junker

Alte Muster

Selbstporträt mit Schaumzuckermäusen

Heute war ich zum Brunch eingeladen, bei einer Freundin, irgendwo in der Pampa. Dort kennt man sich. Viele beziehen vor Ort ihr Gemüse aus einer solidarischen Landwirtschaft, direkt vom Hof. Ich auch, theoretisch. Nur hole ich meine Kiste in der Stadt, anonym aus einem Depot einer anderen Solawi. Ich liebe natürliches Essen. Ich spüre sofort, wie gut mir das tut. Ich werde ruhiger, klarer, leichter. Ich fühle mich durchlässiger, weniger aufgeladen. Und trotzdem sabotiere ich das immer wieder. Es ist, als würde ich mich systematisch von dem entfernen, was mir eigentlich guttut.

Ich habe mal ein Jahr lang vegan und roh gegessen. Kein Tier, kein Herd, kaum Müll. Alles so ursprünglich wie möglich. Ich habe mich vorher gründlich informiert. Über Supplemente, über B12, über Eiweißquellen. Ich war organisiert, diszipliniert. Ich war wach, konzentriert, stabil. Aber auch irgendwie fanatisch und viel zu starr. Für mich war da mal wieder kein Mittelweg machbar. Erneut ein Extrem, das mich aufgefressen hat.

Nach dem Brunch, alles frisch, alles schön, alles richtig, kam ich nach Hause und hatte einen massiven Essanfall. Keinen Hunger, keine Lust, nur dieser Reflex, dieser Stromstoß im Kopf. Danach Scham. So groß, dass ich es nicht einmal fotografieren konnte, obwohl dieses Projekt eigentlich genau davon lebt. Von der ungeschönten Wahrheit.

Momentan verschlinge ich wieder Unmengen an Zucker, und kein Teil von mir scheint die Kontrolle zurückgewinnen zu können. Es ist, als würde ich versuchen, einen Sturm mit bloßen Händen aufzuhalten. Kraft- und chancenlos. Während ich zugreife, spüre ich schon dieses dumpfe Gefühl von Ekel in mir, als würde ich mich selbst dabei beobachten und nicht eingreifen können. Jeder Bissen ist ein kurzer Trost, aber danach bleibt nur dieses unangenehme Ziehen im Bauch und die Frage, warum ich mich immer wieder von derselben Welle erwischen lasse.

Was genau bekämpfe ich da eigentlich? Vielleicht ist Binge Eating mein Weg, das Reine wieder dreckig zu machen. Ein Akt der Sabotage. Ein trotziges Nein gegen das Richtige. Aber warum? Unter meinem Bett liegt ein Beutel versteckt. Wenn ich mich nach rechts drehe und die Hand ausstrecke, kann ich ihn leicht erreichen. Eine kleine, eingeübte Bewegung. Zwischen dieser Geste und dem Rascheln des Stoffes liegt eine ganze Geschichte von Gewohnheit und Bedürfnis. Im Beutel lagern Süßigkeiten, Chips, kleine Portionen Trost. Ich greife danach, wenn etwas in mir unruhig wird, nicht aus Hunger, sondern aus dem Bedürfnis heraus, etwas zu besänftigen. Es ist ein Reflex, eine vertraute Choreografie zwischen Anspannung und Erleichterung.

Das Gehirn liebt Muster. Es erkennt sie, wiederholt sie, festigt sie. Das Verhalten folgt der Logik des Belohnungssystems. Die Freisetzung von Dopamin, einem Neurotransmitter, der für Motivation und Freude zuständig ist, verstärkt diese Handlungsweise. Jedes Mal, wenn ich in den Beutel greife und Genuss empfinde, wird der Moment im Gehirn als positiv markiert. Irgendwann wird es zur Gewohnheit, die Gewohnheit zur Struktur, und die Struktur zum unsichtbaren Gerüst, das ein Stück von mir trägt. Ein voller Beutel bedeutet Ruhe. Ein leerer bedeutet Unruhe. Ich schaffe es erst jetzt, darüber zu schreiben, weil es mir so wahnsinnig unangenehm ist. Der Beutel ist mein kleines Geheimnis, banal und doch intim, weil er so präzise zeigt, wie ich funktioniere, wenn niemand hinsieht.

Selbstporträt vor Fußballtor

Ich beginne zu spüren, wie dieses Projekt seine eigene, stille Wirkung entfaltet. Was als genaues, fast akribisches Zerlegen all jener Muster begann, die mich seit Jahren in der Unsichtbarkeit gefangen halten, löst ganz langsam etwas in mir. Es ist keine plötzliche, große Erleuchtung, sondern eine feine, kaum spürbare Verschiebung meiner Sichtweise. Ich merke es vor dem Spiegel. Der Blick zurück ist nicht mehr nur streng und verurteilend. Wo vorher nur das Gefühl stand, beim Abnehmen wieder einmal gescheitert zu sein, schleicht sich eine neuartige Milde ein. Die ständigen Vorwürfe weichen einer leisen Nachsicht mit mir selbst. Indem ich meinen Körper nicht mehr nur als etwas betrachte, das von außen bewertet werden muss, sondern als Ort meiner eigenen Lebensgeschichte, verliert die Unzufriedenheit ihre lähmende Kraft. Diese innere Entlastung hat sich heute im Alltag gezeigt. Ich war das erste Mal in Badesachen in diesem Sommer draußen, am Wasser. Und da waren auch andere Menschen. Ich habe mich getraut. Und siehe da: Der Himmel ist nicht eingestürzt, die Erde hat sich weitergedreht.

Selbstporträt auf Erde

Heute war ich nach Ewigkeiten mal wieder in der Badewanne. Ich bade äußerst selten, denn Entspannung ist das für mich nicht. Zu viel Wasserverbrauch, zu viel Körper, zu wenig Distanz. Beim Duschen ist alles im Fluss, funktional und schnell. In der Wanne aber liegen Inseln im Wasser. Inseln aus Haut, Masse, Mensch. Manchmal ähnelt das Verhältnis zu meinem Körper meinem Verhältnis zum Geld. Beides schwankt zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen Disziplin und Scham. Beides sind Systeme, in denen ich mich nie ganz zuhause fühle. Ich rechne in Kalorien und Euros, in Mangel und Übermaß. Immer das Gefühl, zu wenig zu haben und gleichzeitig zu viel zu sein. Momentan ist es finanziell etwas angespannt. Und Geld ist leider das Thema, das bei mir recht häufig das Fass zum Überlaufen bringt.

Manchmal frage ich mich, ob der Mangel überhaupt ein Zustand ist, etwas, das man hat oder nicht hat, oder ob er vielmehr eine Sprache ist, die ich mir antrainiert habe. Ich kenne diese Sprache zu gut. Sie formt meine Wahrnehmung, noch bevor ich etwas benennen kann. Fast so, als hätte sich der Mangel in meine Zellen eingeschrieben, als molekulare Erinnerung daran, dass es nie ganz reicht. Zu wenig Raum, zu wenig Geld, zu wenig Zeit, zu wenig Kraft.

Er ist nicht nur ein äußeres Defizit, sondern auch eine innere Struktur, ein unsichtbares Ordnungssystem, das mein Denken, meine Entscheidungen und meine Beziehungen organisiert. Der Mangel begrenzt mich, er gibt mir aber auch Halt. Er ist vertraut, beinahe tröstlich in seiner Verlässlichkeit. Er zwingt mich, wach zu bleiben, zu reagieren, zu funktionieren. Aber er raubt mir zugleich so viel an Energie, Entspannung und Frieden. Ich möchte ein freundlicheres Ordnungssystem haben, eins, das mehr Humor hat. Als ich später das Wasser abließ, blieb für einen Moment dieser schmale Film auf meiner Haut zurück. Als würde er mich noch festhalten wollen. Morgen dusche ich wieder.


