Vom Negativ zum digitalen Archiv. Wie Dokumentarfotograf*innen in Hannover die Großformatfotografie nutzen.

Gaschwitz, 29.12.1998: In einer Telefonzelle am Bahnhof spricht der Zimmermann Nuno L. gerade mit seiner Familie in Portugal. Es ist sein 49. Geburtstag. Und der Tag, an dem Deutschland bei der Fußball-WM ausscheidet. Acht Neonazis nehmen das zum Anlass für eine Gewaltorgie. Sie überfallen L. in der Zelle. Monate später stirbt er an seinen Verletzungen. Foto: Julius Schien

Obwohl die meisten Fotograf*innen heutzutage digitale Kameras verwenden, gibt es immer noch eine kleine Gruppe, die auf die traditionelle Methode der analogen Großformatfotografie zurückgreifen. Das Format besticht durch seine hohe Auflösung. Prints von 4×5-Negativen wirken entsprechend detailgenau. Zudem kann bei Großformatkameras die Schärfe auf bestimmte Bereiche des Bildes eingestellt werden.

Allerdings gibt es auch einige Nachteile, die mit der analogen Großformatfotografie verbunden sind. Filmmaterial ist nur noch schwer zu bekommen und wird immer teurer. Zehn Blatt 4×5-Farbnegativfilm kosten um die 80 €. Außerdem sind die Kameras in der Regel schwer und unhandlich. Ein Stativ ist unverzichtbar.

Für Julius Schien, Student im Studiengang Visual Journalism and Documentary Photography in Hannover, macht gerade die damit verbundene Entschleunigung den Reiz aus: «Durch die Verlangsamung des Prozesses setze ich mich unweigerlich mehr mit meinem Sujet auseinander.»

Foto: Julius Schien

Enver Ş. ringt zwei Tage mit dem Tod. Die Täter schießen mit zwei Pistolen auf ihn. Acht Kugeln treffen ihn – fünf davon seinen Kopf. Am 11. September 2000 stellen die Ärzte den Tod fest. Enver Ş. ist das erste Opfer der terroristischen Neonazivereinigung «Nationalsozialistischer Untergrund» (NSU).

Schien ist ein Beispiel dafür, wie Dokumentarfotograf*innen heutzutage analoge Aufnahmetechnik und digitale Vermittlung verbinden: Für sein Projekt über Tatorte rechter Gewalt bereiste er mit seiner Toyo Field 45A ganz Deutschland. Die Resultate will er nun in einem interaktiven Archiv der Öffentlichkeit präsentieren. Das Konzept dazu entwickelt er gerade im Seminar «Onlinepublikation» an der Hochschule Hannover.

Sein Wissen gab Julius Schien kürzlich bei einem Workshop für seine Kommilitoninnen und Kommilitonen weiter. Nach einer kurzen technischen Einführung konnten sich die Studierenden an den hauseigenen 4×5-Inch-Großformat-Kameras ausprobieren und die Negative im Anschluss in den Laboren des Studiengangs entwickeln und digitalisieren. Dank des positiven Feedbacks und dem großen Interesse an dem Workshop wird es für interessierte Studierende im Sommersemester 2023 eine weitere Einführung in das analoge Großformat geben.

Von Studierenden für Studierende: Im Workshop zur Großformatfotografie geben Michael Matthey (hier mittig im Bild), Ludwig Nikulski, Lenny Steinhauer und Julius Schien ihre Erfahrungen weiter. Foto: Fabian Niebauer

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Studiendekanin der Abteilung Design und Medien

Studiengangskoordination, Werkstattleitung

Hochschule Hannover
Fakultät III – Medien, Information und Design
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