Oben ohne

TikTok-Routine, Rosmarinöl, oder Transplantation: Der Markt gegen Haarausfall boomt. Denn auch wenn Haare am Ende nur Haare sind – ganz so einfach ist es eben nicht. Von Noah Hermann (Text und Fotos)

Haarausfall ist häufig mit Scham oder Unsicherheiten verbunden, darüber zu sprechen, fällt vielen schwer. Für manche ist er ein sichtbares Zeichen des Alterns und genau das macht ihn heikel. Auf den sozialen Medien gibt es deswegen immer mehr Inhalte, die versprechen, Haarausfall zu bremsen.

In unzähligen TikTok-Videos erklären Content Creator wie die «Hair-Routine» aussehen müsse, damit die Haare an den Geheimratsecken wieder sprießen: tägliches Massieren mit dem Dermaroller, abends Rosmarinöl auf die kahlen Stellen träufeln, beim Duschen Alpecin verwenden. Wenn das nicht hilft, bleibt immer noch Minoxidil – ein Mittel, das durchaus helfen kann, jedoch nicht ohne Nebenwirkungen. Und wenn selbst das versagt? Dann ab in den Flieger Richtung Türkei: all-inclusive-Angebote mit Hin- und Rückflug, Transfer im schicken Wagen, Haartransplantation, Sternehotel. Der Markt dafür boomt.

Etwa 80% aller Männer sind im Laufe ihres Lebens von Haarausfall betroffen.

Selbstporträt des Autors mit «Coffein-Shampoo», das verspricht, die Haarwurzeln zu stabilisieren.

Die «Hairline» lässt sich in jungen Jahren noch gut kaschieren. Beim Föhnen merkt man aber: da verschiebt sich was.

Haarausfall kann insbesondere für jüngere Männer eine psychische Belastung darstellen. In einer Studie aus dem Jahr 2005 gaben über 70 % der Befragten an, ihre Haare als wichtigen Teil ihres äußeren Erscheinungsbildes wahrzunehmen. Befragt wurden 1.536 Männer im Alter von 18 bis 45 Jahren aus fünf europäischen Ländern, darunter Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien. Knapp 47 % berichteten von Haarausfall betroffen zu sein; 62 % gaben an, dass dieser ihr Selbstwertgefühl beeinträchtigen könne. Fast ein Viertel der Befragten erklärte, Haarausfall wirke sich negativ auf ihr Sozialleben aus, und ähnlich viele beschrieben depressive Verstimmungen in diesem Zusammenhang. Auch wenn es sich hier um Selbstauskünfte und nicht um standardisierte psychologische Messungen handelt, lässt sich unschwer erkennen: Nur weil Haarausfall keine direkten gesundheitlichen Folgen hat, bedeutet das nicht, dass er Betroffene nicht beschäftigt.

Gleichzeitig begegnen viele Männer diesem Thema im Alltag mit Humor und Selbstironie – vielleicht als Schutzmechanismus, vielleicht aber auch, weil er schlicht nicht so dramatisch ist, wie manche meinen. In den Kommentaren zu einem ZEIT-Artikel über «Die Kahlwerdung des Mannes» schreibt ein Leser: «Seit circa fünf Jahren verabschieden sich Teile meiner Kopfbehaarung und es juckt mich keinen Millimeter. Mir war immer klar, dass zum Älterwerden solche Dinge wie Haarausfall gehören können. Und nun ist es soweit! Was soll’s? Ich kann nur jedem raten, das Unausweichliche mit Würde anzunehmen. Das entspannt ungemein. Wenn die Haare weg sind, sind sie weg, und wenn man sich nicht selbst akzeptiert mit seinen kleinen Schwächen, wieso sollten es dann die anderen tun?»

Ein anderer Leser schreibt: «Ich trage meine Glatze mit Selbstbewusstsein, die Welt kann mir nichts. Tut mir nur immer leid zu sehen, dass nicht alle so damit umgehen können.» Haare sind am Ende eben nur Haare, auch wenn sie viel über den gesellschaftlichen Umgang mit Männlichkeit, über Selbstbilder und den Prozess des Alterns aussagen. Haarausfall muss kein Drama sein. Genauso gut darf man ihm mit Gelassenheit und einem Augenzwinkern begegnen.

