Der Dorfladen, der niemals schließt

Ein Start-Up will das Einkaufen in Randgebieten revolutionieren: Kaum Personal, dafür immer offen. Die Kunden übernehmen einen Teil des Risikos. Von Lara Lorenz (Text) und Polina Schneider (Fotos)

Bahnhofsstraße in Sellstedt. Auf der rechten Straßenseite ist der neue Dorfladen "Tante Enso" zu sehen. Er hat 24/7 auf und setzt auf modernes Einkaufen auf dem Land.

Mitten im Dorf ein rund um die Uhr geöffneter Supermarkt. Wovon viele Dorfbewohner träumen, wird dank dem Start-Up myEnso mancherorts nun zur Realität. Auch Sellstedt darf sich nun über einen eigenen «Tante Enso» freuen. «Ich kann einkaufen, wann ich will und bin nicht mehr so gestresst, wenn ich merke, dass etwas fehlt», freut sich Dana Tiencken (39) aus Sellstedt. Der Supermarkt bietet der Gemeinde eine neue Einkaufsmöglichkeit, die rund um die Uhr, sieben Tage die Woche geöffnet hat. In den Regalen finden sich durchschnittlich 3.500 Artikel für den täglichen Bedarf. Falls den Kunden doch etwas fehlen sollte, können sie ihren Großeinkauf auch online bestellen und in den Markt liefern lassen. Außerdem können sie auf einer Tafel im Laden zusätzlich Wünsche für das Sortiment vermerken.

Werktags ist der Laden etwa vier bis fünf Stunden mit Personal besetzt. Möchten die Bewohner außerhalb der Öffnungszeiten einkaufen, geht das mit einer Enso-Kundenkarte. Diese kann jeder, der Kunde werden möchte, kostenlos beantragen. Mit der Karte können sie zu jeder Zeit die Tür zum Geschäft öffnen, einkaufen und anschließend bezahlen. In Sellstedt ist der Laden aber mittlerweile nicht nur eine neue Einkaufsmöglichkeit, sondern viel mehr ein Ort der Begegnung, an dem sich getroffen und ausgetauscht wird. Zudem bedeutet der Supermarkt ein Stück Lebensqualität, denn für viele bietet der moderne Tante-Emma-Laden endlich wieder die Möglichkeit selbstständig einzukaufen, insbesondere für die älteren Bewohner. So auch für den 78-jährigen Lutz Taddiken, der seit über 20 Jahren in Sellstedt wohnt: «Bevor es den Laden gab, haben meine Frau und ich auf dem Weg zur Stadt eingekauft. Jetzt muss man in der Regel nicht extra nochmal losfahren, wenn etwas fehlt, und wir können auch wieder regulär für den täglichen Bedarf im Ort einkaufen.»

Der Supermarkt hat den Gemeinschaftssinn der Dorfbewohner gestärkt, und zwar schon vor seiner Eröffnung. Denn damit ein Tante Enso Laden entsteht, muss die Gemeinde einen Bewerbungsprozess durchlaufen. Sie muss mindestens 1.000 Einwohner haben und es darf keine Einkaufsmöglichkeit im Umkreis von fünf Kilometern geben. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, kommen die Einwohner ins Spiel. In vier Wochen müssen sich 300 Teilnehmer finden, die für jeweils 100 € einen Anteil der Genossenschaft kaufen. Das stellt die Finanzierung sicher und hat den Vorteil, dass jeder Kunde mit Anteilszeichnung auch Teilhaber an seiner lokalen Tante-Enso-Filiale ist. Somit kann er diese unterstützen und stärken. Tante Enso ist also viel mehr als nur eine neue Einkaufsmöglichkeit. Es ist ein echtes Gemeinschaftsprojekt, das die Bindung zum Ort und dessen Bürgern stärkt.

Kund:innenkarte Tante Enso, Foto: Polina Schneider

Mit der Kund*innenkarte des Supermarkts kann der Laden 24/7 betreten werden.

Neben etablierten Marken unterstützt der Laden auch lokale Produkte und nimmt diese ins Sortiment auf.

Kund:innen im Gespräch, 24/7 Supermarkt Tante Enso, Foto Polina Schneider

Einfach mal klönen. Teil des Konzepts ist, dass Menschen sich beim Einkaufen treffen und austauschen.

Fast allein auf weiter Flur: Wo ein Tante-Enso-Markt entsteht, gibt es im Umkreis von fünf Kilometern keine Einkaufsalternativen.


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