Ich rechne in Kalorien und Euros, in Mangel und Übermaß. Immer das Gefühl, zu wenig zu haben und gleichzeitig zu viel zu sein.

Jana Junker

Zwischen den Extremen

Ich verschwinde ständig. In Menschen, in Erwartungen, in Routinen. In Momenten, in denen ich eigentlich da sein möchte, bin ich plötzlich weg. Nicht körperlich, aber innerlich. Ich hab’s so satt, mich ständig selbst zu verpixeln. Ich kann mich super tarnen. In nett, in witzig, in angepasst. Ich kann mich auflösen in allem, was laut oder leise genug ist. In Essen. In Arbeit. In Gedanken, die zu groß sind, um sie ganz zu denken. Ich verschwinde in meinem Körper und gleichzeitig aus ihm heraus. Vielleicht ist das meine eigentliche Superkraft, mich so gut zu tarnen, dass selbst ich mich kaum wiederfinde. Gleichzeitig will ich aber auch, dass man mich sieht. Das ist die größte Zwickmühle überhaupt. Der Drang, gesehen zu werden, und die panische Angst davor, was passiert, wenn’s wirklich jemand tut. Die Angst ist riesig. Nicht laut, sondern sezierend. Die Angst, entblößt zu werden. Nicht im physischen, sondern im existenziellen Sinn. Die Angst, dass jemand die feinen Risse sieht. Dass meine sorgfältig kuratierte Fassade nicht mehr als eine Membran ist, durchsichtig, fragil. Dass jemand mich erkennt, bevor ich selbst begreife, wer dieses «Ich» eigentlich ist.

Selbstporträt mit Waldrebe

Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich mich immer wieder recht schnell aus Partnerschaften zurückziehe. Ich brauche Raum und Zeit für mich. Das war bisher immer meine rationale, fast abgehobene Erklärung: «Ich brauche Freiraum.» Aber die ganze Wahrheit ist subtiler, schmerzlicher. Es ist nicht bloß der Raum, den ich brauche, sondern da ist auch Angst vor Sichtbarkeit. Authentische Nähe verlangt danach, dass ich mich entblöße, in einer Intensität, die ich selbst kaum ertragen kann. Irgendwann fängt alles an, mich an meinem Partner zu triggern. Ein Blick, ein Satz, eine Geste, sogar die Art, wie er sich bewegt oder was er trägt. Dinge, die eigentlich völlig banal sind. Es ist, als würde ein Teil von mir unbewusst nach Gründen suchen, um Distanz zu schaffen, um aus der vermeintlichen Gefahrenzone zu fliehen, bevor etwas wehtun kann. Ich wünsche mir, dass ich eines Tages aufhören kann, in fast jeder Nähe eine Bedrohung zu sehen und sie stattdessen einfach zulassen kann.

Selbstporträt mit Chipstüte und Möhren

Ich kann nicht «ein bisschen». Nie gekonnt. Nie gewollt, vielleicht. Beim Essen heißt das: Superfood oder Supergau. Ich bin entweder die, die alles kontrolliert, oder die, die alles verschlingt. Dazwischen: nichts, kein Geschmack, keine Spannung. Beim Sport dasselbe Muster. Entweder hardcore, fast jeden Tag mit Endorphinrausch. Oder völliger Stillstand. Dann wird schon der Gang zum Supermarkt zu viel Bewegung. Ich kann nur Exzess oder Erschöpfung. Ich bin leicht entflammbar. Ich kann mich für fast alles begeistern, tauche kopfüber hinein, fresse mich durch jedes Detail, jede Theorie, jede Form und verliere dann das Interesse mit der gleichen Intensität, mit der ich es gewonnen habe. Was gestern noch Obsession war, liegt heute schon kalt in der Ecke.

Die Fotografie ist allerdings immer geblieben. Sie hält mich fest. Sie ist die Ausnahme. Schon früher habe ich mich oft dafür geschämt. Für meine Art zu leben. Vor allem, wenn dieser Satz kam: «Jana, du kannst nie etwas zu Ende bringen.» Jedes Mal klang das wie ein Urteil über mein ganzes Wesen. Nicht über das, was ich getan oder gelassen habe, sondern darüber, wer ich bin. Ich habe mich klein gefühlt, unfertig, falsch zusammengebaut. Will ich eine Diagnose, einen Namen dafür? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist auch alles richtig mit mir.

Grau war mir als Kind schon verdächtig. Grau riecht nach Mittelmaß, nach lauwarmem Wasser. Ich weiß, dass das zerstörerisch sein kann. Aber Zerstörung hat wenigstens Rhythmus, Drama, Farbe. Die Mitte, die hat höchstens Struktur. Vielleicht verwechsle ich Frieden mit Langeweile. Vielleicht bin ich süchtig nach der Intensität, selbst wenn sie mich auffrisst. Ich fühle mich in beiden Extremen gleichzeitig wohl und unwohl. Schwarz und Weiß. Wenn ich im einen hänge, vermisse ich irgendwann das andere. Vielleicht finde ich nur über große Epochen einen Ausgleich. Mein Gewicht zum Beispiel geht rauf und runter. 40 Kilo innerhalb von sechs Monaten abnehmen? Kein Problem für mich. Das Gewicht halten? Bisher nicht möglich gewesen. Und vielleicht, nur vielleicht, ist das gar nicht nur schlecht. Vielleicht ist das einfach ich. Vielleicht geht es nicht darum, das zu heilen, sondern es zu verstehen. Mich zu verstehen. Mich nicht dauernd zu korrigieren, sondern zuzulassen, dass ich bin, wie ich bin. Mit all dem Zuviel und Zuwenig, mit dem Schwarz und Weiß, mit der Angst vor Grau. Aber dauerhaft weniger wiegen wäre schon sehr geil.

Wenn das Leben dazwischenkommt

Selbstporträt mit Reifen

Ich habe die letzte Nacht so gut wie nicht geschlafen. Auch heute geht es mir nicht wirklich besser. Ich merke, wie mein Körper am Limit läuft. Alles fühlt sich erschöpft, überlastet und verbraucht an, als wäre kaum noch Energie übrig. All die Vorhaben, die ich mir gesetzt habe, das Abnehmen, das «mein Leben leben», die kleinen und großen Schritte Richtung Veränderung. Sie fühlen sich heute an wie Dinge aus einem anderen Leben. Unfassbar weit weg, fast irrelevant. Nicht, weil sie unwichtig wären, sondern weil momentan einfach kein Raum für sie existiert. Ich merke auch, dass ich den Tod meines Vaters noch längst nicht verarbeitet habe. Zwei meiner Kinder kämpfen momentan ebenfalls mit ihren Dämonen. Und ich stehe dazwischen, versuche zu halten, zu stützen, zu funktionieren. Sorgen fressen mich auf, langsam, stetig, wie ein inneres Ausbluten. Der Zuckerentzug knallt mir zudem voll ins System. Meine Laune ist im Keller. Ich bin gereizt und dünnhäutig. Jede Kleinigkeit fährt mir direkt in die Nerven.


Das Leben richtet sich nicht nach meiner Agenda. Es verschiebt Prioritäten ohne Vorwarnung und ich laufe hinterher.

