Der Werwolf von Hannover.

In ihrem Podcast «True Crime Hannover» reist Leonie Dulle über 100 Jahre in die Vergangenheit. Im Jahr 1924 wird Hannover zum Schauplatz einer grausamen Mordserie. Im Zentrum der Ermittlungen steht ein Mann, den die Polizei längst kennt: Fritz Haarmann.

Collage mit der Silhouette eines Mannes vor dem Neuen Rathaus in Hannover und einer stilisierten Karte. Illustration: KI-generiert mit ChatGPT Images 2.5 (OpenAI).

Am 17. Mai 1924 finden spielende Kinder einen menschlichen Schädel am Ufer der Leine. Bis Mitte Juni werden drei weitere Schädel entdeckt. Sie enthüllen eine Mordserie, die in die deutsche Kriminalgeschichte eingeht.

Haarmanns Vorgeschichte

Fritz Haarmann wird am 25. Oktober 1879 in Hannover geboren. Schon im Kindesalter werden bei ihm «Bewusstseinsstörungen und geistige Unregelmäßigkeiten» festgestellt. Später ist auch seine Zeit an der Unteroffiziersschule von diesen Problemen geprägt. Irgendwann erleidet er einen Zusammenbruch und wird entlassen. In Hildesheim wird bei ihm «angeborener Schwachsinn» diagnostiziert – ein heute veralteter Begriff.

Mit 16 Jahren wird Haarmann zum ersten Mal festgenommen. Der Tatbestand: Unzucht mit Jungen. Seine Opfer soll er in Hauseingänge und Keller gelockt haben, um sie dort zu misshandeln und sich an ihnen zu vergehen. Später sagt Haarmann aus, dass sein älterer Bruder ihn im Kindesalter selbst sexuell missbraucht haben soll. Für mehrere Monate wird Fritz Haarmann daraufhin in Pflegeanstalten untergebracht, bis ihm die Flucht in die Schweiz gelingt. 1899 kehrt er nach Hannover zurück.

Was folgt, sind eine Karriere als Kleinkrimineller und weitere Verurteilungen – erneut wegen sexuellen Missbrauchs. Nach wiederholten Diebstählen wird er schließlich für fünf Jahre inhaftiert und kommt im April 1918 – noch während des Ersten Weltkriegs – wieder frei. Von nun an spielt Haarmann eine etwas andere Rolle. Er ist Vigilant, das heißt, er arbeitet für die Polizei als Spitzel, um illegalen Machenschaften nachzugehen. Für seine Arbeit streift er durch jene Viertel, in denen sich seine zukünftigen Opfer aufhalten: junge, verwundbare Männer.

Die Mordserie

Im September 1918 tötet Haarmann sein erstes nachweisbares Opfer. Friedel Rothe ist zu dem Zeitpunkt 17 Jahre alt und soll sich mit Haarmann öfter in Cafés getroffen haben, bevor dieser ihn in seine Wohnung mitnimmt und dort auf grausame Art und Weise tötet. Der Fall gerät schon bald in Vergessenheit – bis viereinhalb Jahre später zwei Frauen einem Verbrechen auf die Spur kommen und damit zur Polizei gehen. Die beiden sind Bekannte von Fritz Haarmann und berichten von einem jungen Mann, den er ihnen eines Abends vorgestellt hatte. Als eine der beiden Frauen am nächsten Morgen wiederkommt, um Haarmanns Zimmer zu reinigen, sieht sie den jungen Mann halb entblößt, reglos und blass im Bett liegen. Sie wird weggeschickt und als sie später wiederkommt, ist die Wohnung bereits gereinigt. Die Sache kommt ihr seltsam vor und gemeinsam durchsuchen die beiden Frauen später Haarmanns Zimmer. Sie finden eine blutige Schürze und einen großen Topf voller Fleischstücke, an denen teilweise noch Haare kleben.

Festnahme, Prozess und Nachleben

Aber die Polizei glaubt den beiden Frauen nicht. Sie durchsucht zwar die Wohnung, findet jedoch nichts Auffälliges. So nimmt eine grausame Mordserie unentdeckt ihren Lauf, bis im Mai 1924 menschliche Schädel am Leineufer auftauchen. Die Suche nach dem Täter beginnt. Sie findet Ende Juni ein jähes Ende, als Fritz Haarmann im Streit mit einem 15-jährigen Jungen die Polizeiwache betritt. Der Junge behauptet, Haarmann habe ihn in seiner Wohnung festgehalten. Erneut durchsucht die Polizei die Wohnung. Dieses Mal finden die Polizisten unzählige Blutspritzer sowie eine unerklärlich große Menge an Kleidung. Die Klamotten werden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, sodass eine Mutter in der Lage ist, die Jacke ihres Sohnes zu identifizieren. Auch er ist unter Haarmanns Opfern.

Während der Verhöre verstrickt Fritz Haarmann sich immer wieder in Widersprüche und hat emotionale Ausbrüche. Doch das reicht nicht für eine Anklage und so wird die Polizei dem Verdächtigen gegenüber handgreiflich und schreckt auch vor Folter nicht zurück. Haarmann gesteht die Morde und den sexuellen Missbrauch der Jungen. Nach seiner eigenen Schilderung biss er ihnen die Kehle durch oder erwürgte sie, während er sich an ihnen verging. Ihre Leichen zerstückelte er, um sie dann in die Leine zu werfen, die Toilette herunterzuspülen oder im Stadtwald Eilenriede zu vergraben. Im Juli lässt die Polizei einen Teil der Leine ab und sucht gezielt nach Leichenteilen. Das Ergebnis ist erschütternd: Sie birgt Hunderte Knochen von mindestens 22 Menschen.

Im Prozess äußert Haarmann immer wieder den Wunsch nach der Todesstrafe. Zunächst muss aber erst einmal geklärt werden, ob er aufgrund seines psychischen Zustands überhaupt schuldfähig ist. Am 19. Dezember 1924 wird schließlich das Urteil verkündet. Fritz Haarmann, der Werwolf von Hannover, erhält für seine Taten die Todesstrafe. Am 15. April 1925 wird er im Gerichtsgefängnis Hannover hingerichtet. Die öffentliche Auseinandersetzung mit Haarmann endet an diesem Tag jedoch nicht. Über ihn wurden Lieder geschrieben, er tritt in Wimmelbild-Adventskalendern sowie auf Flaggen der Ultraszene von Hannover 96 auf.