Heldinnen und Helden.

Dreizehn Studierende der Hochschule Hannover stellen ihre Arbeiten im Lokschuppen in Rosenheim aus.

Foto: Tetyana Chernyavska

Held*innen – gibt es die in unserer Zeit eigentlich noch? Ein Semester lang gingen Fotografie-Studierende im Sommer 2023 der Frage nach, wer in ihren Augen eine Heldin oder ein Held ist und wer es unter Umständen auf keinen Fall sein kann. Unter Betreuung von Professor Lars Bauernschmitt ist dabei eine vielfältige Sammlung von fotografischen Arbeiten entstanden. Manche Beiträge beschäftigen sich mit bisher noch unbekannten Held*innen, andere wiederum hinterfragen das Heldentum bekannter Persönlichkeiten. Manche der abgebildete Personen sind eher Held*innen des Alltags, andere wiederum riskieren ihre körperliche Unversehrtheit, teilweise sogar ihr Leben.

Die Bilder sind seit dem 07. März 2024 im Lokschuppen in der bayerischen Stadt Rosenheim in der Ausstellung «HELDINNEN & HELDEN» zu sehen. Dort werden die Arbeiten bis zum 15. Dezember gezeigt. Die Geschichten entstanden im Rahmen einer Semesteraufgabe: Die Studierenden sollten eine Person oder eine Gruppe portraitieren. Dazu sollten sie begründen, warum diese Menschen in ihren Augen Held*innen sind oder warum nicht. Im Rahmen der Seminars reflektierten die Studierenden nicht nur die abzubildenden Personen, sondern auch die Erstellung der Porträts.

Foto: Lennart Holste

Zu den ausgellten Bildern gehört zum Beispiel die Arbeit von Lennart Holste. Er setzt sich mit einer Statue von Gandhi auseinander, die der umstrittene indische Präsident Modi in Hannover aufstellen ließ. Lennart Holste bemerkt jedoch, dass sich der Blick auf Gandhi in unserer Zeit ändert: So habe Gandhi Frauen für erlebte Vergewaltigungen mitverantwortlich gemacht – sie seien laut Gandhi selbst Schuld, wenn sie zu schwach seien um sich zu wehren. Außerdem prangerte Gandhi zwar die Unterdrückung der Kaste der Unberührbaren an – trotzdem verweigerteer diesen ein politisches Mitspracherecht. Lennart Holste selbst sagt über seine Arbeit: «Für mich zeigt sich, dass auch der größte Held, der internationale Anerkennung genießt und idealisiert wird, nicht fehlerfrei ist.»

Foto: Armina Ahmadina

Armina Ahmadina wiederum folgte Najib Faizi, der ersten afghanischen Dragqueen. Faizi erlebte in Afghanistan Diskriminierung und Ablehnung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Daraufhin entschloss sie sich, nach Deutschland zu kommen. Dort begann sie, als Drag Queen Videos zu veröffentlichen. Darin thematisiert Faizi auch die Bedeutung von Frauenrechten im Iran. «Für mich ist Najib eine große Heldin, die voller Hingabe und zudem unter Aufgabe ihrer Sicherheit und ihrer Heimat so vieles gibt, um eine bessere Welt zu schaffen,» schreibt die Studentin Armina Ahmadina.

Foto: Noemi Ehrat

Noemi Ehrat setzt sich mit der niederländischen Ärztin Gabie Raven auseinander. Diese eröffnete im Jahr 2022 eine Abtreibungsklinik in Dortmund. Das ist bereits die dritte Klinik, die Gabie Raven betreibt. Für Dortmund entschied Raven sich, weil viele Frauen von dort für Schwangerschaften in die Niederlande fuhren. Der Grund: In der Region mangelte es an Möglichkeiten für eine Abtreibungen. «Hassbriefe und Beschimpfungen gehören zum Alltag von Gabie und ihrem Team. Sogar aus dem Ausland reisen Abtreibungsgegner an, um vor ihrer Klinik zu protestieren,» berichtet Noemi Ehrat.

