Täter, Träume, Texas.

16 Bachelorarbeiten zeigen, was man leicht übersieht: Tatorte rechter Gewalt in Deutschland, queere Menschen im Alter, religiöse Erziehungscamps in Texas. Ab dem 24. Juni in der Galerie für Fotografie.

Foto: Markus Heft

In dem dokumentarischen Langzeitprojekt «Für uns geträumt» widmet sich Markus Heft den Lebensrealitäten von älteren queeren Menschen in Deutschland. In einem kollaborativen
Prozess entstehen individuelle Portraits seiner Protagonist*innen, die mit Details und
Stillleben von wichtigen Orten oder Gegenständen ergänzt werden.

Die 16 Bachelorarbeiten im Studiengang Visual Journalism and Documentary Photography eröffnen vielfältige Perspektiven auf gegenwärtige Lebensrealitäten: von persönlichen Geschichten bis hin zu politischen, ökologischen und historischen Zusammenhängen. Sie zeigen, wie Menschen sich in einer sich wandelnden Welt verorten, wie sich Lebensräume verändern und wie sich Fragen von Identität, Erinnerung und Zugehörigkeit visuell erzählen lassen. Mit einem sensiblen, aber scharfen Blick entstehen fotografische und filmische Arbeiten, die neue Perspektiven eröffnen und gängige Narrative hinterfragen.

So zeigt «Einfach nur Familie» von Kseniia Apresian vielfältige Familienkonzepte, die jenseits traditioneller Normen existieren, während «made with love and a little bit of science» von Nico Baesecke das Thema mit dem Labor verknüpft: Familienplanung mittels Samenspende. Simon Belperio hinterfragt mit «Stranger you become» historische und gegenwärtige Perspektiven auf Migration. Mit «Roulettenburg» thematisiert Serghei Duve das Glücksspiel in Deutschland und untersucht, was Abhängigkeiten begünstigt und stabilisiert. Mit «Revisiting the agrarian community protest» reiste Paul Hartinger nach Indien, um Agrarkrisen und soziale Ungerechtigkeiten sichtbar zu machen.

Foto: Carlotta Steinkamp

Was kostet die Liebe? Dieser Frage widmet sich Carlotta Steinkamp in ihrem fotografischen Essay. Dafür porträtiert sie Menschen, die sich beruflich mit Liebe und Ehe auseinandersetzen, begleitet Veranstaltungen von Hochzeitsmessen bis Dating-Shows und inszeniert Produkte, die klischeehaft mit Liebe und Romantik verbunden werden.

Foto: Simon Belperio

Mehr als 30 Prozent der Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund, während gleichzeitig nationalistische und menschenfeindliche Narrative an Sichtbarkeit gewinnen. Simon Belperio begegnet diesen Spannungen mit einer visuellen Recherche, die historische und gegenwärtige Perspektiven auf Migration miteinander verknüpft.

Foto: Magdalena Vidović

Magdalena Vidović war sechs Jahre alt, als bei ihrem Vater Krebs diagnostiziert wurde. Es war das Jahr 1992, als zur selben Zeit in ihrem Herkunftsland Bosnien der Krieg begann. Ein Zustand von Schock und Ohnmacht ergriff die Familie. Zweieinhalb Jahre später starb ihr Vater und seine Abwesenheit wurde zu einer Leerstelle, die sie bis heute begleitet. «Unter der Erde» eine Auseinandersetzung mit dieser Leerstelle.

Markus Heft hingegen bewahrt in «Für uns geträumt» Geschichten von älteren queeren Menschen in Deutschland auf. In «Ohnmacht» zeigt Michael Matthey Menschen, die ihren Weg aus Krisen gefunden haben. Paul Muders untersucht in «Allmende: Vom gemeinsamen Werden» das gemeinschaftliche Wohnen auf einem Hof in Norddeutschland, während in «God’s Ranch» Alexander J. Nowak von religiösen Erziehungscamps in Texas erzählt und ein Portrait einer fundamentalistisch geprägten Region zeigt. Julius Schien dokumentiert in «Rechtes Land» Tatorte rechter Gewalt in Deutschland und schafft ein visuelles Archiv gegen das Vergessen der Opfer, während Matthias W. Schulz in «Gegenwart der Vergangenheit» kreative Formen der Geschichtsvermittlung sammelt.

Foto: Serghei Duve

Mit «Roulettenburg» entsteht ein dokumentarisches Fotoprojekt über Glücksspiel in Deutschland und die Mechanismen dahinter. Im Fokus stehen Reiz und Inszenierung, Normalisierung durch Werbung, die Verschiebung in digitale Angebote wie Online-Casinos, Lobbyismus sowie die Folgen von Abhängigkeit, Scham und sozialem Rückzug.

Foto: Stella Weiß

«Gefährlichste Straße Deutschlands»  – so wurde die Eisenbahnstraße in Leipzig in einer TV-Dokumentation genannt. Seit über drei Jahren dokumentiert die Stella Weiß die Veränderungen im Stadtteil. Ihre Arbeit richtet den Blick auf Lebensrealitäten, Träume und das Zusammenleben verschiedener Kulturen im Spannungsfeld von Migration, Gentrifizierung und Politik.

Foto: Alex Wohn

Alex Wohn setzt sich mit Okinawa als Raum auseinander, in dem sich unterschiedliche Ordnungen überlagern, ohne sich aufzulösen. Die Insel ist historisch geprägt durch das ehemalige Ryūkyū-Königreich, die Eingliederung in den japanischen Staat und eine bis heute anhaltende amerikanische Präsenz. Diese Einflüsse strukturieren den Alltag, bleiben jedoch oft unsichtbar oder nur indirekt erfahrbar. Die fotografische Arbeit konzentriert sich auf genau diese indirekten Erscheinungsformen.

In «Grenzschicht» verortet Miriam Schwab persönliche Gefühle in Landschaften des Südschwarzwalds. Carlotta Steinkamp untersucht in «I love you, but at what cost?» die Kommerzialisierung von Liebe und Ehe und fragt, wer finanziell von romantischen Beziehungen profitiert, Magdalena Vidović setzt sich in «Unter der Erde» mit Verlust, Erinnerung und der Suche nach der Identität des früh verstorbenen Vaters auseinander, während Stella Weiß in «Eisenbahnstraße» den Blick nach Leipzig richtet, zwischen Gentrifizierung, Migration und alltäglichem Zusammenleben. In «Zeitweh» schließlich beobachtet Alex Wohn die japanische Insel Okinawa als Raum überlagerter historischer und politischer Ordnungen.


Termine:

Vernissage:
24. Juni 2026, 19:00 Uhr

Ausstellungszeitraum:
25. Juni bis 05. Juli 2026, täglich 12 bis 20 Uhr

Ort:
GAF – Galerie für Fotografie in der Eisfabrik,
Seilerstr. 15d, 30171 Hannover
Der Eintritt ist frei.

In der Ausstellung werden die Bachelorarbeiten von Studierenden des Studiengangs «Visual Journalism and Documentary Photography» der Hochschule Hannover präsentiert. Tobias Eineder, ebenfalls Fotograf, Projektmanager und Studiengangskoordinator, realisiert gemeinsam mit den Absolvent*innen die Umsetzung der Projekte als Ausstellung in der GAF.



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