Jana Junker

Ich stelle zunehmend fest, wie sehr mein ursprüngliches Vorhaben in diesem Projekt an den Rand gedrängt wurde. Nichts von dem, was ich mir vorgenommen hatte, findet derzeit Platz in meinem Leben. Es gibt schlicht keinen inneren oder äußeren Raum dafür. Statt abzunehmen, habe ich weiter zugenommen. Mein Rückzug, mein Verstecken, all das ist geblieben. Da ist sie, die alte Erkenntnis. Das Leben richtet sich nicht nach meiner Agenda. Es verschiebt Prioritäten ohne Vorwarnung und ich laufe hinterher. Und trotzdem möchte ich mein Ziel nicht verlieren. Vor allem möchte ich mich nicht verlieren, nicht unsichtbar werden unter den Anforderungen, die gerade lauter sind als alles andere. Eigentlich möchte ich mich weigern, mich selbst einfach auf später zu verschieben, so wie man irgendeinen lästigen Termin verschiebt, der nie wichtig genug wirkt. Ich will mich nicht irgendwann erst wieder einsammeln müssen. Heute geht’s wirklich nur darum, den Tag irgendwie rumzukriegen. Viel mehr schaffe ich gerade nicht. Kein großer Plan, einfach nur durchhalten.

Selbstporträt im Freibad

Die Freibadsaison ist längst vorbei. Nur kalte Luft, Laub, Beton. Und ich, in Unterwäsche, da mein Badeanzug momentan zu klein ist. Ich durfte rein, bevor alles endgültig winterfest gemacht wird. Irgendwas in mir wollte dahin. Vielleicht, weil es sonst immer ein Ort ist, den ich meide. Zu viele Körper. Zu viel Vergleich. Vor allem in meiner Heimatstadt ist das kaum auszuhalten. Der Gedanke, dass jemand sieht, wie ich wirklich aussehe, nicht kuratiert. Menschen, die mich kennen und vielleicht sogar mögen. Bis sie mich halb nackt sehen. Zumindest denke ich das. Es fühlt sich an, als hätte ich einen Nachsaison-Körper. Ich habe ihn jahrelang behandelt, als wäre er nur eine Übergangsphase. Ich wollte wissen, wie er sich anfühlt, dieser Ort, der mir sonst Angst macht.

Da stand ich also, sichtbar und frierend. Öffentlicher Raum, geschlossene Saison. Vielleicht auch ein bisschen Trotz. Es war ungewohnt, ich fühlte mich verletzlich. Und gleichzeitig war es überraschend befreiend. Ich war nicht ganz allein. Da hat jemand Laub geharkt, rumgewerkelt und gelegentlich rübergeschaut. Ich habe so getan, als wäre das alles Konzept. Aber da war etwas. Ganz zart, kaum greifbar, und doch spürbar. Eine leise Ahnung von Freude, von Möglichkeit. Bei einigen Selbstporträts, auch in den letzten Tagen, war ich nicht allein. Ich habe mich gezeigt, habe mich inszeniert, etwas, das mir sonst fast körperlich wehtut. Und was ist geschehen? Nichts Furchtbares. Keine Katastrophe, kein Zusammenbruch. Nur Blicke, neugierig und offen. Der Mann vom Freibad hat mich am Ende interessiert nach dem Grund für das Fotografieren gefragt. Ich konnte ehrlich antworten und daraus ergab sich ein wunderbar wertschätzendes Gespräch. Und plötzlich war für einen kurzen Moment alles in Ordnung.

Kleine Verschiebungen

Selbstporträt mit Plane II

Draußen ist es brütend heiß, über 40 Grad. Ich habe Hitze schon als Kind gehasst und diese feuchte, klebrige, stickige Luft zurzeit macht mich fertig. Ich versuche einfach nur, hier drinnen in der Wohnung durchzuhalten. Doch nach all den Tagen hat sich die Hitze unaufhaltsam durch die dicken Altbauwände gefressen.

Bei dieser extremen Hitze fällt mir mein Übergewicht noch einmal ganz anders zur Last. Das eigene Gewicht wiegt gefühlt doppelt so schwer. Dick sein im Hochsommer ist einfach nur scheiße. Überall reibt Haut auf Haut, und an den unterschiedlichsten Stellen entstehen brennende, schmerzhafte Wunden. Mit den Temperaturen kommt auch das alte Beklemmungsgefühl zurück. Ich traue mich kaum nach draußen, weil ich meinen Körper in dieser Verfassung kaum ertrage. Wie gerne würde ich einfach ein leichtes, luftiges Kleid anziehen … ohne die ständige Angst vor den nächsten wunden Stellen.

Am Abend purzelt dann doch noch ein Stück dieser Sommerwelt in meine Isolation herein. Mein Mittlerer kommt zusammen mit einem Freund nach Hause. Beide völlig erledigt, aber glücklich, und mit einem fetten Sonnenbrand auf den Schultern. Sie tragen den Sommer wie eine Trophäe der Ahnungslosigkeit mit sich. Und während sie nach sonnendurchwärmter Haut riechen, wird mir schmerzhaft bewusst, wie sehr ich mich nach dieser Unbefangenheit sehne.

Am Wochenende ist etwas passiert, das eigentlich banal klingt, aber für mich sehr ungewöhnlich ist. Ich habe keine Snacks gekauft. Nicht am Samstag und auch am Sonntag kein Kioskbesuch. Es war kein bewusster Verzicht, kein Akt der Disziplin. Es war schlicht nichts da. Kein Drang, kein Kreisen um das, was ich essen könnte. Dieser Zustand ist ein seltener Gast in meinem Leben. Er erscheint nur, wenn sich alles verschiebt. Wenn etwas Neues sein Territorium absteckt. Ein Projekt, das mich begeistert, eine Leidenschaft, die mich mitreißt, eine neue Liebe. Die Aufregung frisst den Hunger. Mein Gehirn brennt so hell, dass es keine Süße braucht. Das Dopamin strömt aus anderen Quellen … direkter, reiner, ohne die klebrige Scham danach. In diesen Phasen bin ich lebendig, hyperwach. Mehr ich selbst als sonst. Es fühlt sich zumindest so an.

Selbstporträt mit Werwolf

Ich weiß aber auch, was darauf folgt. Das unvermeidliche Nachlassen. Wenn das Neue seine Schärfe verliert und zur Routine wird. Wenn ich zurückfalle in die alten, vertrauten Muster. Vielleicht ist es nur Suchtverlagerung, dieselbe Energie, neues Ziel. Die Anfangseuphorie als fragile Therapie.

Ein Jahr habe ich mir mit diesem Projekt gesetzt. Ein Jahr, in dem ich hinschauen, schreiben und neue Wege erkunden möchte. Ich frage mich, ob ich mich damit nicht schon wieder selbst überfordere. Ein Jahr lang jeden Tag ein Selbstporträt. Selbst, wenn ich überhaupt keinen Bock habe. Noch bin ich in Aufbruchstimmung. Doch ich weiß, wie schnell dieser Zustand kippen kann. Ich hab ein Talent dafür, mich am Start schon komplett zu verausgaben. Und dann ist da plötzlich keinerlei Energie mehr. Es fühlt sich an wie ein heftiger Hangover. Ich frage mich schon manchmal, wie ich es anders machen könnte. Wie lässt sich etwas halten, das bei mir bekanntlich schnell wieder vergeht? Und wie weit kann ich kommen, wenn ich länger dabei bleibe?


Perfektionismus killt. Nicht laut, sondern schleichend. Er nimmt meiner Lust die Luft.

