Vielheit der Stimmen. Das Chobi Mela Festival in Bangladesch.

Foto: Francis Docile/Chobi Mela

Das Chobi Mela Festival in Bangladesch zeigte sich in seiner elften Ausgabe als ebenso kämpferisches wie poetisches Jubiläum: 25 Jahre nach seiner Gründung durch Shahidul Alam kehrt das Festival mit dem Leitthema „Re“ zurück und positioniert sich als bewusster Akt des Wiederbeginns. Diese Rückkehr ist alles andere als selbstverständlich. Der Weg von Chobi Mela war stets von Widerständen und politischem Druck geprägt. Besonders schwierig war die Phase rund um Chobi Mela X, als dem Festival der Zugang zu staatlichen Kunsträumen faktisch verwehrt wurde. Umso ein drucksvoller ist die Beharrlichkeit, mit der Initiator:innen, Künstler:innen, Kurator:innen und Unterstützer:innen das Festival getragen haben, die bis heute eine seiner größten Stärken darstellt.

Die politische Situation des Landes spielt sowohl in den präsentierten Projekten als auch in den Ausgangsbedingungen des Festivals eine Rolle. So wurde der Termin für Chobi Mela XI auf Grund der unruhigen politischen Situation im Land kurzfristig vom November 2025 auf den Januar 2026 verschoben. Das Festival fand nun unmittelbar vor den Wahlen im Februar statt, die im Vorfeld von Protesten und gewalttätigen Ausschreitungen begleitet wurden. Die Sorge um eine fragile Zukunft des Landes, die von den lokalen Protagonist:innen als eine solche artikuliert wird, ist auch für mich als internationaler Gast auf dem Festival und in den Straßen Dhakas spürbar.

Foto: Devjoti Nag/Chobi Mela

Das Grenzüberschreitende ist seit Beginn des Festivals profilgebend, so war die Rolle visueller Medien und hier vorrangig der Fotografie im Spannungsfeld zwischen Kunst, Journalismus und Aktivismus ebenso Teil des Selbstverständnisses wie der bewusste Fokus auf Autor:innen aus unterschiedlichen Regionen. 2026, unter der künstlerischen Leitung von Munem Wasif und Sarker Protick, stammen die 58 präsentierten Künstler:innen aus insgesamt 18 verschiedenen Ländern. Shahidul Alam, der designierte Kurator der Biennale für aktuelle Fotografie in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg, die auf Grund von Alams Social Media Posts 2023 abgesagt wurde, ist als Beratendern weiterhin involviert, ebenso wie die Drik Picture Library und das Pathshala South Asian Media Institute, die seit Beginn des Festivals dessen Basis bilden. So sind auch viele Pathshala-Studierende und Alumni in die Organisation involviert und mit Ausstellungen vertreten.


Auch Wasif und Protick sind nicht nur etablierte Fotografen, sondern auch Alumni und heute Lehrende für Pathshala. Für mich persönlich ist Pathshala die zentrale Verbindung nach Dhaka, weil wir von der Hochschule Hannover seit 2016 einen regen Studierenden- und Lehrendenaustausch pflegen. Beeindruckend ist neben dem Ansatz, das Festival für die Bevölkerung in Bangladesch sichtbar zu machen, wie auch in den Vorjahren die große Zahl an internationalen Gästen.


Unter dem diesjährigen Motto „Re“, das auf ein „Zurück“, aber auch ein „Wieder“ verweist, entfaltete sich ein Programm, das Wiederholung nicht als Rückschritt, sondern als notwendige Neujustierung begreift. Die gezeigten Arbeiten kreisen um Verlust, Erinnerung, Gewalt und immer wieder um Widerstand. Von Flüssen als lebendigen Archiven über Proteste, Rituale und fragmentierte digitale Zeugnisse bis hin zu intimen Geschichten des Wartens und Überlebens spannt sich ein globaler Resonanzraum, der sich bewusst gegen abgeschlossene Narrative stellt. „Re“ erinnert uns daran, dass Erinnern bedeutet, sich gegen das Vergessen zu wehren, aber auch, dass Bilder nicht nur bezeugen, sondern auch auslöschen können.

Foto: Devjoti/Chobi Mela, Ausstellung „Women in the July Uprising“, Chobi Mela XI, Januar 2026.

Wie nah Sichtbarwerden und Auslöschung beieinander liegen, zeigt die Ausstellung „Women in the July Uprising“, die im Außenraum vor der Nationalversammlung präsentiert wurde und damit in unmittelbarer Nähe zu dem mittlerweile leerstehenden Regierungspalast der langjährigen Regierungschefin Sheikh Hasina, die im Sommer 2024 unter dem Druck wochenlanger Proteste zurücktrat. Die Ausstellung erinnert die zentrale Rolle von Frauen in den Protesten, von denen mittlerweile jedoch viele zum Rückzug gezwungen und aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt werden.


Nicht nur hier wird die eigene Landesgeschichte an der Schnittstelle von Kunst und Aktivismus verhandelt, die viele der Projekte bangladeschischer Fotograf:innen kennzeichnet. So auch bei Mosfiqur Rahman Johan, der sich in „Memories of Disappearance“ mit der Zunahme von Verschleppungen in Bangladesch beschäftigt. In Zusammenarbeit mit einer Plattform, die sich für die Opfer von Verschleppungen einsetzt, thematisiert er den Kontext von staatlicher Gewalt, politischer Kontrolle und Traumata.

Foto: Devjoti/Chobi Mela, Ausstellung „(un)learning Palestine, embodying solidarity“, Chobi Mela XI, Januar 2026.

Nirgendwo wird die Nähe von visueller Praxis und aktueller Politik deutlicher als in der Ausstellung „(un)learning Palestine, embodying solidarity“, in der auch „Out Of Gaza“ der World-Press-Photo-Preisträgerin Samar Abu Elouf gezeigt wird. Mit einer Vielzahl an Materialien versucht die Ausstellung, den Konflikt zwischen Israel und Palästina aufzuarbeiten – verbunden mit einer klar aktivistischen Perspektive.


Doch Chobi Mela steht immer auch für eine Vielheit der Stimmen, die nicht nur durch die kulturelle Diversität der beteiligten Künstler:innen sichtbar wird, sondern auch durch die Bandbreite der medialen Herangehensweisen und Ausdrucksformen. So gibt es neben den explizit politisch ausgerichteten Projekten viele Arbeiten, die eher poetisch-abstrakt erzählen. Beispielhaft sei hier die 2010 aus dem Iran immigrierte Künstlerin Amak Mahmoodian genannt. Mit Fotografien, Texten,
Zeichnungen, Videos und in Zusammenarbeit mit Exilant:innen aus 14 Ländern erforscht ihr über sechs Jahre entstandenes Projekt „One Hundred and Twenty Minutes“, wie Träume Erinnerungen an verlorene Heimat und Familie bewahren. Mein persönliches Resümee: Chobi Mela ist ein Ort für die heilsame Erkenntnis, dass es keinen einfachen Diskurs mehr gibt über Zentrum und Peripherie.


Dieser Beitrag erschien zuerst in der Photonews Zeitschrift für Fotografie im März 2026.



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