«Ich war eine Hitler-Karikatur aus einem schlechten Hollywood-Film»

Früher marschierte er im Ledermantel und mit Reichskriegsflagge durch die Straßen, hielt Hassreden und träumte von der großen Revolution. Heute ist Axel Reitz in der Extremismusprävention tätig. Ein Porträt von Janek Stempel (Fotos) , Henrike Meyer und Melina Schaefer (Text)

Beiger Hut, beiger Anzug, gemusterte Krawatte – mit seinem Kleidungsstil erinnert Axel Reitz etwas an einen Herrn in den 1920er-Jahren: elegant, klassisch und auf den ersten Blick ein wenig spießig. Beim zweiten Blick fällt ein bunter Anstecker über dem dunkelroten Einstecktuch auf – eine regenbogenfarbene Hand, die das Peace-Zeichen zeigt.  

Axel Reitz war einst eine der bekanntesten Figuren der deutschen Neonazi-Szene – der «Hitler von Köln», wie ihn Medien und Gegner nannten. Doch seine Metamorphose in den Rechtsextremismus war keine einfache, geradlinige – sondern geprägt von Rebellion, falschen Vorbildern und einer tiefen Sehnsucht nach Anerkennung. Das Gefühl, unterdrückt zu werden und seine Meinung nicht äußern zu dürfen, hat ihn dabei stark geprägt.  

Der Musterschüler

Axel Reitz war ein guter Schüler. Gerade in den Fächern, in denen viel geredet wird, wie Religion, Politik, Sozialwissenschaften und Geschichte. Seine Lieblingslehrerin – Religion und Sozialkunde – war sehr engagiert und versuchte, ihren Schüler*innen die Demokratie nahezubringen. So gründete seine Klasse ein Jugendparlament, als er 13 Jahre alt war.

Dafür sollte er die Wahlprogramme aller Kleinparteien in Deutschland zusammentragen, die nicht im Bundestag vertreten waren. Nächtelang saß er an seinem kleinen Schreibtisch und schrieb rund 90 Parteien an. Aus den Antworten bastelte er eine Collage – dafür gab es eine Eins mit Sternchen. 

Dann aber, erinnert sich Reitz, «sagte meine Lehrerin: ‹Bevor wir es deinen Mitschülern zeigen, müssen ein paar der rechten Parteien raus.›» Das habe er damals einfach nicht verstanden, sagt er. «Sie riss die Parteiprogramme einfach aus der Collage. Das machte mich richtig sauer und erinnerte mich an meinen alten Herren.»

Ein herrschender Vater

Denn wenn Axel Reitz an seine Kindheit zurückdenkt, denkt er an einen Vater, der für ihn wie ein Diktator war. Meinungsäußerungen waren unerwünscht. So fühlte er sich schnell ungehört – ein Gefühl, das sich tief in seine Identität brannte.  

«Wenn mein Vater sagte, der Himmel ist blutrot, hätte ich die komplette NASA holen können, die gesagt hätte: ‹Herr Reitz, seit Kopernikus› Zeiten ist der Himmel blau‘, mein Vater hätte einfach gesagt, die hätten alle keine Ahnung, und wenn er das sage, sei das so.»

Dieser Umgang wirkte auf Reitz wie eine Zensur, sagt er. Er wollte sich nicht weiter unterdrücken oder gar davon abbringen lassen, sich mit bestimmten Dingen zu beschäftigen. Weder von seinem Vater noch von seiner Lehrerin. So führte es ihn zu einer Versammlung der ältesten rechtsextremen Partei in Deutschland – der NPD. Seinen Eltern erzählte er, er würde sich mit ein paar Kumpels zum Pizzaessen und PlayStation spielen verabreden. «Was ich rückblickend wohl besser getan hätte», sagt Axel Reitz heute.  

Häufige Besuche bei der NPD

Bei der Versammlung wurden juristische Voraussetzungen für Infostände und Wahlantritte besprochen. Für den damals 13-jährigen Axel Reitz war das langweilig, sagt er, eine «Gähn-Veranstaltung». Er war kurz davor, sich zu verabschieden, als einer der Vorsitzenden ihn plötzlich der ganzen Gruppe vorstellte. Als einen Jungen mit Rückgrat, der sich nicht vorschreiben lasse, was er zu denken habe, und sich ein eigenes Bild machen wolle. Daraufhin gab es riesigen Applaus. 

Heute weiß er:  «Das war genau der Schlüsselmoment, in dem ich wusste, wo ich sein wollte. Ich wollte rebellieren gegen diese von mir empfundene Zensur und Unterdrückung.»

Daraufhin entwickelte er eine «Grundsympathie» und ging regelmäßig zu den Treffen der NPD-Mitglieder. Er hörte sich an, wofür sie standen und welche Meinungen sie vertraten: Es gäbe keine Meinungsfreiheit, Deutschland würde kontrolliert von den Mächten, die Deutschland in den Krieg getrieben hätten, die nun noch immer Politik und Wirtschaft steuern.  Axel Reitz gewann den Eindruck, dass seine neuen Bekannten die einzigen waren, die diesen Zustand erkannt hatten und sich trauten, das anzusprechen. Auch zu Hause beschäftigte er sich weiter mit Propagandamaterial und fühlte sich mehr und mehr bestätigt.  


Dabei habe ich gar nicht gemerkt, wie einseitig und hasserfüllt das Ganze war.