Jana Junker

Vielleicht geht es diesmal nicht darum, das Feuer zu halten, sondern zu lernen, was bleibt, wenn es ausgebrannt ist. Damit weiterzumachen und mir nicht gleich den nächsten Holzstapel zu suchen. Wenigstens dieses eine Mal, auch wenn es nicht meinem Naturell entspricht. Einfach mal versuchen. Und nicht zu perfektionistisch sein. Perfektionismus killt. Nicht laut, sondern schleichend. Er nimmt meiner Lust die Luft. Perfektionismus gibt Struktur, ja, aber er raubt auch jede Spontanität. Kein Platz für Scheitern, kein Platz für einfach mal «egal». Ich glaube, Perfektionismus ist auch nur eine elegantere Form von Angst. Und ich bin es so leid, Angst zu haben.

Selbstporträt im Schnee

Heute Morgen beim Aufwachen wird mir schlagartig etwas klar. Heute treffe ich zum ersten Mal jemanden, der jetzt alles weiß. Alles, was ich bislang offengelegt habe, live, in echt. Und sofort frage ich mich, wie sich das für mich anfühlen wird. Moritz und Max, die zusammen mit mir studieren, kommen gegen Nachmittag. Und was soll ich sagen? Es ist einfach ganz normal. Ich schäme mich nicht, es fühlt sich nicht verdreht an. Die Welt kippt nicht. Max weiß, dass ich Fotobuch-Dummies für mein Projekt mache und er möchte das bereits Gedruckte sehen. Moritz sitzt daneben und weiß bislang von all dem nichts. Kurz frage ich mich, ob ich das wirklich will. Aber ja, ich vertraue darauf, dass er und ich das aushalten können.

Dann sitzen sie in meiner Küche, blättern durch mein Buch, und ich stehe daneben. Es ist still, nur das Rascheln der Seiten. Und während ich sie beobachte, merke ich plötzlich, wie leicht mir wird, trotz Aufregung. All das, was ich so viele Jahre versteckt, vergraben, weggeschoben habe, liegt offen vor ihnen und es ist okay. Ich kann dabei sein, ohne dass es mich erdrückt. Da ist keine Scham, keine Angst. Und ich glaube, ich habe noch gar nicht richtig begriffen, was für ein riesiger Schritt das ist, welch großes Potenzial darin steckt, auch wenn es sich vielleicht bei anderen Leuten wieder ganz anders anfühlen wird. Und dann dieser Satz von Max: «Wenn am Ende so etwas dabei herauskommt, wenn du nicht zur Uni gehen kannst, dann bleib doch einfach weg.» Ja. Das trifft mich, auf eine merkwürdige, gute Weise. Und macht mir Mut, weiterzumachen.

Selbstporträt Haut

Meine Haut fühlt sich an wie Teig. Weich, formlos, wabernd. Als hätte mein Körper keine klare Grenze, als würde er sich ständig verschieben, auslaufen, verschwimmen. Ich weiß oft gar nicht, wo ich anfange und wo ich aufhöre. Alles scheint in Bewegung, aber nicht lebendig. Eher träge, überdehnt, unentschieden und schwer. Durch das viele Ab- und Zunehmen und drei Schwangerschaften ist meine Haut ausgeleiert. Zu viel davon, überall. Ein Überschuss, der sich nicht mehr zurückbildet. Je weniger ich wiege, desto knetbarer werde ich. Ein paradoxes Schrumpfen, das nichts wirklich kleiner macht.

Manchmal denke ich, ich bräuchte jemanden, der mich neu formt, einfach nur, damit ich wieder Kontur habe. Etwas, das mich zusammenhält. Ein weiterer Grund, warum ich kaltes Wasser so liebe. Es zieht mich zusammen, macht mich kompakt, fester. Danach dehnt sich alles wieder aus. Haut, Gedanken, Zweifel. Aber ich will mich auch alleine halten können. Ohne Korsett, ohne Angst, dass ich auseinanderfalle.

Sorge und Dankbarkeit

Ich möchte gar nicht ausführlich darüber schreiben, was gerade bei meiner Tochter los ist. Es ist zu nah, zu privat. Nur so viel: Sie braucht mich im Moment wieder sehr. Ich mache mir Sorgen. Große Sorgen. Ich bin gut darin, fast professionell. Mein Kopf malt ununterbrochen Katastrophen. Immer auf der Suche nach dem schlimmsten möglichen Szenario, als ließe sich Schmerz irgendwie besser ertragen, wenn man ihn vorher schon mal durchgespielt hat. Aber das stimmt natürlich nicht. Es raubt nur Kraft, Schlaf, Konzentration.

Sorge ist ein Parasit, der sich leise einnistet und dich von innen auffrisst, während du denkst, du würdest gerade für jemanden da sein. Depressionen sind ein wunderbarer Nährboden fürs Katastrophisieren. Ich habe drei Kinder. Das heißt: dreimal Potenzial für Angst. Manchmal dreimal das Gefühl, nicht genug tun zu können. Dreimal Herz, das außerhalb meines Körpers schlägt. Ich versuche ruhig zu bleiben, vernünftig, stark. Das hat viele Jahre gut funktioniert. Momentan klappt es eher selten. Sich Sorgen zu machen, fühlt sich oft an wie ein ständiger Muskelkrampf im Kopf. Ich kann ihn nicht einfach lösen, selbst wenn ich weiß, dass er mich lähmt.

Selbstporträt mit meiner Tochter

Mir ist vollkommen klar, dass ich meiner Tochter am besten helfen kann, wenn ich entspannt bleibe, ohne ihre Schwierigkeiten kleinzureden. Aber das Wissen hilft wenig. Der Körper zieht sich zusammen. Und trotzdem, bedingungslos und intensiv zu lieben ist das Schönste, was ich kenne. Ich würde es gegen nichts in der Welt eintauschen wollen. Diese radikale Form der Zuwendung, die nichts verlangt, nichts verhandelt. Sie ist roh, echt, kompromisslos. Sie macht verletzlich, ja, aber auch weit. Zu wissen, dass da etwas in mir existiert, das größer ist als Angst, fühlt sich gut an.

Selbstporträt auf Heuballen

Ich komme klar.
Ich gehe weiter.
Ich tanze.
Ich tanze.
Ich bin da.
Ich bin nicht weg.
Ich stehe.
Ich tanze.
Ich mache weiter.
Ich stehe wieder auf.
Ich höre nicht auf, zu tanzen.
Ich brenne.
Ich kann das.
Ich darf das.
Ich will alles. Oder nichts.
Ich will.
Ich.

Mein Körper, viel zu oft sehe ich dich an, als wärst du irgendein Objekt, das verändert werden muss. Ich scanne dich, kritisiere dich, vergleiche dich, schäme mich für dich. Dabei geht völlig unter, was du eigentlich jeden verdammten Tag leistest. Du hast wundervolles Leben hervorgebracht, gleich dreimal. Du trägst mich durch Tage, durch Nächte, ohne Bedingungen. Alles, was ich fühle, Berührung, Schmerz, Freude, dieses ganze chaotische Menschsein, läuft über dich. Und trotzdem behandle ich dich oft nicht sehr freundlich. Ich blende aus, wie hartnäckig du arbeitest, wie viel Mist du von mir aushältst, wie sehr du dich anpasst, nur damit ich halbwegs funktioniere. Und ich nehme das alles hin, als wäre es selbstverständlich. Ist es aber nicht. Wir werden weiter aneinanderreiben, das weiß ich. Du bist nicht perfekt, ich bin nicht perfekt. Aber ich will lernen, dir mehr Respekt und Dankbarkeit entgegenzubringen.