Foto: Henryc Fels

Henryc Fels wiederum fand drei Menschen, die durch «containern» Lebensmittel aus dem Müll retten. Das Problem dabei ist: Damit machen diese sich gleich doppelt strafbar. Einerseits begehen sie Hausfriedensbruch, andererseits schweren Diebstahl. Henryc Fels ist voller Bewunderung für seine Protagonist*innen: «Sie sind für mich Helden, weil sie unter großem persönlichem Risiko entsorgte Lebensmittel retten und an andere Menschen verteilen.»

Foto: Tetyana Chernyavska

Die ukrainische Studentin Tetyana Chernyavska beschäftigte sich mit dem Heldentum in ihrer Heimat: Sie portraitierte den Unteroffizier Maksym Abramov, der im Jahr 2022 in Bachmut von Russen schwer verletzt wurde. Nachdem er sich allmählich von seinen Verletzungen erholt hatte, kehrte er als Geistlicher an die Front zurück, um «die Seelen seiner Kameraden zu retten.» Nach dem Krieg möchte Abramov gemeinsam mit seiner Frau Kinder adoptieren, die ihre Eltern verloren haben. Die Studentin Tetyana Cheryavska bemerkt abschließen: «Solche Soldaten und Soldatinnen stehen symbolisch für die Stärke und den Willen des ukrainischen Volkes. Es ist wichtig, ihnen Anerkennung zu zollen.»

Kevin Hönicke zu Hause. Die Rolle als Politiker und Vater versucht er aus seiner Verantwortung heraus aufrecht zu erhalten. Foto: Sophie Boyer

Sophie Boyer setzt sich mit dem männlichen Umgang mit psychischen Krisen auseinander. Sie fotografierte dafür den SPD-Politiker Kevin Hönicke. Dieser ist stellvertretender Bezirksbürgermeister im Berliner Stadtteil Lichtenberg. Zu Beginn des Jahres 2023 ging er mit seinen Depressionen an die Öffentlichkeit.  Auf seiner Website schilderte er, wie er die Krankheit nicht habe akzeptieren wollen. Deshalb sei die Erkrankung von einer leichten negativen Verstimmung in eine sehr schwere Depression umgeschlagen. Zum Schluss habe ihn das beinahe das Leben gekostet. Für die Studentin Sophie Boyer ist er deshalb ein Held: Denn indem er seine Verletzlichkeit im familiären und beruflichen Umfeld offenlege, widersetze er sich damit einem toxischen Männlichkeitsbild.

Foto: Jasper Hill

Jasper Hill widmete sich der bekannten Menschenrechts-Aktivistin Irmela Mensah-Schramm. Diese entfernt seit Jahren rassistische und antisemitische Hassbotschaften, indem sie Aufkleber abkratzt oder Graffiti in ganz Deutschland übermalt. «Ob mit einem gebrochenen Knie und Krücken oder einem verletzten Arm, sie geht nie ohne Kamera, Pinsel, Lösungsmittel und Sprühdose aus dem Haus.» schreibt der Fotograf Jasper Hill über Irmela Mensah Schramm. An vielen Stellen erfährt sie dafür Anerkennung. Doch nicht jedem gefällt ihre Tätigkeit: So bekommt Irmela Mensah-Schramm auch Hassbotschaften, Morddrohungen und wird selbst körperlich angegriffen. Jasper Hills eindringliche Geschichte wurde sowohl für den VGH-Preis nominiert, als auch als Titelgeschichte im SZ-Magazin veröffentlicht.