Über die Fotografien in diesem Beitrag

Mit «Oben ohne» wollte ich mich einem Thema nähern, das viele Männer betrifft und belastet, gleichzeitig aber nur selten offen thematisiert wird. Entsprechend habe ich mich gefragt, ob meine geplante Bildsprache dem Thema gerecht werden kann. Ist es vertretbar, sich dem Thema auf eine «humorvolle» Art und Weise zu nähern?

Ich wollte Bilder machen, die gleichzeitig absurd und witzig sind – Fotos, die sagen: «Ja, es ist, wie es ist und das ist völlig okay.» Deshalb habe ich Szenen inszeniert, in denen die fehlende Haarpracht eine neue Hauptrolle einnimmt: das Eincremen einer glänzenden Glatze in der Sonne, das Gießen des Kopfes wie eine Zimmerpflanze oder das Föhnen, bei dem die überdimensionale  Stirn zum Zentrum der Aufmerksamkeit wird. Diese Situationen sind bewusst eine Mischung aus realen Momenten und simplen Symbolen. Ein wenig absurd, aber nie so weit überspitzt, dass sie die Männer bloßstellen.

Ich bin überzeugt, dass dieser Ansatz dem Thema gut tut. Es geht nicht darum, Mitleid zu wecken oder Betroffene zum Selbstmitleid zu animieren, sondern darum, einen gelasseneren Umgang mit einem unausweichlichen Prozess zu zeigen – einem Prozess, der früher  oder später viele Männer betrifft. Natürlich wird diese Herangehensweise nicht jedem gefallen. Doch genauso gut kann sie helfen, das Thema zu enttabuisieren und Selbstironie als «Ressource» zu begreifen

Fotografisch habe ich mich bewusst für helle, freundliche Farben und harsches Licht entschieden. So wollte ich einerseits einen «dramatischen» Effekt erzeugen, ihn aber durch den Einsatz weiter Brennweiten ins Absurde kippen lassen – bis er nicht mehr ernst wirkt. Die Bilder sollen nicht im klassischen Sinne «nachdenklich» stimmen, sondern wie augenzwinkernde Beobachtungen aus dem Alltag erscheinen. Gleichzeitig war mir wichtig, dass die Männer selbstbewusst wirken – nicht als «Opfer» ihrer Glatzen, sondern als Menschen, die darüber lachen können. Referenzpunkte waren für mich die Fotografen Martin Parr und Nikita Teryoshin.

Besonders wichtig war es mir, mich nicht über die Protagonisten lustig zu machen. Deshalb habe ich vorab mit ihnen gesprochen: Welche Motive fühlen sich gut an? Was wäre unangenehm? Und warum waren sie bereit, sich für dieses Projekt fotografieren zu lassen? Zusätzlich habe ich ein  Selbstporträt eingebaut, um sicherzugehen, dass der Blick nicht von außen, sondern aus der  Innenperspektive kommt. Schließlich ist Haarausfall auch für mich persönlich ein Thema.

Das Selbstporträt einzubinden, war eine zentrale Entscheidung – aber keine einfache. Einerseits  bedeutete es, offen zu zeigen, dass mich das Thema belastet. Andererseits brachte die Wahl des Motivs in der Dusche automatisch auch andere Aspekte mit ein, wie Körperbau oder Gewicht,  die zwar nicht unmittelbar mit Haarausfall zu tun haben, mich aber dennoch beschäftigen und im  Bild sichtbar werden. Mich dann in der Ausstellung zwischen den anderen Bildern zu sehen, hat mir gezeigt, wie es sich anfühlt, selbst Teil eines solchen Projekts zu sein. Diese Erfahrung wird mir auch bei zukünftigen Arbeiten im Gedächtnis bleiben.


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