Über die Sucht

Selbstporträt mit Blumen

Heute kam das schlechte Gewissen wieder. In letzter Zeit ist das recht häufig der Fall. Dieses vertraute, hartnäckige Gefühl, dass ich viel zu viel Tamtam um mich mache. Dass ich mich in meinen eigenen Problemen suhle, dass ich zu laut, zu wichtig, zu präsent mit meinem Innenleben bin. Und wen interessiert all das überhaupt? Dazu immer dieser eine Gedanke: Anderen geht es viel schlechter als mir. Als würde es eine Rangliste geben, in der mein Schmerz erst ab einer bestimmten Platzierung zählen darf. Aus psychologischer Sicht nennt man das komparative Entwertung, ein Mechanismus, der Menschen davon abhält, ihr eigenes Leid ernst zu nehmen, weil sie es ständig mit dem Leid anderer vergleichen.

Ich frage mich, warum ich mir selbst so wenig Raum gönne. Warum das Bedürfnis, mich mitzuteilen, sofort als Egoismus getarnt in die Kritik stolpert. Warum es sich falsch anfühlt, mich selber ernst zu nehmen. Trauma-Forschung beschreibt so etwas als erlernte Selbstabwertung. Ein inneres Echo früherer Botschaften, dass eigene Bedürfnisse störend oder unangebracht seien. Vielleicht habe ich verinnerlicht, dass Reflexion Selbstdrehung bedeutet, dass das eigene Leid erst dann relevant wird, wenn es spektakulär genug ist. Dabei zeigt die klinische Erfahrung, dass gerade die leiseren Formen von Schmerz, wie zum Beispiel chronische Überforderung, emotionale Erschöpfung, Selbstzweifel, besonders wirkungsvoll sind, weil sie sich langsam, aber tief eingraben. Der Gedanke, dass andere es schlimmer haben, hat noch nie irgendjemandem geholfen. Er macht das Leid anderer nicht kleiner und meins nicht würdiger. Und aus neurobiologischer Sicht passiert noch etwas anderes. Der Vergleich aktiviert das Stresssystem, erhöht Cortisol und verhindert genau die Art von Selbstregulation, die eigentlich nötig wäre, um sich zu beruhigen. Ich übe, mir denselben Raum zu geben, den ich jedem anderen ohne Zögern zugestehen würde.

Selbstporträt auf Feldweg

Heute war ich umgeben von Menschen, die ich mag, an einem Ort, an dem es auch eine Sauna gibt. Ich wollte mit rein. Wollte das Brennen auf der Haut, das Schwitzen, das gemeinsame Schweigen, danach das Eintauchen ins eiskalte Wasser, das kurz alles stoppt. Aber ich konnte es nicht. Ich konnte mich nicht entblößen, mir nicht die Blöße geben. Das ist das Perverse an diesem Gefängnis aus Haut und Knochen. Es trennt mich nicht nur von mir selbst, sondern auch von denen, die ich mag, von Gemeinschaft, von Erfahrungen. Als würde ich hinter einer Glaswand stehen. Ich sehe sie, sie sehen mich, aber da ist diese unsichtbare Barriere, die ich nicht durchbrechen kann. Selbst in der Sicherheit von Akzeptanz. Es ist diese tiefe, irrationale Überzeugung, dass das, was sie sehen würden, nicht ich bin. Dass mein Körper eine Lüge erzählt über die Person, die ich wirklich bin. Mein Körper ist wie ein schlecht gemaltes Porträt von mir, eine Lüge aus Fleisch, Fett, Linien. All das redet in einer Sprache, die nicht meine ist. Ich wollte doch Grenzen austesten, mehr wagen. Heute hat es nicht geklappt. Scheiß drauf. Ich komme wieder, ich schwör!

Selbstporträt während Binge-Eating-Anfall

Binge-Eating-Störung (BES) ist eine anerkannte psychische Erkrankung, die durch wiederkehrende Essanfälle gekennzeichnet ist. Betroffene essen in kurzer Zeit große Mengen, meist heimlich und mit dem Gefühl, keine Kontrolle zu haben. Im Gegensatz zur Bulimie erfolgt kein Erbrechen oder kompensierendes Verhalten. Die Ursachen liegen häufig in emotionaler Überforderung, Stress, Scham, Perfektionismus oder einer langen Diätgeschichte. Essen dient dabei als kurzfristige Bewältigungsstrategie, zur Beruhigung, Betäubung oder Selbstregulation. Binge Eating kann zu Übergewicht, Depressionen und körperlichen Folgeerkrankungen führen, ist aber behandelbar, vor allem durch Psychotherapie. Es ist keine Frage von Disziplin, sondern ein Ausdruck psychischer Not.

Sonntags haben die Supermärkte zu. An solchen Tagen werde ich nervös, wenn ich nichts Süßes, Salziges und Fettiges im Haus habe. Es fühlt sich an wie Entzug. Eine Sucht, die nicht als solche gilt, weil sie gesellschaftlich verkleidet ist. Essen ist erlaubt, sogar erwünscht. Nur zu viel davon nicht. Dann fahre ich los: zum Bäcker, zum Kiosk, zum Imbiss. Oder zu allen drei. Und weil mir das so furchtbar unangenehm ist, so viel Kram zu kaufen, sichtbar, als dicker Mensch, täusche ich manchmal vor Ort einen Anruf vor. Ich rede laut in mein Handy, sage Dinge wie: «So, ich steh jetzt vorm Regal. Was wollt ihr denn?» Ich will, dass die Verkäufer*innen denken, dass das nicht alles für mich ist. Zu Hause stopfe ich los. Das geht in einem solchen Umfang nur, wenn ich alleine in der Wohnung bin. Ich möchte nicht erwischt werden. Ich schäme mich. Und während ich mich schäme, plane ich schon den nächsten Bissen. Es schmeckt noch nicht einmal sonderlich gut. Der Körper schmerzt, der Magen ist überfüllt. Es ist ein Paradox: essen, um etwas zu füllen, das sich nicht mit Nahrung füllen lässt. Ich weiß, dass es Zeit ist, diesen Kreislauf endlich zu unterbrechen. Vor allem meiner Gesundheit zuliebe. Nicht mit noch mehr Kontrolle, sondern mit Verständnis. Mit Hilfe. Mit Mut. Vielleicht fragt sich jemand, woher ich überhaupt weiß, dass ich diese Essstörung habe, wenn ich doch nie darüber gesprochen habe, nie eine offizielle Diagnose bekam. Die Antwort ist einfach und bitter zugleich: Es ist offensichtlich. Ich lebe damit. Jeden Tag. Ich habe recherchiert, gelesen, verglichen. Und alles, wirklich alles, trifft auf mich zu. Mir ist schlecht.


Ich möchte nicht erwischt werden. Ich schäme mich. Und während ich mich schäme, plane ich schon den nächsten Bissen.

Jana Junker
Selbstporträt mit meinen Söhnen

Ich habe mir schon so oft den Kopf über das Thema Sucht zerbrochen. Von einer Sucht loszukommen, ist ein harter, verdammt schwerer Kampf. Egal ob Alkohol, Wetten, Substanzen … Aber die Sucht nach Essen hat eine ganz miese Eigenheit. Du kannst deinen Trigger nicht einfach komplett aus deinem Leben streichen. Bei Alkohol oder Spielsucht ist das klare Ziel, so extrem schwer der Weg dorthin auch ist, nie wieder einen Schluck zu trinken oder nie wieder einen Fuß in ein Casino zu setzen. Aber beim Essen funktioniert dieses Prinzip der radikalen Abstinenz schlicht nicht. Ich kann das Essen nicht einfach zur Seite legen und nie wieder anrühren. Ich muss essen, um zu überleben. Jeden einzelnen Tag wird man mehrmals mit genau dem konfrontiert, was das Problem ist. Diese ständige Konfrontation verlangt eine Dauer-Selbstbeherrschung, die einfach unfassbar auslaugt.

Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, ob eine Sucht, bei der man den Auslöser theoretisch komplett meiden kann, nicht «einfacher» im Alltag zu handhaben wäre. Rauchen zum Beispiel. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie an einer echten Zigarette gezogen. Aber man hört ja immer wieder, dass Rauchen den Appetit zügelt und dass viele zunehmen, wenn sie aufhören. Wäre das eine Sucht, mit der ich besser umgehen könnte? Ich hatte vor kurzem Kaugummizigaretten gekauft, da sie mich im Laden so an meine Kindheit erinnert haben. Meine Söhne und ich haben dann heute am späten Abend angefangen, mit diesen herumzuposen. Wir hatten Spaß, aber am Ende waren wir uns alle drei einig: Rauchen ist aus mehreren Gründen für uns ein No-Go. Mein Ältester ging sogar so weit, zu sagen, dass eine rauchende Partnerin für ihn ein totales K.-o.-Kriterium wäre, weil er es einfach nur eklig findet.

Selbstporträt Weingummischnurrbart

Heute fühle ich mich seltsam high. Vielleicht ist es diese neue Leichtigkeit, die entsteht, wenn man Ballast aus dem Kopf auf Papier kippt. Dieses bewusste Hinschauen öffnet gerade etwas in mir, eine Art innere Tür, hinter der Bewegung möglich wird. Veränderung scheint plötzlich nicht mehr abstrakt, sondern greifbar. Und nicht nur an einer Stelle, sondern auf mehreren Ebenen zugleich. Ein feiner Schimmer, kaum mehr als ein Ansatz von Hoffnung, aber er ist da. Ein Hinweis darauf, dass es nicht immer so bleiben muss, wie es war. Ich fange mit dir an, Zucker. Du musst leider gehen. Und ja, ich werde dich vermissen. Wir hatten eine lange, intensive Beziehung. Auf eine verdrehte Art liebe ich dich sogar. Ich hoffe trotzdem, dich so schnell nicht wiederzusehen. Ich möchte wieder etwas zurückgewinnen, das wichtiger ist als du.

Gestern habe ich Shameless zu Ende geguckt, elf Staffeln. Frank, der alkoholabhängige Vater, sagt in einer Folge, dass Leben ohne Alkohol sicher möglich, aber unfassbar langweilig sei. Ich hatte zwar noch nie eine enge Verbindung zu Alkohol, aber ich konnte seinen Satz trotzdem fühlen. Zucker betäubt nicht nur, er kann auch knallen. Er macht wach, euphorisch, hungrig im doppelten Sinn. Und der Beginn eines Zuckerentzugs fühlt sich für mich immer an, als würde jemand die Farbsättigung herunterdrehen. Alles wird grauer, matter, stumpfer. Die Welt verliert erstmal einen Teil ihrer Vibration.

Hilfe, die fehlt

Ich liebe Selbstbedienungskassen in Supermärkten. Ich liebe sie nicht im gesellschaftlich akzeptierten Sinn, sondern auf diese heimliche, leicht beschämte Art. Für meine Essstörung sind sie eine perfide Erleichterung. Kein Kassenband, auf dem alles öffentlich ausliegt wie Beweisstücke. Diese langsame Prozession der Scham, während mein Einkauf gut sichtbar vor mir herfährt. Für die Menschen vor mir. Für die Menschen hinter mir. «Boah. Ist die nicht fett genug? Kauft die auch noch so viel Scheiße. Kein Wunder, dass die so aussieht.» Die Selbstbedienungskasse ist meine heimliche Freundin. Manchmal glaube ich sogar, ich führe eine kleine, diskrete Affäre mit ihr. Nur ein kurzes Piepen, ein stummes Einverständnis. Sie schaut nicht hin, wenn ich die dritte Tüte Weingummi scanne. Sie hütet mein Geheimnis. Sie ist loyal. Sie ist diskret. Sie ist meine Verbündete. Und während irgendwo eine menschliche Kassenkraft vielleicht ein leises Urteil fällen würde, oder schlimmer, Mitleid hat, piept die Maschine einfach weiter. Liebevoll gleichgültig.

Selbstporträt mit Kaugummiautomat


Die Selbstbedienungskasse ist meine heimliche Freundin. Manchmal glaube ich sogar, ich führe eine kleine, diskrete Affäre mit ihr.

Jana Junker
Selbstporträt mit meiner Tochter in ihrem Zimmer

Heute habe ich etwas zugelassen, das ich sonst immer abgeblockt habe. Meine Tochter wollte mich schon ewig einmal schminken und meine Haare stylen. Ich hatte nie wirklich Interesse daran. Ich mag das Gefühl von Make-up auf der Haut überhaupt nicht. Es fühlt sich für mich eklig an. Schminke gehört nicht wirklich zu meinem Alltag, nicht zu meinem Bild von mir. Vielleicht auch nicht zu meiner Art, mich zu zeigen. Ganz selten habe ich mal Lust auf etwas Mascara und Lidschatten oder nur Lippenstift. Aber heute habe ich mich auf das volle Paket eingelassen. Der anschließende Blick in den Spiegel war irritierend. Da war jemand, der mir ähnlich ist, aber auch fremd. Als hätte ich mich kurz aus mir selbst herausgedreht. Ich weiß nicht, ob ich dieser Version etwas abgewinnen kann. Vielleicht geht es auch gar nicht um Gefallen. Was sich warm und kraftvoll anfühlte, war der Moment zwischen meiner Tochter und mir. Die Konzentration ihrer Hände, die Selbstverständlichkeit ihres Tuns. In ihrem Blick lag nichts von dem, was ich mir sonst selbst auferlege. Kein Vergleich, keine Bewertung. Ich würde gerne mal durch ihre Augen schauen. Das Gefühl von Make-up auf meiner Haut mag ich trotzdem nach wie vor nicht. Aber gleichzeitig habe ich jetzt irgendwie Bock, feiern zu gehen.

Selbstporträt mit Wut und Traurigkeit

In den sozialen Medien verfolge ich seit einer Weile Menschen mit ganz ähnlichen Geschichten wie meiner. Menschen, die wie ich in einem ewigen Auf und Ab gefangen sind, deren Gewicht nie stabil blieb, oder die es aus eigener Kraft nie geschafft haben, abzunehmen. Und plötzlich sieht man sie mit diesem neuen Medikament, der sogenannten Abnehmspritze. Es wirkt beinahe mühelos, wie die Kilos bei ihnen endlich purzeln. Natürlich mache ich mir keine Illusionen, das ist keine magische Wunderwaffe. Studien zeigen recht deutlich, dass man dieses Medikament womöglich ein Leben lang nehmen muss. Zudem steckt die Forschung bei den Langzeitfolgen noch in den Kinderschuhen. Es gibt schlichtweg keine Studien, die schon über viele Jahre laufen. Niemand weiß verlässlich, welche langfristigen Nebenwirkungen oder gesundheitlichen Risiken eine dauerhafte Einnahme mit sich bringt. Ein Absetzen führt wohl dazu, wieder in die alten Muster zurückzukehren und dass das Food Noise im Kopf wieder unerträglich laut wird.


Es ist einfach nur der absolute Irrsinn! Ich schlucke jetzt Pillen gegen die Folgen, aber beim eigentlichen Problem, dem Übergewicht, lässt man mich allein.