Foto: Marius Zweifel

Marius Zweifel hat für seine Geschichte eine andere Herangehensweise gewählt: Er zeigt seine Protagonist*innen in anonymen Porträts. «Alle Menschen können zu Helden werden,» schreibt er. Deshalb erscheinen seine Protagonist*innen in seinen Fotos anonymisiert. Statt der Personen sind nur deren Silhouetten zu sehen. So bleibe es dem Betrachter überlassen, sich sein eigenes Bild zu machen – und sich in seinen eigenen Helden hineinzudenken. 

Foto: Ben Kümmel

Der Student Ben Kümmel hat den Fußball-Verein SV Borussia Hannover begleitet. «Ein Fußball-Verein tut unglaublich viel für das Zusammenkommen von ganz verschiedenen Menschen,» erklärt Ben Kümmel. Für ihn sind der Verein und dessen Mitglieder Held*innen, denn sie seien jedes Wochenende bei Wind und Wetter auf dem Platz. Dort werde «geschrien, geweint, gehasst und geliebt, jubiliert und still ertragen, Respekt durch einen Augenkontakt oder den Handschlag bewiesen.»

Collage: Bahriye Tatli

Bahriye Tatli hat sich von ihrem persönlichen Interesse für Mode inspirieren lassen. Sie hat die Berliner Designerin All Amin fotografiert, die sich mit dem Label «Haram Officia» auf das Upcycling von Sneakers spezialisiert hat. All Amin sei eine Inspiration, schreibt Bahriye Tatli. «Fotos von Menschen, die ihre Designs mit traditionellen Trachten kombinierten, ließen mich erstmals sogar stolz auf meine kurdische Identität sein.»

Yann Kanngiesser ist seit Kindertagen fasziniert vom Segeln. Seit langem verfolgt er die Wettkämpfe. Deshalb fotografierte er die beiden Sportlerinnen lnga-Marie Hofmann und Catherine Bartelheimer. Die beiden möchten Deutschland bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris vertreten.

Basram in seinem Zimmer. Foto: Lucas Tuan-Anh Nguyen

Der in Wien geborene Student Lucas Nguyen Tuan-Anh porträtierte eine österreichische Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die sich für die Rechte ihrer Generation starkmachten: Im Februar 2023 reichten sie eine Klage gegen den österreichischen Staat ein. Der Grund dafür war, dass sie die Kinderrechte im aktuellen Klimaschutzgesetz nicht ausreichend berücksichtigt sahen. Sie forderten, dies zu ändern. Lucas Nguyen Tuan-Anh schildert, dass sich diese jungen Menschen seitdem zahlreichen Hasskommentaren stellen müssten. Dabei würden sie eigentlich die Verantwortung der Erwachsenen übernehmen, ihre eigene Zukunft zu sichern.

Foto: Deliah El-Chehade

Deliah El-Chehade porträtierte Jana, die seit 2019 Pflegerin von Marie ist. «Schöne Momente sind immer, wenn sie mit ihrem Tablet spielt und uns auffordert, mit ihr zu tanzen», erklärte Jana der Fotografie-Studentin. Jana ist eine von fast 450.000 ambulanten Pflegern und Pflegerinnen in Deutschland. Zu Beginn war für sie besonders die nächtliche Beatmung von Marie eine Herausforderung. Besonders wichtig sei es, in Notfallsituationen kühlen Kopf zu bewahren.

Ausstellung: HELDINNEN & HELDEN

Ort: Lokschuppen Rosenheim
Rathausstr. 24
83022 Rosenheim

Öffnungszeiten: 08.03. – 15.12.24
Montag bis Freitag: 9:00 – 18:00 Uhr
Samstag|Sonntag|Feiertag: 10:00 – 18:00 Uhr

Ausstellende Fotograf*innen: Armina Ahmadinia, Sophie Boyer, Tetyana Chernyavska, Noemi Ehrat, Deliah El-Chehade, Henryc Fels, Jasper Hill, Lennart Holste, Yann Kanngiesser, Ben Kümmel, Lucas Nguyen, Bahriye Tatli, Marius Zweifel.



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