Axel Reitz

Überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen

In den rund 15 Jahren seines rechtsextremen Aktivismus trat Axel Reitz auf unzähligen Neonazi-Veranstaltungen als Redner auf, organisierte Demonstrationen, reiste quer durch Deutschland und Europa, um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen – immer auf der Suche nach mehr Einfluss und Bedeutung. Gleichzeitig zahlte er dafür einen hohen Preis, denn nach seinem Coming-out als überzeugter Nationalsozialist verlor er den Rückhalt seiner Familie, wurde von seinen Eltern vor die Tür gesetzt, brach schließlich die Schule ab und lebte lange Zeit isoliert.  

Das zunehmende Gefühl der Einsamkeit gehörten ebenso zu seinem Leben wie Gefängnisaufenthalte wegen Volksverhetzung und anderer Delikte. Der Alltag eines Überzeugungstäters – aber auch der Nährboden für spätere Zweifel. 

Beim Extremismus und ganz besonders beim Rechtsextremismus ist es so, sagt Reitz, «Man hat ein grandioses Schwarz-Weiß-Bild». Es gebe keine Grautöne, keine unterschiedlichen Perspektiven, nur Gut und Böse, Hell und Dunkel. Er erzählt, man sei überzeugt, selbst immer auf der richtigen Seite zu stehen.

Die eigene Gruppe erscheine als moralisch überlegen: «Das sind alles edle, tolle Charaktere, die sind grundanständig.» Alle anderen dagegen würden als verdorben, naiv oder manipuliert angesehen – mit ihnen könne man nichts anfangen. Doch irgendwann, so schildert er, hole einen die Realität ein. Man erkenne, dass in der eigenen Szene keineswegs nur «tolle Leute» seien. 

Bis die Weltanschauung bröckelt

Reitz’ Weltbild bekommt über die Jahre immer mehr Risse. Er hat negative Erlebnisse innerhalb der rechtsextremen Szene und hat zunehmend positive Erfahrungen und gute Gespräche mit Menschen außerhalb. Er merkt, dass die große, versprochene Revolution ausbleibt und Deutschland nicht untergegangen ist.  «Die Szene träumt von der alten Parole ‹ein Volk, ein Reich, ein Führer› – die Realität innerhalb der Szene ist aber ‹kein Volk, kein Reich, aber 1000 Führer›», sagt er.

Fünfzehn Jahre definiert Axel Reitz sich nur über sein Engagement in der rechtsextremen Szene. Dann fällt er in ein tiefes Loch. Depression. Er erfindet Ausreden, wenn er als Redner eingeladen wird. Er weiß nicht mehr, wer er ist, fragt sich, ob alles umsonst war. Ein persönlicher Tiefpunkt, bis plötzlich ein SEK-Kommando vor seiner Tür steht und ihn wegen Unterstützung krimineller Strukturen verhaftet. Reitz landet in Untersuchungshaft und denkt viel über sein Leben nach. Er entscheidet sich, mit der Polizei zu kooperieren – in der Szene ein absolutes No-Go. 

Diese Entscheidung ist eine endgültige. Ganz oder gar nicht.  Sie ist eine Tür, hinter der sich ein neues Kapitel verbirgt – vielleicht sogar ein neues Leben.  

Auf der Suche nach Gleichgesinnten

Erst einmal hat Axel Reitz nichts mehr außer dem Hass und den Anfeindungen seiner vermeintlichen Freunde aus der Szene.  Er hat das Bedürfnis, mit Menschen zu sprechen, die seine Gefühle nachvollziehen können, die Ähnliches erlebt haben und ihm Ratschläge geben können. Er sucht den Kontakt zu anderen Aussteiger*innen und lernt Andreas Mohler kennen – einen ehemaligen NPD-Funktionär, der aufgrund seiner Aktivität im Rechtsextremismus seinen Job als Lehrer verloren hatte. Mohler bringt ihn dazu, sich Hilfe bei einem Aussteigerprogramm zu suchen.  


Veränderung ist möglich, wenn man bereit ist, sich auf den Weg zu machen.

Axel Reitz

Das war eine der besten Entscheidungen seines Lebens, sagt er, weil da hochkompetente Leute waren, die ihm sehr viel geholfen haben. «Sie haben das Ganze mit mir intensiv aufgearbeitet, mein ganzes Weltbild dekonstruiert – und waren trotzdem bei mir, um mir die Hand zu reichen. Das hat mir den Glauben zurückgegeben.»

Reitz merkt, dass die Menschen, mit denen er fünfzehn Jahre lang unterwegs war, mit denen er auf einer Seite stand, kämpfte und alles teilte, ihn nun verachten. Sie hetzen gegen ihn, schimpfen ihn einen Verräter und fordern skandierend seine Hinrichtung, während die Menschen, gegen die er gehetzt hat, die er bekämpft hat, ihm jetzt die Hand reichen und ihm Hilfe anbieten.  

Heute führt er ein erfülltes Leben. Die Zeit im Ledermantel vermisst er kein Stück. Er übernimmt Verantwortung für seine Vergangenheit und sieht es als seine Aufgabe, anderen zu zeigen, dass Veränderung möglich ist.  «Scheiße bauen gehört zum Leben dazu, aber glaubt nicht, dass ihr danach alleine dasteht und nicht zurück könnt.»

Sein Engagement und ein Gefühl von Verantwortung führten ihn dazu, seine Geschichte zu erzählen – an Schulen, bei Anti-Gewalt-Trainings, vor Menschen, die seine Botschaft hören wollen oder auch ablehnen. Er will andere warnen, damit sie nicht dieselben Fehler machen. Sein Ziel ist es, ein normales Leben zu führen – frei von Hass und Vorurteilen – und anderen Mut zu machen:  «Veränderung ist möglich, wenn man bereit ist, sich auf den Weg zu machen», sagt Reitz noch.


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