Jana Junker

Dieses ständige, kräftezehrende Grundrauschen. Gedanklich ununterbrochen beim Essen zu sein und gegen den ständigen Drang anzukämpfen, wieder wahllos alles in sich reinzustopfen. Ich wäre absolut bereit, diesen Weg zu gehen. Ich sehe das Medikament nicht als Abkürzung, sondern als Krücke. Wenn man versucht, einen steilen, unbarmherzigen Berg zu erklimmen, verlangt niemand von einem Menschen mit Gehbehinderung, den Gipfel ohne Stütze zu erreichen. Warum muss man beim Thema Gewicht alles aus völlig eigener Kraft schaffen?

Dass Adipositas mittlerweile als chronische Krankheit anerkannt ist, macht die Realität nur noch bitterer. Ab einem BMI von 30, oder ab einem BMI von 27, sofern gewichtsbedingte Begleiterkrankungen vorliegen, dürfen Ärzt*innen dieses Medikament offiziell verschreiben. Mein BMI liegt momentan bei ca. 37 und ich habe somit Adipositas Grad II. Wer das Medikament nutzen will, muss es aus eigener Tasche finanzieren. Für mich momentan absolut unbezahlbar. Bei fast jeder anderen anerkannten Erkrankung übernimmt die Solidargemeinschaft die Medikation. Hier wird man allein gelassen. Das fühlt sich fies an. Bei einer Langzeit-Blutdruckmessung vor ein paar Tagen kam ein Schock-Wert heraus. Durchschnittlich 190 zu 140. Der Arzt hat mir sofort Blutdrucksenker verschrieben. Ausgerechnet ich, die ich mein ganzes Leben lang viel zu niedrigen Blutdruck hatte. Laut Arzt gibt es zwei Ursachen: Übergewicht und emotionaler Stress. Aber den emotionalen Stress kann ich nicht mal eben ad acta legen, das geht einfach nicht. Also muss ich ans Übergewicht ran. Somit habe ich nun auch eine Begleiterkrankung.

Es ist einfach nur der absolute Irrsinn! Es werden nur die Symptome bekämpft, statt das Übel an der Wurzel zu packen. Ich schlucke jetzt Pillen gegen die Folgen, aber beim eigentlichen Problem, dem Übergewicht, lässt man mich allein. Wenn man es aus eigener Kraft nicht schafft und kein Therapieplatz in Sicht ist, warum gibt es dann keine medizinische Unterstützung, die von der Krankenkasse bezahlt wird? Seit gestern baut sich Wut in mir auf. Wut auf die äußeren Umstände, die ich nicht kontrollieren kann. Wut auf mich selbst, weil ich nicht disziplinierter bin, obwohl ich genau weiß, dass da Krankheiten mit am Tisch sitzen und mir ständig in die Suppe spucken. Dazu kommt dieser hässliche Beigeschmack von Neid. Neid auf Menschen, die keine existenziellen Belastungen kennen, keinen ständigen Knoten im Kopf haben. Menschen, die einfach mehr Raum haben. Für sich, für ihr Leben, für ihre Entscheidungen und Leidenschaften. Ich schäme mich, das zu denken, aber es ist da. Ich merke, wie sehr ich mich dagegen sträube. Ich mag mich so nämlich überhaupt nicht. Aber genau das bin ich heute: wütend, traurig, neidisch und komplett genervt von mir selbst.

Selbstporträt vor Ruine

Manchmal stelle ich mir vor, ein anderes Leben zu leben. Nicht, weil ich mein eigenes nicht schätze, denn dafür liebe ich mein Leben und die Menschen darin viel zu sehr, trotz der aktuellen Widrigkeiten. Sondern als reines Gedankenspiel. Vielleicht einsam. Ganz woanders. Vielleicht mit Tieren, mit anderen Prioritäten, in einem anderen Rhythmus. Manchmal wünsche ich mir, das für eine Weile erfahren zu können. Vor kurzem hatte ich einen intensiven Austausch mit einer guten Freundin. Sie hat keine Kinder, seit kurzem auch keinen Partner mehr. Sie überlegt, für eine Weile zu verreisen, irgendwo ins Ausland zu gehen. Einfach mal ganz weg, neue Erfahrungen sammeln. Auf der anderen Seite wünscht sie sich momentan nichts sehnlicher, als eine Familie zu gründen, anzukommen, ein Zuhause zu finden, das sich nach echtem Zuhause anfühlt. Ich selbst merke, wie groß meine Sehnsucht nach einer kleinen Auszeit gerade ist. Während sie von ihren Plänen sprach, musste ich mir ein paar Tränen verkneifen. Es war seltsam berührend und auch ein wenig komisch, dass wir uns beide nach einem Stück Leben sehnen, das die andere gerade führt oder führen könnte. Sie träumt vom Ankommen, ich vom Rauskommen. Ich habe ihr gesagt, dass sie dieses Abenteuer wagen soll, jetzt, wo sie noch frei ist von Verantwortung. Vielleicht auch, weil ein Teil von mir das gerade selbst gern tun würde.

Selbstporträt in Wohnwagen

Die Suche nach einem Therapieplatz für mich zieht sich weiter hin. Ich stehe nach wie vor auf vielen Wartelisten, führe eine eigene Übersicht, telefoniere regelmäßig Praxen ab und schreibe Mails, um mich in Erinnerung zu halten. Bisher ohne Erfolg. Das ist ein fortlaufender organisatorischer Prozess, der Zeit, Energie und Geduld frisst. Und davon habe ich schon länger nicht viel übrig. Dass es mir damit nicht allein so geht, zeigen die Zahlen zur psychotherapeutischen Versorgung. In Deutschland warten sehr viele Menschen, die eine Therapie brauchen, monatelang auf einen Behandlungsbeginn. Vom ersten Kontakt bis zum tatsächlichen Start vergehen im Durchschnitt mehrere Monate, häufig mehr als ein halbes Jahr. Nur ein sehr kleiner Teil der Therapeut*innen kann Anfragende kurzfristig aufnehmen. Die meisten führen Wartelisten, die bereits voll und somit geschlossen sind, oder sich über lange Zeiträume erstrecken. Dass die Versorgungslage so angespannt ist, liegt nicht nur an der hohen Nachfrage, sondern auch an strukturellen Hürden im System. Selbst nach Abschluss dürfen nicht alle approbierten Therapeut*innen mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen, weil dafür zusätzlich eine sogenannte Kassenzulassung erforderlich ist, die stark begrenzt vergeben wird. So entsteht ein doppelter Engpass. Viele Menschen warten auf Hilfe, während gleichzeitig viele gut ausgebildete Therapeut*innen keinen Zugang zu einer regulären Versorgung bekommen. Trotz akuter Belastung bleibt man also erst einmal allein. In dieser Zeit besteht die Aufgabe darin, verfügbar zu bleiben, nachzuhaken, präsent zu sein, nicht aus dem System zu fallen. Nicht aufzugeben. Und es bleibt die nüchterne Erkenntnis, dass der Zugang zu Hilfe von Durchhaltevermögen abhängt. Wer Unterstützung sucht, muss vor allem funktionieren. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Was bleibt

Selbstporträt an Bushaltestelle

Je älter ich werde, desto spürbarer wird diese schleichende Unsichtbarkeit. Als Frau im öffentlichen Raum zu altern, erst recht, wenn man nicht den gängigen Schlankheitsidealen entspricht, fühlt sich oft so an, als würde ich langsam verblassen. Wenn ich an meine Jugend und meine 20er zurückdenke, war das das genaue Gegenteil. Ich wurde ständig angesehen, bewertet, von Männern angemacht. Vieles davon war grenzüberschreitend und hat mich genervt. Es war keineswegs nur positiv. Und doch frage ich mich heute: Warum hat diese Form von Aufmerksamkeit eigentlich so eine tief sitzende Macht über uns? Was bringt es einem wirklich, attraktiv oder begehrt zu sein? Verleiht ein gutes Aussehen dem eigenen Leben mehr Tiefe, macht es Gefühle echter oder Erfahrungen wertvoller? Warum wird uns von klein auf beigebracht, den eigenen Wert oft darin zu suchen, ein dekoratives Objekt für andere zu sein? Ich wünschte, Begriffe wie «schön» oder «attraktiv» würden als Maßstab einfach verschwinden. Ich ertappe mich mal wieder bei diesem völlig absurd wirkenden Widerspruch. Auf der einen Seite habe ich enorme Angst davor, wirklich gesehen zu werden. Dass mein Körper betrachtet, analysiert und bewertet wird. Auf der anderen Seite trifft mich die nüchterne Erkenntnis, dass das wahrscheinlich gar nicht passiert, weil ich für die meisten schlicht uninteressant bin.


Ich wurde ständig angesehen, bewertet, von Männern angemacht. Vieles davon war grenzüberschreitend und hat mich genervt.

Jana Junker
Selbstporträt im Bett mit meiner Tochter

Gerade fühlt es sich in meinem Kopf an, als würde ich durch viele verschachtelte Räume irren. Türen gehen auf, neue Gedanken, neue Ideen, wie ich es diesmal schaffen kann, meine Essstörung auszutricksen. Dann wieder Leerräume. Dunkle Ecken. Verzweiflung. Kurz darauf Euphorie. «Diesmal mache ich alles anders.» Und dann wieder der Absturz. Ich erinnere mich an mein Vorhaben. Was genau ich diesmal nämlich anders machen wollte. Mehr am Leben teilnehmen. Dinge tun, die ich immer aufgeschoben habe. Nicht erst, wenn ich weniger wiege, wenn es mir besser geht. Es geht darum, jetzt zu springen. Mich mehr zu trauen. Aber gerade fühlt sich genau das wahnsinnig schwer an. Meiner Tochter geht es wieder schlechter und ich bin zu Hause, kümmere mich, halte den Raum. Das mache ich gerne. Und doch bleibt wieder wenig Zeit für mich.

Es gibt eine eigentümliche Schieflage in der Art, wie ich mich in der Welt verteile. Als wäre ich weniger Subjekt als Durchgang. Eine Art Transitfläche für Erwartungen, eine Membran, durch die Bedürfnisse anderer hindurchwandern. Ich habe mich viel zu lange als Funktion verstanden. Als Antwortstruktur. Als Resonanzkörper. Aber Existenz ist kein Dienstleistungsverhältnis. Ich bin nicht nur das «Für». Ich bin auch ein «Von». Ein Ursprungspunkt. Mir Raum zu nehmen heißt nicht, anderen Raum zu entziehen. Denn ein Geist, der keinen Eigenraum behauptet, wird zur Projektionsfläche. Und Projektionsflächen haben keine Tiefe. Sie tragen Bilder, aber kein eigenes Gewicht. Wer sich selbst permanent suspendiert, lebt in einer Art innerem Exil. Diese Selbstenteignung macht mich müde, dieses fortwährende Verschieben meiner Bedürfnisse in ein diffuses «später». Doch auch ich bin Gegenwart. Und ich brauche mehr Weite.

Selbstporträt auf Rummel

Es gab in den letzten Monaten einige Abnehm-Anläufe und Zuckerentzüge, die letztlich ins Leere gelaufen sind. Ich weiß aus der Vergangenheit, dass das Abnehmen an sich für mich oft gar kein Problem war. Aber eines habe ich in letzter Zeit ganz deutlich gespürt. Wenn durch äußere Umstände einfach zu viel los ist und mir die nötige Energie fehlt, ist dafür kein Raum da. Dann funktioniert es für mich schlichtweg nicht. Vielleicht wäre es auch zu kurz gedacht, den Erfolg oder eben Misserfolg dieser Zeit nur an einer niedrigeren Zahl auf der Waage festzumachen. Richtig angefreundet habe ich mich mit meiner aktuellen körperlichen Situation sicher nicht, dafür ist der Wunsch nach Veränderung viel zu groß. Aber ich sitze hier keineswegs völlig frustriert.

Stattdessen begegne ich mir selbst mit ehrlichem Verständnis für die Umstände. Durch die intensive schriftliche und bildliche Auseinandersetzung lerne ich fortlaufend so viel über mich. Ich bin heute schon deutlich selbstbewusster als noch vor ein paar Monaten. Allein die Tatsache, dass ich mich mittlerweile fotografieren lassen kann, ohne vor Scham im Boden versinken zu wollen, ist ein riesiger Gewinn und zeigt, welche Früchte dieser Prozess auf anderer Ebene trägt. Mein Vorhaben ist natürlich keineswegs ad acta gelegt. Ich weiß, wie sehr mich dieser Körper einschränkt und welche gesundheitlichen Risiken er birgt. Wie die Umsetzung Schritt für Schritt aussehen wird, darf sich zeigen, wenn der richtige Moment da ist. Wenn ich mir nun im Rückblick die Bilder der letzten Monate ansehe, ist es fast schon unglaublich, wie viel eigentlich passiert ist. Oft habe ich dieses drückende Gefühl, im Alltagstrott auf der Stelle zu treten. Doch die Aufzeichnungen beweisen mir das Gegenteil und das kann mir niemand mehr nehmen.

Die Bilder zeigen mir, wie abwechslungsreich mein Leben mitten im Gefühl des Feststeckens tatsächlich war und ist. Ich sehe darauf so viel Liebe und so viele wunderschöne Momente. Das zu erkennen, macht mich gerade einfach nur glücklich und unendlich dankbar. Fast ein ganzes Jahr. Wenn ich kurz innehalte und zurückblicke, ist das eigentlich absolut krass: Dieses Projekt ist nicht, wie so viele Dinge davor, in der Ecke gelandet, sobald die anfängliche Euphorie verflogen war. Ich bin stetig dabeigeblieben. Ich glaube, ich habe selten in meinem Leben so ein Durchhaltevermögen gezeigt. Denn natürlich war nicht immer alles super. Es gab Tage, da hatte ich absolut keine Lust aufs Fotografieren. Und es gab Phasen, in denen mir das Schreiben unglaublich schwergefallen ist. Aber ich habe es trotzdem getan.

Jetzt im Nachhinein merke ich, wie viel mir das gibt. Dieses unumstößliche Wissen zu haben, dass ich das kann. Die Vorstellung, dass dieses Projekt bald vorbei sein soll, fühlt sich gar nicht richtig an. Deshalb habe ich beschlossen, dass ich weitermache. Vielleicht in einer etwas abgespeckteren Form, weil mein Studium jetzt wieder beginnt, aber der Faden reißt nicht ab. Zumal sich gerade so viel bewegt, denn womöglich habe ich sogar einen Therapieplatz in Aussicht. Die Dinge sollen sich nicht nur in meinem Kopf weiterentwickeln, sondern nun auch Schritt für Schritt auf der körperlichen Ebene ankommen. Genau diese nächste Etappe meiner Reise möchte ich genauso ehrlich und stetig festhalten wie das vergangene Jahr der intensiven Auseinandersetzung.